Zur Buchreihe

Eine fantastische Jugendbuchreihe über Freundschaft, Geheimnisse und das Erbe einer verlorenen Welt.

Alte Zeichen, verborgene Orte, Geheimnisse tief unter den Bergen des Siegerlands.

Als Lina, Ben und Mia eine alte Spur aus der Vergangenheit entdecken, ahnen sie nicht, dass ihr Leben sich für immer verändern wird. Zwischen stillen Wäldern, vergessenen Stollen und uralten Anlagen stoßen die drei Freunde auf das Erbe einer längst verlorenen Welt.

Doch manche Geheimnisse schlafen nicht für immer.

Die Reihe „Wächter des Siegerlands“ verbindet Abenteuer, Mystery und Science-Fiction-Elemente mit der besonderen Atmosphäre des Siegerlands – erzählt für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren.

Vorwort

Manchmal beginnen die größten Abenteuer mit den kleinsten Dingen.

Mit einem alten Buch.
Mit einer geheimnisvollen Karte.
Oder mit einer Frage, die niemand beantworten kann.

Diese Geschichte erzählt von drei Kindern, die neugierig genug waren, genauer hinzusehen. Lina, Ben und Mia entdecken nicht nur ein uraltes Geheimnis tief unter den Bergen des Siegerlandes – sie entdecken auch, wie wichtig Mut, Freundschaft und Wissen sein können.

Denn wahre Stärke bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Wahre Stärke bedeutet, trotzdem weiterzugehen.

Vielleicht erinnert uns diese Geschichte daran, dass Lernen niemals langweilig ist. Dass Fragenstellen etwas Wunderbares ist. Und dass hinter manchen Türen Dinge verborgen liegen, die größer sind, als wir es uns vorstellen können.

Wer aufmerksam bleibt, neugierig denkt und seinen Freunden vertraut, kann manchmal Dinge entdecken, die andere längst vergessen haben.

Und vielleicht wartet irgendwo da draußen noch immer ein Geheimnis darauf, gefunden zu werden.

Viel Freude beim Lesen

Die drei Freunde

Lina (11)

Neugierig, klug und begeistert von Büchern. Lina liebt Geheimnisse und gibt nie auf, wenn sie etwas verstehen will.

Ben (10)

Witzig, mutig und ständig hungrig. Ben macht oft Späße, selbst wenn es gefährlich wird – aber auf ihn kann man sich verlassen.

Mia (9)

Ruhig, aufmerksam und sehr schlau. Mia bemerkt Dinge, die andere übersehen, und denkt oft einen Schritt weiter.

Gemeinsam.

So unterschiedlich Lina, Ben und Mia auch sind – erst zusammen werden sie wirklich stark.

Lina schenkt den anderen Mut.
Ben bringt Hoffnung und bringt selbst in schweren Momenten alle zum Lachen.
Und Mia erkennt oft den richtigen Weg, wenn andere längst aufgegeben hätten.

Denn wahre Stärke entsteht nicht durch Kraft allein.
Sondern durch Freundschaft, Vertrauen, Zusammenhalt und den Mut, füreinander da zu sein – selbst dann, wenn Angst den Weg verdunkelt.

Kapitel 1 – Das Buch in der Schulbibliothek

Lina liebte Bücher.

Während die meisten Kinder in der Pause draußen Fußball spielten oder laut über den Schulhof rannten, saß sie lieber in der kleinen Schulbibliothek. Dort war es ruhig. Es roch nach alten Seiten, Holz und ein bisschen nach Staub. Genau das mochte Lina.

Ihre beiden besten Freunde verstanden das nicht ganz, aber sie akzeptierten es. Ben und Mia kannten Lina, seit sie denken konnten. Sie wohnten in derselben Straße, gingen zusammen zur Schule und teilten fast alles: den Schulweg, die Hausaufgaben, die Geheimnisse. Nur bei Bens Keksen hörte das Teilen auf.

Heute allerdings war Lina allein. Ben hatte Nachsitzen wegen einer Wasserbombe, die angeblich „ganz von selbst“ aufgegangen war. Und Mia hatte noch Chorprobe, die zum Glück bald zu Ende sein musste.

An diesem Nachmittag regnete es schon den dritten Tag in Folge. Dicke Tropfen liefen an den Fensterscheiben herunter, und draußen drückten graue Wolken den Himmel fast bis auf die Dächer der Schule hinunter. Die Bibliothek war deshalb fast leer.

Lina schlenderte zwischen den Regalen hindurch und las die Buchtitel. Abenteuerromane. Tiergeschichten. Sagen. Sie liebte dieses Gefühl, wenn sie zwischen den Regalen stand und wusste, dass hinter jedem Buchrücken eine andere Welt wartete. Manche Bücher waren bunt und modern. Andere sahen aus, als hätten sie schon mehrere Schulleiter überlebt.

Dann entdeckte sie ganz oben in einem Regal ein besonders großes Buch. Es war dunkelbraun, dick und völlig eingestaubt.

„Das habe ich hier noch nie gesehen“, murmelte Lina.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und zog daran. Zuerst bewegte sich das Buch keinen Millimeter. Dann rutschte es plötzlich heraus. Eine Staubwolke wirbelte durch die Luft.

Lina hustete. „Okay … das Buch lebt.“

Auf dem Einband standen verblasste goldene Buchstaben: „Sagen und Geheimnisse des Siegerlandes“.

Das klang sofort spannend. Lina setzte sich an den Tisch am Fenster und schlug das Buch vorsichtig auf. Die Seiten waren vergilbt und rochen nach altem Papier.

Gerade begann sie zu lesen, als die Tür der Bibliothek aufging. Ben kam herein, frisch aus dem Nachsitzen entlassen. Seine Jacke war komplett durchnässt.

„Draußen schwimmt inzwischen wahrscheinlich der Parkplatz weg“, sagte er und schüttelte sich wie ein Hund.

„Ben!“, rief die Bibliothekarin streng.

„Tut mir leid“, sagte er grinsend.

Kurz darauf kam auch Mia herein, den Rucksack schon auf dem Rücken. Sie bemerkte sofort das riesige Buch auf dem Tisch.

„Was hast du denn da gefunden?“

Lina lächelte geheimnisvoll. „Kommt mal her.“

Die beiden setzten sich neben sie. Gemeinsam blätterten sie durch die alten Seiten. Darin standen Geschichten über verschwundene Burgen, alte Bergwerke und geheimnisvolle Stollen tief unter den Bergen des Siegerlandes.

Das Siegerland war berühmt für seine Erze. Besonders eines war selten und begehrt: Kobalt. Ein bläulich schimmerndes Metall, das Menschen aus fernen Ländern anzog – schon vor Tausenden von Jahren.

Lina kannte das alles halb aus Erzählungen. Ihr Vater hatte ihr früher oft von den alten Gruben erzählt, von Männern, die mit Lampen und Hämmern tief in die Berge gestiegen waren. Dass es dort unten noch Dinge geben sollte, die nie jemand gefunden hatte, hatte sie immer für Märchen gehalten.

„Das klingt irgendwie gruselig“, sagte Mia.

„Das klingt irgendwie cool“, sagte Ben gleichzeitig.

Mia verdrehte die Augen. „Du findest auch Monster cool.“

„Nur solange sie nicht mich fressen.“

Lina musste lachen und blätterte weiter. Dann blieb sie plötzlich stehen. Auf einer Seite war ein alter Schmied abgebildet. Darunter stand:

„Wieland der Schmied fertigte Schwerter, die härter und schärfer waren als alle anderen Waffen seiner Zeit.“

Ben hob beeindruckt die Augenbrauen. „Nicht schlecht.“

Doch darunter stand noch mehr. Lina las laut vor:

„Wieland fand tief im Berg geheime Aufzeichnungen aus uralter Zeit. Erst dadurch lernte er, Metalle zu formen, die kein Mensch zuvor bearbeiten konnte.“

Für einen Moment wurde es still. Draußen donnerte es.

Mia runzelte die Stirn. „Das klingt nicht wie eine normale Sage.“

„Vielleicht hat er einen Schatz gefunden“, sagte Ben.

„Du denkst immer sofort an Schätze“, sagte Mia.

„Natürlich. Niemand findet jemals zufällig langweilige Dinge.“

Lina las weiter. In dem Buch war von geheimen Stollen, verborgenen Eingängen und seltsamen Zeichen an Felswänden die Rede.

Eine Geschichte auf der nächsten Seite fiel ihr besonders auf. Sie handelte von Menschen, die vor langer Zeit am Fuß des Hohenseelbachskopfes gewohnt hatten. Nach jedem schweren Gewitter, so hieß es dort, hätten sie ein blaues Leuchten im Berg gesehen, als läge tief unter dem Boden ein Stück Himmel.

„Ein Stück Himmel im Berg“, sagte Mia leise. „Das ist ziemlich schön.“

„Oder es war ein Waldbrand“, sagte Ben. „Oder jemand hat sein Handy verloren.“

„Damals gab es noch keine Handys.“

„Dann eben eine Taschenlampe.“

Lina antwortete nicht. Sie las den Absatz noch einmal, langsamer diesmal. Dann blätterte sie weiter. Aber der Satz mit dem blauen Leuchten ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Zwischen zwei vergilbten Seiten entdeckte Lina plötzlich eine seltsame Zeichnung.

Sie zeigte ein großes Land mitten im Meer. Hohe Türme ragten daraus hervor, während gewaltige Wellen gegen die Küsten schlugen.

Über der Zeichnung stand nur ein einziges Wort:

Atlantis.

Ben verzog das Gesicht.

„Sieht eher aus wie ein Fantasyroman.“

Doch Lina bemerkte etwas anderes.

Mitten auf der Zeichnung befand sich ein seltsamer Kreis mit mehreren Linien.

„Moment mal.“

Vorsichtig zog sie ein zusammengefaltetes Papier heraus. Es war eine alte Karte. Die Ecken waren eingerissen, und manche Linien waren kaum noch zu erkennen. Die drei breiteten sie vorsichtig auf dem Tisch aus.

Darauf waren mehrere Berge eingezeichnet. Mitten durch einen davon verlief eine dünne schwarze Linie. Daneben stand: HOHENSEELBACHSKOPF.

„Den Namen kenne ich“, sagte Ben sofort. „Da waren wir mal wandern.“

Mia betrachtete die Karte genauer. Mitten im Berg war ein seltsames Zeichen eingezeichnet. Ein Kreis mit mehreren Linien – genau dasselbe Symbol wie auf der Atlantis-Zeichnung. Es tauchte auch auf anderen Seiten des Buches auf.

„Was bedeutet das?“, fragte Mia.

Lina zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Ben grinste breit. „Bestimmt ein Geheimgang zu einem Schatz.“

„Oder zu Spinnen so groß wie Hunde“, sagte Mia.

Ben wurde etwas blasser. „Okay. Vielleicht doch lieber ein Schatz.“

Dann entdeckte Lina am unteren Rand der Karte eine kleine verblasste Notiz. Sie beugte sich näher heran.

„Hier steht etwas.“

„Was denn?“, fragte Mia.

Lina las langsam vor: „Der Eingang zeigt sich erst nach starkem Regen.“

Die drei sahen gleichzeitig zum Fenster. Draußen prasselte der Regen weiter gegen die Scheiben.

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Ben war der Erste. „Also … das ist jetzt schon ziemlich unheimlich.“

„Und ziemlich spannend“, sagte Lina.

Mia betrachtete die Karte nachdenklich. „Glaubt ihr wirklich, dass es diesen Eingang gibt?“

Ben grinste wieder. „Das finden wir heraus.“

„Warte“, sagte Mia. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und fotografierte die Karte. Einmal im Ganzen, dann Ausschnitt für Ausschnitt.

Ben hob eine Augenbraue. „Die Karte ist nicht gefährlich, Mia.“

„Sie ist alt“, sagte Mia. „Alte Dinge gehen kaputt. Und wenn sie beim Zusammenfalten zerbröselt, haben wir wenigstens noch das Foto.“

Ben nickte widerwillig. „Das war leider ein sehr vernünftiger Grund.“

Lina klappte das Buch langsam zu. Der dumpfe Klang hallte leise durch die stille Bibliothek.

Irgendwie hatte sie plötzlich das Gefühl, dass genau in diesem Moment etwas begonnen hatte. Etwas Großes.

Die Bibliothekarin blickte zu ihnen herüber. „Die Schule schließt gleich.“

Die drei nickten. Lina nahm das schwere Buch in beide Arme und trug es zum Tresen.

„Du leihst das wirklich aus?“, fragte Ben.

„Natürlich“, sagte Lina. „Das hier ist viel zu spannend.“

Die Bibliothekarin drehte das Buch hin und her und runzelte die Stirn. „Merkwürdig“, murmelte sie. „So eins habe ich noch nie in der Hand gehabt. Dabei arbeite ich schon ziemlich lange hier.“ Dann zuckte sie mit den Schultern, stempelte eine Karte und schob sie über den Tresen. „Zwei Wochen. Und seid gut zu ihm. Alte Bücher sind empfindlich.“

„Wir sind immer lieb“, sagte Ben.

„Das ist die größte Lüge, die ich heute gehört habe“, sagte die Bibliothekarin, aber sie lächelte dabei.

Lina verstaute das Buch vorsichtig in ihrem Rucksack, zwischen Federmäppchen und Frühstücksdose.

Auf dem Flur blieb Ben stehen. „Mal ganz theoretisch“, sagte er. „Wenn man diesen Eingang wirklich finden wollte – wann wäre ein guter Zeitpunkt?“

„Nach dem Regen“, sagte Mia sofort. „Wenn der Boden ausgespült ist, aber nicht mehr so rutschig, dass man abstürzt.“

„Am Wochenende also“, sagte Lina.

„Wir könnten zelten“, schlug Ben vor. „Auf der Malscheid. Da gibt es eine Lichtung. Und Zelten ist ja nichts Gefährliches.“

„Mein Vater fährt uns bestimmt hin“, sagte Lina langsam. „Wenn wir versprechen, vernünftig zu sein.“

„Ich bin immer vernünftig“, sagte Ben.

Mia sah ihn an. „Du hast heute eine Wasserbombe geworfen.“

„Die ist von selbst aufgegangen.“

Die drei grinsten. Einen Plan hatten sie noch nicht, aber einen Anfang.

Gemeinsam gingen sie zur Tür. Draußen rauschte der Regen über den Schulhof. Und irgendwo tief unter den Bergen des Siegerlandes wartete etwas, das sehr lange verborgen gewesen war.

Kapitel 2 – Zelten auf der Malscheid

Am nächsten Samstag war der Regen endlich vorbei.

Zumindest fast.

Über dem Siegerland hingen noch graue Wolken, doch zwischen ihnen zeigte sich bereits die Abendsonne. Die Luft roch nach nassem Wald und frischer Erde. Für Lina, Ben und Mia war das perfektes Zeltwetter.

Linas Vater hatte sie am Nachmittag bis zum Waldrand gefahren. Dort hatte er ihnen noch mindestens zehnmal erklärt, dass sie in der Nähe der Lichtung bleiben, abends anrufen und keine gefährlichen Abenteuer anfangen sollten.

Bei dem Wort Abenteuer hatten die drei sich auffällig schnell angesehen.

„Warum guckt ihr so komisch?“, hatte er gefragt.

„Gar nicht“, sagte Ben sofort. „Das ist mein verantwortungsbewusstes Gesicht.“

Mia musste sich das Lachen verkneifen.

Kurz darauf fuhr das Auto davon, und die drei standen allein am Waldrand. Vor ihnen führte ein schmaler Weg zwischen hohen Fichten hindurch.

Ben zog an seinem viel zu schweren Rucksack. „Warum fühlt sich das an, als hätte ich einen Kühlschrank eingepackt?“

„Was hast du denn alles dabei?“, fragte Mia.

„Schlafsack, Taschenlampe, Kekse, Ersatzkekse, Notfallkekse …“

Lina sah ihn an. „Was bitte sind Notfallkekse?“

Ben wirkte beleidigt. „Man weiß nie, wann ein Keksnotfall passiert.“

Kopfschüttelnd ging Lina voran. Der Wald wurde dichter, je höher sie kamen. Wasser tropfte noch von den Ästen, und zwischen den Felsen wuchs dickes Moos.

Hier oben war früher überall gegraben worden. Zwischen den Bäumen sah man flache Mulden und alte, von Moos überwucherte Halden – die Spuren der Bergleute, die vor langer Zeit nach Erz gesucht hatten. Manchmal blieb Lina stehen und strich mit der Hand über einen Stein, der auffällig bläulich schimmerte.

„Du redest schon wieder mit Steinen“, sagte Ben.

„Ich rede nicht. Ich schaue.“

„Das sieht von hinten genauso aus.“

Lina dachte die ganze Zeit an das alte Buch aus der Bibliothek. An die Karte. Und an den Satz: Der Eingang zeigt sich erst nach starkem Regen.

Natürlich waren sie nur zum Zelten hier. Jedenfalls offiziell.

Nach etwa zwanzig Minuten erreichten sie eine kleine Lichtung. „Perfekt“, sagte Lina.

Ben ließ seinen Rucksack fallen. „Meine Schultern bedanken sich.“

Das Zelt aufzubauen dauerte deutlich länger als geplant. Vor allem, weil Ben überzeugt war, dass die Zeltstangen falsch gebaut worden waren.

„Die Stange ist krumm“, behauptete er.

„Du hältst sie falsch herum“, sagte Mia.

„Nein. Sie arbeitet gegen mich.“

„Letzte Woche hast du bei euch zu Hause den Toaster repariert“, sagte Lina. „Mit einem Küchenmesser und einem Draht.“

„Ein Toaster hat keine eigene Meinung“, sagte Ben. „Eine Zeltstange schon.“

Nach mehreren Diskussionen stand das Zelt schließlich doch. Es war leicht schief. Aber es stand.

„Sieht professionell aus“, sagte Ben.

„Es sieht müde aus“, sagte Mia.

Lina lachte.

Während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand, richteten sie ihr kleines Lager ein. Sie rollten die Schlafsäcke aus und sammelten Holz für ein kleines Lagerfeuer.

Über den Fichten klarte der Himmel langsam auf. Die Wolken rissen auseinander, und zwischen ihnen blinkte der erste Stern.

„Wünscht euch was“, sagte Mia.

Ben schloss die Augen und murmelte etwas, das verdächtig nach „Pizza“ klang. Mia wünschte sich, dass alles gut ausgehen möge. Und Lina wünschte sich, dass sie das, was auf der Karte stand, wirklich finden würden. Wie gefährlich dieser Wunsch war, ahnte sie in diesem Moment noch nicht.

Der Wald wirkte jetzt anders als am Nachmittag. Dunkler. Ruhiger. Fast so, als würde er lauschen.

Mia bemerkte es ebenfalls. „Findet ihr nicht auch, dass es hier oben seltsam still ist?“

Lina nickte. Man hörte nur den Wind in den Baumwipfeln und das gelegentliche Knacken kleiner Äste.

Ben kaute auf einem Müsliriegel. „Ich finde, es klingt nach Abendessen.“

„Du hast gerade gegessen“, sagte Mia.

„Das war Vorbereitung.“

Später saßen sie vor dem Zelt und aßen Brote und Bens berühmte Notfallkekse. Lina schaute auf ihr Handy. Ein Balken Empfang. Schnell tippte sie eine Nachricht an ihren Vater: Alles gut, Zelt steht. Gerade noch rechtzeitig. Dann war der Balken auch schon wieder weg.

„Wir müssen morgen früh rechtzeitig zurück sein“, sagte sie. „Sonst ruft mein Vater garantiert die halbe Feuerwehr.“

„Dann sollten wir ihm lieber nicht erzählen, dass unser Zelt aussieht, als hätte es schon aufgegeben“, sagte Mia.

Ben nickte ernst. „Das Zelt hat Charakter.“

Das Feuer knisterte leise. Die Flammen warfen tanzende Schatten auf die Stämme der Fichten, und irgendwo weit entfernt rief ein Kauz. Ben starrte eine Weile in die Glut und sagte nichts. Für seine Verhältnisse war das erstaunlich lang.

„Weißt du, warum ich immer Witze mache?“, fragte er plötzlich.

Mia sah ihn an. „Weil du gern Aufmerksamkeit hast?“

„Auch. Aber vor allem, weil die Angst kleiner wird, wenn man darüber lacht.“ Er stocherte mit einem Stock im Feuer. „Das klappt nicht immer. Aber oft.“

Lina und Mia schwiegen einen Moment.

„Dann mach weiter“, sagte Lina schließlich. „Aber du darfst auch mal Angst haben, ohne zu lachen. Dafür sind wir ja da.“

Ben zuckte mit den Schultern, aber seine Ohren wurden rot. „Sagt das bloß keinem in der Schule“, murmelte er. „Ich habe einen Ruf zu verlieren.“

„Welchen?“, fragte Mia.

„Den als Held der Kekse.“

Dann lachten alle drei. Und die Dunkelheit zwischen den Bäumen kam ihnen für einen Augenblick ein kleines Stück weniger groß vor.

Als es dunkler wurde, beschlossen sie, noch mehr trockenes Holz zu suchen.

„Trockenes Holz nach drei Tagen Regen“, murmelte Ben. „Einfache Aufgabe.“

Die drei teilten sich auf, blieben aber nahe der Lichtung. Ben lief ein Stück weiter zwischen die Felsen. Dort war der Boden vom Regen ausgespült worden.

Zwischen zwei großen Steinen bemerkte er plötzlich etwas Dunkles. Er trat näher.

Das Regenwasser vom Hang hatte sich einen Weg gesucht. Dünne Rinnsale liefen zwischen den Felsen entlang und verschwanden mit leisem Gluckern in einer Öffnung im Stein, als würde der Berg trinken. Dort, wo das Wasser die Erde weggespült hatte, lag etwas frei, das jahrelang unter Moos und Wurzeln verborgen gewesen war.

Ein schmaler Spalt verlief zwischen den Felsen. Und dahinter lag keine normale Felsspalte. Dahinter führte ein Gang in den Berg.

Ben schluckte. Kühle Luft strömte ihm entgegen. Der Gang wirkte glatt. Fast bearbeitet.

Sofort musste Ben an das Buch denken. Und an die Karte.

„Okay“, murmelte er. „Das ist definitiv kein normales Loch.“

Vorsichtig schob er einige Zweige zur Seite. Der Spalt wurde größer. Dahinter verschwand der Gang in der Dunkelheit.

Ben starrte hinein. Dann drehte er sich abrupt um und rannte zurück zur Lichtung.

„Lina! Mia!“

Die beiden sahen sofort auf.

„Was ist passiert?“, fragte Lina.

Ben blieb keuchend stehen. „Ich habe etwas gefunden.“

„Bitte sag mir, dass es trockenes Holz ist“, sagte Mia.

„Viel besser. Da hinten ist ein Eingang im Felsen. Ein richtiger Gang.“

Lina stand sofort auf. „Bist du sicher?“

„Ich glaube nicht, dass Felsen normalerweise Geheimgänge haben.“

Wenige Minuten später standen die drei vor dem schmalen Spalt. Ben leuchtete mit seiner Taschenlampe hinein. Der Lichtkegel glitt über glatte Steinwände. Der Gang führte schräg nach unten.

Lina kniete sich hin und strich mit den Fingern über den Stein. „Das ist nicht natürlich.“

Mia zog die alte Karte hervor. „Die Linie auf der Karte verlief ungefähr in diese Richtung.“

Ben verschränkte unsicher die Arme. „Eigentlich würden Erwachsene jetzt sagen: Geht da nicht rein.“

„Und sie hätten wahrscheinlich recht“, meinte Mia.

Trotzdem wich keiner zurück. Der dunkle Gang zog sie förmlich an.

Dann hörten sie ein Geräusch. Ganz tief aus dem Berg. Ein leises rhythmisches Summen. Nicht laut. Aber deutlich.

Ben hob langsam die Taschenlampe. „Bitte sagt mir, dass das nur mein Magen war.“

„Das war nicht dein Magen“, flüsterte Mia.

Lina wusste genau, dass sie umdrehen sollten. Zurück zum Zelt. Einen Erwachsenen holen. Aber gleichzeitig wusste sie auch, dass sie gerade etwas entdeckt hatten, das seit sehr langer Zeit verborgen gewesen war.

„Wir gehen nur kurz rein“, sagte Mia.

Ben sah sie an. „Und genau so beginnt immer Ärger.“

„Dann eben wirklich nur kurz“, sagte Lina. „Wir bleiben zusammen.“

Ben seufzte. „Gut. Aber wenn da drin irgendwas wohnt, renne ich zuerst.“

„Sehr mutig“, sagte Mia trocken.

Bevor sie hineingingen, hob Lina die Hand. „Drei Regeln“, sagte sie. „Erstens: Keiner geht allein. Zweitens: Wenn einer von uns Stopp sagt, ist Stopp. Egal, warum. Und drittens: Wir gehen nur so weit, wie wir auch wieder zurückfinden.“

Ben sah sie beeindruckt an. „Das waren drei ziemlich vernünftige Regeln.“

„Ich habe sie von meinem Vater“, sagte Lina. „Er sagt sie jedes Mal, wenn ich mit dem Fahrrad zu weit wegfahre.“

Mia nickte ernst. „Dann sind es gute Regeln.“

Dann duckte sich Lina als Erste in den schmalen Gang. Hinter ihr folgte Mia. Ben blieb noch einen Moment draußen stehen und blickte zurück zur Lichtung.

„Wenn das Zelt umfällt, war es nicht meine Schuld“, murmelte er.

Dann folgte auch er den anderen.

Der Gang verschluckte das Licht ihrer Taschenlampen.

Kapitel 3 – Der verborgene Eingang

Kühle Luft strömte ihnen entgegen, während ihre Schritte dumpf durch den engen Gang hallten.

Hinter Lina lief Mia. Ben kam als Letzter.

„Ich möchte nur festhalten“, murmelte er, „dass das hier offiziell die gruseligste Zeltnacht meines Lebens ist.“

„Du zeltest zum ersten Mal“, sagte Mia.

„Eben. Schlechter Start.“

Trotzdem ging keiner zurück.

Der Gang führte leicht bergab. Die Luft roch nach nassem Stein. Manchmal tropfte irgendwo Wasser von der Decke. Und tief vor ihnen erklang weiterhin dieses seltsame Summen. Leise. Regelmäßig. Fast wie eine Maschine.

Mia zählte leise ihre Schritte mit. „Hundertzwanzig“, flüsterte sie. „Immer geradeaus, leicht bergab, keine Abzweigung.“

„Du zählst?“, fragte Ben.

„Wir wollen ja auch wieder herausfinden.“

Lina warf einen Blick auf ihr Handy. Kurz nach zehn. Kein Empfang mehr, nicht einmal ein halber Balken. Sie dachte an ihren Vater und an das Versprechen, nichts Gefährliches zu tun. Aber ein Gang war ja nicht gefährlich. Er war nur … ungewöhnlich.

„Das ist genau der Satz, den die Leute in Filmen sagen, kurz bevor es schiefgeht“, sagte Ben, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Ich habe gar nichts gesagt.“

„Du hast es sehr laut gedacht.“

Lina leuchtete die Wände an. Der Stein war ungewöhnlich glatt.

„Das sieht nicht wie eine normale Höhle aus“, sagte sie.

Mia nickte. „Fast wie ein Tunnel.“

Ben sah sich nervös um. „Bitte sagt mir, dass hier unten nicht plötzlich jemand wohnt.“

„Vielleicht nur ein paar freundliche Fledermäuse“, meinte Mia.

Ben blieb sofort stehen. „Warum sagst du sowas?“

Mia grinste. „Weil du jedes Mal dieselbe Reaktion hast.“

Die Schritte der Kinder hallten dumpf durch den Gang. Je weiter sie gingen, desto stiller wurde alles hinter ihnen. Der Wald war verschwunden. Jetzt gab es nur noch Dunkelheit, Stein und das tiefe Summen.

Die Luft veränderte sich. Sie war nicht mehr feucht und modrig wie am Anfang, sondern kühl und trocken, fast so wie in einem Zimmer, in dem lange niemand gewesen war. Und trotzdem roch es nicht nach Staub. Es roch nach nichts. Als hätte jemand diesen Ort sorgfältig aufbewahrt.

Dann blieb Lina plötzlich stehen. „Seht euch das an.“

An der rechten Wand verliefen seltsame Linien im Stein. Zuerst sahen sie wie Kratzer aus. Doch als Mia näher leuchtete, erkannte sie Formen: Kreise, Linien und kleine Zeichen.

Ben trat vorsichtig näher. „Das sieht aus wie Geheimschrift.“

„Oder wie dein Matheheft“, sagte Mia.

„Mein Matheheft beleidigt wenigstens keine Menschen.“

Lina strich vorsichtig über die Zeichen. Die Oberfläche fühlte sich glatt an. Fast poliert.

„Die sind absichtlich gemacht worden.“

Mia zog die alte Karte hervor. „Das Symbol hier!“

Sie zeigte auf den Kreis mit den Linien. Dasselbe Zeichen war auch auf der Karte eingezeichnet.

Ben bekam wieder dieses komische Gefühl im Bauch. „Das gefällt mir nicht.“

„Du hast vor zehn Minuten noch Notfallkekse gegessen“, sagte Mia.

„Ja. Die helfen aber nicht gegen Geheimtunnel.“

Plötzlich erklang das Summen erneut. Diesmal deutlich lauter. Die Kinder wurden sofort still. Es kam direkt aus der Tiefe des Berges.

Lina spürte eine Gänsehaut.

„Vielleicht sollten wir langsam zurückgehen“, sagte Mia vorsichtig.

Doch genau in diesem Moment geschah etwas.

Eines der Zeichen an der Wand begann schwach blau zu leuchten. Das Licht wanderte langsam durch die Linien. Fast wie flüssige Energie.

„Okay“, flüsterte Ben. „Das ist definitiv nicht normal.“

Das blaue Leuchten wurde stärker. Dann erklang ein tiefes Geräusch.

RUMM.

Vor ihnen bewegte sich die Felswand. Ganz langsam schob sich ein Teil des Steins zur Seite. Dahinter erschien ein weiterer Gang.

Die Kinder starrten sprachlos darauf.

„Das war eben noch nicht da“, sagte Ben.

„Danke für die wichtige Information“, meinte Mia.

Lina leuchtete vorsichtig hinein. Der neue Gang wirkte anders als der alte. Glatter. Die Wände sahen fast aus wie dunkles Metall. Und tief darin pulsierte schwaches blaues Licht.

Ben verschränkte unsicher die Arme. „Eigentlich wäre jetzt ein guter Zeitpunkt zum Weglaufen.“

„Und trotzdem bleibst du hier“, sagte Lina.

Ben seufzte. „Weil ich später sonst nicht glauben würde, was ihr erlebt habt.“

Mia betrachtete den geöffneten Gang nachdenklich. „Vielleicht hat sich die Tür durch die Zeichen geöffnet.“

„Eine Tür im Berg“, murmelte Ben. „Ganz normal.“

Kühle Luft strömte aus dem neuen Gang. Sie fühlte sich trockener an als zuvor. Fast künstlich.

Dann ging plötzlich Bens Taschenlampe aus.

KLICK.

„Nicht jetzt!“, rief er erschrocken.

Er schüttelte die Lampe. Nichts.

Lina hielt ihre eigene Lampe hoch. Für einen Moment standen sie im schwachen blauen Licht des Ganges. Es war still. Zu still.

Dann hörten sie etwas hinter sich. Ein leises Rascheln.

Ben erstarrte. „War das eine freundliche Fledermaus?“

Mia leuchtete zurück. Ein kleiner Stein rollte den Gang hinab und blieb direkt vor ihren Füßen liegen. Von der Decke rieselte Staub.

Das Lachen verging ihnen.

„Der Eingang könnte sich wieder schließen“, sagte Lina leise.

In diesem Moment funktionierte Bens Lampe wieder.

„Ha“, sagte er mit dünner Stimme. „Ich bin technisch begabt.“

„Du hast sie geschlagen“, sagte Mia.

„Und es hat funktioniert.“

Sie gingen weiter. Der neue Gang war vollkommen eben. Der Boden fühlte sich glatt an. Fast nicht mehr wie Stein. Nirgendwo waren Lampen zu sehen, trotzdem leuchteten die Wände in warmem Blau.

Ben klopfte mit dem Knöchel gegen die Wand. Es klang nicht hohl und nicht dumpf, sondern wie das Anschlagen einer sehr großen Glocke, nur viel leiser. Der Ton hielt sich eine Weile in der Luft und verschwand dann ganz langsam.

„Warum macht ihr so ein Gesicht?“, fragte er, als die beiden anderen ihn anstarrten. „Ich wollte nur wissen, ob jemand zu Hause ist.“

„Und?“, fragte Mia.

„Niemand hat aufgemacht. Das ist entweder sehr gut oder sehr schlecht.“

„Wie kann das funktionieren?“, fragte Mia.

Lina leuchtete die Wände an. Überall verliefen dieselben bläulichen Adern im Stein. Mia beugte sich näher heran, und plötzlich fiel ihr etwas ein.

„Kobalt“, flüsterte sie. „Das ist Kobalt. Deshalb leuchtet hier alles blau.“

Eine Weile sagte niemand etwas. Dann nickte Lina langsam. „Aber warum leuchtet Kobalt von selbst?“ Darauf wusste keiner von ihnen eine Antwort.

Das Summen wurde immer lauter. Dann machte der Gang eine letzte Kurve.

Vor ihnen öffnete sich ein riesiger Raum.

Die Kinder hielten gleichzeitig den Atem an.

Überall standen seltsame Maschinen. Manche blinkten schwach blau. Andere bewegten sich langsam und lautlos. Die Wände bestanden aus dunklem Metall, das in warmem Blau schimmerte.

Und mitten in der gewaltigen Halle stand etwas Riesiges: eine schwarze Röhre, mindestens so groß wie ein Haus. Ihre Oberfläche glänzte gleichzeitig wie Glas und Metall. Das tiefe Summen kam direkt von ihr.

Ben schluckte. „Okay“, sagte er langsam. „Das ist offiziell viel schlimmer als Fledermäuse.“