Eine fantastische Jugendbuchreihe über Freundschaft, Geheimnisse und das Erbe einer verlorenen Welt.
Alte Zeichen. Verborgene Orte. Geheimnisse tief unter den Bergen des Siegerlands.
Als Lina, Ben und Mia eine Spur aus der Vergangenheit entdecken, ahnen sie nicht, dass ihr Leben sich für immer verändern wird. Zwischen stillen Wäldern, vergessenen Stollen und uralten Anlagen stoßen die drei Freunde auf das Erbe einer längst verlorenen Welt.
Doch manche Geheimnisse schlafen nicht für immer. Und manche Aufgaben werden größer, je mehr man gelernt hat.
Diese Reihe verbindet Abenteuer, Mystery und Science-Fiction mit der besonderen Atmosphäre des Siegerlands – erzählt für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
manchmal beginnt eine große Geschichte mit etwas ganz Kleinem – einem winzigen, kaum wahrnehmbaren Signal, das eigentlich niemandem auffallen sollte. Genau so beginnt auch dieses Abenteuer: mit einem schwachen Energieimpuls im Kunstertal, den außer Lina, Ben und Mia zunächst niemand ernst nimmt.
Doch die drei wissen längst, dass im Siegerland nichts wirklich klein bleibt. Was als unscheinbare Beobachtung beginnt, entwickelt sich zu einer der größten Herausforderungen, denen sich die Wächter des Siegerlands je stellen mussten – einer fremden Zivilisation, die nichts von der Geschichte dieser Region ahnt, aber genau weiß, was tief unter ihren Hügeln liegt.
Dieses Buch erzählt, wie aus drei neugierigen Freunden, einem uralten Geheimnis und einer Handvoll unwahrscheinlicher Verbündeter am Ende genau das wird, was es all die Jahre schon war: eine Geschichte darüber, dass Mut, Zusammenhalt und ein wacher Blick oft mehr bewirken als die größte Streitmacht.
Du musst die vorherigen Bände dieser Reihe nicht kennen, um hier mitfiebern zu können – alles Wichtige erklärt sich unterwegs. Nimm dir also Zeit, mach es dir gemütlich, und begleite Lina, Ben und Mia auf eine Reise, die im heimischen Wald beginnt und bis an den Rand des Sonnensystems führt.
Vor einigen Jahren entdeckten Lina, Ben und Mia tief unter den Bergen des Siegerlands eine verborgene Anlage aus uralter Zeit. Was als neugierige Erkundung begann, führte sie zu Thalor, einem der letzten Wächter von Atlantis, und zu KERUS, einer künstlichen Intelligenz, die in der Station unter dem Hohenseelbachskopf erwachte.
Gemeinsam lernten sie, rätselhafte Zeichen zu entschlüsseln, uralte Technologien zu verstehen und Verantwortung für ein Erbe zu übernehmen, das weit über ihre eigene Welt hinausreicht.
Doch diesmal beginnt ihre neue Aufgabe nicht in den Tiefen eines Stollens und nicht hinter den Mauern einer vergessenen Anlage. Sie kündigt sich auf ganz andere Weise an – unscheinbar, alltäglich und zunächst kaum beachtet.
Lina ist siebzehn. Sie denkt schnell, beobachtet genau und spürt oft als Erste, wann aus einer Nachricht eine Aufgabe wird. Ihr Mut ist kein lautes Draufgängertum. Es ist die Fähigkeit, Angst zu haben und trotzdem stehen zu bleiben.
Ben ist sechzehn. Er macht Witze, besonders dann, wenn ihm mulmig ist. Aber wenn es ernst wird, bleibt er. Seine Sprüche lockern die Stimmung, doch seine Treue hält die Gruppe zusammen.
Mia ist fünfzehn. Sie ist ruhig, klug und technisch begabt. Wo andere Chaos sehen, erkennt sie Muster. Sie fragt nicht, ob etwas beeindruckend klingt, sondern ob es funktioniert.
Gemeinsam sind sie keine perfekten Helden. Sie sind drei Jugendliche aus dem Siegerland. Genau deshalb sind ihre Entscheidungen wichtig.
Der Sommer im Siegerland hatte sich in den letzten Wochen von seiner ruhigsten Seite gezeigt. Keine Notrufe, keine fremden Schiffe, keine Delegationen aus dem All – nur warme Abende, das Rauschen des Herzbaches und das Gefühl, dass die Welt für eine Weile Luft holte.
Für Lina fühlte sich diese Ruhe fast fremd an. Drei Monate ohne einen einzigen Alarm von KERUS – so lange Ruhe hatte es schon ewig nicht mehr gegeben. Ihre Mutter hatte die Zeit genutzt, um sie zu einer Wanderung nach der anderen zu überreden, und selbst ihr Vater hatte am Frühstückstisch scherzhaft gefragt, ob die Außerirdischen sich wohl entschieden hätten, endlich Urlaub zu machen.
„Wenn die wüssten“, hatte Lina gedacht und stumm weitergegessen.
An diesem Abend saß sie auf der alten Mauer oberhalb des Kunstertals, ihr Notizheft auf den Knien, und beobachtete, wie die Sonne hinter den Baumkronen versank. Seit Kaels Abreise vor drei Monaten hatte sie sich angewöhnt, jeden Abend ein paar Zeilen zu schreiben – nicht für die Wächter-Akten, sondern für sich.
„Du schreibst schon wieder“, sagte Ben, der sich neben sie auf die Mauer schwang, als wäre sie eine Parkbank. „Steht da drin auch, wie oft ich in den letzten drei Monaten was Kluges gesagt hab?“
„Das würde die Seite ziemlich leer lassen“, erwiderte Lina, ohne aufzublicken.
Ben legte sich eine Hand aufs Herz, als hätte ihn ein Blaster getroffen. „Aua. Direkt in die Wachsamkeitsader.“
Mia kam von der anderen Seite den Pfad herauf, ein Tablet unter dem Arm, das sie – offiziell – für ihre Physik-Hausaufgaben nutzte. Inoffiziell war es nie ganz ohne eine offene KERUS-Verbindung.
„Wenn ihr fertig seid, euch gegenseitig zu piesacken“, sagte sie, „KERUS hat vor zehn Minuten etwas gemeldet. Nichts Dramatisches. Aber komisch.“
Ben ließ sich von der Mauer rutschen. „Komisch ist bei uns nie nur komisch.“
Auf dem Weg dorthin führte sie ihr Pfad an der Stelle vorbei, an der KERUS den Impuls verortet hatte – ein unscheinbarer Hang zwischen zwei alten Stolleneingängen, überwuchert von Farn und Brombeerranken. Nichts wirkte anders als sonst.
Ben leuchtete trotzdem mit seinem Handy zwischen die Blätter. „Keine kleinen grünen Männchen, keine rauchenden Krater, kein Hinweisschild mit ‚Hier war ich‘.“
„Was hast du erwartet?“, fragte Mia.
„Ehrlich? Irgendwas. Bei uns ist ‚nichts zu sehen‘ meistens die gefährlichste Option.“
Lina kniete sich kurz hin und strich mit der Hand über die feuchte Erde, ohne genau zu wissen, wonach sie eigentlich suchte. Kein Glühen, kein Summen, keine Wärme. Nur gewöhnlicher Waldboden, wie an tausend anderen Stellen im Kunstertal auch.
„Vielleicht war es wirklich nichts“, sagte sie schließlich, mehr zu sich selbst als zu den anderen, und stand wieder auf.
Sie folgten dem schmalen Pfad weiter zum verborgenen Zugang der Station am Hohenseelbachskopf, den mittlerweile keiner von ihnen mehr suchen musste – ihre Füße kannten den Weg im Dunkeln.
Im Inneren erwartete sie Thalor bereits vor der Hauptkonsole, die sanft bläulich schimmerte. Seit dem Abschied der Weitgereisten-Delegation hatte er sich sichtlich entspannt – die Falten um seine Augen wirkten weniger tief als noch vor einem Jahr.
„Es ist wahrscheinlich nichts“, sagte er, noch bevor sie ihn begrüßen konnten, „aber KERUS besteht darauf, dass ihr es euch ansehen sollt.“
KERUS‘ Stimme, ruhig und ohne jede Dramatik, füllte den Raum. „Um 21:14 Uhr Ortszeit registrierte ich einen extrem schwachen Energieimpuls im oberen Kunstertal. Dauer: 0,3 Sekunden. Frequenz: unbekannt. Herkunft: unbekannt.“
„Ein Meteor?“, fragte Mia und trat näher an die Konsole heran.
„Ausgeschlossen. Die Signatur weist Strukturmerkmale auf, wie sie typischerweise bei gezielter Messung entstehen – vergleichbar mit einem Scan, nicht mit einem natürlichen Ereignis.“
Lina runzelte die Stirn. „Wie bei Kael, als er den Stolleneingang gescannt hat?“
„Ähnlich, aber nicht identisch“, antwortete KERUS. „Die Signatur der Weitgereisten kenne ich inzwischen genau. Diese hier ist neu.“
Ben pfiff leise durch die Zähne. „Also nicht Kael, nicht Kepler-Vier, nicht Atlantis. Klingt, als hätten wir Besuch von jemand ganz Neuem.“
„Vorschnell“, warnte Thalor, aber selbst er konnte die Anspannung in seiner Stimme nicht ganz verbergen. „Ein einzelner Impuls ist kein Beweis für irgendetwas. Es könnte ein Echo sein. Eine Fehlfunktion. Ein Sensor, der überreagiert.“
„KERUS überreagiert nicht“, sagte Mia trocken.
„Korrekt“, bestätigte KERUS ungerührt. „Zur Einordnung: In den vergangenen zweihundert Jahren wurden an dieser Station insgesamt sieben vergleichbare Einzelimpulse registriert. Sechs davon ließen sich im Nachhinein natürlichen Ursachen zuordnen. Der siebte war Kaels erster Scan des Stolleneingangs.“
Lina und Mia wechselten einen Blick. Die Statistik war nicht beruhigend gemeint, aber sie wirkte trotzdem wie ein kleiner Trost – bis Ben den Gedanken aussprach, den alle hatten.
„Das heißt, die Chance steht ungefähr eins zu sechs, dass gerade wieder wer klopft.“
„Die Chance lässt sich aus einer einzigen Messung nicht seriös berechnen“, widersprach Thalor, wenngleich ohne große Überzeugung. Er wandte sich wieder der Konsole zu. „KERUS, gab es Begleitdaten? Wärmesignatur, Bewegung, irgendetwas Physisches am Boden?“
„Negativ. Keine Bodenspuren, keine Wärmeanomalie, kein Hinweis auf ein gelandetes Objekt. Die Signatur entspricht eher einem Fernscan als einem direkten Kontakt – vergleichbar mit einer Sonde, die aus großer Entfernung misst, ohne selbst vor Ort zu sein.“
„Also beobachtet uns gerade jemand, der noch gar nicht hier ist“, fasste Mia zusammen und tippte sich die letzten Worte auf ihr Tablet.
„Das wäre die vorsichtigste Interpretation, ja“, sagte KERUS.
Ben verzog das Gesicht. „Toll. Fernbeobachtung. Das Lieblingshobby von allen, die wir bisher kennengelernt haben.“
Die künstliche Intelligenz ließ sich zu keinem Kommentar herab, aber auf dem Hauptbildschirm erschien eine Karte des Kunstertals mit einem kleinen, pulsierenden Punkt nahe der alten Stollenanlagen – nicht weit von der Stelle, an der Kael vor einem Dreivierteljahr zum ersten Mal aufgetaucht war.
„Genau dort?“, fragte Lina.
„In einem Radius von zweihundert Metern, ja“, bestätigte KERUS.
Ben verschränkte die Arme. „Also entweder liebt uns das Universum diese Ecke vom Siegerland besonders, oder da unten liegt irgendwas, das ständig neue Aufmerksamkeit anzieht.“
„Vielleicht beides“, murmelte Mia, während sie bereits Daten auf ihrem Tablet durchscrollte. Sie hatte vor einer Weile begonnen, eine eigene kleine Datenbank aller bisherigen Vorfälle zu führen – nicht offiziell, aber gründlich, wie es ihre Art war.
Thalor trat an die Konsole, legte die Hand auf ein Feld, das aufleuchtete. „Ich werde die passive Überwachung verstärken. Sollte sich der Impuls wiederholen, erfahren wir es sofort.“
„Und wenn nicht?“, fragte Lina.
„Dann“, sagte Thalor und sah sie an, mit einem Ausdruck, den sie mittlerweile gut kannte – die Mischung aus Vorsicht und der leisen Ahnung, dass Vorsicht diesmal nicht reichen würde, „hoffen wir, dass es nichts war.“
Ben grinste schief. „Bei uns war es noch nie nichts.“
Keiner widersprach ihm.
Draußen war die Dämmerung endgültig der Nacht gewichen. Die drei Freunde traten aus dem verborgenen Eingang hinaus in die kühle Sommerluft, und für einen Moment war alles wie immer – Grillen im Gras, ein Hund, der irgendwo in Struthütten bellte, das ferne Rauschen der Bäche.
Sie gingen schweigend den Hang hinunter, jeder mit den eigenen Gedanken beschäftigt. Erst am Ortseingang, wo sich ihre Wege trennten, blieb Mia stehen.
„Falls sich das wiederholt“, sagte sie, „will ich als Erste Bescheid wissen. Nicht über KERUS‘ Standardmeldung – direkt.“
„Wird schon nichts sein“, sagte Ben, aber es klang weniger überzeugt, als er wohl beabsichtigt hatte.
Lina sah noch einmal zurück zum dunklen Hang des Hohenseelbachskopfs, wo hinter unscheinbaren Felsen eine der ältesten Stationen der Erde lag. „Bei uns“, sagte sie leise, „fängt es doch immer genau so an.“
Keiner widersprach ihr auch diesmal.
Doch hoch über ihnen, jenseits der Wolken, jenseits selbst der Reichweite von KERUS‘ Sensoren, war zu diesem Zeitpunkt bereits eine kleine, unbemannte Sonde auf dem Rückweg zu einem Sammelpunkt weit außerhalb des Sonnensystems. Sie war kaum größer als ein Koffer, lautlos, ohne jedes sichtbare Licht, und sie hatte in den vergangenen Wochen weit mehr vermessen als nur das Kunstertal – Gesteinsschichten unter der ganzen Region, Konzentrationswerte, Tiefenprofile.
Beladen war sie mit Messdaten über ein Element, das auf der Landkarte eines fernen, hungrigen Volkes seit diesem Abend fett unterstrichen war: Kobalt. In den Auswertungssystemen, die die Sonde Tage später erreichen würde, würde diese eine Region unter Hunderten von Kandidaten ganz oben landen – nicht wegen ihrer Schönheit, nicht wegen ihrer Bewohner, sondern einzig wegen dessen, was tief unter ihren Hügeln lag.
Von den Bewohnern selbst, von einer jahrtausendealten Zivilisation, die sich unter genau diesen Hügeln verbarg, und von Verbündeten, die weit draußen zwischen den Sternen wachten, wusste die Sonde nichts. Ihr Auftrag galt allein den Rohstoffen. Alles andere blieb außerhalb ihrer Suche – und damit unsichtbar.
Die Beobachter hatten gefunden, wonach sie suchten. Sie hatten nur noch nicht verstanden, was sie damit auf sich aufmerksam gemacht hatten.
Am nächsten Morgen regnete es in Strömen – jener typische Siegerländer Landregen, der aussah, als hätte er sich fest vorgenommen, den ganzen Tag zu bleiben. Lina fand das fast passend. Draußen grau in grau, drinnen in ihrem Kopf ein einziges Fragezeichen.
Sie hatte kaum geschlafen. Immer wieder war ihr der pulsierende Punkt auf KERUS‘ Karte durch den Kopf gegangen – dieser eine unscheinbare Fleck im Kunstertal, der aus dem Nichts aufgetaucht war und ebenso spurlos wieder verschwunden schien.
Mia wartete schon an der Bushaltestelle, als Lina um die Ecke bog, das Tablet unter einer Regenjacke geschützt. „Ich hab die Nacht genutzt“, sagte sie ohne Umschweife. „KERUS hat mir Zugriff auf die alten Sensorprotokolle gegeben. Ich hab alles durchsucht, was in den letzten fünfzig Jahren an dieser Stelle registriert wurde.“
„Und?“
„Nichts. Nicht einmal ein Vogelschwarm ist da groß aufgefallen. Diese Stelle war komplett unauffällig – bis gestern.“
Ben kam im Laufschritt heran, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und stellte sich triefend zwischen die beiden. „Guten Morgen, meine Damen. Ich hab’s auch nicht besser gemacht als ihr – hab die halbe Nacht überlegt, was schwach, kurz und komisch scannt, und bin bei genau einer Antwort gelandet.“
„Und die wäre?“, fragte Mia, ohne aufzublicken.
„Ein extrem schüchternes Alien.“
Lina musste trotz der schlaflosen Nacht grinsen. „Klingt fast sympathischer als die meisten, die wir bisher kennengelernt haben.“
„Eben“, sagte Ben zufrieden. „Ich bin für freundliche Schüchternheit. Damit könnte ich arbeiten.“
Der Bus kam und brachte sie wie jeden Tag zur Schule – ein seltsam normaler Rahmen für ein Gespräch, das mit KERUS, Sensorprotokollen und schüchternen Außerirdischen begonnen hatte.
In der ersten Stunde saß Lina neben Jonas, der seit Wochen versuchte, sie zu einer Fahrradtour ans Freibad zu überreden, und der ihre Zerstreutheit prompt falsch deutete. „Wenn dir Mathe so wehtut, kannst du auch einfach abschreiben“, flüsterte er und schob ihr sein Heft zu.
„Ist nicht Mathe“, murmelte Lina, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen, hinter dem der Regen in grauen Schlieren die Scheibe hinunterlief. Was sie eigentlich beschäftigte, ließ sich in einem Schulheft ohnehin nicht lösen.
Ben dagegen wirkte in der Pause auffallend fröhlich – zu fröhlich, wie Mia trocken anmerkte, als er drei Mitschülern gleichzeitig einen schlechten Witz über Regenwürmer und Weltraumforschung erzählte und dafür nur höfliches Kopfschütteln erntete. „Übung“, erklärte er später den beiden Mädchen. „Wenn ich innerlich elektrisch bin, muss das irgendwo raus. Lieber schlechte Witze als schlechte Nerven.“
Doch schon nach der zweiten Stunde piepte Mias Tablet unter der Bank, ein einzelnes kurzes Signal, das nur die drei kannten.
„Thalor“, flüsterte Mia. „Dringend.“
Sie tauschten einen Blick. In der großen Pause nutzten sie den Trick, den sie sich seit Langem angewöhnt hatten: ein kurzer Umweg über den Schulhof, ein unauffälliges Verschwinden hinter der Turnhalle, und von dort ein Abstecher, den keiner ihrer Mitschüler je hinterfragte, weil ihn ohnehin niemand bemerkte.
KERUS öffnete ihnen den versteckten Zugang, kaum dass sie den Hang erreicht hatten. Thalor erwartete sie bereits, und diesmal wirkte er nicht nur wachsam, sondern regelrecht angespannt – die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Blick fest auf den Hauptbildschirm gerichtet.
„Ich habe die Nacht mit dem Archiv verbracht“, sagte er, kaum dass sie eingetreten waren. „Jede bekannte Signatur, jedes Volk, das der Sternenflotte je begegnet ist, jeder Eintrag aus den Aufzeichnungen der Weitgereisten. Ich habe die Messung von gestern mit allem verglichen, was existiert.“
„Und?“, fragte Lina, obwohl sie die Antwort schon an seinem Gesicht ablesen konnte.
„Nichts passt“, sagte Thalor. „Kein Muster, keine Frequenzstruktur, keine Handschrift, die ich kenne. Was auch immer uns gestern beobachtet hat – es ist niemandem bekannt, mit dem wir je zu tun hatten.“
Ben ließ sich auf die kleine Bank an der Wand fallen. „Also wirklich neu. Kein alter Bekannter im neuen Kostüm.“
„So sieht es aus“, bestätigte KERUS. „Ich habe zusätzlich versucht, das Übertragungsprinzip selbst zu analysieren – nicht wer misst, sondern wie. Auch hier gibt es keine Übereinstimmung mit bekannter Technologie der Weitgereisten, der Atlanter oder irgendeines Volkes, das in meinen Archiven verzeichnet ist.“
Mia hatte ihr Tablet längst gezückt und tippte mit, während sie zuhörte. „Heißt das, die Technik ist fortschrittlicher als unsere bekannten Kontakte? Oder einfach nur anders?“
„Unklar“, sagte KERUS. „Die Messmethode ist ungewöhnlich effizient für einen so kurzen, schwachen Impuls. Das spricht eher für Präzision als für rohe Kraft. Wer auch immer das war – er verschwendet keine Energie.“
„Ein Sparfuchs-Alien“, murmelte Ben. „Immerhin was, worüber wir uns nicht beklagen können.“
Thalor würdigte den Kommentar mit einem knappen, fast unwilligen Mundwinkel-Zucken, bevor er wieder ernst wurde. „Präzision kann zweierlei bedeuten. Entweder verfügt derjenige über begrenzte Mittel und muss sparsam sein. Oder er will unbemerkt bleiben und hält sich absichtlich zurück.“
„Und welche Variante gefällt dir besser?“, fragte Lina.
„Keine von beiden“, gab Thalor offen zu. „Begrenzte Mittel würden bedeuten, dass wir es mit jemandem zu tun haben, der verzweifelt genug ist, um trotzdem das Risiko einzugehen. Absicht, unbemerkt zu bleiben, würde bedeuten, dass wir es mit jemandem zu tun haben, der eine Entdeckung vermeiden will – bis er bereit ist.“
Ben verschränkte die Arme. „Bereit wofür, das ist die eigentlich unangenehme Frage.“
Niemand hatte darauf eine Antwort, und für einen Moment hing nur das leise elektronische Summen der Konsole im Raum.
„Es gibt noch etwas“, sagte Thalor schließlich. „KERUS hat heute Nacht zwei weitere, minimal schwächere Impulse registriert – beide außerhalb des Kunstertals, aber in der weiteren Region.“
Auf dem Bildschirm erschienen zwei neue Punkte: einer nahe der alten Kobaltgrube oberhalb von Struthütten, der andere weiter nördlich, näher an den bewaldeten Hängen des Rothaargebirges.
Lina trat näher an die Karte heran und ließ den Blick zwischen den drei Punkten wandern. Etwas an ihrer Anordnung beunruhigte sie, noch bevor sie den Gedanken ganz fassen konnte. „Das sind keine zufälligen Stellen“, sagte sie langsam. „Das sieht aus, als würde jemand systematisch abtasten.“
„Wonach?“, fragte Ben, plötzlich ohne jede Spur von Humor in der Stimme.
KERUS ließ die drei Punkte kurz aufleuchten, bevor eine vierte, unterlegte Ebene sichtbar wurde – eine geologische Karte der Region, mit farblich markierten Vorkommen verschiedenster Rohstoffe. Alle drei Messpunkte lagen exakt über den größten bekannten Erzlagerstätten der Gegend.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
„Das kann Zufall sein“, sagte Thalor schließlich, aber es klang, als glaube er selbst nicht recht daran.
„Kann“, sagte Mia. „Muss aber nicht.“
Sie zoomte mit zwei Fingern in die Karte hinein, bis die drei Punkte und die darunterliegenden Erzadern deutlich zu erkennen waren. „Schaut euch die Abstände an. Wenn das zufällige Messpunkte wären, müssten sie sich überall verteilen – über Wiesen, Wohngebiete, den Wald hinterm Sportplatz. Stattdessen liegen alle drei exakt über Lagerstätten. Das ist kein Zufall, das ist eine Methode.“
Ben stand auf, die Hände tief in den nassen Jackentaschen vergraben, sein Blick auf die Karte gerichtet, ohne den üblichen Funken Ironie darin. „Wenn das kein Zufall ist – wonach genau würde jemand hier suchen, der uns nicht kennt, unsere Technik nicht kennt, aber ganz genau weiß, wo unter dem Siegerland was liegt?“
„Nicht wo Menschen wohnen“, sagte Lina langsam, während sie die Karte studierte. „Wo Rohstoffe liegen. Das ist ein Unterschied. Wer auch immer das ist – es interessiert sich nicht für uns. Es interessiert sich für das, was unter uns liegt.“
„Was fast noch beunruhigender ist“, murmelte Mia. „Wer nach Rohstoffen sucht, hat meistens vor, sie zu holen. Und wer sie holen will, fragt in der Regel nicht vorher höflich nach.“
Niemand widersprach ihr.
„Wir brauchen mehr Daten“, sagte Thalor schließlich und wandte sich energisch der Konsole zu. „KERUS, aktiviere die passiven Sensoren im gesamten Umkreis von zwanzig Kilometern. Wenn dort draußen wirklich etwas systematisch nach unseren Rohstoffen sucht, will ich es sehen, bevor es das nächste Mal zuschlägt – und nicht erst danach.“
„Wird ausgeführt“, antwortete KERUS, und ein leises, kaum hörbares Summen zog durch die Station, als würde sie selbst tief Luft holen.
Ben stand noch immer vor der Karte, die Arme mittlerweile verschränkt. „Und was machen wir bis dahin? Einfach zurück in den Matheunterricht und so tun, als wäre nichts?“
„Genau das“, sagte Thalor. „Ihr geht zurück in die Schule. Wenn draußen wirklich jemand systematisch sucht, dann sucht er nach Rohstoffen – nicht nach drei Schülern aus Struthütten. Solange niemand von euch weiß, ist euer ganz normaler Alltag der beste Schutz, den ihr haben könnt.“
„Klingt nicht gerade beruhigend, wenn man’s so ausspricht“, murmelte Ben, aber er griff bereits nach seiner nassen Jacke.
Mia war die Letzte, die den Bildschirm verließ. Ihr Blick blieb noch einen Moment auf den drei Punkten über den Erzlagerstätten hängen, ehe sie das Tablet einsteckte. „KERUS“, sagte sie leise, „meld dich sofort, wenn ein vierter dazukommt.“
„Das werde ich“, antwortete KERUS. „So oder so.“
Draußen schlug der Regen unverändert gegen die Felsen über ihnen, gleichgültig gegenüber allem, was sich gerade unter der Erdoberfläche des Siegerlands zusammenbraute.
Auf dem Rückweg zur Schule sagte lange keiner ein Wort. Erst kurz vor dem Pausenhof, als Ben schon fast wieder sein altes Grinsen aufgesetzt hatte, blieb er kurz stehen. „Weißt du, was das Blödeste an der ganzen Sache ist?“, fragte er Lina.
„Was denn?“
„Dass ich jetzt gleich in Erdkunde sitze und über Lagerstätten und Rohstoffvorkommen im Siegerland lernen soll – und mir die ganze Zeit nur eine Frage durch den Kopf geht.“
„Welche?“
„Ob unser Lehrer eigentlich ahnt, wie brandaktuell sein Unterrichtsstoff gerade ist.“
Lina musste lachen, zum ersten Mal an diesem grauen, viel zu langen Vormittag – auch wenn das Lachen nicht ganz bis in ihre Augen reichte. Irgendwo tief unter ihren Füßen, davon war sie inzwischen überzeugt, hatte etwas begonnen, das sich nicht mehr aufhalten ließ, indem man einfach weiter zur Schule ging.
Kapitel 3 – Der Fund im Stollen
Am Samstag hatte der Regen endlich aufgehört, und über dem Kunstertal hing nur noch ein feiner Dunst, der sich in den Baumkronen verfing. Für Lina, Ben und Mia war das die perfekte Gelegenheit, etwas zu tun, wozu Thalor ihnen unter der Woche nie zugestimmt hätte: selbst nachsehen, statt nur zuzuhören.
„Offiziell“, erklärte Ben, während er sich den Rucksack über beide Schultern zog, „gehen wir Pilze suchen.“
„Es ist Hochsommer“, sagte Mia. „Es gibt keine Pilze.“
„Dann eben verfrühte Pilze. Ich bin Optimist.“
Sie hatten Thalor am Morgen kurz Bescheid gegeben – nicht um Erlaubnis gefragt, sondern informiert, was mittlerweile ihr fester Kompromiss war, seit KERUS ihnen zugestand, dass drei aufmerksame Augen vor Ort manchmal mehr sahen als jeder Sensor aus der Distanz. Thalor hatte sich nur eine einzige Bedingung ausbedungen: KERUS sollte mithören, die ganze Zeit.
„Ich fühl mich beobachtet“, hatte Ben gesagt, als er das hörte.
„Das bist du auch“, hatte KERUS trocken geantwortet. „Seit Jahren schon.“
Jetzt standen sie an der Stelle, die auf Thalors Karte als erster der drei Messpunkte markiert gewesen war – der unscheinbare Hang zwischen den beiden alten Stolleneingängen, an dem sie bereits am ersten Abend nichts gefunden hatten. Diesmal aber hatten sie mehr Zeit, mehr Tageslicht und, dank Mias improvisierter Handysoftware, ein kleines, selbstgebautes Gerät, das grobe elektromagnetische Störungen anzeigen sollte.
„Sehr wissenschaftlich“, kommentierte Ben, als Mia das Gerät aus einer alten Butterdose zog, die mit Kabeln und einem umgebauten Sensor bestückt war.
„Es funktioniert“, sagte Mia beleidigt. „KERUS hat mir geholfen, es zu kalibrieren.“
„Bestätigt“, sagte KERUS aus dem kleinen Lautsprecher an Mias Rucksackriemen. „Die Empfindlichkeit reicht zwar nicht an meine eigenen Sensoren heran, sollte aber grobe Anomalien im Umkreis von zwanzig Metern anzeigen.“
Sie teilten sich auf – nicht weit, aber genug, um in Rufweite unabhängig suchen zu können. Lina übernahm den Hang oberhalb, Ben den dichten Farnbereich näher am alten Stolleneingang, Mia die freie Fläche dazwischen, das Gerät wie einen Zauberstab vor sich her haltend.
Es war Ben, der als Erster etwas fand – wenn auch nicht das, wonach er gesucht hatte.
„Hey“, rief er, „hier ist was Komisches im Boden.“
Die beiden Mädchen kamen sofort herüber. Zwischen den Wurzeln eines alten Farns, halb von Erde bedeckt, lag ein kleines, kreisrundes Loch im Boden – kaum größer als eine Münze, mit sauberen, fast schon zu geraden Rändern für etwas, das ein Tier gegraben haben könnte.
„Das ist kein Mauseloch“, sagte Lina und kniete sich hin.
„Und definitiv kein Regenwurm“, ergänzte Ben. „Es sei denn, der hat einen Zirkel benutzt.“
Mia hielt ihr Gerät über die Stelle, und sofort begann das kleine Display in ihrer Hand hektisch zu blinken. „Da ist was. Eine schwache elektromagnetische Restspur – genau hier, nirgendwo sonst in der Umgebung.“
„KERUS?“, fragte Lina in Richtung des Rucksacks.
„Ich empfange die Daten“, antwortete KERUS. „Die Signatur ist minimal, aber eindeutig künstlich. Meine Einschätzung: An dieser Stelle wurde vor kurzem etwas in den Boden eingeführt und anschließend wieder entfernt. Ein Bohrkern, eine Sonde, ein Messfühler – etwas in dieser Art.“
Ben starrte auf das kleine Loch, als könnte es ihm die Antwort direkt ins Gesicht sagen. „Also war hier wirklich jemand. Nicht nur ein Scan von oben – jemand oder etwas war tatsächlich hier, auf dem Boden.“
„Oder etwas, das keine Beine braucht, um herzukommen“, sagte Mia leise.
Lina strich vorsichtig mit dem Finger um den Rand des kleinen Lochs, ohne es zu berühren. Es fühlte sich merkwürdig endgültig an, dieser winzige, exakte Kreis im Waldboden – als hätte jemand mit chirurgischer Präzision eine Probe genommen und wäre dann spurlos wieder verschwunden.
„Wir müssen das dokumentieren, bevor wir irgendwas anfassen“, sagte sie und zog ihr Handy heraus, um Fotos zu machen, so wie Thalor es ihnen beigebracht hatte.
Während sie fotografierte, wanderte Ben ein paar Schritte weiter den Hang hinauf, die Augen jetzt viel aufmerksamer auf dem Boden als noch vor einer halben Stunde. Es dauerte nicht lange, bis er den zweiten Fund machte.
„Noch eins!“, rief er. „Und noch eins da drüben!“
Insgesamt fanden sie fünf der kleinen, kreisrunden Löcher, alle in einem groben Bogen über den Hang verteilt, alle mit derselben schwachen elektromagnetischen Restspur.
„Das ist kein zufälliges Herumstochern“, stellte Mia fest, während sie die Positionen in ihr Tablet eintrug. „Das ist ein Muster. Jemand hat hier systematisch Proben genommen – in regelmäßigen Abständen, entlang der Erzader, die laut Thalors Karte genau hier verläuft.“
Ben setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm, plötzlich ernster, als es sonst seine Art war. „Also keine Fernbeobachtung mehr. Die waren wirklich hier. Auf unserem Boden. Vielleicht genau in der Nacht, in der wir geschlafen haben, während sie mit irgendeinem unsichtbaren Ding Löcher in unseren Wald gepiekst haben.“
„Beunruhigend formuliert, aber im Kern korrekt“, sagte KERUS. „Ich empfehle, die Fundstellen nicht zu berühren. Ich informiere Thalor sofort und schicke ein kleines Aufklärungsmodul, um die Proben-Löcher genauer zu analysieren.“
„Ein Aufklärungsmodul“, wiederholte Ben. „Klingt nach was Cooles.“
„Es ist eine fliegende Kamera von der Größe einer Walnuss“, sagte KERUS ungerührt. „Wenig cool, sehr nützlich.“
Ben grinste trotz allem. „Von mir aus. Hauptsache, sie findet raus, wer hier ohne zu fragen in unserem Wald rumbohrt.“
Es dauerte keine zehn Minuten, bis ein leises Surren durch die Luft zog und ein kleines, dunkles Objekt zwischen den Bäumen auftauchte – tatsächlich kaum größer als eine Walnuss, mit vier winzigen Rotoren, die kaum lauter waren als eine Hummel. Es schwebte kurz über der ersten Fundstelle, senkte sich ab, bis es fast den Boden berührte, und begann, in einem engen Kreis darüber zu kreisen.
„Süß“, sagte Ben und beugte sich näher heran, bis KERUS ihn mit scharfer Stimme zurückrief.
„Bitte Abstand halten. Die Analyse funktioniert nur bei ungestörtem Umfeld.“
Ben hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt zurück, während das kleine Modul methodisch von einer Fundstelle zur nächsten wanderte. Auf Mias Tablet baute sich währenddessen ein Diagramm auf – Kurven, Zahlenreihen, kleine rote Markierungen an jedem der fünf Punkte.
„Was siehst du?“, fragte Lina, die sich neben sie stellte.
„Bodenproben-Entnahme, bestätigt“, las Mia vor. „Tiefe: knapp zwölf Zentimeter. Interessant ist aber was anderes – die Ränder der Löcher sind praktisch nicht verformt. Kein Druck, keine Reibungsspuren, wie man sie bei einem mechanischen Bohrer erwarten würde.“
„Also kein Bohrer“, sagte Ben. „Sondern was?“
„Am ehesten vergleichbar mit einem präzisen Energiestrahl, der Material herausgelöst hat, ohne es zu beschädigen“, erklärte KERUS. „Eine Technik, die mir aus keinem der bekannten Archive vertraut ist.“
„Also schon wieder was völlig Neues“, murmelte Mia und tippte weiter mit, während das kleine Modul die letzte Fundstelle abschloss und sich lautlos wieder in die Höhe schraubte.
Ben verschränkte die Arme und sah dem Modul nach, bis es zwischen den Baumkronen verschwand. „Wisst ihr, was mich am meisten stört? Dass die so sauber arbeiten. Kein Ast geknickt, kein Fußabdruck, keine Verpackung, die irgendwo rumfliegt. Wer auch immer das war – die sind ordentlicher als ich in meinem eigenen Zimmer.“
„Das ist tatsächlich keine hohe Hürde“, sagte Mia, ohne aufzublicken, und selbst Lina musste bei allem Ernst der Lage kurz grinsen.
Lina stand noch immer über der ersten Fundstelle und ließ den Blick über den Hang wandern – über die fünf kleinen, unscheinbaren Löcher, die zusammen ein Bild ergaben, das ihr mit jeder Minute unbehaglicher wurde. Es war eine Sache, aus der Ferne beobachtet zu werden. Eine ganz andere, zu wissen, dass etwas tatsächlich hier gestanden hatte, auf genau diesem Boden, vielleicht nur wenige Hundert Meter von ihrem Zuhause entfernt.
„Sie waren nicht nur neugierig“, sagte sie schließlich leise. „Sie haben sich Proben geholt. Man holt sich keine Probe von etwas, das man nicht später auch haben will.“
Keiner der beiden anderen widersprach ihr, und auch KERUS blieb für einen langen Moment ungewöhnlich still, als würde selbst die künstliche Intelligenz erst die volle Tragweite dessen verarbeiten, was drei Kinder gerade mit bloßem Auge in einem Siegerländer Wald gefunden hatten.
Auf dem Rückweg ins Dorf, den Rucksack mit der improvisierten Butterdosen-Elektronik locker über der Schulter, blieb Ben ungewöhnlich lange still – für seine Verhältnisse fast beunruhigend lange. Erst als das Kunstertal hinter ihnen lag und die ersten Häuser von Struthütten zwischen den Bäumen auftauchten, sagte er etwas.
„Weißt du, was komisch ist? Ich hab die letzten Wochen immer gedacht, wenn wieder was passiert, dann kommt irgendein Schiff, irgendein Notruf, irgendwas Großes, das man sofort sieht. Aber das hier“, er deutete mit dem Daumen zurück in Richtung des Hangs, „das war fünf kleine Löcher im Boden. Kaum größer als Cent-Stücke.“
„Und trotzdem war es das Beängstigendste, was wir bisher gefunden haben“, ergänzte Mia.
„Genau das mein ich“, sagte Ben. „Bei den Großen weiß man wenigstens, womit man’s zu tun hat. Bei sowas hier – keine Ahnung, wer, keine Ahnung, wie viele, keine Ahnung, wie nah sie schon waren, während wir geschlafen haben.“
Lina sagte nichts dazu, aber sie warf noch einen letzten Blick zurück zum Hang, der jetzt schon fast wieder hinter dem Grün verschwunden war – so unscheinbar, wie er zwei Tage zuvor gewesen war, bevor irgendetwas beschlossen hatte, sich für ihn zu interessieren. Was auch immer dort draußen war, dachte sie, es kannte den Wert dessen, was unter ihren Füßen lag, offenbar besser als sie selbst.
Der Sonntagmorgen begann für Lina mit einem SMS-Alarm, der sie noch vor dem Wecker aus dem Schlaf riss – ein einzelnes Wort von Mia: „Station.“ Kein Ausrufezeichen, keine Erklärung, aber nach den letzten Tagen reichte das völlig.
Sie fand Ben schon vor der Haustür wartend, ein angebissenes Marmeladenbrot in der einen, sein Fahrradhelm in der anderen Hand. „Ich hab nicht mal richtig gefrühstückt“, beschwerte er sich, während sie gemeinsam den Hang hinaufliefen. „Wenn das hier alles vorbei ist, schreib ich dem Universum eine Beschwerde. Vorlaufzeit für Krisen: mindestens eine ganze Mahlzeit.“
„Ich glaub nicht, dass Aliens sich an unsere Essenszeiten halten“, sagte Lina.
„Sehr unhöflich von ihnen“, fand Ben.
Das kleine Aufklärungsmodul brauchte bis zum Sonntagmorgen, um seine gesammelten Daten vollständig auszuwerten – und als Lina, Ben und Mia die Station am Hohenseelbachskopf betraten, war Thalors Miene ernster, als sie es seit Langem gesehen hatten.
„Wir haben etwas“, sagte er, kaum dass sie eingetreten waren, und deutete auf den Hauptbildschirm, auf dem eine seltsam verzerrte, in Fragmente zerlegte Datenstruktur schwebte. „KERUS konnte einen winzigen Rest der Übertragung auffangen, die eine der Sonden kurz vor ihrem Rückflug ausgesendet hat. Ein technisches Echo, mehr nicht – aber genug, um Teile davon zu entschlüsseln.“
„Wie viel ist Teile?“, fragte Ben und ließ sich auf die kleine Bank fallen.
„Ungefähr achtzehn Prozent“, sagte KERUS. „Fragmentarisch, aber verwertbar.“
Mia trat näher an den Bildschirm heran, wo sich zwischen den Datenfetzen langsam ein Muster abzuzeichnen begann – Symbole, die keiner von ihnen kannte, und darunter, halb überlagert von Störungen, eine Art Karte.
„Ist das…“, begann Lina.
„Das Kunstertal“, bestätigte KERUS. „Genauer gesagt, eine geologische Karte der weiteren Region – mit Markierungen, die exakt mit den bekannten Erzvorkommen übereinstimmen. Kupfer, Eisen, verschiedene Seltene Erden. Und ein Element, das in der Darstellung deutlich hervorgehoben ist.“
Auf dem Bildschirm leuchtete eine der Markierungen auf, größer als alle anderen, mit einem Symbol daneben, das wie eine stilisierte, sechseckige Kristallstruktur aussah.
„Kobalt“, sagte Thalor leise. „Es ist mit Abstand am stärksten hervorgehoben. Alles andere wirkt fast wie Beiwerk dagegen.“
Ben verschränkte die Arme. „Also doch kein Zufall. Die suchen ganz gezielt genau das Zeug, das bei uns tief im Berg liegt und das außer ein paar Bergbaufirmen sonst kaum wen interessiert.“
„Kobalt ist selten und schwer zu fördern“, erklärte Mia, die bereits eifrig mitschrieb. „Für viele fortschrittliche Technologien praktisch unverzichtbar – Energiespeicher, Legierungen, hochbelastbare Bauteile. Wenn jemand große Maschinen, Schiffe oder was auch immer bauen will, wäre so ein Vorkommen wie ein Sechser im Lotto.“
„Woher weißt du das eigentlich alles?“, fragte Ben und sah sie mit einer Mischung aus Bewunderung und leichtem Grauen an.
„Referat letztes Jahr, Erdkunde“, sagte Mia knapp. „Hab nie gedacht, dass ich das nochmal brauche.“
„Siehst du“, sagte Ben zu Lina. „Ich hab’s doch gesagt. Der Unterrichtsstoff ist brandaktuell.“
„Zutreffend“, bestätigte KERUS. „Nach meiner Einschätzung deutet die Konzentration der Sondenmessungen darauf hin, dass die Fremden nicht nur allgemein an der Erde interessiert sind, sondern ganz gezielt an dieser Region – wegen der Kobaltvorkommen, die im Verhältnis zur Größe der Lagerstätte außergewöhnlich rein und zugänglich sind.“
Für einen Moment sagte niemand etwas. Es war eine Sache gewesen, sich vage vor unbekannten Beobachtern zu fürchten. Es war etwas anderes, auf einer fremden Landkarte den eigenen Wald hervorgehoben zu sehen wie ein Sonderangebot im Schaufenster.
„Gibt es noch mehr in den Daten?“, fragte Lina schließlich. „Irgendwas über die, die das gesendet haben? Wie sie aussehen, was sie wollen, ob sie überhaupt wissen, dass hier wer wohnt?“
KERUS ließ ein weiteres Fragment aufleuchten – deutlich unschärfer als die Karte, kaum mehr als ein grober Umriss aus Datenpunkten. „Dieser Teil der Übertragung ist zu stark beschädigt für eine sichere Aussage. Was sich erkennen lässt: eine grobe Einschätzung der hiesigen technologischen Entwicklung, eingestuft in eine niedrige Kategorie. Vergleichbar mit einer Bewertung, wie man sie einem unerschlossenen Gebiet zuweisen würde.“
„Und über die Fremden selbst?“, hakte Mia nach. „Gar nichts?“
„Ein einzelnes Datenfragment könnte auf physische Merkmale hindeuten“, sagte KERUS vorsichtig. „Die Werte sind jedoch zu unvollständig für eine verlässliche Aussage. Ich würde an dieser Stelle ungern spekulieren.“
„Du? Nicht spekulieren?“, sagte Ben. „Das ist ja fast schon eine Neuigkeit für sich.“
„Ich halte mich an Fakten“, erwiderte KERUS ungerührt. „Im Gegensatz zu manchen hier im Raum.“
Ben legte sich theatralisch eine Hand aufs Herz. „Autsch. Von der eigenen Konsole verspottet.“
Trotz des kleinen Wortgefechts blieb die Stimmung angespannt. Mia hatte sich bereits wieder über ihr Tablet gebeugt und verglich die Fragmente mit den Positionen der fünf Probeentnahme-Löcher vom Vortag. „Wenn ich das hier mit der Karte von gestern übereinanderlege“, sagte sie langsam, „dann war das, was wir im Wald gefunden haben, offenbar nur eine von mehreren Testreihen. Die Sonde, deren Signal KERUS aufgefangen hat, war eine andere als die, die bei uns im Boden war.“
„Heißt also“, sagte Ben, „es waren nicht nur eine Handvoll Löcher und ein Blitzlicht am Himmel. Da draußen laufen mehrere von diesen Dingern rum.“
„Vermutlich schon länger, als uns lieb ist“, ergänzte Thalor grimmig.
„Die halten uns für dumm“, übersetzte Ben.
„Die halten uns für unentwickelt“, korrigierte Thalor. „Was, nüchtern betrachtet, sogar teilweise stimmt – gemessen an dem, was die Weitgereisten oder die Atlanter einst konnten. Der entscheidende Unterschied ist: Diese Fremden wissen nichts von den Atlantern. Nichts von den geheimen Werften. Nichts von unseren Verbündeten zwischen den Sternen.“
„Sie glauben, wir sind allein“, sagte Mia langsam. „Ein technologisch zurückgebliebener Planet mit wertvollen Rohstoffen und niemandem, der uns beschützt.“
„Genau das“, sagte Thalor, und in seiner Stimme lag eine seltsame Mischung aus Sorge und etwas, das fast wie Erleichterung klang. „Und genau das könnte unser größter Vorteil sein. Sie unterschätzen uns – und sie haben keine Ahnung, wie falsch diese Einschätzung ist.“
Ben grinste schief, wenn auch ohne den üblichen Schwung. „Also sind wir die unterschätzte Underdog-Erde. Klingt fast wie in einem schlechten Film.“
„Filme enden meistens gut für den Underdog“, bemerkte Mia trocken.
„Meistens“, sagte Ben. „Nicht immer.“
Lina hatte bisher schweigend zugehört, den Blick fest auf die hervorgehobene Kobalt-Markierung gerichtet. „Eine Frage noch“, sagte sie schließlich. „Wenn die uns für unentwickelt halten – warum schicken sie dann überhaupt nur Sonden? Warum nicht gleich größer, direkter, schneller?“
„Eine faire Überlegung“, sagte KERUS. „Meine Vermutung: Auch eine unterschätzte Zielregion wird vor einer größeren Aktion zunächst gründlich kartiert. Ressourcenschätzung, Zugänglichkeit, mögliche Hindernisse. Genau das, was gerade geschieht.“
„Also sind wir noch in der Phase, wo die nur gucken“, sagte Ben. „Und nicht in der Phase, wo die schon was tun.“
„Nach allem, was wir bisher wissen: ja“, sagte Thalor. „Aber diese Phase ist erfahrungsgemäß kürzer, als man hofft.“
„Wie kurz?“, fragte Lina.
„Das hängt davon ab, wie zufrieden sie mit dem sind, was sie bisher gefunden haben“, sagte Thalor. „Und nach dem, was wir gerade gesehen haben, würde ich sagen: sehr zufrieden.“
Ein unbehagliches Schweigen legte sich über den Raum, bis Ben es mit einem tiefen Seufzer durchbrach. „Also brauchen wir einen Plan, bevor die Zufriedenheit in Taten umschlägt.“
Thalor wandte sich wieder der Konsole zu, sein Gesicht wieder in gewohnter Konzentration. „Wir wissen jetzt, wonach sie suchen, und wir wissen, dass sie uns unterschätzen. Was wir noch nicht wissen, ist, wie viele sie sind, wo sie herkommen und wie schnell sie bereit sind, aus Messungen echte Handlungen werden zu lassen.“
„Das klingt, als bräuchten wir jetzt jemanden, der sich in solchen Fragen auskennt“, sagte Lina.
„Genau deswegen“, sagte Thalor, „werde ich die Weitgereisten kontaktieren. Wenn irgendjemand Erfahrung mit unbekannten Zivilisationen hat, die nach Rohstoffen suchen, dann sie. Vielleicht haben sie sogar schon von diesem Volk gehört, ohne dass wir es wissen.“
KERUS bestätigte mit einem leisen Signalton. „Verbindung wird vorbereitet. Ich schätze die Antwortzeit auf mehrere Stunden, je nach Entfernung der nächstgelegenen Relaisstation.“
Ben stand auf und reckte sich. „Perfekt. Dann haben wir ja Zeit für was total Normales. Mittagessen zum Beispiel. Als hätten wir nicht gerade rausgefunden, dass wir auf der Einkaufsliste von wildfremden Aliens stehen.“
„Vor dem Mittagessen noch eine Bitte“, sagte Thalor, bevor sie ganz zur Tür hinaus waren. Er sah die drei der Reihe nach an, ernst, aber nicht unfreundlich. „Erzählt niemandem davon. Nicht euren Eltern, nicht euren Freunden, niemandem. Solange wir nicht wissen, wie groß diese Sache wirklich ist, bleibt sie zwischen uns – so wie alles andere auch.“
„Als hätten wir das jemals anders gemacht“, sagte Ben und hob beschwichtigend die Hände.
„Stimmt“, sagte Thalor, und zum ersten Mal an diesem Morgen huschte ein kleines, müdes Lächeln über sein Gesicht. „Aber es schadet nie, es noch einmal zu sagen.“
Draußen empfing sie strahlender Sonnenschein, als hätte der Regen der letzten Tage nie stattgefunden – ein absurder Gegensatz zu dem, was sie gerade erfahren hatten. Ben blinzelte in die Helligkeit und schien einen Moment zu brauchen, um sich wieder in der gewöhnlichen Welt zurechtzufinden.
„Weißt du, was das Verrückteste ist?“, sagte er schließlich zu Lina, während sie den Hang hinunterliefen. „Von hier oben sieht alles komplett normal aus. Als wüsste keiner, dass gerade irgendwo da draußen jemand unseren Wald auf einer Einkaufsliste hat.“
„Vielleicht ist das ja gerade unser Vorteil“, sagte Lina. „Solange es normal aussieht, hat noch niemand von uns gemerkt, wie viel wir eigentlich schon wissen.“
Ben dachte kurz darüber nach, dann nickte er. „Okay. Das war tatsächlich ziemlich klug. Ich zieh sofort nach mit was Kluges – gib mir nur eine Sekunde.“
Lina sagte nichts darauf, aber während sie gemeinsam die Station verließen, blieb ihr Blick noch einen Moment auf dem erloschenen Bildschirm hängen – auf der Stelle, an der eben noch ihr eigenes Zuhause, hervorgehoben und markiert, auf einer fremden Landkarte gelegen hatte. Es war ein seltsames Gefühl, gleichzeitig unterschätzt und ins Visier genommen zu werden. Und noch seltsamer, zu wissen, dass ausgerechnet das ihre beste Chance sein könnte.
Es war eigentlich ein ganz normaler Sonntagabend gewesen. Linas Mutter hatte Kartoffelsuppe gekocht, ihr Vater hatte im Wohnzimmer den Fernseher laufen lassen, und für einen kurzen Moment, während sie am Tisch saß und löffelte, hatte sich Lina fast eingeredet, die letzten Tage seien nur ein besonders lebhafter Traum gewesen.
Dann hatte ihr Handy vibriert. Eine einzige Nachricht von Mia: „Antwort da. Sofort.“
Sie hatte ihrer Mutter irgendetwas von einer dringenden Gruppenarbeit erzählt, den Rest der Suppe stehen lassen und war losgerannt, noch bevor ihr Vater fragen konnte, welches Fach um diese Uhrzeit plötzlich so wichtig geworden war.
Die Antwort der Weitgereisten kam schneller, als Thalor erwartet hatte – noch am selben Sonntagabend, während Lina eigentlich längst am Küchentisch sitzen und über ihren Hausaufgaben brüten sollte. Stattdessen saß sie mit knurrendem Magen und einem schlechten Gewissen gegenüber ihrer Mutter erneut vor der Konsole am Hohenseelbachskopf, zusammen mit Ben und Mia, die beide ähnlich fadenscheinige Ausreden für ihr Verschwinden gefunden hatten.
„Ich hab meiner Mutter erzählt, ich helf dir bei Physik“, sagte Ben zu Mia.
„Und ich hab meiner erzählt, ich helf dir bei Erdkunde“, sagte Mia zu Ben.
„Perfekt“, sagte Ben. „Damit haben wir uns gegenseitig komplett unglaubwürdig gemacht.“
Thalor, der die letzte Stunde wortkarg vor der Konsole verbracht hatte, hob kaum den Blick, als die Übertragung endlich eintraf – eine wellenförmige, in sanftem Grün pulsierende Datenstruktur, die sich langsam zu Text und Bild zusammensetzte.
„Die Weitgereisten haben geantwortet“, sagte er und ließ die Nachricht auf dem Hauptbildschirm erscheinen. „Und sie haben mehr zu sagen, als ich erhofft hatte.“
KERUS übernahm die Übersetzung, seine Stimme so ruhig wie immer, auch wenn der Inhalt alles andere als ruhig war. „Die Weitgereisten bestätigen: Das Volk, das unsere Region erforscht, ist ihnen unter dem Namen Skarrun bekannt – eine Zivilisation, die sich auf systematische Erschließung rohstoffreicher, gering entwickelter Welten spezialisiert hat. Kein aggressives Kriegsvolk im eigentlichen Sinn, aber auch keines, das sich von Widerstand leicht abschrecken lässt.“
„Klingt wie eine sehr unangenehme Mischung aus Bergbaufirma und Armee“, murmelte Mia.
„Eine treffende Beschreibung“, bestätigte KERUS. „Nach den Aufzeichnungen der Weitgereisten haben die Skarrun in der Vergangenheit mehrere Welten auf ähnliche Weise erschlossen – meist ohne offenen Krieg, aber auch ohne echte Verhandlung. Ihr Vorgehen folgt eher dem Prinzip: Wer sich nicht wehren kann, wird nicht gefragt.“
„Und wenn sich doch wer wehrt?“, fragte Lina.
„Dann“, sagte KERUS, „ziehen sie sich für gewöhnlich zurück und suchen sich ein leichteres Ziel. Die Skarrun scheinen keine Zivilisation zu sein, die unbedingt kämpfen will. Sie wollen in erster Linie Ressourcen – auf dem einfachsten verfügbaren Weg.“
Ben hob eine Augenbraue. „Also keine Fanatiker, sondern eher… Rohstoff-Opportunisten.“
„Eine ungewöhnliche, aber nicht unpassende Umschreibung“, sagte KERUS.
„Ich weiß nicht, ob mich das beruhigt oder noch mehr beunruhigt“, sagte Mia. „Einerseits: keine Fanatiker. Andererseits: die kommen nur wegen des Geschäfts. Und mit Geschäftsleuten kann man manchmal schwerer verhandeln als mit Idealisten.“
Ben verschränkte die Arme. „Und wie sind die überhaupt auf uns aufmerksam geworden? Wir haben ja wohl kaum eine Postkarte ins All geschickt.“
Auf diese Frage lieferte die Übertragung tatsächlich eine Antwort. Ein weiteres Datenfragment erschien, diesmal deutlich klarer – eine grafische Darstellung, wie ein schwaches, altes Funksignal sich über Jahrzehnte durch den Raum ausgebreitet hatte, immer schwächer werdend, bis es schließlich, weit draußen zwischen den Sternen, auf einen Empfänger der Skarrun traf.
„Ein Streusignal“, erklärte KERUS. „Vermutlich eine sehr alte, öffentliche Funkübertragung von der Erde selbst – Radio, frühes Fernsehen, vielleicht sogar ein militärisches Testsignal aus dem letzten Jahrhundert. Solche Signale breiten sich unkontrolliert aus und sind nach Jahrzehnten im All nur noch als extrem schwaches Rauschen empfangbar.“
„Das heißt, die haben uns nicht entdeckt, weil sie besonders clever waren“, sagte Lina langsam, „sondern weil vor sechzig oder siebzig Jahren irgendwer im Radio gesendet hat und das Signal einfach nie aufgehört hat zu fliegen.“
„So ist es“, bestätigte KERUS. „Ein technischer Zufall, kein gezielter Fund.“
Ben schnaubte. „Toll. Also sind wir quasi wegen einer alten Radiosendung auf der Abschussliste. Ich hoffe, es war wenigstens gute Musik.“
Trotz des Ernstes musste Lina kurz lächeln, auch wenn das Lächeln schnell wieder verflog, als KERUS fortfuhr.
„Entscheidend ist, was aus diesem zufälligen Fund wurde. Das Signal allein hätte den Skarrun nur verraten, dass hier Leben existiert – primitiv genug, um über Funk zu kommunizieren, aber ohne jeden Hinweis auf mehr. Die anschließende Sondenerkundung diente offenbar dazu, diesen ersten, vagen Verdacht zu überprüfen. Und die Ergebnisse bestätigten aus ihrer Sicht das Bild eines unentwickelten, aber rohstoffreichen Planeten.“
„Weil sie eben nur den Wald gesehen haben, nicht das, was drunter liegt“, sagte Mia.
„Präzise formuliert“, sagte KERUS. „Ihre Einschätzung basiert vollständig auf äußeren Beobachtungen – Vegetation, einfache Infrastruktur, begrenzte elektromagnetische Aktivität in dieser Region. Von der Existenz der Atlanter, von den geheimen Werften, von der Sternenflotte oder den Weitgereisten selbst haben sie keinerlei Kenntnis.“
Thalor, der bis dahin schweigend zugehört hatte, trat einen Schritt näher an den Bildschirm heran. „Das ist die eine gute Nachricht in all dem. Ihr Bild von uns ist grundlegend falsch. Sie glauben, hier eine schutzlose, technologisch zurückgebliebene Welt vor sich zu haben. Tatsächlich stehen hinter dieser Welt Jahrtausende an verborgener Geschichte, ein Bündnis mit einer weit gereisten Zivilisation und eine Streitmacht, von der sie nicht die geringste Ahnung haben.“
„Also unterschätzen die uns nicht nur ein bisschen“, sagte Ben, „sondern richtig krass.“
„Richtig krass“, bestätigte Thalor mit einem knappen Nicken, das fast wie Zustimmung zu Bens Wortwahl wirkte.
„Und diese Fehleinschätzung“, fügte er hinzu, „ist im Moment unsere wertvollste Waffe. Solange die Skarrun glauben, hier auf keinerlei nennenswerten Widerstand zu treffen, werden sie sich sicher fühlen. Und wer sich sicher fühlt, wird unvorsichtig.“
„Das heißt, wir sollten sie in diesem Glauben lassen, so lange es geht“, folgerte Lina.
„Genau das“, sagte Thalor. „Keine offenen Signale, keine unnötigen Risiken, nichts, was ihnen verraten könnte, wie viel wir bereits wissen.“
Mia hatte längst wieder ihr Tablet gezückt und tippte mit, während sie gleichzeitig eine Frage stellte, die Lina selbst schon auf der Zunge gelegen hatte. „Und was raten die Weitgereisten uns jetzt? Reicht es, dass wir wissen, wer die Skarrun sind? Oder kommt da noch mehr?“
KERUS ließ ein letztes Fragment der Übertragung erscheinen – kürzer als die anderen, aber in seiner Kürze umso eindringlicher. „Die Weitgereisten warnen ausdrücklich: Wenn sich die Skarrun entscheiden, ihre Einschätzung in Handlung umzusetzen, geschieht das in der Regel nicht schrittweise, sondern in einer einzigen, gut vorbereiteten Aktion. Sie empfehlen dringend, die eigene Verteidigungsbereitschaft zu überprüfen – und zwar, ich zitiere, ‚bevor und nicht nachdem der erste Skarrun-Fuß den Boden berührt‘.“
Für einen langen Moment sagte niemand etwas. Draußen war es inzwischen dunkel geworden, und durch die schmalen Sichtöffnungen der Station fiel nur noch das kühle Licht der aufgehenden Sterne.
„Das klingt“, sagte Ben schließlich leise, „nicht mehr nach ‚die gucken nur‘.“
„Nein“, sagte Thalor. „Das tut es nicht.“
Er wandte sich der Konsole zu, sein Gesicht plötzlich von einer Entschlossenheit gezeichnet, die Lina in den letzten ruhigen Monaten kaum an ihm gesehen hatte. „KERUS, ich denke, es ist Zeit. Aktiviere die Verbindung zu den anderen Ortungszentralen. Wenn die Skarrun tatsächlich vorhaben, was die Weitgereisten befürchten, dann müssen wir wissen, wie weit ihre Vorbereitungen bereits fortgeschritten sind – und wie viel Zeit uns wirklich noch bleibt.“
„Verbindung wird aufgebaut“, antwortete KERUS, und ein tiefes, kaum hörbares Summen zog durch die gesamte Station, als würde sie sich auf etwas vorbereiten, das größer war als alles, was in den letzten Tagen geschehen war.
Lina sah zu Ben und Mia hinüber, und zum ersten Mal seit dem ersten schwachen Impuls im Kunstertal lag in den Blicken aller drei dieselbe stille Gewissheit: Was auch immer als Nächstes kam, es würde sich nicht mehr in kleinen, unscheinbaren Löchern im Waldboden verstecken lassen.
„Ich sollte wahrscheinlich nach Hause“, sagte Mia schließlich und warf einen Blick auf ihr Handy, auf dem bereits zwei unbeantwortete Nachrichten ihrer Mutter aufleuchteten. „Bevor meine ‚Erdkunde-Hausaufgaben‘ noch verdächtiger werden, als sie es ohnehin schon sind.“
„Gute Idee“, sagte Thalor. „Geht schlafen, so gut es geht. Was auch immer KERUS in den nächsten Stunden von den anderen Ortungszentralen erfährt – ich melde mich, sobald es etwas Neues gibt.“
Ben zog seine Jacke an, blieb aber noch einen Moment an der Tür stehen. „Eine letzte Frage noch, rein interessehalber: Falls die Skarrun wirklich auftauchen – reden wir dann eher über Wochen oder über Tage?“
Ein kurzes Schweigen folgte, bevor KERUS antwortete. „Dazu liegen noch keine ausreichenden Daten vor. Ich werde es euch mitteilen, sobald sich das ändert.“
„Beruhigende Antwort“, sagte Ben trocken.
„Ich habe nicht behauptet, dass sie beruhigend ist“, erwiderte KERUS. „Nur, dass sie ehrlich ist.“
Damit mussten sie sich für diese Nacht zufriedengeben. Auf dem Heimweg, unter einem Himmel voller Sterne, von denen plötzlich keiner mehr ganz harmlos aussah, war es Lina, die als Letzte sprach, bevor sich ihre Wege am Ortseingang trennten.
„Wisst ihr“, sagte sie leise, „vor einer Woche war das hier für mich einfach nur der Himmel.“
Niemand hatte darauf eine passende Antwort, und so gingen sie schweigend in drei verschiedene Richtungen nach Hause, jeder mit dem gleichen ungewohnten Gefühl im Magen – nicht Angst, noch nicht ganz, aber etwas, das ihr gefährlich nahekam.
Kapitel 6 – KERUS schlägt Alarm
Der Anruf kam am Montagmorgen, noch vor der ersten Schulstunde – nicht als Klingelton, sondern als das eine, kurze Vibrationsmuster, das KERUS für echte Notfälle reserviert hatte. Lina spürte es in der Jackentasche, noch während sie mit halbem Ohr dem Direktor bei der Montagsansage zuhörte, und wusste sofort, dass dieser Schultag nicht wie geplant verlaufen würde.
Sie hatte sich in den letzten Tagen eine Art zweites Zeitgefühl angewöhnt – eines, das nicht nach Stundenplan lief, sondern nach dem, was gerade wichtig war. Während der Direktor über die neue Fahrradständer-Ordnung sprach, zählte Lina im Kopf bereits die Minuten bis zur großen Pause und überlegte, mit welcher Ausrede sie diesmal am glaubwürdigsten verschwinden könnte.
Sie erwischte Ben und Mia noch vor der ersten Stunde auf dem Flur, beide mit demselben angespannten Blick, den auch sie gerade im Gesicht haben musste.
„Auch bei euch?“, fragte sie leise.
Beide nickten.
„Krankmelden“, schlug Ben vor. „Bauchschmerzen. Universell einsetzbar, schwer zu widerlegen.“
„Ich hab noch nie in meinem Leben blaugemacht“, sagte Mia mit einem Anflug von echter Nervosität in der Stimme.
„Dann wird’s ja Zeit“, sagte Ben und war schon auf dem Weg zum Sekretariat.
Eine halbe Stunde später – mit drei überraschend glaubwürdig vorgetragenen Geschichten über einen verdorbenen Pausenjoghurt im Gepäck – liefen sie im Laufschritt den Hang zur Station hinauf. KERUS öffnete den Zugang, noch bevor sie ihn erreicht hatten, was allein schon Anlass zur Sorge gab.
Thalor stand vor der Hauptkonsole, auf der sich eine Darstellung aufbaute, wie sie sie noch nie gesehen hatten: nicht die vertraute Karte des Kunstertals, sondern ein weiträumiger Ausschnitt der Galaxis, übersät mit kleinen, farbig markierten Punkten, die langsam zu einem Muster zusammenwuchsen.
„KERUS hat in der Nacht die Verbindung zu sämtlichen erreichbaren Ortungszentralen aufgebaut“, sagte Thalor, ohne sich umzudrehen. „Unsere eigene, die der Weitgereisten, sogar zwei kleinere Außenposten, von denen ich bisher kaum wusste, dass sie noch aktiv sind. Gemeinsam haben wir etwas gefunden.“
„Etwas Gutes oder etwas Schlechtes?“, fragte Ben vorsichtig.
„Seht selbst“, sagte KERUS, und auf dem Bildschirm zoomte die Darstellung in einen bestimmten Bereich der Karte hinein – eine Zone nahe drei hell markierten Sternen, die Lina inzwischen wiedererkannte.
„Orion“, sagte sie.
„Richtig“, bestätigte KERUS. „In diesem Bereich haben die kombinierten Sensordaten eine Ansammlung von Energiesignaturen registriert, die sich über die letzten Wochen kontinuierlich verdichtet hat. Einzelne Schiffe, die sich langsam an einem gemeinsamen Punkt sammeln.“
Die Punkte auf dem Bildschirm begannen sich zu einer Formation zusammenzuschließen – zunächst vereinzelt, dann immer dichter, bis daraus ein deutlich erkennbarer, geordneter Schwarm wurde.
„Wie viele?“, fragte Mia leise, das Tablet längst vergessen in der Hand.
„Nach vorsichtiger Schätzung: mehr als bei der Kepler-Vier-Flotte“, sagte KERUS. „Deutlich mehr. Die genaue Zahl lässt sich aus der Entfernung nicht zweifelsfrei bestimmen, aber die Größenordnung übersteigt alles, was in den Archiven der Weitgereisten für eine einzelne Erschließungsmission verzeichnet ist.“
Ben starrte auf die wachsende Ansammlung von Punkten, als könnte er sie mit bloßer Willenskraft wieder verschwinden lassen. „Das sieht nicht nach ein paar neugierigen Sonden aus.“
„Ist es auch nicht“, sagte Thalor grimmig. „Das ist eine Flotte, die sich zum Aufbruch bereit macht.“
Mia hatte sich neben KERUS‘ Hauptanzeige gestellt und verglich mit zusammengekniffenen Augen die neue Formation mit einem älteren Datensatz, den sie offenbar aus ihren eigenen Notizen der letzten Wochen aufgerufen hatte. „Zum Vergleich – wie viele Schiffe waren es bei Kepler-Vier noch mal genau?“
„Eine mittelgroße Verteidigungsflotte, ausreichend für eine einzelne Krisensituation begrenzten Ausmaßes“, antwortete KERUS. „Diese neue Formation übersteigt jene Größenordnung nach vorsichtiger Schätzung um ein Vielfaches.“
„Ein Vielfaches“, wiederholte Ben tonlos. „Das ist eine sehr höfliche Umschreibung für ‚wir sind hoffnungslos in der Unterzahl‘.“
„Eine zutreffende Umschreibung, ja“, sagte KERUS, ohne den Sarkasmus in Bens Stimme zu erwidern.
Für einen langen Moment sagte niemand etwas. Draußen, vor den schmalen Sichtöffnungen der Station, ging gerade ein ganz gewöhnlicher Montagmorgen im Siegerland weiter – Vögel, ferner Verkehrslärm, irgendwo ein Rasenmäher –, während drinnen eine Zahl im Raum stand, die sich niemand von ihnen so richtig vorstellen konnte.
„Wie lange haben wir noch?“, fragte Lina schließlich, und ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte.
„Unmöglich exakt zu berechnen“, antwortete KERUS. „Basierend auf der aktuellen Formationsgeschwindigkeit und typischen Vorbereitungszeiten vergleichbarer Flotten: mehrere Wochen, vielleicht wenige Monate, bevor sie aufbruchbereit sind. Danach hängt die Reisezeit von der verwendeten Antriebstechnologie ab, die uns nicht bekannt ist.“
„Also könnten es auch nur ein paar Tage sein, sobald sie losfliegen“, sagte Mia.
„Das ist nicht auszuschließen“, sagte KERUS ehrlich.
„Gibt es denn gar keinen Weg, das genauer zu berechnen?“, fragte Lina. „Irgendein Muster, wie schnell sich vergleichbare Flotten bisher bewegt haben?“
„Die Archive der Weitgereisten enthalten einige Vergleichsfälle“, sagte KERUS, „doch keiner davon betrifft die Skarrun selbst. Ihre Antriebstechnologie ist uns schlicht unbekannt. Jede Schätzung, die ich jetzt liefere, wäre reine Spekulation – und Spekulation ist, wie bereits erwähnt, nicht meine Stärke.“
„Wieder dieser Seitenhieb“, murmelte Ben, aber diesmal ohne den üblichen Schwung in der Stimme.
Ben ließ sich auf die kleine Bank an der Wand sinken, alle Leichtigkeit für einen Moment aus seinem Gesicht verschwunden. „Also müssen wir uns beeilen. Und ich meine nicht ‚Hausaufgaben bis morgen fertig‘-beeilen. Ich meine richtig.“
„Genau das“, sagte Thalor. Er wandte sich vom Bildschirm ab und sah die drei nacheinander an, mit einem Ausdruck, der Ernsthaftigkeit und etwas verriet, das fast wie Stolz aussah. „Was ihr im Kunstertal gefunden habt, was ihr erkannt habt, das hat uns möglicherweise wertvolle Wochen verschafft. Ohne eure Entdeckung der Probeentnahmen hätten wir vielleicht noch lange geglaubt, es handle sich um vereinzelte, harmlose Messungen.“
Mia wurde bei diesen Worten sichtlich verlegen und fand plötzlich großes Interesse an ihrem Schuhband. Ben dagegen richtete sich sofort kerzengerade auf. „Sag das nochmal, aber lauter. Ich glaub, ich hab’s nicht ganz mitbekommen.“
„Ich sagte, ihr habt uns wertvolle Zeit verschafft“, wiederholte Thalor mit einem Anflug von Geduld in der Stimme.
„Nein, den Teil mit dem Stolz. Den will ich nochmal.“
„Verlass dich nicht darauf, dass ich ihn wiederhole“, sagte Thalor, aber der Mundwinkel zuckte erneut verräterisch.
Lina spürte, wie sich trotz der bedrückenden Nachricht etwas in ihr aufrichtete. „Was machen wir jetzt?“
„Zuerst“, sagte Thalor, „müssen wir herausfinden, was uns tatsächlich zur Verfügung steht, um dieser Flotte etwas entgegenzusetzen. Die Kepler-Vier-Streitmacht allein wird angesichts dieser Größenordnung nicht reichen. Es gibt jedoch etwas, wovon bisher nur sehr wenige wissen – nicht einmal die Weitgereisten in vollem Umfang.“
Ben richtete sich auf. „Klingt nach großer Enthüllung. Mach weiter.“
Doch Thalor schüttelte den Kopf. „Nicht jetzt. Dafür brauche ich Zeit, die wir heute Morgen nicht haben – und eure Eltern werden sich wundern, warum die Schule schon nach der ersten Stunde anruft, falls wir noch länger hierbleiben.“
„Fairer Punkt“, gab Ben zu, wenn auch sichtlich widerwillig. „Aber du kannst uns nicht einfach mit ‚es gibt da was, wovon fast niemand weiß‘ zurück in den Matheunterricht schicken. Das ist quasi Folter.“
„Ich verspreche dir, der Matheunterricht wird die deutlich größere Folter bleiben“, sagte Thalor, und ein Hauch von trockenem Humor blitzte kurz in seinem sonst so ernsten Gesicht auf.
Mia, die die ganze Zeit über mitgeschrieben hatte, klappte langsam ihr Tablet zu. „Eine Sache noch, bevor wir gehen. Wissen die Skarrun schon von der Gegenbewegung? Also – haben sie eine Ahnung, dass wir überhaupt wissen, dass sie kommen?“
„Nach allem, was KERUS und die Weitgereisten feststellen konnten: nein“, sagte Thalor. „Unsere Gegenmaßnahmen laufen bislang vollständig unbemerkt. Das soll auch so bleiben, so lange es geht.“
„Also Geheimhaltung, wie immer“, sagte Ben und tat so, als würde er sich einen imaginären Reißverschluss über den Mund ziehen.
„Wie immer“, bestätigte Thalor. „Heute Abend“, versprach er dann, an alle drei gewandt. „Wenn ich alles vorbereitet habe. Es gibt eine Geschichte, die ich euch erzählen muss – eine, die zehntausend Jahre zurückreicht und die vielleicht der einzige Grund ist, warum wir überhaupt eine Chance haben.“
Die drei tauschten Blicke, in denen sich Neugier und Unruhe in etwa gleichen Teilen die Waage hielten.
Auf dem Rückweg zur Schule, den steilen Hang hinunter, war es Mia, die als Erste die Stille brach. „Zehntausend Jahre. Was kann in zehntausend Jahren schon alles passiert sein, ohne dass irgendwer davon gehört hat?“
„Bei uns offenbar so einiges“, sagte Lina.
Ben, der die letzten Meter besonders schweigsam zurückgelegt hatte, blieb kurz stehen und sah zurück in Richtung der verborgenen Station. „Mich nervt vor allem, dass Thalor bei jeder ‚großen Enthüllung‘ dieses Gesicht macht, als wäre er sich selbst noch nicht sicher, ob wir schon bereit dafür sind.“
Kurz vor dem Ortseingang blieben sie unwillkürlich am Herzbach stehen, dort, wo ein umgestürzter Baumstamm seit Jahren als improvisierte Bank diente. Keiner von ihnen sagte etwas dazu, sie setzten sich einfach, so wie sie es schon als Kinder getan hatten, lange bevor irgendjemand von ihnen etwas von Wächtern oder Werften wusste.
Das Wasser plätscherte über die immer gleichen Steine, ein Geräusch, das Lina seit ihrer Kindheit kannte und das sich in diesem Moment tröstlicher anfühlte als jede Erklärung, die Thalor ihnen hätte geben können.
„Weißt du noch, wie wir hier als Kinder nach Bachflohkrebsen gesucht haben?“, fragte Mia leise, die Knie an die Brust gezogen.
„Und Ben ist reingefallen, weil er unbedingt den größten fangen wollte“, sagte Lina.
„Das war einmal“, protestierte Ben, ohne echte Empörung in der Stimme. Er starrte auf das Wasser, die Schultern zum ersten Mal an diesem Morgen nicht angespannt. „Manchmal wünsch ich mir, es wäre wieder so einfach. Nasse Füße als größtes Problem des Tages.“
Niemand widersprach ihm. Sie blieben noch eine Weile sitzen, drei Freunde am immer gleichen Bach, während die Sonne langsam höherstieg und irgendwo tief im Berg eine Geschichte auf sie wartete, die größer war als alles, was sie bisher gekannt hatten.
„Vielleicht ist er das auch nicht“, sagte Mia leise.
Niemand widersprach ihr, und mit diesem unbehaglichen Gedanken im Gepäck kehrten sie in eine Schule zurück, die von alldem nichts ahnte – Klassenzimmer voller Mitschüler, die sich über Hausaufgaben und Pausenbrote sorgten, während drei von ihnen bereits wussten, dass weit draußen zwischen den Sternen etwas heranwuchs, das größer war als alles, womit sie es bisher zu tun gehabt hatten.
Der Abend kam Lina an diesem Montag ungewöhnlich langsam vor. Der Schultag hatte sich gezogen wie Kaugummi, jede Unterrichtsstunde eine kleine Ewigkeit, während ihre Gedanken beharrlich zwischen Bruchrechnung und einer sich formierenden Flotte hin und her sprangen. Zu Hause hatte sie kaum einen Bissen vom Abendessen heruntergebracht, was ihrer Mutter prompt auffiel.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, hatte sie gefragt, die Stirn besorgt gerunzelt. „Du bist so blass in letzter Zeit.“
„Alles gut, nur ein bisschen Stress mit einem Referat“, hatte Lina gelogen, mit einem schlechten Gewissen, das sich mittlerweile fast schon gewohnt anfühlte. Referate über außerirdische Invasionen standen schließlich nicht auf dem offiziellen Stundenplan.
Als sie endlich mit Ben und Mia den Hang zur Station hinaufstieg, war es bereits dunkel, und über dem Kunstertal hing ein klarer, sternenübersäter Himmel – schöner als sonst, fand Lina, und gerade deshalb ein bisschen unheimlich.
„Weißt du, was seltsam ist?“, sagte Ben, während er den Blick nach oben richtete. „Früher hab ich Sterne einfach nur schön gefunden. Jetzt guck ich hin und denk mir: Ist da jetzt wer unterwegs, der uns nicht mag?“
„Ich glaube nicht, dass die Skarrun überhaupt darüber nachdenken, ob sie uns mögen oder nicht“, sagte Mia. „Für sie zählt nur, was sie hier finden können. Und genau das macht mir Sorgen.“
„Danke, dass du das klargestellt hast. Fühl mich gleich viel besser.“
KERUS öffnete ihnen wie gewohnt den verborgenen Zugang, doch diesmal empfing sie im Inneren nicht nur Thalor, sondern eine Szenerie, die sie so noch nie erlebt hatten: Der gesamte Hauptraum der Station war von schwebenden, leicht durchscheinenden Bildschirmen umgeben, jeder mit einer anderen Darstellung – Symbolen, Gesichtern, Datenreihen in Schriften, die keiner von ihnen lesen konnte.
„Ihr kommt genau richtig“, sagte Thalor, ohne sich von der Hauptkonsole abzuwenden. „Der Rat versammelt sich. Ich habe darum gebeten, dass ihr dabei sein dürft – als Zeugen dessen, was auf dem Spiel steht, und weil ihr es wart, die den ersten Hinweis gefunden haben.“
Ben ließ den Blick über die schwebenden Bildschirme wandern, auf denen sich nach und nach Gestalten formten – manche menschenähnlich, andere deutlich fremdartiger, alle in gedämpftem, würdevollem Licht. „Wir sind auf einer intergalaktischen Videokonferenz? Cool. Hoffentlich hat niemand vergessen, sich stummzuschalten.“
„Bitte“, sagte Thalor mit einem warnenden Unterton, „benimm dich, als wäre dir bewusst, wie ernst die Lage ist.“
„Bin ich mir bewusst“, sagte Ben leiser. „Ich verarbeite es nur auf meine Art.“
Die Bildschirme wurden ruhiger, als sich eine der zentralen Gestalten zu Wort meldete – eine Vertreterin der Weitgereisten, deren Stimme KERUS in gewohnt ruhigem Ton übersetzte. „Wir haben die von euch geteilten Daten geprüft. Die Formation nahe Orion entspricht in ihrer Größenordnung tatsächlich einer umfassenden Erschließungsflotte, wie sie die Skarrun bei besonders vielversprechenden Zielen einsetzen. Das bestätigt eure Befürchtung.“
„Wie viel Zeit bleibt uns realistisch?“, fragte Thalor direkt.
„Nach unseren Berechnungen: einige Wochen bis zur vollständigen Formation, danach ein Anflug, dessen Dauer von ihrer Antriebstechnologie abhängt, die uns nicht bekannt ist. Im günstigsten Fall Monate. Im ungünstigsten Fall deutlich weniger.“
Ein zweiter Bildschirm, auf dem eine hagere, in mattes Blau gehüllte Gestalt zu sehen war, meldete sich zu Wort – nach KERUS‘ Übersetzung ein Vertreter der Kepler-Vier-Streitmacht, jener Flotte, die dem Siegerland schon einmal beigestanden hatte. „Unsere verfügbaren Schiffe stehen bereit, doch ich muss offen sagen: Gegen eine Flotte dieser Größenordnung reichen sie allein nicht aus. Wir würden kämpfen – aber wir würden verlieren.“
Ein dritter Bildschirm, kleiner und mit einem eher technischen, blinkenden Symbol versehen, ergänzte etwas, das KERUS mit spürbar mehr Nüchternheit übersetzte. „Zusätzlich sollte bedacht werden: Ein offener Kampf gegen die Skarrun, selbst ein siegreicher, würde ihre Aufmerksamkeit auf diesen Sektor lenken – dauerhaft. Es wäre ratsam, eine Lösung zu finden, die nicht nur diesen einen Angriff abwehrt, sondern weiteres Interesse von vornherein unattraktiv macht.“
„Sprich: klar gewinnen, und zwar so, dass sie am Ende gar nicht mehr wiederkommen wollen“, übersetzte Ben für sich selbst, leise genug, dass nur Mia es hörte.
„Ungefähr“, flüsterte sie zurück.
Für einen Moment hing diese Aussage schwer im Raum. Lina spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, und selbst Ben, der sonst für fast jede Situation einen Kommentar parat hatte, blieb stumm.
„Dann brauchen wir mehr als das, was wir bisher kennen“, sagte Thalor schließlich, und in seiner Stimme lag eine Entschlossenheit, die Lina aufhorchen ließ. „Ich beantrage, den Rat über eine Ressource zu informieren, die bislang nur wenigen bekannt ist – aus gutem Grund, aber die Umstände lassen uns keine andere Wahl mehr.“
Murmeln lief durch die versammelten Bildschirme, ein Geräusch aus vielen fremden Stimmen gleichzeitig, das KERUS klugerweise nicht im Detail übersetzte.
„Du sprichst von den Werften“, sagte die Vertreterin der Weitgereisten, und es klang weniger nach Frage als nach Feststellung.
Thalor nickte knapp. „Ich spreche von den Werften.“
Ein leises, beinahe ehrfürchtiges Raunen ging durch die versammelten Bildschirme, und selbst der Vertreter der Kepler-Vier-Streitmacht, der bis eben so nüchtern gesprochen hatte, schien für einen Moment die Fassung zu verlieren. „Ich hatte gehofft, dass diese Gerüchte mehr waren als bloße Legenden“, sagte er langsam.
„Sie sind mehr“, sagte Thalor. „Deutlich mehr.“
Mia beugte sich zu Lina hinüber und flüsterte: „Sie wissen offenbar schon, wovon er redet. Nur wir nicht.“
„Sieht so aus“, flüsterte Lina zurück, während sich in ihr eine Mischung aus Neugier und leiser Kränkung regte – zu wissen, dass selbst die Weitgereisten mehr über die eigene Geschichte des Siegerlands zu ahnen schienen als die drei, die hier aufgewachsen waren.
„Der Rat erteilt die Erlaubnis“, sagte die Vertreterin schließlich. „Wenn du der Ansicht bist, dass die Lage es rechtfertigt, dann informiere, wen du für nötig hältst. Wir vertrauen deinem Urteil – wie schon bei der letzten Krise.“
„Danke“, sagte Thalor, und für einen kurzen Moment wirkte er erleichtert, bevor die Anspannung sofort wieder zurückkehrte. „Wir werden in den kommenden Tagen Genaueres berichten. Bis dahin bitte ich alle Ortungszentralen, die Überwachung der Orion-Region zu verstärken und uns über jede Veränderung sofort zu informieren.“
Zustimmendes Murmeln, dann begannen die schwebenden Bildschirme nacheinander zu erlöschen, bis nur noch die vertraute Hauptkonsole der Station übrigblieb, jetzt seltsam still nach der Fülle an Stimmen und Gesichtern.
Kaum war das letzte Bild erloschen, wandte sich Thalor mit neuer Dringlichkeit an die Konsole. „KERUS, es ist Zeit. Sende den Notruf an Kepler-Vier. Priorität eins.“
„Bestätigt“, antwortete KERUS. „Übertragung läuft.“
Weit draußen, jenseits der Erdumlaufbahn, schlug KERUS‘ Alarm in der Kommandozentrale der Außenbasis Kepler-Vier auf der Hauptkonsole auf – ein durchdringendes, pulsierendes Signal, das im selben Moment jede andere Anzeige übertönte.
Kommandantin Ilyra Sethkar fuhr herum. Noch bevor sie fragen konnte, was los war, baute sich über der Konsole eine schwebende Projektion auf: eine Sternenkarte, in deren Zentrum ein einzelner, pulsierender Punkt lag.
„Ursprung: dritter Planet, verborgene Station“, meldete der Techniker neben ihr, die Stimme unwillkürlich leiser. „Absender-Signatur: Oberbefehlshaber Thalor.“
Ilyra ließ die Worte einen Moment wirken. Ein Notruf dieser Priorität war ihr seit dem letzten Ernstfall nicht mehr begegnet – und dann das, an einem gewöhnlichen Tag, ohne jede Vorwarnung.
„Alarmstart“, sagte sie schließlich, und ihre Stimme trug keinen Zweifel. „Alle einsatzbereiten Einheiten. Sofort.“
Über die gesamte Basis liefen rote Lichtbänder auf, begleitet von einem tiefen, pulsierenden Ton, der durch jeden Gang und jede Halle hallte – ein Klang, den kein Techniker an Bord seit dem letzten Einsatz wieder gehört hatte. Tief unter der Kommandozentrale erwachten die großen Generatoren mit einer Wucht, die selbst erfahrene Besatzungsmitglieder innehalten ließ. Ein Brummen wuchs zu einem Dröhnen an, das durch Wände und Boden zugleich fuhr, bis es sich kaum noch als einzelner Ton beschreiben ließ, sondern eher wie der Herzschlag eines gewaltigen, gerade erst erwachenden Wesens.
Kilometerweite Hangartore öffneten sich, eines nach dem anderen, begleitet von einem tiefen metallischen Grollen, das sich über die gesamte Außenhülle der Basis fortpflanzte. Dahinter kam der Blick frei auf Reihe um Reihe wartender Schiffe, endlose Formationen, ihre Hüllen silbern glänzend im fernen Sonnenlicht – ein schlafendes Heer, das mit einem Schlag erwacht war.
„Fünfhundert Schiffe klar zum Start“, meldete der Techniker.
„Sammelpunkt Wega Vier“, befahl Ilyra. „Dort vereinen wir uns mit der erwachten Reserve aus den geheimen Werften – über zwölfhundert Schiffe, wenn KERUS‘ Zahlen stimmen. Wir sind heute nicht allein unterwegs.“
„Und das Kommandoschiff?“
„Bildet mit dreißig Begleitschiffen den Führungsverband. Alle übrigen Einheiten sammeln sich planmäßig bei Wega Vier.“
Ilyra trat einen Schritt nach vorn. „Sobald wir uns mit der Reserve vereinigt haben, beginnt der gemeinsame Sprung zur Erde. Keine Abweichungen.“
Lautlos verließen die ersten Schiffe des Hauptverbandes die Hangars, ihre Triebwerke nur als schwaches bläuliches Glühen erkennbar. Immer mehr Einheiten folgten, Schiff um Schiff, bis der Raum um die Basis von unzähligen Lichtern durchzogen war und sich über Kepler-Vier eine gewaltige Flotte aus fünfhundert Schiffen gebildet hatte – eine Streitmacht, größer als alles, was die Besatzung je in einer einzigen Formation gesehen hatte. Gemeinsam nahm sie Kurs auf den Sammelpunkt.
Bei Wega Vier ordneten sich die Schiffe zu drei mächtigen Großverbänden und warteten auf die ersten Formationen der Reserve, die aus allen Richtungen des Sonnensystems eintrafen. Noch bevor die vereinte Formation vollständig hergestellt war, gab Ilyra den nächsten Befehl.
Unverzüglich wurde das Vorausgeschwader Sichel alarmiert. Drei der schnellsten und kampfstärksten Schiffe trennten sich vom Verband, beschleunigten auf Höchstgeschwindigkeit und flogen dem Hauptverband weit voraus – sie sollten das Sonnensystem erreichen, die Station sichern und Thalor beistehen, lange bevor die restliche Flotte Stunden später eintraf.
Ben ließ sich auf die kleine Bank fallen, sichtlich erschöpft von einer Anspannung, die er die ganze Zeit über kaum gezeigt hatte. „Okay. Werften. Was ihr wisst und wir nicht wissen. Ich glaube, jetzt ist wirklich der Moment für die große Enthüllung.“
Thalor sah die drei lange an, bevor er antwortete. In seinem Blick lag etwas, das Lina nicht sofort einordnen konnte – eine Mischung aus Erleichterung, ein Geheimnis endlich teilen zu dürfen, und der Last von zehntausend Jahren Verantwortung.
„Ihr habt recht“, sagte er schließlich. „Es ist Zeit. Setzt euch.“
Sie ließen sich auf der kleinen Bank und den umliegenden Sitzgelegenheiten nieder, drei Paar Augen fest auf Thalor gerichtet, der einen Moment lang wie jemand wirkte, der eine sehr lange Rede vorbereitet hatte und nun nicht wusste, womit er beginnen sollte.
„Diese Geschichte beginnt lange bevor irgendjemand von euch, von mir oder überhaupt von Menschen im Siegerland geboren wurde“, sagte er schließlich. „Sie beginnt in einer Zeit, in der Atlantis noch existierte, in der die ersten Wächter noch nicht wussten, wie lange ihre Wache dauern würde – und in der eine Entscheidung getroffen wurde, deren Tragweite erst heute Abend, in diesem Raum, ihre volle Bedeutung entfaltet.“
Ben rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her. „Das klingt nach einem sehr, sehr langen Vortrag.“
„Es ist ein langer Vortrag“, bestätigte Thalor, fast amüsiert trotz allem. „Aber ich verspreche euch: Er lohnt sich. Und er erklärt, warum wir vielleicht doch eine echte Chance gegen die Skarrun haben – eine, von der nicht einmal die Weitgereisten das vollständige Ausmaß kennen.“
Mia hatte bereits wieder ihr Tablet gezückt, bereit, jedes Wort mitzuschreiben, doch Thalor hob sanft die Hand. „Diesmal nicht. Was ich euch erzähle, bleibt vorerst nur zwischen uns – nicht einmal in deinen Notizen, Mia. Manche Dinge sind sicherer im Kopf aufgehoben als auf einem Bildschirm, den irgendjemand irgendwann finden könnte.“
Widerwillig, aber ohne zu widersprechen, ließ Mia das Tablet sinken.
KERUS, der bis dahin auffallend still gewesen war, meldete sich noch einmal zu Wort, seine Stimme eine Spur sanfter als sonst. „Ich habe diese Geschichte selbst über Jahrtausende mitverfolgt, wenn auch nicht in ihrer Gänze. Selbst ich bin gespannt, sie einmal vollständig zu hören.“
„Selbst du?“, fragte Ben überrascht. „Ich dachte, du weißt alles.“
„Ich weiß viel“, sagte KERUS. „Nicht alles. Manche Geheimnisse wurden absichtlich sogar vor mir verborgen – zur Sicherheit, wie Thalor es formulieren würde.“
Draußen zog eine Wolke vor den Mond, und für einen Moment lag die Station in fast vollkommener Dunkelheit, unterbrochen nur vom sanften Schimmern der Konsole – als hielte selbst die Nacht den Atem an, gespannt darauf, was als Nächstes gesagt werden würde.
Kapitel 8 – Das Geheimnis der Werften
Für einen Moment saßen sie einfach nur da, drei Kinder auf einer kleinen Bank in einer uralten, verborgenen Station, und warteten darauf, dass Thalor zu sprechen begann. Selbst KERUS hatte für diesen Moment das gedämpfte Grundrauschen der Konsole heruntergefahren, als wolle auch die künstliche Intelligenz der Geschichte den nötigen Raum lassen.
Thalor ließ sich Zeit. Er ging ein paar Schritte durch den Raum, als müsse er erst die richtigen Worte finden, bevor er sich schließlich an die Hauptkonsole lehnte und KERUS mit einem kurzen Blick bat, ein neues Bild aufzurufen. Auf dem Hauptbildschirm erschien eine schematische Darstellung der Erde, übersät mit winzigen, kaum sichtbaren Punkten – verteilt über Kontinente, Ozeane, sogar unter dem Eis der Pole.
„Nach dem Untergang von Atlantis“, begann Thalor, „blieben nur wenige von uns übrig, verstreut über die Welt, jeder auf seine Weise damit beschäftigt, das Überleben unseres Wissens zu sichern. Manche verbargen sich in Bergen, wie wir hier im Siegerland. Andere wählten einen anderen Weg.“
„Was für einen Weg?“, fragte Lina, die trotz der Anspannung der letzten Tage das Gefühl hatte, dass dies der Moment war, auf den sich alles zubewegt hatte.
„Sie bauten“, sagte Thalor einfach. „Nicht Städte, nicht Denkmäler – Werften. Verborgene, autonome Fertigungsanlagen, tief unter der Erde oder tief unter dem Meer, ausgestattet mit Wissen, das die Zerstörung von Atlantis überdauert hatte. Ihr einziger Zweck: über Jahrtausende hinweg, ohne Unterbrechung, ohne dass jemand es bemerkte, Schiffe zu bauen.“
Mia hob die Hand, fast wie im Unterricht, dann ließ sie sie wieder sinken, als ihr auffiel, wie unpassend die Geste in diesem Moment wirkte. „Aber wovon? Material, Energie, alles, was man dafür braucht – das muss doch irgendwoher kommen. Man kann nicht einfach zehntausend Jahre lang aus dem Nichts Schiffe bauen.“
„Eine gute Frage“, sagte Thalor anerkennend. „Die Werften wurden so angelegt, dass sie sich selbst versorgen – geothermische Energie, tief liegende Rohstoffvorkommen, die eigens für diesen Zweck ausgewählt wurden. Manche Standorte wurden sogar bewusst in der Nähe besonders reicher Lagerstätten errichtet, unter anderem aus genau dem Grund, der jetzt auch die Skarrun anzieht.“
„Moment“, sagte Ben. „Willst du damit sagen, die alten Atlanter haben ihre Geheimwerften auch wegen Rohstoffen wie unserem Kobalt gebaut?“
„Es wäre nicht auszuschließen“, sagte Thalor vorsichtig, „dass genau das einer der Gründe ist, warum ausgerechnet diese Region seit Jahrtausenden von Bedeutung ist – für uns wie, wie wir jetzt schmerzlich feststellen, auch für andere.“
Ben beugte sich vor. „Warte. Zehntausend Jahre am Stück Schiffe bauen? Ohne dass irgendwer das mitkriegt? Wie viele sind da mittlerweile zusammengekommen?“
„Genau das“, sagte Thalor, „wusste bis vor Kurzem niemand mit Sicherheit – nicht einmal ich vollständig. Die Werften arbeiten autonom, gesteuert von uralten, in sich geschlossenen Systemen, die absichtlich von jeder äußeren Kommunikation abgeschnitten wurden. Eine Vorsichtsmaßnahme aus einer Zeit, in der man fürchtete, dass jede Verbindung nach außen auch eine Schwachstelle sein könnte.“
„Also reden die mit niemandem“, sagte Mia langsam. „Nicht mal mit KERUS?“
„Nicht direkt“, bestätigte KERUS selbst. „Ich empfange in unregelmäßigen Abständen stark verschlüsselte Statusmeldungen – mehr nicht. Ihre genaue Zahl an fertiggestellten Schiffen war mir bis heute Abend nicht bekannt.“
Thalor nickte. „Deshalb habe ich in der vergangenen Nacht, nach unserem letzten Gespräch, einen Kanal aktiviert, den ich selbst noch nie zuvor genutzt habe – einen Notfall-Abruf, der nur in echten Krisenzeiten vorgesehen ist. Die Antwort kam vor wenigen Stunden.“
Auf dem Bildschirm begannen die winzigen Punkte über der Weltkarte zu pulsieren, und daneben erschien eine Zahl, die selbst Thalor für einen Moment sichtlich schwer über die Lippen kam.
„Über die letzten zehntausend Jahre wurden in den insgesamt einhundertvierzig verborgenen Werften über zwölfhundert Schiffe fertiggestellt“, sagte er. „Die meisten davon in Bereitschaft, einige wenige in laufender Wartung, bereit für den Ernstfall.“
Für einen langen Moment war es vollkommen still im Raum. Selbst Ben, dessen Kommentare sonst so verlässlich kamen wie das Amen in der Kirche, brachte kein Wort heraus.
„Zwölfhundert“, wiederholte Mia schließlich flüsternd. „Das ist… das ist eine ganze Armee.“
„Es ist mehr als das, was die Kepler-Vier-Streitmacht und alle bisher bekannten Verbündeten zusammen aufbieten könnten“, sagte Thalor. „Und es ist der Grund, warum ich heute Abend vor dem Rat den Mut hatte zu sagen, dass wir eine Chance haben.“
Ben fand als Erster seine Stimme wieder. „Okay, aber – wo sind die? Man kann doch nicht zwölfhundert Raumschiffe einfach irgendwo parken, ohne dass es irgendwer merkt.“
„Genau darin liegt die Kunst“, sagte Thalor. „Die Standorte der Werften – und damit der Schiffe – sind selbst mir größtenteils unbekannt. Nur ein einziger von ihnen wurde mir vor Jahren anvertraut, für den Fall, dass genau eine solche Situation eintritt. Die anderen kennt niemand, der heute noch lebt. Sie wurden absichtlich so weit verstreut und so gut verborgen, dass selbst eine vollständige Eroberung der Erde nicht alle auf einmal hätte finden können.“
„Und der eine, den du kennst?“, fragte Lina leise. „Wo liegt der?“
Thalor zögerte einen Moment, dann sagte er: „Näher, als ihr vielleicht erwartet. Aber das ist eine Geschichte, die ich euch erzähle, sobald sie wichtig wird – und nicht einen Tag früher, aus Gründen, die, glaube ich, inzwischen jeder von euch versteht.“
„Geheimhaltung“, seufzte Ben. „Klar.“
„Das ist ja fast schon creepy“, sagte Ben. „Also irgendwo unter uns – vielleicht sogar unter dem Siegerland – könnte gerade seit zehntausend Jahren unbemerkt ein Raumschiff zusammengebaut werden, und keiner von uns wüsste’s.“
„Eine berechtigte Vermutung“, sagte KERUS trocken. „Die geologischen Formationen unter dieser Region wären für eine solche Anlage tatsächlich geeignet.“
Ben starrte auf den Boden der Station, als könnte er durch massives Gestein hindurchsehen. „Ich werd nie wieder normal in den Keller gehen können.“
Lina musste trotz allem kurz lächeln, doch ihre Gedanken kreisten bereits um die nächste, dringendere Frage. „Wenn die Standorte geheim sind – wie sollen wir die Schiffe dann überhaupt aktivieren und zu den anderen Streitkräften bringen, bevor die Skarrun-Flotte hier eintrifft?“
Thalor wandte sich wieder der Konsole zu, sein Gesicht von neuer Entschlossenheit gezeichnet. „Über den Notfall-Kanal, den ich aktiviert habe, wurde bereits ein Weckruf an alle bekannten Werften-Systeme gesendet. Sie werden jetzt beginnen, sich selbstständig zu sammeln – ein Vorgang, der ursprünglich für genau diesen Zweck programmiert wurde, auch wenn niemand von uns bislang glaubte, ihn jemals wirklich auslösen zu müssen.“
„Wie lange dauert das?“, fragte Mia.
„Unbekannt“, gab Thalor offen zu. „Manche Werften liegen möglicherweise näher an unserem Sonnensystem, andere könnten Wochen brauchen, um ihre Schiffe zusammenzuführen. Wir werden es erst mit der Zeit erfahren.“
Ben ließ sich zurück auf die Bank sinken, sichtlich überwältigt von der Fülle an Neuigkeiten. „Also haben wir jetzt eine Geheimarmee, von der wir nicht wissen, wo sie ist, wie lange sie braucht, um herzukommen, und ob sie überhaupt rechtzeitig da ist, bevor die Skarrun auftauchen.“
„Zusammengefasst: ja“, sagte KERUS ungerührt.
„Klingt nach einem soliden Plan“, sagte Ben mit einem Anflug von Galgenhumor, der selbst ihm sichtlich schwerfiel.
„Es ist kein Plan“, sagte Thalor ruhig. „Es ist eine Hoffnung. Aber es ist die erste ehrliche Hoffnung, die wir haben, seit wir vom ersten Impuls im Kunstertal erfahren haben.“
Lina sah zu den beiden anderen hinüber, und in ihren Blicken erkannte sie dasselbe, das sie selbst gerade fühlte – eine seltsame Mischung aus Angst vor dem, was noch kommen würde, und einem winzigen, zaghaften Funken Zuversicht, der zum ersten Mal seit Tagen nicht sofort wieder erlosch.
„Eine letzte Frage noch“, sagte Mia, bevor sie sich für diesen Abend endgültig auf den Heimweg machten. „Wenn diese Werften wirklich seit zehntausend Jahren völlig autonom arbeiten – bauen die dann einfach unbegrenzt weiter? Oder gibt es irgendwann einen Punkt, an dem Schluss ist?“
„Eine kluge Frage, die selbst ich nicht vollständig beantworten kann“, gab Thalor zu. „Was ich weiß: Die Systeme wurden mit äußerster Sorgfalt darauf ausgelegt, das Gleichgewicht zu wahren – genug Schiffe für den Ernstfall, aber nicht so viele, dass ihre Existenz durch den Rohstoffverbrauch selbst auffällig würde. Einhundertvierzig Werften, die gemeinsam über zwölfhundert Schiffe hervorgebracht haben – offenbar die Zahl, die dieses Gleichgewicht über die Jahrtausende ergeben hat.“
„Eine sehr ordentliche Zahl für etwas, das niemand geplant hat, jemals gebraucht zu werden“, murmelte Ben.
„Vielleicht war das genau der Punkt“, sagte Thalor. „Etwas zu erschaffen, in der Hoffnung, es niemals einsetzen zu müssen – und trotzdem bereit zu sein, falls doch.“
Draußen, auf dem Weg zurück ins Dorf, war die Nacht kühl und ungewöhnlich klar geworden. Ben blieb kurz stehen und sah hinauf zu den Sternen, dann hinunter auf den Boden unter seinen Füßen, als würde er versuchen, sich gleichzeitig beide Gedanken gleichzeitig vorzustellen – die unendliche Weite über ihnen und das jahrtausendealte Geheimnis, das vielleicht gar nicht so weit unter ihren Füßen lag.
„Wisst ihr, was das Verrückteste ist?“, sagte er schließlich. „Vor einer Woche war mein größtes Problem eine Mathearbeit. Jetzt denk ich drüber nach, ob unter unserem Fußballplatz vielleicht ein Raumschiff steht.“
„Wäre nicht das Schlechteste, was unter unserem Fußballplatz stehen könnte“, sagte Lina, und zum ersten Mal an diesem langen, schweren Abend klang ihr Lachen wieder ehrlich.
Kapitel 9 – Aufbruch der Reserve
Es war ein ganz gewöhnlicher Mittwochnachmittag, als die Welt der Werften zum ersten Mal seit zehntausend Jahren aus ihrem Schlaf erwachte.
Die letzten beiden Tage waren merkwürdig ruhig verlaufen – so ruhig, dass Lina sich beinahe wieder an gewöhnliche Sorgen hatte gewöhnen können, an Vokabeltests und die Frage, ob es am Wochenende regnen würde. Diese trügerische Normalität endete in dem Moment, in dem Mias Tablet unter der Bank zu vibrieren begann.
Lina, Ben und Mia saßen an diesem Tag eigentlich in Erdkunde, als das Tablet ein einzelnes, langgezogenes Vibrationsmuster von sich gab – anders als alles, was KERUS ihnen bisher geschickt hatte. Kein kurzer Alarm, sondern ein durchgehendes, fast pulsierendes Summen, das nicht aufhören wollte.
„Das ist neu“, flüsterte Mia, während sie unauffällig unter die Bank griff.
„Neu ist bei uns selten gut“, flüsterte Ben zurück.
Sie brauchten diesmal keine Ausrede zu erfinden – der Lehrer hatte gerade selbst eine dringende Durchsage aus dem Sekretariat erhalten und die Klasse kurzerhand für den Rest der Stunde in die Pause geschickt. Keine zehn Minuten später liefen die drei bereits im Laufschritt den Hang zur Station hinauf, das seltsame Summen aus Mias Tasche wie ein unsichtbarer Antrieb im Rücken.
Als KERUS ihnen den Zugang öffnete, empfing sie ein Anblick, für den keiner von ihnen vorbereitet war.
Der gesamte Hauptraum der Station lag in tiefem, warmem Rot getaucht – nicht das kalte Blau der gewohnten Konsolenbeleuchtung, sondern eine Farbe, die Dringlichkeit ausstrahlte, noch bevor ein einziges Wort gefallen war. Auf dem Hauptbildschirm, größer als je zuvor, erstreckte sich eine Darstellung der Erde und ihrer nächsten Umgebung, übersät mit unzähligen kleinen, pulsierenden Lichtpunkten, die einer nach dem anderen aufflammten.
„Es beginnt“, sagte Thalor, und seine Stimme trug eine Feierlichkeit, die Lina bei ihm noch nie gehört hatte.
„Was beginnt?“, fragte Ben, obwohl die Antwort auf dem Bildschirm eigentlich schon zu sehen war.
„Die Werften bauen jetzt keine neuen Schiffe mehr“, erklärte Thalor. „Das haben sie vor zehntausend Jahren getan. Was ihr gleich seht, ist keine Produktion – es ist ein Erwachen. Jedes einzelne Schiff wurde damals fertiggestellt, konserviert und seither automatisch gewartet, immer wieder überprüft, bereit für genau diesen Moment. Eine Zeitkapsel, die zehntausend Jahre lang niemand öffnen musste – bis heute.“
„KERUS“, sagte Thalor, „aktivier es.“
„Protokoll Phönix aktiviert“, bestätigte KERUS.
„Der Weckruf hat sie erreicht“, meldete KERUS wenig später, und zum ersten Mal, seit Lina sie kannte, schwang in der Stimme der künstlichen Intelligenz etwas mit, das fast wie Ehrfurcht klang. „Eine nach der anderen melden sich die Werften aus ihrem jahrtausendealten Schlaf. Ich empfange die Bestätigungen in Echtzeit.“
Auf dem Bildschirm flammte ein weiterer Punkt auf, tief unter der Oberfläche eines fernen Kontinents, dann ein zweiter, unter dem Meeresboden vor einer Küste, deren Namen keiner von ihnen kannte. Dann Punkte, die gar nicht auf der Erde lagen – auf verlassenen Mondbasen, in versteckten Depots zwischen den Asteroiden, an Orten, von denen selbst Thalor nicht alle kannte. Ein dritter Punkt, ein vierter, immer schneller, bis die gesamte Darstellung zu leben schien wie ein Herz, das nach langem Stillstand wieder zu schlagen begann.
„Werft siebzehn – aktiv“, meldete KERUS, während unter dem entsprechenden Punkt Zahlen aufblitzten. „Werft drei – aktiv. Werft neunundzwanzig – aktiv. Werft eins –“ Eine kurze Pause. „Identifiziert. Werft eins befindet sich direkt unter diesem Standort.“
Lina starrte auf den Punkt, der ihre eigene Position markierte. Für einen Moment sagte niemand etwas.
„Moment mal“, sagte sie schließlich. „Du willst sagen, dass unter uns eine Werft liegt?“
„Ja“, sagte Thalor. „Allerdings sehr viel tiefer als diese Station. Weit unter den Stollen, die ihr kennt, liegt eine der ältesten Anlagen von Atlantis. Diese Station wurde einst genau hier errichtet, weil sie den Zugang zur Werft sichern sollte.“
Ben sah auf den Boden, dann wieder auf den Bildschirm. „Das heißt, die ganze Zeit war da unten eine komplette Werft von Atlantis – und du hast uns nie etwas davon erzählt?“
Thalor sah ihn ruhig an. „Es gab bisher keinen Grund.“
„Den gibt es jetzt wohl“, sagte Ben.
„Mehrere Fließbänder, um genau zu sein“, sagte KERUS.
„Das hilft jetzt auch nicht wirklich“, murmelte Ben, halb beeindruckt, halb überfordert.
Auf dem Hauptbildschirm verdichteten sich die Punkte zu größeren, klar erkennbaren Ansammlungen. Aus jedem aktivierten Werft-Standort lösten sich nun einzelne, feine Lichtlinien – Schiffe, die aus ihren jahrtausendealten Verstecken aufstiegen, zunächst zögerlich, dann in wachsender Zahl, bis sich über jeder Werft eine eigene kleine Formation bildete.
Es war ein Anblick, der Lina den Atem stocken ließ. Was auf dem Bildschirm zunächst wie ein chaotisches Gewimmel einzelner Lichtpunkte ausgesehen hatte, ordnete sich innerhalb weniger Minuten zu etwas, das fast schon an ein choreografiertes Ballett erinnerte – Schiff um Schiff fügte sich in enge, geometrisch präzise Formationen ein, Reihe hinter Reihe, wie tausendfach geübte Bewegungen, die niemand von ihnen jemals hatte üben sehen.
„Sie sammeln sich“, sagte Mia leise, das Tablet vergessen in der herabhängenden Hand.
„Jede Werft entsendet ihre Schiffe zunächst in eine lokale Formation“, erklärte KERUS, „angeführt jeweils von einem eigens dafür vorgesehenen Kommandoschiff, das die Koordination der übrigen übernimmt. Ein Vorgehen, das exakt so vor Jahrtausenden festgelegt wurde – für genau diesen einen, ungewissen Tag.“
Auf dem Bildschirm wuchsen die einzelnen Formationen weiter an, kleine Schwärme, die sich langsam, aber unaufhaltsam neu ordneten, während sich in der Mitte jeder Gruppe ein etwas größerer, heller leuchtender Punkt herausbildete – die Kommandoschiffe, deutlich abgesetzt von den übrigen, jedes von ihnen umgeben von einem dichten, disziplinierten Ring kleinerer Begleitschiffe.
Ben hatte sich mittlerweile so nah an den Bildschirm herangewagt, dass sein Atem beinahe die Projektion zu berühren schien. „Das sieht aus wie… wie wenn zehntausend Vögel gleichzeitig aus einem einzigen Baum aufsteigen und sich dann alle gleichzeitig in die perfekte Formation einordnen. Nur eben mit Raumschiffen. Und viel gruseliger.“
„Eine überraschend treffende Beschreibung“, sagte KERUS.
„Wie viele sind bisher aufgewacht?“, fragte Lina, kaum imstande, den Blick vom Bildschirm zu lösen.
„Aktueller Stand: einhundertsechs von einhundertvierzig Werft-Systemen haben den Weckruf bestätigt und ihre Schiffe aktiviert“, sagte KERUS. „Die übrigen befinden sich vermutlich in besonders abgelegenen oder schwer erreichbaren Regionen und benötigen mehr Zeit für die Reaktivierung.“
„Einhundertsechs“, wiederholte Ben, diesmal ohne jeden Anflug von Humor. „Das ist… das sieht aus wie…“
„Wie ein Erwachen“, vollendete Thalor den Satz für ihn, seine Augen fest auf den pulsierenden Bildschirm gerichtet. „Etwas, das seit zehntausend Jahren nur als Möglichkeit existierte, wird in diesem Moment Wirklichkeit. Einen Alarmstart dieser Größenordnung hat es in der gesamten Geschichte der Werften noch nie gegeben.“
Die einzelnen Formationen auf dem Bildschirm begannen sich nun, angeführt von ihren Kommandoschiffen, in Bewegung zu setzen – zunächst jede für sich, dann zunehmend in einer gemeinsamen, sich langsam ausrichtenden Bahn, wie unzählige einzelne Ströme, die sich zu einem einzigen, mächtigen Fluss vereinigten.
„Wohin fliegen die?“, fragte Mia.
„Zu einem vorab festgelegten Sammelpunkt“, sagte KERUS, „von dem aus die gesamte Reserve gemeinsam mit der Kepler-Vier-Streitmacht formiert und auf ihre endgültige Position gebracht wird. Die Reise dorthin wird selbst für die schnellsten Formationen mehrere Tage in Anspruch nehmen.“
Für einen langen Moment standen die drei einfach nur da und sahen zu, wie sich auf dem Bildschirm ein stilles, gewaltiges Schauspiel entfaltete – Hunderte, vielleicht Tausende einzelner Lichtpunkte, geordnet in disziplinierten Formationen, die sich lautlos durch die Dunkelheit des Alls bewegten, jeder einzelne von ihnen ein Zeugnis von zehntausend Jahren geduldiger, verborgener Vorbereitung.
„Wisst ihr, was das Verrückte ist?“, sagte Ben schließlich, ungewöhnlich leise für seine Verhältnisse. „Die haben das alles gebaut, ohne zu wissen, ob’s jemals gebraucht wird. Jahrtausendelang. Einfach nur für den Fall der Fälle.“
„Und jetzt ist der Fall der Fälle eingetreten“, sagte Lina.
„Jetzt ist er eingetreten“, bestätigte Thalor. Er wandte sich den dreien zu, und in seinem Gesicht lag zum ersten Mal seit Tagen kein Zweifel mehr, nur noch eine ruhige, feste Entschlossenheit. „Und zum ersten Mal, seit ich von der Bedrohung erfahren habe, glaube ich wirklich, dass wir eine ernstzunehmende Chance haben.“
Mia hatte sich inzwischen wieder gefangen und tippte, so gut es die zitternden Hände zuließen, ein paar Notizen in ihr Tablet. „Wie lange, bis die komplette Reserve am Sammelpunkt eintrifft?“
„Nach aktueller Berechnung: zwischen vier und sieben Tagen, abhängig von der Entfernung der jeweiligen Werft und eventuellen technischen Anpassungen nach so langer Ruhezeit“, sagte KERUS. „Einige der älteren Systeme müssen sich erst wieder vollständig kalibrieren, bevor sie ihre volle Geschwindigkeit erreichen.“
„Also könnten manche von denen buchstäblich seit zehntausend Jahren zum ersten Mal wieder losfliegen und dabei ein bisschen eingerostet sein“, sagte Ben. „Das beruhigt mich jetzt nicht besonders.“
„Die Systeme wurden für genau diesen Zustand konstruiert“, sagte KERUS. „Eingerostet, wie du es nennst, sind sie nicht. Nur vorsichtig.“
„Vorsichtig ist gut“, sagte Lina. „Vorsichtig heißt, sie kommen sicher an, statt schnell und kaputt.“
Ben nickte langsam, den Blick immer noch auf den unaufhörlich wachsenden Formationen auf dem Bildschirm. „Okay. Vorsichtig ist gut. Ich nehm’s zurück.“
Draußen, tief unter ihren Füßen, spürten sie es fast schon körperlich: ein kaum wahrnehmbares Vibrieren im Fels, als würde die Erde selbst noch einmal tief Luft holen, bevor sie ihre älteste, best gehütete Antwort auf eine Frage gab, die eigentlich niemand jemals hatte stellen wollen.
Sie blieben noch lange, nachdem die Sonne draußen bereits untergegangen war, und sahen zu, wie sich Formation um Formation in Bewegung setzte, bis der gesamte Bildschirm von einem einzigen, gewaltigen, lautlosen Strom aus Licht durchzogen war – zehntausend Jahre stille Vorbereitung, die sich in wenigen Stunden in Bewegung verwandelte.
„Wisst ihr, was mich am meisten beeindruckt?“, sagte Lina schließlich, als sie endlich den Heimweg antraten. „Nicht mal die Zahl der Schiffe. Sondern dass irgendwer vor zehntausend Jahren so viel Geduld hatte, so lange zu warten, ohne zu wissen, ob’s überhaupt jemals gebraucht wird.“
„Das ist ziemlich viel Vertrauen in die Zukunft“, sagte Mia.
„Oder ziemlich viel Angst vor der Vergangenheit“, sagte Ben leise, und diesmal widersprach ihm keiner.
Der Heimweg an diesem Abend war anders als sonst. Keiner von ihnen hatte Lust auf die üblichen Sticheleien, und selbst Ben schwieg die meiste Zeit, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben.
Am Herzbach blieben sie noch einmal kurz stehen, ohne es abzusprechen – so, als bräuchten ihre Füße den vertrauten Ort, bevor sie nach Hause gehen konnten.
„Meine Mutter hat vorhin angerufen, während wir da oben waren“, sagte Mia schließlich und sah auf ihr Handy, auf dem drei verpasste Anrufe aufgelistet waren. „Ich weiß gar nicht, was ich ihr erzählen soll.“
„Die Wahrheit ist keine Option“, sagte Ben. „‚Tut mir leid, Mama, ich hab grad zugesehen, wie tausend Jahre alte Raumschiffe aufgewacht sind‘ – das würde wahrscheinlich nicht so gut ankommen.“
„Wahrscheinlich nicht“, sagte Mia mit einem müden Lächeln.
Lina sagte nichts, aber sie spürte, wie erschöpft sie plötzlich war – nicht körperlich, sondern auf eine tiefere Art, als hätte sie gerade etwas gesehen, das zu groß war, um es an einem einzigen Abend zu verarbeiten. Sie dachte an ihre Eltern, die zu Hause wahrscheinlich gerade ganz normale Sorgen hatten, während über ihren Köpfen eine Flotte erwachte, von der sie nie erfahren würden.
„Ich glaub, ich geh einfach heim und tu so, als wär’s ein ganz normaler Mittwoch“, sagte sie schließlich.
„Guter Plan“, sagte Ben. „Ich üb schon mal ein möglichst langweiliges Gesicht.“
Trotz allem musste Lina lachen, und mit diesem kleinen, unverhofften Lachen im Gepäck gingen sie in drei verschiedene Richtungen auseinander, hinein in drei ganz gewöhnliche Abende, die sich heute besonders kostbar anfühlten.
Kapitel 10 – Wettlauf gegen die Zeit
Die folgenden Tage vergingen für Lina in einem seltsamen Doppeltakt: tagsüber Schule, Hausaufgaben, das ganz gewöhnliche Leben in Struthütten, als wäre nichts – und jeden Abend die Station, auf deren Hauptbildschirm sich langsam, aber unaufhaltsam eine gewaltige Bewegung durch das All vollzog.
Sie hatte sich mittlerweile ein System zurechtgelegt: Hausaufgaben im Eiltempo direkt nach der Schule, ein hastiges Abendessen, bei dem sie halbherzig von einem erfundenen Gruppenprojekt erzählte, und dann, sobald ihre Eltern im Wohnzimmer versunken waren, der leise Weg hinaus zur Haustür. Ben hatte es weniger elegant gelöst – er hatte seinen Eltern schlicht erklärt, er würde sich in den Ferien intensiv auf ein Referat vorbereiten, eine Ausrede, die vermutlich nur deshalb funktionierte, weil sie so untypisch für ihn war, dass niemand sie infrage stellte.
„Stand heute Abend“, verkündete KERUS, als die drei am Freitag die Station betraten, „einhundertsechsunddreißig von einhundertvierzig Werft-Systemen haben ihre Schiffe erfolgreich aktiviert und in Bewegung gesetzt.“
„Und die restlichen vier?“, fragte Mia.
„Drei melden technische Verzögerungen, voraussichtlich behebbar. Eine Werft antwortet bislang gar nicht.“
Ben verzog das Gesicht. „Also haben wir eine Werft, die entweder kaputt ist oder einfach beleidigt, dass man sie zehntausend Jahre nicht angerufen hat.“
„Eine unwahrscheinliche, aber charmante Theorie“, sagte KERUS.
Thalor, der die letzten Tage sichtlich wenig geschlafen hatte, deutete auf eine neue Darstellung, die sich neben der Hauptkarte aufgebaut hatte – eine deutlich kleinere Gruppe von Lichtpunkten, die sich, anders als die übrige Flotte, nicht in Richtung des fernen Sammelpunkts bewegte, sondern in einem lockeren Ring um die Erde selbst verteilt blieb.
„Das hier“, sagte er, „ist eine Entscheidung, die ich in Absprache mit dem Rat getroffen habe. Nicht die gesamte Reserve bricht zum Sammelpunkt auf. Ein Zehntel der Flotte – rund hundertzwanzig Schiffe – bleibt zurück, verteilt über strategisch wichtige Standorte, darunter auch unsere eigene Station.“
„Warum nicht alle losschicken?“, fragte Lina. „Ich dachte, wir brauchen jede Hilfe, die wir kriegen können.“
„Das tun wir auch“, sagte Thalor. „Aber eine Flotte, die alles auf eine einzige Schlacht setzt, ist verwundbar, falls etwas schiefgeht – ein Hinterhalt, ein zweiter, unentdeckter Angriff, oder schlicht die Möglichkeit, dass sich die Skarrun aufteilen und gleichzeitig an mehreren Stellen zuschlagen. Diese rund hundertzwanzig Schiffe sichern unsere Werften, unsere Ortungszentralen und, ja, auch diese Station. Eine letzte Verteidigungslinie, falls die erste nicht hält.“
Ben pfiff leise durch die Zähne. „Klingt nach einem Plan B, von dem man hofft, ihn nie zu brauchen.“
„Genau das ist er“, bestätigte Thalor.
Mia hatte sich bereits über eine weitere Anzeige gebeugt, auf der Entfernungsangaben und Geschwindigkeitswerte in dichten Zahlenreihen liefen. „Und wie sieht’s mit den Skarrun aus? Nähern die sich schon?“
KERUS ließ die Frage nicht lange unbeantwortet. Auf dem Hauptbildschirm erschien eine neue, beunruhigende Darstellung – die einst lose Ansammlung von Punkten nahe Orion hatte sich in eine geschlossene, disziplinierte Formation verwandelt, die sich, wenn auch noch weit entfernt, unverkennbar in Bewegung gesetzt hatte.
„Die Skarrun-Flotte hat ihre Formation abgeschlossen und befindet sich seit heute Morgen im Anflug“, sagte KERUS. „Nach aktueller Geschwindigkeit erreicht sie unser Sonnensystem in schätzungsweise elf bis vierzehn Tagen.“
Der Raum wurde für einen Moment sehr still.
„Elf Tage“, wiederholte Ben tonlos. „Das ist… das ist wie eine besonders fiese Deadline für ein Referat, nur dass es diesmal um den ganzen Planeten geht.“
„Eine treffende, wenn auch ungewöhnliche Umschreibung“, sagte KERUS.
„Reicht die Zeit?“, fragte Lina direkt an Thalor gewandt. „Schafft es die Reserve rechtzeitig zum Sammelpunkt und von dort zu uns?“
Thalor zögerte einen Moment zu lange, bevor er antwortete, was Lina mehr sagte als jedes Wort. „Es wird knapp. Sehr knapp. Die schnellsten Formationen werden pünktlich eintreffen. Bei den langsameren, insbesondere den älteren Werft-Systemen, ist es weniger sicher.“
„Also könnte es sein, dass nicht die ganze Flotte da ist, wenn die Skarrun ankommen“, sagte Mia.
„Das ist ein reales Risiko, ja“, gab Thalor zu.
Ben ließ sich auf die Bank sinken, die Arme über der Brust verschränkt. „Toll. Also Wettrennen gegen eine Alien-Invasion, und wir wissen nicht mal, ob wir gewinnen.“
„Wir wissen es nie im Voraus“, sagte eine ruhige, aber vertraut klingende Stimme aus einem bislang stillen Teil der Konsole. Sie war wärmer als die Stimme von KERUS und schien über eine weit entfernte Verbindung zu ihnen zu sprechen.
Alle drei fuhren herum. Ben brauchte nur einen Augenblick, dann riss er die Augen auf. „Das kann doch nicht sein. Wir Drei?“
Thalor lächelte zum ersten Mal seit Tagen wirklich. „Ihr habt sie also doch erkannt.“
„Es ist eine Weile her“, sagte die Wir Drei, und in ihrer Stimme lag etwas, das fast wie Freude klang. „Ich war auf einer Erkundungsmission in den äußeren Bereichen unserer bekannten Sternenkarten unterwegs. Dort, wo selbst Atlantis nur wenige Daten besitzt.“ – deutlich weiter draußen als die übrige Flotte. Thalors Ruf hat mich erreicht, und ich habe sofort Kurs auf das Sonnensystem genommen.“
Ben starrte auf die Konsole, als könnte er dort ein Gesicht erkennen. „Und du bist wirklich schon unterwegs zu uns?“
„Seit dem Augenblick, in dem mich der Ruf erreichte“, antwortete die Wir Drei. „Ich fliege mit der höchsten Geschwindigkeit, die meine Systeme über diese Entfernung aufrechterhalten können.“
„Du entscheidest also selbst, wie du reagierst?“, fragte Lina. „Ähnlich wie KERUS?“
„Ähnlich, aber nicht identisch“, sagte die Wir Drei. „KERUS ist in erster Linie für Überwachung, Analyse und Kommunikation ausgelegt. Ich wurde für etwas anderes gebaut – damals, als ihr mich gemeinsam mit Thalor vollendet habt.“
„Wofür?“, fragte Ben.
„Für den Ernstfall“, antwortete die Wir Drei knapp.
Mia trat näher an die Konsole. „Und wie lange brauchst du noch bis hierher?“
„Bei voller Geschwindigkeit gut zehn Tage“, sagte die Wir Drei. „Ich werde versuchen, diese Zeit weiter zu verkürzen.“
„Dann kommst du wirklich erst kurz vor den Skarrun an“, stellte Ben fest.
„Das ist richtig“, antwortete die Wir Drei. „Aber knapp und rechtzeitig ist besser als zu spät.“
„Ein Raumschiff mit Understatement und Timing-Humor“, sagte Ben zu Mia. „Ich glaube, ich mag das Ding.“
Lina sah zu Ben und Mia, und in diesem Moment, zum ersten Mal seit dem ersten schwachen Impuls im Kunstertal, fühlte sich die bevorstehende Schlacht nicht mehr nur wie eine drohende Katastrophe an, sondern wie etwas, dem sie mit einem winzigen, aber echten Rest an Zuversicht entgegensehen konnten.
„Elf Tage“, sagte sie leise. „Dann sollten wir die gut nutzen.“
„Was genau meinst du damit?“, fragte Thalor, eine Augenbraue leicht angehoben.
„Ich meine“, sagte Lina, „dass wir in den letzten Tagen ziemlich nutzlos rumgesessen und zugehört haben, während ihr alle das eigentlich Wichtige gemacht habt. Es muss doch etwas geben, das wir tun können. Wir haben schließlich als Erste die Probeentnahmen gefunden.“
Thalor sah die drei nachdenklich an, dann nickte er langsam. „Es gibt tatsächlich etwas. KERUS benötigt zusätzliche Beobachtungspunkte rund um das Kunstertal, um jede weitere Skarrun-Aktivität sofort zu erkennen – falls sie, während ihre Hauptflotte anfliegt, weitere Sonden vorausschicken, um die Lage vor Ort neu zu bewerten. Ich könnte technische Unterstützung gebrauchen, die unauffällig bleibt. Drei Schüler, die im Wald unterwegs sind, fallen weniger auf als jedes automatisierte Gerät.“
Bens Augen leuchteten auf. „Wir werden zu Geheimagenten des Waldes. Das nehme ich sofort an.“
„Es ist keine Spielerei“, warnte Thalor. „Sollte tatsächlich etwas auftauchen, meldet ihr es sofort und greift unter keinen Umständen selbst ein. Ist das klar?“
„Glasklar“, sagte Mia, bereits eifrig dabei, sich Notizen zu den möglichen Standorten der zusätzlichen Sensoren zu machen.
Auch Lina spürte, wie sich etwas in ihr löste – die Ohnmacht der letzten Tage, in denen sie nur zusehen konnten, wich einem Gefühl, das ihr vertrauter war: einer Aufgabe, der sie sich stellen konnten, mit eigenen Händen, im eigenen Wald.
Am nächsten Nachmittag zogen sie tatsächlich los, ausgerüstet mit einer Handvoll kleiner, von Mia und KERUS gemeinsam gebauter Sensoren, kaum größer als Kastanien, die unauffällig zwischen Wurzeln und Farn versteckt werden sollten.
Es fühlte sich seltsam normal an, durch den immer gleichen Wald zu streifen, den sie schon ihr ganzes Leben kannten – vorbei am umgestürzten Baumstamm am Herzbach, hinauf zu den alten Stolleneingängen, an denen alles begonnen hatte. Die Sonne fiel in schrägen Streifen durch die Baumkronen, irgendwo klopfte ein Specht, und für ein paar Stunden war die drohende Invasion nur noch ein fernes Summen im Hinterkopf.
„Weißt du, was komisch ist?“, sagte Ben, während er vorsichtig einen Sensor unter einem Farnwedel platzierte. „Ich kenn diesen Wald seit ich laufen kann. Und jetzt lauf ich hier rum wie ein Geheimagent, der Aliens jagt.“
„Du bist kein Geheimagent“, sagte Mia, ohne aufzublicken von ihrem Tablet, auf dem sie die Position jedes neuen Sensors markierte. „Du bist ein Junge mit Kastanien-Sensoren und zu viel Fantasie.“
„Ein Junge mit Kastanien-Sensoren, der schon mal Alien-Bohrlöcher im eigenen Wald aufgespürt hat“, korrigierte Ben grinsend. „Nicht vergessen.“
Lina, die ein paar Meter weiter den Boden nach einer geeigneten Stelle absuchte, musste lächeln, während sie einen Sensor sorgfältig zwischen zwei Wurzeln verkeilte. Es war ein gutes Gefühl, wieder mit den Händen zu arbeiten, statt nur vor einem Bildschirm zu sitzen und Zahlen zu hören, die größer waren, als sie sich vorstellen konnte.
„Ich glaub, ich mag das hier mehr als die Station“, gab sie zu, während sie sich den Waldboden von den Knien klopfte. „Hier fühlt sich’s an, als könnten wir wirklich was tun. Nicht nur zuhören.“
„Kann ich verstehen“, sagte Mia. „Auch wenn ein Sensor unter einem Farnwedel wahrscheinlich weniger bewirkt als eine ganze Flotte.“
„Vielleicht“, sagte Lina. „Aber es ist unseres. Unser Wald, unsere Idee, unsere Hände.“
Sie arbeiteten bis der Abend anbrach, bis alle Sensoren verteilt waren und der Wald um sie herum in jenes weiche, goldene Licht getaucht wurde, das Lina an diesem Fleckchen Erde immer am meisten geliebt hatte – lange bevor sie wusste, was sich tief darunter verbarg.
Kapitel 11 – Die Schlacht um die Erde
Am Morgen des zwölften Tages wusste Lina, noch bevor sie die Augen richtig geöffnet hatte, dass irgendetwas anders war. Es war kein Geräusch, kein Vibrieren, nichts, das sie hätte greifen können – nur ein Gefühl, tief in der Magengrube, das sie seit Kaels erstem Auftauchen kannte und das sich seitdem nie wieder ganz falsch erwiesen hatte.
Die letzten Tage hatten sich angefühlt wie ein einziges, langes Warten – Beobachtungspunkte im Kunstertal kontrollieren, KERUS‘ Berichte über die näherkommende Skarrun-Flotte verfolgen, versuchen, in der Schule noch halbwegs normal zu wirken, während der Rest der Welt von der bevorstehenden Entscheidung nichts ahnte. Jetzt, an diesem Morgen, war das Warten offenbar vorbei.
Die SMS von Mia kam, noch bevor sie überhaupt aufgestanden war. Ein einziges Wort: „Jetzt.“
Sie brauchten diesmal keine Ausrede mehr. Thalor hatte am Vorabend mit ihren Eltern gesprochen – eine kurze, sorgfältig formulierte Geschichte über ein schulisches Sonderprojekt, das ein paar intensive Tage erfordern würde. Es war nicht die ganze Wahrheit, aber nah genug daran, dass niemand misstrauisch wurde.
Als sie die Station erreichten, war der gesamte Hauptraum in tiefes, pulsierendes Rot getaucht, so wie an dem Tag, als die Reserve aufgebrochen war – nur diesmal fühlte sich die Farbe nicht wie ein Erwachen an, sondern wie eine Warnung.
„Sie sind da“, sagte Thalor, ohne sich umzudrehen.
Auf dem Hauptbildschirm erstreckte sich eine Darstellung des äußeren Sonnensystems, und dort, jenseits der Bahn des letzten großen Planeten, hatte sich eine gewaltige, disziplinierte Formation aus unzähligen einzelnen Lichtpunkten materialisiert – die Skarrun-Flotte, in voller Größe zum ersten Mal sichtbar, bedrohlicher als jede Zahl, die KERUS ihnen bisher genannt hatte.
Ben starrte auf den Bildschirm, und zum ersten Mal seit Wochen fand er keine Worte.
„Und unsere Flotte?“, fragte Lina, die Stimme fester, als sie sich fühlte.
KERUS ließ eine zweite, kleinere, aber ebenso disziplinierte Formation aufleuchten, näher an der Erde positioniert – die vereinten Kräfte aus Kepler-Vier-Streitmacht und der wiedererwachten Reserve, verstärkt durch einen einzelnen, deutlich größeren Lichtpunkt, der sich erst in den letzten Stunden zu den anderen gesellt hatte.
„Die Wir Drei ist eingetroffen“, sagte KERUS. „Rechtzeitig, wenn auch nur um wenige Stunden.“
„Wenige Stunden“, wiederholte Mia. „Das ist die knappste Punktlandung, von der ich je gehört habe.“
„Ich bevorzuge, wie gesagt, knapp und rechtzeitig gegenüber verfrüht und nutzlos“, meldete sich die vertraute, ruhige Stimme der Wir Drei aus der Konsole.
Die beiden Flotten begannen sich einander anzunähern, und für einen langen, angespannten Moment sah es aus, als würde die Skarrun-Formation einfach unaufhaltsam weiterfliegen, unbeeindruckt von der kleineren Streitmacht, die sich ihr entgegenstellte. Dann, ohne Vorwarnung, brachen die ersten Energieentladungen zwischen den Formationen auf, lautlos auf dem Bildschirm, aber mit einer Wucht, die selbst durch die Distanz spürbar schien.
„Es hat begonnen“, sagte Thalor leise.
Weit draußen, an Bord des Kommandoschiffs, das die vereinten Streitkräfte anführte, herrschte eine andere Art von Stille als in der Station der Wächter – keine Ehrfurcht, sondern äußerste Konzentration.
Kommandantin Ilyra Sethkar stand mitten auf der Brücke, den Blick fest auf die heranrückende Skarrun-Formation gerichtet. Das Vorausgeschwader Sichel hatte Tage zuvor bereits den äußeren Rand des Sonnensystems gesichert – ohne diesen Vorsprung wäre der Hauptverband nie rechtzeitig in Position gewesen.
„Erster Kontakt in dreißig Sekunden“, meldete der taktische Offizier neben ihr.
„Alle Schiffe auf Verteidigungsformation“, befahl Ilyra, ihre Stimme ruhig trotz der Anspannung, die durch die gesamte Brücke zu kriechen schien. „Wir halten die Linie, bis die Wir Drei ihre Position erreicht hat. Kein Vorpreschen, keine Heldentaten.“
„Verstanden“, kam es von mehreren Seiten zugleich.
Ilyra hatte in zweihundert Jahren Dienst genug Gefechte befehligt, um zu wissen, dass die ersten Sekunden einer Schlacht selten über ihren Ausgang entschieden – wohl aber darüber, wie viele ihrer Leute sie am Ende zurückbrachte. Sie ließ den Blick über die Anzeigen wandern, über die schiere Zahl der anfliegenden Skarrun-Schiffe, und unterdrückte den Anflug von Zweifel, den sie sich vor ihrer Mannschaft nie erlauben durfte.
Was jetzt begann, erlebte Ilyra nicht auf einem fernen Bildschirm, sondern mitten aus ihr heraus – im Knirschen der Konsolen, im Zucken der Warnlichter, im angehaltenen Atem ihrer gesamten Brücke.
Die Schlacht, die sich in den folgenden Minuten auf dem Hauptbildschirm entfaltete, war wie nichts, das Lina sich je hätte vorstellen können. Ganze Formationen lösten sich auf und formierten sich neu, einzelne Lichtpunkte erloschen für immer, während neue, hellere Blitze aufflammten, wo Schiffe der Reserve zum ersten Mal seit zehntausend Jahren ihre Waffen einsetzten – nicht aus Übung, sondern im echten Ernstfall.
Weit entfernt, an Bord des Skarrun-Kommandoschiffs, verfolgte der Kommandant der Invasionsflotte die eintreffenden Daten mit wachsendem Unbehagen. „Unbekannte Energiesignatur“, meldete der Sensoroffizier. Dann, Sekunden später: „Zweite Signatur.“ Dann: „Dritte. Vierte –“ Er brach ab. „Das sind nicht Dutzende. Es werden Hunderte. Und sie kommen nicht aus dem All. Sie kommen von unten – vom Planeten selbst.“
Der Kommandant starrte auf die Anzeige, auf der sich sein sorgfältig kalkuliertes Kräfteverhältnis vor seinen Augen auflöste. „Protokoll Phönix“, murmelte einer seiner Offiziere, der die abgefangene Übertragung entzifferte. „Sie nennen es Protokoll Phönix.“
Es war seltsam, dachte Lina, wie lautlos das alles wirkte. Keine Explosionsgeräusche, kein Donnern, nur das leise, fast schon meditative Summen der Konsole und die stumme, unerbittliche Choreografie aus Licht und Dunkelheit auf dem Bildschirm – ein Kampf, der Menschenleben auf der ganzen Erde betraf und der doch für sie nur als lautloses Muster aus Punkten und Linien sichtbar wurde.
„Wie stehen wir?“, fragte Ben, die Fäuste so fest geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten.
„Ausgeglichen, aber nicht im Vorteil“, sagte KERUS mit der gewohnten Nüchternheit, die in diesem Moment fast unerträglich klang. „Die schiere Anzahl der Skarrun-Schiffe beginnt sich bemerkbar zu machen. Unsere Formation hält, aber sie wird zurückgedrängt.“
Weit draußen, an Bord des Kommandoschiffs der vereinten Streitkräfte, bestätigte sich, was KERUS gerade so nüchtern zusammengefasst hatte. „Backbordflanke wird durchbrochen“, meldete der taktische Offizier, unüberhörbare Anspannung in der Stimme. „Die Dritte Staffel unter Kommandant Rael verliert den Zusammenhalt – sie werden eingekesselt.“
Ilyra warf einen Blick auf die Anzeige. Ein halbes Dutzend Schiffe, isoliert von der Hauptformation, umringt von einer Übermacht, die sich mit jeder Sekunde enger zusammenzog. Jeder Instinkt in ihr wollte sofort Verstärkung schicken.
„Wenn wir jetzt Schiffe abziehen, reißt die Mittellinie auf“, sagte der Offizier, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
„Ich weiß.“ Ilyras Kiefer spannte sich an. Fünf Sekunden vergingen, in denen sich niemand auf der Brücke zu rühren wagte. „Zwei Staffeln zur Unterstützung, nicht mehr. Der Rest hält die Linie, koste es, was es wolle.“
„Verstanden.“
Auf der Anzeige lösten sich zwei kleinere Formationen aus dem Hauptverband und rasten auf die eingekesselte Staffel zu – zu langsam, wie es Ilyra vorkam, obwohl sie wusste, dass es die maximale Geschwindigkeit war, die die Schiffe hergaben. Zwei der sechs isolierten Schiffe erloschen auf der Anzeige, bevor die Verstärkung eintraf. Ilyra erlaubte sich nicht, hinzusehen, wessen Namen dahinterstanden. Dafür würde später Zeit sein, falls es ein Später gab.
Mia hatte sich über eine Nebenanzeige gebeugt, auf der KERUS in Echtzeit Daten aus dem Kampfgeschehen sammelte – Positionen, Bewegungsmuster, Kommunikationsspuren zwischen den feindlichen Schiffen. Sie hatte diese Anzeige in den letzten Tagen gemeinsam mit KERUS eingerichtet, ohne genau zu wissen, wofür sie am Ende gebraucht werden würde.
„Hilf mir“, sagte sie zu Ben, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. „Du bist gut darin, Muster zu erkennen, wenn du willst. Sag mir, was dir an dieser Formation komisch vorkommt.“
Ben, der solche Komplimente von Mia selten genug bekam, um sie sofort ernst zu nehmen, beugte sich neben sie und starrte auf das wirbelnde Chaos aus Lichtpunkten. Für einen langen Moment sagte er nichts, die Stirn in Falten gelegt, ganz auf die Bewegungen konzentriert.
„Warte“, sagte er plötzlich, den Blick starr auf ein wiederkehrendes Muster gerichtet. „Da ist was. Seht euch das an – dieses eine Schiff, ungefähr in der Mitte der Skarrun-Formation. Alle anderen Bewegungen scheinen sich nach ihm zu richten.“
Mia riss die Augen auf. „Das ist es. Genau das hab ich auch gesehen, aber ich konnte es nicht in Worte fassen.“
KERUS reagierte sofort, zoomte die Darstellung heran und analysierte die Datenspur, die Mia entdeckt hatte. „Bestätigt. Ein einzelnes Schiff, deutlich größer als die übrigen, mit einem auffällig dichten Netz an Kommunikationssignalen zu allen anderen Formationsteilen. Meine Einschätzung: das Kommandoschiff der Skarrun-Flotte.“
„Das ist er“, sagte Thalor, und in seiner Stimme lag plötzlich neue Anspannung. „Wenn wir das ausschalten können –“
„– bricht die Koordination der gesamten Flotte zusammen“, vollendete Mia den Satz. „Ohne zentrale Steuerung müssten sie einzeln reagieren. Das würde uns die Lücke verschaffen, die wir brauchen.“
Thalor wandte sich an KERUS. „Leite die Koordinaten sofort an Ilyras Flotte weiter. Sie sollen wissen, wo das Kommandoschiff steckt.“
Wenige Sekunden später erreichte die Meldung die Brücke des Kommandoschiffs der vereinten Streitkräfte. „Signal von der Wächter-Station“, meldete die Kommunikationsoffizierin. „Sie haben das feindliche Kommandoschiff identifiziert. Koordinaten werden übermittelt.“
Ilyra hob überrascht die Augenbrauen. „Von der Station? Ich dachte, dort sitzen nur Thalor und seine künstliche Intelligenz.“
„Laut Übermittlung stammt die Analyse von den drei Kindern, die derzeit dort untergebracht sind“, sagte die Offizierin, mit einem Unterton, der zwischen Zweifel und Respekt schwankte.
Für einen Moment sagte Ilyra nichts. Dann nickte sie knapp. „Dann folgen wir dieser Spur. Haltet unsere Formation, damit die Wir Drei freie Bahn hat.“
„Die Wir Drei“, sagte Thalor, sich an die Konsole wendend. „Kannst du es erreichen?“
Ein kurzer, fast berechnender Moment der Stille folgte, bevor die Stimme der Wir Drei antwortete. „Die Position ist erreichbar, wenn auch riskant. Ich verfüge über ein Antigravitationssystem, das ursprünglich für den Umgang mit instabilen Massen in unwegsamem Gelände entwickelt wurde – nicht als Waffe gedacht, aber durchaus geeignet, um ein einzelnes Schiff manövrierunfähig zu machen, sofern ich nah genug herankomme.“
Ben, der bis dahin kaum zu atmen gewagt hatte, riss die Augen auf. „Du willst dem Ding einfach die Schwerkraft klauen?“
„Eine vereinfachte, aber nicht falsche Beschreibung“, sagte die Wir Drei.
„Tu es“, sagte Thalor. „Jetzt.“
Auf dem Bildschirm löste sich der größere Lichtpunkt der Wir Drei aus der Hauptformation und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit auf das feindliche Kommandoschiff zu, die selbst KERUS‘ Anzeige für einen Moment ins Stocken brachte. Die Skarrun schienen die Bewegung zu bemerken – mehrere kleinere Schiffe lösten sich aus der Formation, um das Kommandoschiff abzuschirmen, doch die Wir Drei wich ihnen aus, als kenne sie ihre Bewegungen bereits, bevor sie ausgeführt wurden.
Dann, ohne Vorwarnung, veränderte sich das Muster auf dem Bildschirm. Drei der abschirmenden Skarrun-Schiffe brachen aus ihrer Formation aus und schwenkten scharf ein, direkt auf den Kurs der Wir Drei zu.
„Sie haben sie entdeckt“, sagte KERUS, und zum ersten Mal klang selbst die künstliche Intelligenz angespannt. „Abfangkurs in elf Sekunden.“
„Kannst du ausweichen?“, fragte Thalor scharf in Richtung Konsole.
„Nicht, ohne die Annäherung an das Kommandoschiff abzubrechen“, antwortete die Wir Drei ruhig, viel zu ruhig für das, was sie gerade sagte.
Mia war bereits über ihre Anzeige gebeugt, die Finger fliegend über das Display. „Warte – die drei Abfangjäger, ihre Formation hat eine Lücke, genau zwischen dem zweiten und dritten Schiff. Wenn die Reserve dort einen gezielten Vorstoß fährt –“
„– zieht das zwei von ihnen ab“, vollendete Ben, der ihr über die Schulter sah. „Mia, du bist unfassbar gut in sowas.“
Thalor gab die Koordinaten bereits weiter. „Ilyra, ein gezielter Vorstoß an dieser Position, sofort.“
Auf dem Hauptbildschirm löste sich eine kleine Gruppe aus der Hauptformation und stieß genau in die Lücke, die Mia gefunden hatte. Zwei der drei Abfangjäger drehten ab, um der neuen Bedrohung zu begegnen – nur einer blieb auf Kollisionskurs mit der Wir Drei.
„Ein einzelnes Schiff kann ich handhaben“, sagte die Wir Drei, für einen Sekundenbruchteil fast amüsiert. Der letzte Lichtpunkt näherte sich, wich im letzten Moment einem gezielten Manöver aus und zog ab, während die Wir Drei ihren Kurs unbeirrt fortsetzte.
„Sie ist fast dran“, flüsterte Lina, die Fingernägel tief in die Handflächen gegraben.
Für einen endlosen Herzschlag lang passierte nichts. Dann, ohne jedes sichtbare Aufblitzen, ohne jeden dramatischen Effekt, verlangsamte sich der Lichtpunkt des feindlichen Kommandoschiffs – zunächst kaum merklich, dann deutlicher, bis er schließlich vollkommen bewegungsunfähig in der Dunkelheit des Alls hing, umgeben von einem schwachen, schimmernden Feld.
„Ziel erreicht“, meldete die Wir Drei ruhig. „Das Kommandoschiff ist manövrierunfähig.“
Auf dem Hauptbildschirm begann sich fast augenblicklich etwas zu verändern. Die bisher so präzise koordinierten Bewegungen der Skarrun-Formation gerieten ins Stocken, einzelne Gruppen begannen unabhängig voneinander zu agieren, manche zögerten, andere reagierten zu spät auf Manöver der vereinten Streitkräfte, die sofort begannen, die entstehende Lücke zu nutzen.
„Ihre Koordination bricht zusammen“, bestätigte KERUS, und zum ersten Mal seit Beginn der Schlacht schwang in der Stimme der künstlichen Intelligenz etwas mit, das beinahe wie Erleichterung klang. „Ohne zentrale Steuerung agieren die Skarrun-Schiffe zunehmend unabgestimmt. Unsere Formation gewinnt an Boden.“
Ben stieß einen Laut aus, der zwischen Lachen und Schluchzen lag. „Sie hat’s geschafft. Sie hat es tatsächlich geschafft.“
Die folgenden Minuten – Lina hätte später nicht sagen können, ob es Minuten oder eine Ewigkeit gewesen waren – sahen sie zu, wie sich das Kräfteverhältnis auf dem Bildschirm langsam, aber unaufhaltsam zugunsten der vereinten Streitkräfte verschob. Ohne ihr Kommandoschiff wirkten die Skarrun zunehmend orientierungslos, einzelne Formationen zogen sich zurück, andere gerieten in Bedrängnis, bis schließlich, nach einer Zeit, die sich unmöglich in Minuten fassen ließ, die ersten Rückzugssignale in den feindlichen Kommunikationsmustern auftauchten.
An Bord des führungslosen Skarrun-Verbands hatte der Kommandant seine Entscheidung da bereits getroffen. „Angriff fortsetzen?“, fragte sein erster Offizier, die Stimme angespannt.
Der Kommandant schwieg einen Moment und sah auf die Anzeige, auf der sich Formation um Formation der unterschätzten Verteidiger neu ordnete. „Nein“, sagte er schließlich. „Rückzug. Unsere Aufklärung war falsch. Eine Zivilisation, die ihre Stärke zehntausend Jahre lang verbergen konnte, ist kein Gegner, den man ohne vollständige Informationen angreift.“
„Sie ziehen sich zurück“, sagte KERUS schließlich, mit einer Endgültigkeit, die den gesamten Raum in einer Sekunde von atemloser Anspannung in fassungsloses Schweigen verwandelte.
Niemand sagte zunächst etwas. Dann, langsam, wie aus weiter Ferne, begann Ben zu lachen – ein unsicheres, halb hysterisches Lachen, das sich schnell auch auf Mia und schließlich sogar auf Lina übertrug, während Thalor mit geschlossenen Augen dastand, als würde er zum ersten Mal seit Wochen wirklich durchatmen.
„Wir haben’s geschafft“, sagte Lina schließlich, kaum imstande, es selbst zu glauben. „Wir haben es wirklich geschafft.“
Thalor öffnete die Augen wieder und sah die drei an, mit einem Ausdruck, der alle Erschöpfung der letzten Tage in einem einzigen, warmen Moment aufzulösen schien. „Nicht wir allein“, sagte er. „Ihr habt das Kommandoschiff gefunden. Ohne euch beide“, er sah zu Ben und Mia, „wüssten wir bis heute nicht, wonach wir hätten suchen müssen.“
Mia wurde rot und schaute demonstrativ auf ihr Tablet, während Ben sich, ganz untypisch für ihn, für einen Moment gar keinen Kommentar einfallen ließ – bis er es doch nicht lassen konnte. „Also gut, offiziell bin ich jetzt der Typ, der mit auf Aliens-Kommandoschiffe spezialisierten Mustern rumhängt. Klingt komisch auf einer Bewerbung, aber ich nehm’s.“
Auf dem Bildschirm zog sich die letzte sichtbare Formation der Skarrun langsam aus dem Sonnensystem zurück, kleiner werdend, bis die einzelnen Lichtpunkte schließlich ganz in der Schwärze des Alls verschwanden. KERUS ließ die Darstellung noch einen Moment stehen, dann sagte sie leise: „Die unmittelbare Bedrohung ist vorüber.“
Lina spürte, wie die Anspannung der letzten zwei Wochen mit einem Mal aus ihrem Körper zu weichen schien, so plötzlich, dass ihr fast schwindelig wurde. Sie musste sich kurz an der Konsole abstützen, während neben ihr Ben bereits wieder anfing zu grinsen – dieses breite, unverschämte Grinsen, das sie in den letzten schweren Tagen so vermisst hatte, ohne es zu merken.
„Und jetzt?“, fragte Ben. „Feiern? Schlafen? Beides gleichzeitig, wenn’s irgendwie geht?“
„Jetzt“, sagte Thalor, „ruht ihr euch aus. Der Rest – was das für uns, für die Erde, für alles Weitere bedeutet – das können wir morgen besprechen.“
Zum ersten Mal seit Tagen klang das nach einem Plan, dem sich niemand von ihnen widersetzen wollte.
Kapitel 12 – Ein neues Gleichgewicht
Eine Woche nach der Schlacht saß Lina wieder auf der alten Mauer oberhalb des Kunstertals, ihr Notizheft auf den Knien, und beobachtete, wie die Sonne hinter den Baumkronen versank – fast genau wie an jenem ersten ruhigen Abend, mit dem alles begonnen hatte. Nur dass sich diesmal die Ruhe nicht mehr fremd anfühlte, sondern verdient.
Die Rückkehr in den Schulalltag war seltsamer gewesen, als sie erwartet hatte. Der Erdkundelehrer hatte tatsächlich, wie von Ben vorhergesagt, eine Stunde über Rohstoffvorkommen im Siegerland gehalten, und Lina hatte sich das Lachen nur mit Mühe verkneifen können, als er stolz die Kobaltvorkommen als „lokale Besonderheit von eher geringer wirtschaftlicher Bedeutung“ bezeichnete. Ihre Mutter hatte in derselben Woche endlich aufgehört zu fragen, ob mit ihr alles in Ordnung sei – nicht, weil sie aufgehört hätte, sich Sorgen zu machen, sondern weil Lina wieder anfing, tatsächlich normal zu essen, zu schlafen und zu lachen.
„Du schreibst schon wieder“, sagte Ben, der sich neben sie auf die Mauer schwang, als wäre nichts gewesen. „Steht da drin auch, wie ich im Alleingang das Kommandoschiff der Skarrun entdeckt hab?“
„Du und Mia zusammen“, korrigierte Lina, ohne aufzublicken. „Und ich glaube, sie würde dir widersprechen, wenn du dir das ‚im Alleingang‘ einfach so aneignest.“
„Details“, sagte Ben und winkte großzügig ab.
Mia kam von der anderen Seite den Pfad herauf, diesmal ohne das ständige leise Piepen der Sorge in der Tasche, das sie in den letzten Wochen begleitet hatte. „KERUS hat den offiziellen Abschlussbericht fertig“, sagte sie und ließ sich neben den beiden nieder. „Wollt ihr die Zusammenfassung, oder reicht euch ‚wir haben gewonnen‘?“
„Zusammenfassung, bitte“, sagte Lina.
Mia scrollte durch ihr Tablet. „Die Skarrun-Flotte hat sich vollständig aus dem Sonnensystem zurückgezogen. Die Weitgereisten haben in ihrem Namen offiziell Kontakt zu den Skarrun aufgenommen.“
„Verhandelt?“, fragte Lina. „Worüber denn?“
„Nicht wirklich verhandelt“, sagte Mia. „Eher eine klare Ansage. Keine Zugeständnisse unsererseits – die Weitgereisten haben den Skarrun nur mitgeteilt, dass das, was wir eingesetzt haben, nicht alles war, was uns zur Verfügung steht. Es gibt weitere Reserven, die abrufbereit bleiben.“
„Moment“, sagte Ben. „Das klingt verdächtig nach der Idee, die wir uns in der Nacht direkt nach der Schlacht mit Thalor und KERUS ausgedacht haben. Weißt du noch? Keine Drohung, aber auch kein Nachgeben.“
„Genau die“, bestätigte Mia mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln. „Thalor hat sie an die Weitgereisten weitergegeben, und die haben sie überbracht. Wir haben also, streng genommen, gerade unsere erste diplomatische Botschaft an eine fremde Zivilisation mitverfasst.“
„Und falls sie’s trotzdem noch mal versuchen?“, fragte Lina.
„Dann fällt die Reaktion beim nächsten Mal angepasst aus“, sagte Mia, mit einem Blick, der andeutete, dass sie die Formulierung wörtlich aus dem Bericht übernommen hatte. „KERUS wollte mir nicht genauer erklären, was das bedeutet. Ich glaube, das ist Absicht.“
„Klingt weniger nach Frieden und mehr nach: Wir lassen euch in Ruhe, solange ihr uns auch in Ruhe lasst“, sagte Lina.
„Ziemlich genau das“, bestätigte Mia. „Kein Handschlag, keine Freundschaft. Aber laut den Weitgereisten haben die Skarrun die Botschaft ohne Widerspruch angenommen – und das gilt in ihrer Kultur offenbar schon fast als Zustimmung.“
„Also sind wir jetzt offiziell zu schwierig für sie“, sagte Ben zufrieden. „Das darf ruhig auf meinem Grabstein stehen: ‚Zu anstrengend für Alien-Invasoren.‘“
„Das hoffe ich stark, dass das noch sehr, sehr lange dauert“, sagte Lina, der Seitenblick halb amüsiert, halb ernst gemeint. „Auch wenn ‘angepasste Reaktion’ nicht gerade nach einer Garantie klingt.“
Sie waren in den letzten Tagen noch einmal zur Station gegangen – nicht im Krisenmodus wie all die Male zuvor, sondern fast schon gemütlich, um sich von der Wir Drei zu verabschieden, die nach der Schlacht zusammen mit einem Großteil der Reserve wieder in eine ruhigere Position zurückgekehrt war, bereit, falls sie je wieder gebraucht würde.
Mia hatte sich als Erste getraut, eine Frage zu stellen, die sie offenbar schon länger beschäftigt hatte. „Was machst du jetzt eigentlich? Einfach wieder warten? Zehntausend Jahre, so wie vorher?“
„Nicht ganz so lange, hoffe ich“, hatte die Wir Drei geantwortet, mit einem Unterton, der beinahe nach trockenem Humor klang. „Aber im Kern: ja. Ich werde in Reichweite bleiben, für den Fall, dass ich wieder gebraucht werde. Das war schon immer meine Aufgabe.“
„Findest du das nicht einsam?“, hatte Lina gefragt, überrascht über die eigene Frage, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte.
Die Antwort hatte einen Moment auf sich warten lassen. „Ich wurde nicht für Gesellschaft gebaut“, hatte die Wir Drei schließlich gesagt. „Aber ich gebe zu, dass die letzten Tage mit euch drei anders waren als alles, was ich in den vorangegangenen Jahrtausenden erlebt habe. Angenehm anders.“
„Werden wir dich wiedersehen?“, hatte Ben gefragt, mit einer Offenheit, die selbst ihn selbst zu überraschen schien.
„Das hoffe ich nicht“, hatte die Wir Drei geantwortet, was zunächst ziemlich unhöflich geklungen hatte, bis sie hinzufügte: „Nicht, weil ich eure Gesellschaft nicht schätze. Sondern weil es bedeuten würde, dass ihr mich wieder braucht. Ich wünsche euch von Herzen, dass das nie wieder der Fall ist.“
Ben hatte darauf, ungewöhnlich für ihn, tatsächlich nichts Schlaues zu erwidern gehabt.
Thalor, der die letzten Tage sichtlich zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig geschlafen hatte, war ihnen bei diesem letzten Besuch besonders ruhig erschienen – nicht erschöpft, sondern auf eine Weise entspannt, die Lina an ihm kaum kannte.
„Ich wollte euch noch etwas sagen, bevor ihr geht“, hatte er gesagt, und für einen Moment hatte er gewirkt, als suche er nach den richtigen Worten, was bei ihm selten vorkam. „Als ich vor Jahren diese Station übernommen habe, dachte ich, meine Aufgabe sei es, zu warten und zu beobachten, bis eines Tages vielleicht jemand käme, der bereit wäre, das Wissen der Wächter weiterzuführen. Ich hatte nicht erwartet, dass dieser Jemand aus drei Schulkindern aus Struthütten bestehen würde, die sich als Ausrede für ihr Verschwinden über verdorbenen Pausenjoghurt streiten.“
„War doch eine gute Ausrede“, protestierte Ben.
„Das war sie“, gab Thalor zu, mit einem Anflug von echtem Lächeln. „Was ich sagen will: Ihr habt in den letzten Wochen mehr geleistet, als ich in Jahrzehnten allein je hätte leisten können. Nicht, weil ihr mehr wisst als ich. Sondern weil ihr auf eine Weise hinseht, zuhört und Zusammenhänge erkennt, die mir manchmal entgehen. Das ist keine Kleinigkeit.“
Mia wurde bei diesen Worten sichtlich verlegen, während Ben so tat, als müsse er dringend seinen Schuh binden, um seine gerötete Miene zu verbergen. Nur Lina hielt Thalors Blick stand, mit einem Gefühl, das ihr schwerfiel in Worte zu fassen – etwas zwischen Stolz und der ruhigen Gewissheit, dass sie an diesem Ort, in diesem Team, genau richtig war.
„Was jetzt mit den Werften passiert“, hatte er ihnen dann erklärt, „liegt nicht mehr in meiner Hand allein. Der Rat wird entscheiden, ob sie in Bereitschaft bleiben oder sich, bis auf die eine unter unserer Station, wieder in den tiefen Schlaf zurückziehen, aus dem sie erwacht sind. So oder so bleibt ihre Existenz ein Geheimnis – sicherer verwahrt als je zuvor, jetzt, da wir wissen, dass sie wirklich gebraucht werden können.“
„Und Kobalt?“, hatte Mia gefragt. „Ist das nicht immer noch ein Grund, warum irgendwer anders auf die Idee kommen könnte, herzukommen?“
„Eine berechtigte Sorge“, hatte Thalor zugegeben. „Aber jetzt, da wir wissen, wonach gesucht wird und wie es gefunden werden kann, sind wir wachsamer, als wir es je waren. KERUS überwacht die Region seither deutlich engmaschiger. Sollte sich noch einmal ein Streusignal, eine Sonde oder auch nur ein verdächtiges Loch im Waldboden zeigen – wir werden es diesmal sehr viel schneller bemerken.“
Ben hatte bei diesen Worten übertrieben militärisch salutiert. „Wächter des Kobalts, meldet sich zum Dienst.“
„Das“, hatte KERUS trocken kommentiert, „ist nicht der offizielle Titel.“
„Sollte er aber sein“, hatte Ben gefunden, und selbst Thalor hatte dabei nicht ganz ein Lächeln unterdrücken können.
Jetzt, eine Woche später, auf der vertrauten Mauer im letzten Licht des Tages, dachte Lina an all das zurück – an die kleinen, unscheinbaren Löcher im Waldboden, die alles ins Rollen gebracht hatten, an die Nächte vor der Konsole, an die Angst, die sich manchmal kaum hatte verbergen lassen, und an das stille, überwältigende Gefühl, als sich die Skarrun-Flotte endlich zurückgezogen hatte.
„Weißt du, was das Verrückteste an der ganzen Sache ist?“, sagte sie schließlich zu Ben und Mia.
„Dass wir das alles überlebt haben, ohne dass unsere Eltern je erfahren, wie knapp es war?“, riet Ben.
„Auch“, sagte Lina und musste lachen. „Aber ich meinte eher: Vor ein paar Wochen dachte ich, der Himmel über uns wäre einfach nur der Himmel. Jetzt weiß ich, dass unter uns eine ganze Flotte schläft, die genau dafür gebaut wurde, dass wir sicher weiter hier sitzen können, ohne es zu merken. Das ist schon ziemlich viel Vertrauen, das irgendwer vor zehntausend Jahren in eine Zukunft gesteckt hat, die er nie sehen würde.“
„Vielleicht“, sagte Mia langsam, „ist genau das der Punkt. Man baut nicht für sich selbst. Man baut für die, die nach einem kommen.“
Für einen Moment saßen sie einfach nur da, drei Freunde auf einer alten Mauer im Siegerland, während die letzten Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen verglühten und die ersten Sterne über dem Kunstertal auftauchten – dieselben Sterne, die vor wenigen Wochen plötzlich bedrohlich gewirkt hatten und die heute Abend einfach nur wieder schön waren.
„Wisst ihr, was ich mich frage?“, sagte Mia nach einer Weile. „Ob es da draußen noch mehr gibt, das wir nicht kennen. Nicht nur die Skarrun, nicht nur die Weitgereisten. Sondern noch ganz andere Sachen, von denen wir noch nicht mal wissen, dass wir sie nicht wissen.“
„Wahrscheinlich schon“, sagte Lina. „Das Universum ist groß. Größer, als ich mir vor ein paar Monaten hätte vorstellen können.“
„Solange die alle so höflich anklopfen wie die Skarrun mit ihren kleinen Löchern im Boden, komm ich klar“, sagte Ben. „Notfalls auch mit einer weiteren Invasionsflotte. Ich glaub, ich hab jetzt Übung.“
„Untersteh dich, das herauszufordern“, sagte Mia und stieß ihm sanft in die Seite.
„Ich hab gar nichts herausgefordert“, verteidigte sich Ben. „Ich hab nur festgestellt, dass wir’s könnten. Rein hypothetisch.“
„Ich glaub“, sagte Ben nach einer Weile, den Blick nach oben gerichtet, „ich könnte mich fast dran gewöhnen, dass es mal eine Weile ruhig bleibt.“
Lina wollte gerade zustimmen, als ihr Handy in der Tasche leise vibrierte – ein kurzes, unauffälliges Muster, das keiner der drei sofort einordnen konnte, weil es keinem der bisherigen Alarme glich. Sie zog es heraus und sah auf den Bildschirm, wo eine einzige, schlichte Nachricht von KERUS aufleuchtete.
„Nichts Dringendes“, stand dort. „Aber vielleicht interessant. Wenn ihr Zeit habt.“
Ben stöhnte theatralisch auf. „Ich hab’s gewusst. Ruhe hält bei uns nie länger als eine Woche.“
Doch als er dabei zu grinsen begann, klang es nicht wirklich nach einer Beschwerde.
Liebe Leserin, lieber Leser,
nun hast du das Ende dieses Abenteuers erreicht – und mit ihm hoffentlich ein wenig von dem Gefühl, das Lina, Ben und Mia am Ende dieser Geschichte mit sich tragen: die Gewissheit, dass man selbst der größten Bedrohung nicht hilflos ausgeliefert sein muss, wenn man zusammenhält, genau hinsieht und den Mut hat, auch dann weiterzumachen, wenn man nicht weiß, ob es reicht.
Was mir beim Schreiben dieser Geschichte besonders wichtig war: dass es am Ende nicht allein die große Flotte war, die den Unterschied gemacht hat, sondern drei Kinder, die genau hingeschaut haben, wo andere längst weitergegangen wären. Manchmal sind es die kleinen, unscheinbaren Dinge – ein Loch im Waldboden, ein ungewöhnliches Muster in einer Datenflut –, die am Ende alles verändern.
Das Siegerland, das in dieser Reihe so oft Schauplatz außergewöhnlicher Ereignisse wird, bleibt dabei immer das, was es ist: ein Zuhause. Ein Ort, an dem gewöhnliche Nachmittage genauso ihren Platz haben wie außergewöhnliche Abenteuer – und vielleicht ist gerade das der Grund, warum Lina, Ben und Mia am Ende jeder Geschichte wieder genau dorthin zurückkehren.
Ob diese kurze, nicht-dringende Nachricht von KERUS am Ende dieses Buches der Beginn eines neuen Abenteuers ist, wird sich zeigen. Bis dahin bleibt mir nur, dir für deine Zeit mit dieser Geschichte zu danken.
Bis zum nächsten Mal im Siegerland,
dein Autor
Noch nicht genug von Lina, Ben und Mia?
Die drei Freunde erleben noch viele weitere Abenteuer im Siegerland und darüber hinaus – von verborgenen Schätzen über vergessene Stollen bis hin zu Geheimnissen, die niemand mehr für möglich gehalten hätte.
Alle Bücher der Reihe findest du bei Amazon unter dem Suchbegriff „Lina Ben Mia“ oder unter dem Autorennamen Lothar Reuter.
Titel des Buches: Wächter des Siegerlands – Band 15 – Der Ruf des Kobalts
Autor: Lothar Reuter
Anschrift: Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland
E-Mail: LotharReuter@web.de
1. Auflage 2026
© 2026 Lothar Reuter. Alle Rechte vorbehalten.
Verantwortlich für den Inhalt:
Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland
Druck und Vertrieb:
Vertrieb der E-Book-Ausgabe: Amazon Kindle Direct Publishing
Die Inhalte dieses Buches unterliegen dem Urheberrecht. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors.
Haftungsausschluss
Dieses Buch ist eine fantastische Jugendgeschichte — geschrieben für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren. Die Inhalte enthalten fiktive sowie frei interpretierte historische und regionale Elemente.
Hinweis zu den verwendeten Abbildungen
Die im Buch enthaltenen Illustrationen wurden mithilfe von ChatGPT (OpenAI) nach inhaltlichen und gestalterischen Vorgaben des Autors KI-basiert erstellt.
Verwendetes Tool: ChatGPT (OpenAI) — https://chat.openai.com
Ein Weg, geprägt von Begegnungen
Lothar Reuter, geboren 1956 in Kreuztal, blickt auf ein vielseitiges Berufsleben zurück. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann war er viele Jahre im IT-Bereich eines Energienetzbetreibers tätig. Dabei begegnete er Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen und Verantwortungsbereichen — Erfahrungen, die seine Sicht auf Zusammenarbeit, Vertrauen und Kommunikation nachhaltig geprägt haben.
Seit seinem Ruhestand engagiert er sich aktiv in seiner Heimatregion, unter anderem im Heimatverein. Bereits zuvor war er in verschiedenen Vorstandsämtern örtlicher Vereine tätig.
Als Vater dreier erwachsener Kinder und stolzer Großvater von vier Enkelkindern schöpft er aus einem reichen Schatz persönlicher und beruflicher Erfahrungen.
Lothar Reuter lebt mit seiner Frau in Struthütten im Siegerland.
Ein persönliches Wort vorab
Mein herzlicher Dank gilt meiner Frau Anke Reuter.
Anke hat dieses Buch mit großer Sorgfalt mehrfach Korrektur gelesen und mir wertvolle Impulse zum Inhalt gegeben. Ihre Geduld, ihr kritischer Blick und ihre liebevolle Unterstützung haben maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Geschichte ihre heutige Form gefunden hat.
Viele Gedanken, Ideen und kleine Details dieses Buches wären ohne ihre Unterstützung nicht entstanden.
