Zur Buchreihe

Eine fantastische Jugendbuchreihe über Freundschaft, Geheimnisse und das Erbe einer verlorenen Welt

Alte Zeichen, verborgene Orte, Geheimnisse tief unter den Bergen des Siegerlands.

Als Lina, Ben und Mia eine alte Spur aus der Vergangenheit entdecken, ahnen sie nicht, dass ihr Leben sich für immer verändern wird. Zwischen stillen Wäldern, vergessenen Stollen und uralten Anlagen stoßen die drei Freunde auf das Erbe einer längst verlorenen Welt.

Doch manche Geheimnisse schlafen nicht für immer.

Die Reihe „Wächter des Siegerlands“ verbindet Abenteuer, Mystery und Science-Fiction-Elemente mit der besonderen Atmosphäre des Siegerlands — erzählt für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren.

Vorwort

Habt ihr euch schon einmal gefragt, ob an alten Geschichten vielleicht doch etwas wahr ist?

Ob geheimnisvolle Orte mehr verbergen, als Menschen glauben?

Im Siegerland gibt es Wälder voller dunkler Felsen, alte Wege und Plätze, die schon vor Tausenden von Jahren wichtig waren. Viele Menschen laufen heute daran vorbei, ohne zu ahnen, welche Geschichten dort noch warten.

Auch Lina, Ben und Mia glauben zuerst, dass der Schulausflug zum Druidenstein ein ganz normaler Tag wird.

Bis sie etwas entdecken, das dort eigentlich nicht sein dürfte.

Ein altes Zeichen. Eine fehlende Spur. Und Hinweise, die immer tiefer in die Vergangenheit führen.

Schon bald merken die drei Freunde, dass jemand vor sehr langer Zeit etwas Wichtiges bewahren wollte.

Doch manche Geheimnisse schlafen nicht für immer.

Begleitet Lina, Ben und Mia auf ihrer Suche durch alte Wälder, versteckte Zeichen und Orte, an denen die Steine mehr erzählen, als man zuerst sieht.

Aber passt gut auf:

Die Steine sprechen nur mit denen, die wirklich zuhören.

Was bisher geschah …

Lina, Ben und Mia entdeckten unter dem Hohenseelbachskopf eine verborgene Station aus uralter Zeit. Dort fanden sie Hinweise auf Atlantis und begegneten den geheimnisvollen Wächtern.

Seitdem führen alte Zeichen, vergessene Orte und rätselhafte Hinweise die drei Freunde immer tiefer in ein Geheimnis, das mit den Bergen des Siegerlands und einer uralten Warnung verbunden zu sein scheint.

Doch manche Geheimnisse schlafen nicht für immer …

Die drei Freunde

Lina (11)

Neugierig, klug und begeistert von Büchern. Lina liebt Geheimnisse und gibt nie auf, wenn sie etwas verstehen will.

Ben (10)

Witzig, mutig und ständig hungrig. Ben macht oft Späße, selbst wenn es gefährlich wird — aber auf ihn kann man sich verlassen.

Mia (9)

Ruhig, aufmerksam und sehr schlau. Mia bemerkt Dinge, die andere übersehen, und denkt oft einen Schritt weiter.

Gemeinsam.

So unterschiedlich Lina, Ben und Mia auch sind — erst zusammen werden sie wirklich stark.

Lina schenkt den anderen Mut.

Ben gibt Hoffnung und bringt selbst in schweren Momenten alle zum Lachen.

Und Mia erkennt oft den richtigen Weg, wenn andere längst aufgegeben hätten.

Denn wahre Stärke entsteht nicht durch Kraft allein.

Sondern durch Freundschaft, Vertrauen, Zusammenhalt und den Mut, füreinander da zu sein — selbst dann, wenn Angst den Weg verdunkelt.

Kapitel 1 — Der Schulausflug

Der Reisebus kämpfte sich schnaufend die letzte Kurve hinauf. Regenwasser lief über die Scheiben. Zwischen den grauen Wolken brach Sonnenlicht hindurch und ließ den nassen Wald glitzern. Hohe Fichten standen dicht an dicht, und dazwischen ragten dunkle Basaltfelsen aus dem Boden.

Im Bus war es laut.

Sehr laut.

Jemand warf Papierkügelchen durch die Reihen, zwei Kinder stritten darüber, ob man mit drei Broten und einer Banane einen Wandertag überleben konnte, und vorne versuchte Frau Krämer seit zehn Minuten, Ruhe herzustellen.

„Denkt bitte daran“, sagte sie erschöpft, „wir besuchen heute ein Naturdenkmal.“

„Ich bin auch ein Naturdenkmal“, murmelte Ben.

Mia blickte nicht einmal von ihrem Flyer auf. „Eher ein Warnhinweis.“

Lina konnte sich ein Lachen kaum verkneifen.

Seit dem Abenteuer unter dem Hohenseelbachskopf fühlte sich Schule manchmal seltsam normal an. Klassenarbeiten, Hausaufgaben, Sport — alles wirkte kleiner, nachdem sie tief unter einem Berg eine Atlantis-Station entdeckt hatten. Darüber sprachen sie fast nie. Nicht in der Schule, nicht vor Erwachsenen und schon gar nicht im Bus voller Kinder.

Aber manchmal genügte ein Blick. Dann wussten alle drei sofort, woran die anderen dachten. Lina wusste, woran Mia gerade dachte. Und sie wusste, woran Ben dachte, auch wenn er so tat, als würde er die Regentropfen an der Scheibe zählen.

An die Halle.

An das blaue Licht, das sich über Wände und Boden gelegt hatte, ruhig und warm, als wollte es sie willkommen heißen. An ihre Schritte, die in der Weite so leise geklungen hatten. Und an Thalor, dessen Stimme ihre Angst irgendwann einfach verschwinden ließ.

„Passt gut auf eure Welt auf.“

Diesen Satz hatte Lina seitdem nicht mehr vergessen. Manchmal fiel er ihr mitten im Matheunterricht ein. Oder beim Zähneputzen. Oder abends, kurz bevor sie einschlief.

Er klang nicht wie eine Bitte. Eher wie etwas, das man jemandem anvertraut. Und genau das machte ihr ein klein wenig Angst. Denn wie passte man auf eine ganze Welt auf, wenn man gerade erst elf war und für den Rest des Tages nur einen Rucksack voller Butterbrote bei sich hatte?

„Du siehst aus, als würdest du die Weltrettung planen“, flüsterte Ben von hinten.

„Ich plane nur, ob ich mein Brot vor oder nach dem Felsen esse.“

„Gute Antwort. Ich wollte nur sichergehen, dass du nicht ohne mich anfängst.“

Lina drehte sich um. Ben zeigte sein übliches schiefes Grinsen, doch seine Augen waren für einen Moment ganz ernst.

Der Bus bog um die letzte Kurve. Dann tauchte der Druidenstein auf. Mehrere Kinder drückten die Gesichter gegen die Scheiben.

„Wow.“

Sogar Ben brachte eine Weile kein Wort heraus. Der Felsen ragte wie eine versteinerte Flamme aus dem Wald. Dunkler Basalt türmte sich zwischen den Bäumen auf. Nebel zog langsam um die Spitzen.

„Der sieht aus wie ein Drachenrücken“, sagte Lina leise.

„Oder wie ein Ort, an dem man verflucht wird“, ergänzte Ben.

„Du glaubst wirklich, jeder Wald sei gefährlich“, meinte Mia.

„Nicht jeder Wald. Nur die Wälder, in denen wir unterwegs sind.“

Der Bus hielt. Sofort begann Geraschel. Rucksäcke wurden gesucht, Jacken angezogen, und drei Kinder behaupteten gleichzeitig, ihre Brotdosen seien verschwunden. Ben griff nach seinem Rucksack.

Dann erstarrte er.

„Ähm.“

Sein Rucksack bewegte sich.

Lina starrte ihn an. „Bitte sag mir, dass da keine lebende Überraschung drin ist.“

Ben öffnete langsam die Seitentasche. Ein kleines graues Kätzchen blickte heraus und miaute empört.

Mia brauchte drei Sekunden, bevor sie wieder Luft bekam. „Wie schafft man das?“

„Nicht absichtlich! Die saß heute Morgen in unserem Hof!“

Das Kätzchen kletterte seinen Ärmel hoch.

„Sieht aus, als hätte sie dich adoptiert“, sagte Lina.

Genau in diesem Moment erschien Frau Krämer. Sie sah auf die Katze. Dann auf Ben. Dann wieder auf die Katze.

„Benjamin.“

Ben hob entschuldigend die Schultern. „Überraschung?“

Zehn Minuten später saß die Katze vorne beim Busfahrer in einer leeren Getränkekiste, bekam Wasser aus einem Plastikdeckel und wurde von der halben Klasse bewundert.

„Du hast beinahe eine Katze zum Druidenstein geschmuggelt“, meinte Mia, als sie den Wanderweg hinaufgingen.

„Nicht beinahe“, sagte Ben stolz. „Technisch gesehen habe ich es geschafft.“

Der Wald roch nach nasser Erde und Moos. Wasser tropfte von den Ästen. Vorne erklärte ein Museumsführer etwas über vulkanisches Gestein. Die meisten Kinder hörten ungefähr zwanzig Sekunden zu.

„Der Druidenstein entstand vor Millionen Jahren durch vulkanische Aktivität“, erklärte der Mann.

Ben beugte sich zu Lina. „Wenn er gleich Lava erwähnt, gehe ich zurück zur Katze.“

Mia seufzte. „Du hältst sogar heißen Kakao für gefährlich.“

„Weil ich mir daran schon mal die Zunge verbrannt habe.“

Der Weg wurde schmaler. Links fiel der Hang ab, rechts ragten dunkle Basaltsäulen empor. Lina blieb automatisch etwas zurück.

Nicht absichtlich. Sie beobachtete nur gern genauer als andere.

Vor ihr wurde die Gruppe kleiner und leiser, je höher der Weg stieg. Stimmen verwehten zwischen den Stämmen, dazu das Rascheln von Jacken und ab und zu Frau Krämers Ruf: „Bleibt zusammen!“

Lina ließ den Blick über die Basaltsäulen wandern. Manche standen gerade wie Kerzen, andere schief wie müde Riesen. Dunkle Streifen zogen sich über den Stein, dort, wo das Regenwasser entlanggelaufen war, und Flechten klebten wie grüne Münzen an den Kanten.

Früher hätte sie gesagt: Das ist ein schöner Felsen. Jetzt fragte sie sich: Wer hat hier schon einmal gestanden und genau dasselbe gesehen? Es war ein merkwürdiger Gedanke, und er war seit der Station nicht mehr verschwunden. Als hätte jemand in ihrem Kopf eine zweite Tür geöffnet, hinter der alles Alte auf einmal lebendig wirkte.

Hinter ihr knackte ein Ast.

„Ich bin es nur“, sagte Mia leise und trat neben sie. „Du bist stehen geblieben.“

„Ich schaue.“

„Das sehe ich.“ Mia ließ den Blick über die Felsen wandern. „Dann schauen wir zusammen.“

Das war alles. Aber es fühlte sich gut an. Dann fiel ihr abseits des Weges etwas auf.

Ein umgestürzter Baum. Die Wurzeln hatten Erde und Steine aus dem Boden gerissen. Zwischen ihnen ragte etwas Eckiges hervor.

Metall.

Mia folgte ihrem Blick. „Was ist?“

Lina zeigte auf die Wurzeln. Unter Erde und nassem Laub lag eine alte Hinweistafel. Schlamm klebte auf der Oberfläche, eine Ecke war verbogen. Aber das war nicht das Seltsame.

Mitten auf der Tafel verliefen eingeritzte Zeichen.

Linien. Kreise. Spiralen.

Mia kniete sich hin und wischte Erde beiseite.

Dann erstarrte sie. „Lina.“

Lina hatte es schon gesehen.

Ein Kreis. Mit mehreren Linien darin.

Dasselbe Symbol wie auf der Karte. Dasselbe wie in der Station unter dem Hohenseelbachskopf. Für einen Moment schien der ganze Wald den Atem anzuhalten.

„Das kann kein Zufall sein“, flüsterte Mia.

Lina spürte dieses vertraute Kribbeln im Bauch.

Etwas begann.

Da krachte es hinter ihnen.

„WOAH!“

Ben rutschte den matschigen Hang hinunter, ruderte mit den Armen und landete neben dem Baumstamm im Moos. Er blieb kurz liegen, dann hob er den Daumen.

„Die Landschaft hat gewonnen.“

Mia beugte sich zu ihm. „Alles okay?“

„Ich glaube schon. Aber mein Rücken führt jetzt Krieg gegen den Boden.“

Lina zog ihn hoch. Dann fiel auch Bens Blick auf die Tafel. Sein Gesicht veränderte sich sofort.

„Oh.“

Keine Witze mehr. Gemeinsam betrachteten sie die Zeichen. Zwischen ihnen verliefen feine Muster, fast wie Wege. Unten rechts befand sich eine leere Stelle.

Nicht abgebrochen. Nicht rostig. Fehlend.

Als hätte jemand bewusst ein Stück herausgenommen.

Mia strich über die Kante. „Das ist sauber.“

„Zu sauber“, sagte Lina.

Die Aussparung hatte die Form eines flachen Steins. Oder eines Siegels. Mia beugte sich tiefer. Im weichen Boden direkt neben der Tafel zeichnete sich etwas ab.

„Seht mal.“

Ein Schuhabdruck. Schmal, mit rundem Absatz, der sich tief ins Moos gedrückt hatte. Die Ränder waren noch scharf und nicht vom Regen verwaschen.

„Der ist frisch“, sagte Mia leise. „Höchstens ein, zwei Tage alt.“

„Der Baum liegt aber schon länger“, sagte Lina.

Ben sah auf seine Turnschuhe und dann auf den Abdruck. „Das war ich nicht. Ich trage keine Schuhe mit Absatz.“

„Männerschuhe“, meinte Mia.

Weitere Abdrücke führten zur Tafel hin und dann wieder fort, den Hang hinunter, tief in den Wald.

Ben blickte in den Wald. „Bitte sagt mir, dass diesmal niemand uralte Geheimtüren öffnet.“

„Noch nicht“, sagte Mia.

„Das Wort noch gefällt mir überhaupt nicht.“

Trotzdem wich Ben keinen Schritt zurück.

Das entging Lina nicht. Er hatte Angst. Natürlich hatte er Angst. Aber er blieb.

Von oben rief Frau Krämer: „Lina? Mia? Ben? Wo seid ihr denn schon wieder?“

Ben hob den Kopf. „Das schon wieder macht mir Sorgen.“

Die drei sahen sich an. Ohne ein Wort verstanden sie sich.

Noch nichts sagen.

Frau Krämer erschien zwischen den Bäumen. „Warum seid ihr nicht bei der Gruppe?“

Ben deutete auf den Hang. „Ich wurde von der Natur besiegt.“

„Du bist ausgerutscht.“

„Das behauptet die Natur.“

Frau Krämer verzog kurz den Mund. Dann fiel ihr Blick auf die Tafel.

„Ach, die alte Hinweistafel. Die hat der Sturm wohl endgültig umgeworfen.“

Lina versuchte ruhig zu klingen. „Was stand darauf?“

„Irgendwas über die Kelten hier in der Gegend. Letztes Jahr wurde sie durch eine neue ersetzt.“

Mia blickte auf. „Ersetzt?“

„Ja. Die alte war beschädigt. Kommt jetzt, die Führung geht weiter.“

Langsam standen sie auf.

Beschädigt.

Oder verändert?

Ben klopfte Moos von der Hose. „Falls wir heute noch verflucht werden, möchte ich festhalten, dass ich eigentlich nur wegen der Katze hier bin.“

Mia schüttelte den Kopf, aber ihre Mundwinkel zuckten. Lina jedoch blickte noch einmal zur Tafel zurück.

Zum fehlenden Stück. Zum Symbol. Zu den Linien. Und sie war sich ganz sicher:

Das hier hatte auf jemanden gewartet.

Kapitel 2 — Was die Tafel erzählt

Den ganzen Rückweg über regnete es.

Nicht stark. Nur dieser feine Nieselregen, der alles grau machte und gegen die Busscheiben tickte. Viele Kinder waren müde vom Wandern. Vorne spielte jemand heimlich ein Handyspiel, zwei Jungs stritten darüber, ob man gegen einen Wolf gewinnen könnte, wenn man einen Besen hätte, und irgendwo raschelte ständig eine Chipstüte.

Ben saß halb verdreht auf seinem Sitz und sah zum Himmel.

„Das Wetter sieht aus, als hätte jemand vergessen, die Farben einzuschalten.“

Mia blickte kurz vom Flyer auf. „Das ergibt keinen Sinn.“

„Doch. Das ist poetisch.“

„Das ist Ben.“

Lina hörte nur halb zu. Sie betrachtete das Foto der Tafel auf ihrem Handy.

Die eingeritzten Zeichen. Das fehlende Stück. Und mitten darin der Kreis mit den Linien.

Je länger sie es ansah, desto sicherer wurde sie: Das war kein Zufall. Mia rückte näher und zog ihr Notizheft hervor.

„Ich hab’s nachgezeichnet.“

Links hatte sie das Symbol aus der Atlantis-Station gemalt, rechts das Zeichen von der Tafel. Die Linien passten. Sogar die kleinen Einkerbungen.

Ben ließ sich über die Lehne hängen. „Ihr vergleicht schon wieder geheimnisvolle Zeichen, oder?“

„Tun wir nicht“, sagte Mia.

„Ihr habt denselben Blick wie damals vor dem Tunnel.“

„Welchen Blick?“, fragte Lina.

„Diesen Oh-oh-wir-haben-etwas-Uraltes-entdeckt-Blick.“

Mia schnaubte amüsiert. „Das ist kein echter Blick.“

„Doch. Und ich erkenne ihn inzwischen sofort.“

Trotzdem setzte Ben sich zu ihnen. Er betrachtete die Zeichnungen.

„Warum sollte ein keltisches Zeichen genauso aussehen wie etwas aus einer zwölftausend Jahre alten Atlantis-Station?“

Die Frage blieb zwischen ihnen hängen.

„Vielleicht haben die Kelten Spuren der Station gefunden“, meinte Mia.

Lina dachte an Thalor, die Halle und das blaue Licht tief unter dem Berg. Auf einmal wirkte der Druidenstein nicht mehr nur alt. Sondern verbunden.

Der Bus hielt vor der Schule. Sofort brach Chaos aus.

„Ben“, sagte Mia langsam. „Dein Rucksack bewegt sich schon wieder.“

Ben erstarrte.

„Die Katze.“

Das kleine graue Kätzchen miaute aus der Seitentasche, kletterte seinen Ärmel hoch und setzte sich auf seine Schulter.

Ein paar Kinder jubelten. „Ben hat eine Abenteuerkatze!“

„Das ist kein offizieller Titel!“

„Doch“, sagte Mia. „Jetzt schon.“

Als alle ausgestiegen waren, blieb Ben ratlos auf dem Parkplatz stehen. Die Katze schnurrte zufrieden.

„Meine Mutter bringt mich um.“

„Vielleicht mag sie Katzen“, meinte Lina.

Ben sah sie ernst an. „Meine Mutter nennt Zimmerpflanzen zu pflegeintensiv.“

Mia schüttelte den Kopf, doch dann wurde sie ruhiger.

„Du kannst sie nicht einfach draußen lassen.“

Das Kätzchen stupste mit der Nase gegen Bens Kinn.

Er seufzte. „Na toll.“

Lina sah ihn freundlich an. „Du kümmerst dich schon längst um sie.“

Ben wollte widersprechen, tat es aber nicht. Da brummte sein Handy in der Hosentasche. Er zog es heraus, warf einen Blick aufs Display und wurde blass.

„Meine Mutter.“

„Dann geh ran“, meinte Mia.

„Das ist der Moment, in dem ich gern eine Katze wäre und einfach verschwinde.“

Er holte tief Luft und nahm ab. „Hallo, Mama! Ja. Nein. Ja, der Ausflug war toll. Ganz toll. Sehr … felsig.“

Lina und Mia pressten die Lippen aufeinander, um nicht loszulachen.

„Nein, ich bin nicht hungrig“, sagte Ben. „Doch, ein bisschen. Ich komme gleich. Ich muss nur noch kurz … ähm … etwas klären.“

Das Kätzchen miaute laut.

Ben hielt sich die Hand vor das Handy. „Das war der Bus“, sagte er hastig. „Der Bus miaut manchmal. Das ist völlig normal.“

Mia vergrub das Gesicht in den Händen. Lina drehte sich weg, ihre Schultern zuckten. Am anderen Ende der Leitung blieb es kurz leise. Dann drang eine ruhige, deutliche Stimme bis zu den beiden Mädchen.

„Benjamin. Ist da ein Tier?“

Ben schloss die Augen. „Möglicherweise“, sagte er mit dünner Stimme. „Aber ein sehr kleines.“

Er lauschte eine ganze Weile. Dann straffte er die Schultern. „Ja. Ich komme. Ich bringe … alles mit.“

Er legte auf und sah das Kätzchen an. „Ich glaube, sie weiß es.“

„Mütter wissen immer alles“, sagte Mia. „Das ist das einzige Geheimnis, das nie jemand lösen wird.“

Ben machte ein düsteres Gesicht. „Zeichen auf Stein kann ich vielleicht entziffern. Aber meine Mutter? Niemals.“

„Wir gehen mit dir bis zur Haustür“, sagte Lina.

Ben öffnete den Mund, wahrscheinlich für einen Witz. Dann schloss er ihn wieder.

„Danke“, sagte er leise. „Manchmal ist es leichter, wenn jemand daneben steht.“

Später trafen sie sich bei Lina zuhause. Draußen trommelte Regen gegen die Fenster, im Wohnzimmer roch es nach Tee und alten Büchern.

Auf dem Tisch lagen Mias Notizheft, mehrere Bücher, Ausdrucke vom Foto der Tafel und eine Packung Kekse, die Ben „für wissenschaftliche Notfälle“ mitgebracht hatte.

„Historische Forschung macht hungrig“, erklärte er.

„Du bist immer hungrig“, sagte Mia.

„Das ist meine Persönlichkeit.“

Lina betrachtete das Foto. Je länger sie hinsah, desto mehr Details entdeckte sie: feine Linien, kleine Kerben, Muster zwischen den Symbolen.

„Vielleicht ist das keine Verzierung“, sagte sie.

„Sondern?“, fragte Ben.

„Vielleicht eine Art Weg.“

Ben stoppte mitten im Kauen. „Ein Weg wohin?“

Niemand antwortete sofort. Mia zog ein dickeres Buch heran: „Die frühen Kelten im Siegerland“. Nach wenigen Seiten hielt sie abrupt inne.

„Hier.“

Auf der Seite war eine Zeichnung alter Steinritzungen. Und mitten darunter: das Symbol.

Darunter stand: „Unbekanntes Zeichen aus einem Fund nahe dem Druidenstein.“

„Es war also schon früher bekannt“, sagte Lina.

Mia fügte hinzu: „Aber niemand wusste, was es bedeutet.“

Ben blickte zwischen Buch und Foto hin und her. „Ich finde das nicht beruhigend. Uralte Geheimnisse bleiben bei uns nie nur historische Informationen.“

Lina musste zugeben: Damit hatte er recht. Sie begann das Symbol nachzuzeichnen und dachte an Thalor. An seine Worte: „Passt gut auf eure Welt auf.“

Vielleicht hatten Menschen schon früher etwas entdeckt. Und beschlossen, es zu verstecken. Da runzelte Lina die Stirn.

„Hier fehlt etwas.“

Mitten im Buch sprang der Text weiter. Zwischen den Absätzen war eine Lücke. In der Bindung ragten kleine Papierfasern hervor.

„Die Seiten wurden herausgerissen“, meinte Mia.

Ben legte langsam seinen Keks zurück. „Absichtlich?“

„Ja.“

Niemand rührte sich.

Dann sagte Ben leise: „Vielleicht wollte jemand verhindern, dass Menschen etwas finden.“

Lina und Mia sahen ihn überrascht an.

Ben zuckte mit den Schultern. „Ich mache nicht immer nur Witze.“

„Ich weiß“, sagte Mia.

Lina blätterte vorsichtig weiter. Zwischen zwei Seiten steckte ein vergilbter Zettel. Darauf stand handschriftlich: „Die Steine sprechen weiter dort, wo das Licht bewacht wird.“

Ben verzog das Gesicht. „Das klingt extrem nach Ärger.“

Auf der Rückseite war eine kleine Zeichnung: ein Turm, ein Dach und daneben ein Kreuz.

„Eine Kirche“, sagte Mia.

Ben ließ sich aufs Sofa fallen. „Natürlich eine Kirche. Geheimnisse führen immer entweder in Keller oder Kirchen. Das ist Gesetz.“

Mia griff nach einem Bildband über das Siegerland. Kurz darauf hielt sie inne.

„Hier.“

Das Foto zeigte eine kleine alte Kapelle aus dunklem Stein. Dahinter lag Wald. Darunter stand: „Kapelle St. Marien nahe dem Druidenstein.“

Lina spürte, wie sich etwas in ihr straffte. Alles führte dorthin.

Ben entging der Blick nicht. „Oh nein. Ihr habt wieder diesen Wir-gehen-da-hin-obwohl-es-eine-schlechte-Idee-ist-Blick.“

„Wir müssen herausfinden, was das bedeutet“, sagte Lina.

Ben schwieg. Dann gab er sich einen Ruck.

„Okay.“

Mia blinzelte. „Das war schnell.“

„Ich hab Angst“, sagte Ben. „Aber ich lasse euch nicht allein in eine geheimnisvolle Kirche laufen.“

Lina spürte, wie ihr warm ums Herz wurde.

Kapitel 3 — Die Bibliothek antwortet

Am nächsten Nachmittag regnete es so stark, dass selbst Ben freiwillig eine Jacke trug. Das allein war bemerkenswert.

Normalerweise behauptete er, Jacken seien „tragbare Gefängnisse für Arme“. Heute zog er die Kapuze so tief ins Gesicht, dass nur noch seine Nase herausschaute.

„Das ist kein Regen mehr“, sagte er. „Das ist ein Wasserangriff.“

Mia hielt ihren Schirm so, dass kein Tropfen auf ihr Notizheft fiel. „Regen hat keine Absichten.“

„Das sagst du, weil er dich mag.“

Lina musste lächeln. In ihrer Jackentasche steckte der Zettel aus dem Buch. Eigentlich hatten sie direkt zur Kapelle fahren wollen. Doch Mia hatte darauf bestanden, vorher in die Stadtbibliothek zu gehen.

„Wir brauchen mehr Informationen“, hatte sie gesagt.

Ben hatte gefragt, ob mehr Informationen jemals jemanden davon abgehalten hätten, in Schwierigkeiten zu geraten.

Trotzdem wusste Lina: Mia hatte recht. Diesmal mussten sie vorsichtiger sein. Nicht weniger mutig. Nur klüger.

Die Glastür der Bibliothek öffnete sich. Warme Luft, Papiergeruch und leises Rascheln empfingen sie.

Die Halle war hoch und still. Gelbes Licht fiel aus den Leselampen auf die Tische. Irgendwo quietschte ein Bücherwagen, und das Geräusch kam Lina doppelt so laut vor. Hier lagen bestimmt alle Antworten bereit. Man musste nur die richtige Frage stellen.

„Bibliotheken fühlen sich an, als würden sie etwas wissen“, sagte Lina.

Ben schob die Kapuze zurück. Seine Haare standen in alle Richtungen.

„Dann hoffe ich, sie sind heute gesprächig.“

Mia sah ihn an. „Du hast ein Blatt im Haar.“

Lina zog es heraus. „Gerettet.“

Ben richtete sich würdevoll auf. „Danke. Ohne euch wäre ich verloren.“

„Das wissen wir“, meinte Mia. Dabei zuckte ihr Mundwinkel.

Hinter dem Tresen blickte eine Bibliothekarin mit grauem Zopf über den Rand ihrer Brille. Sie legte einen Finger an die Lippen.

Ben nickte so eifrig, dass es fast laut wurde. Dann flüsterte er so leise, dass man ihn trotzdem durch die ganze Halle hörte: „Wo finden wir Geheimnisse?“

„Ben“, zischte Mia.

„Ich meine Geschichte. Regionale.“

Die Bibliothekarin hob eine Augenbraue, deutete wortlos nach hinten und widmete sich wieder ihrem Bücherstapel. Mia zog Ben am Ärmel weiter.

„Du kannst nicht einfach nach Geheimnissen fragen“, flüsterte sie.

„Warum nicht? Es ist eine Bibliothek.“

„Weil das klingt, als würden wir etwas Verbotenes suchen.“

„Tun wir ja auch.“

„Aber das muss sie nicht wissen.“

Lina biss sich auf die Lippe. Zwischen den hohen Regalen war es so still, dass sie jeden Schritt hörte. Die Bücher standen Rücken an Rücken, manche vergilbt, manche mit Goldschrift. Irgendwo tickte eine Uhr.

Mia blieb vor den ersten Regalen stehen. „Man muss nur wissen, wie man sucht“, flüsterte sie. „Erst das Register, dann die Stichworte.“

„Das klingt nach Arbeit“, flüsterte Ben.

„Das ist Arbeit.“

„Dann bin ich froh, dass du das kannst.“

In der regionalgeschichtlichen Abteilung zogen sie Bücher über alte Kirchen, Bergbau, Kelten und Sagen aus den Regalen. Ben griff nach dem dünnsten Heft.

„Das sieht aus, als hätte es weniger schwere Wörter.“

Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster. Lina breitete den Zettel aus, Mia legte ihr Notizheft daneben, und Ben holte aus seinem Rucksack drei Thermosbecher hervor und stellte sie lautlos auf den Tisch.

Lina sah überrascht auf. „Du hast uns Kakao mitgebracht?“

Ben zuckte mit den Schultern. „Thermosbecher. Die Bibliothekarin sieht’s kaum, und Geheimnisse lassen sich besser lösen, wenn niemand friert.“

Linas Schultern lösten sich.

Genau das war Ben. Er machte Witze, stolperte in Matschhänge und beschwerte sich über Regen. Aber wenn es darauf ankam, dachte er an die anderen. Eine Weile hörte man nur das Umblättern.

Mia notierte Stichworte: Druidenstein. Kapelle. Licht. Fehlende Tafelstelle. Symbol.

Ben runzelte die Stirn über seinem Heft.

„Hier steht, dass früher viele Kirchen auf älteren heiligen Orten gebaut wurden.“

Mia sah auf. „Zeig mal.“

Ben schob ihr das Heft hin. „Ich wollte eigentlich nur Bilder anschauen.“

„Und hast trotzdem etwas Wichtiges gefunden“, sagte Lina.

Mia las die Stelle. „Das passt. Wenn die Kapelle auf einem alten besonderen Ort steht, könnte der Hinweis genau dorthin führen.“

„Zu dem Ort, wo das Licht bewacht wird“, sagte Lina.

Ben hob seinen Kakao. „Auf das Licht. Möge es harmlos sein.“

Mia blätterte weiter. „Hier ist etwas über die Druiden.“

Sie las leise vor, dass Druiden ihr Wissen meist mündlich weitergaben und in Gefahr besondere Zeichen an geschützten Orten hinterließen.

„Keine langen Texte“, sagte Mia. „Eher Merkhilfen für Menschen, die wussten, wonach sie suchen müssen.“

Lina dachte an die Tafel unter den Wurzeln.

„Vielleicht war die alte Tafel gar keine normale Hinweistafel“, sagte sie. „Vielleicht hat sie etwas Älteres verdeckt.“

Mia stimmte zu. „Und das fehlende Stück war der entscheidende Hinweis.“

Ben sagte nichts. Er sah auf den Zettel.

„Dann sucht vielleicht noch jemand danach.“

Lina und Mia blickten ihn an.

„Wenn jemand Seiten herausreißt und ein Stück aus einer Tafel nimmt“, sagte Ben leiser, „macht er das nicht aus Langeweile.“

Mia sah ihn ernst an. „Das stimmt.“

Lina spürte, wie aus Neugier ein mulmiges Gefühl wurde. Wenn Ben recht hatte, waren sie vielleicht nicht die Einzigen, die suchten.

Mia stand auf. „Ich hole noch ein Buch über Kirchenbilder.“

„Warum Bilder?“, fragte Ben.

„Weil Menschen Bilder seltener wegwerfen als Zettel.“

Ben dachte kurz nach. „Das ist leider logisch.“

Während Mia zum Regal ging, fragte Ben: „Sollten wir einem Erwachsenen davon erzählen?“

Lina sah ihn an. Er klang nicht, als wolle er kneifen. Er klang ernst.

„Vielleicht später“, sagte sie. „Aber was sollen wir zeigen? Einen Zettel, ein Foto und ein Symbol, das niemand versteht?“

Ben presste die Lippen zusammen. „Sie würden sagen, wir haben zu viele Abenteuergeschichten gelesen.“

„Oder zu viel Kakao getrunken.“

„Das ist unmöglich.“

Lina atmete tief durch. „Aber du hast recht. Wir müssen vorsichtig sein.“

Ben atmete aus. „Gut. Vorsichtig klingt besser als heldenhaft dumm.“

Mia kam mit einem schweren Bildband zurück. Lina sprang auf und half ihr.

„Zusammen“, sagte sie.

Sie legten das Buch auf den Tisch. Mia blätterte durch Fotos von Altären, Fenstern und alten Gemälden. Dann stockte sie.

„Da.“

Das Bild zeigte den Innenraum der Kapelle St. Marien. An der Wand hing ein altes Gemälde: Menschen mit Kerzen, dahinter Wald und Felsen.

„Das Licht“, flüsterte Mia.

Ben zeigte auf die Kerzen. „Da wird Licht bewacht.“

„Vielleicht“, sagte Mia.

Doch Lina schüttelte den Kopf. „Nein. Schaut nicht auf den Vordergrund.“

Sie tippte auf den Hintergrund. Zwischen dunklen Bäumen war ein kleiner Stein zu sehen. Fast unsichtbar. Aber auffallend geformt.

Mia legte das Foto der Tafel daneben. Der Stein im Gemälde hatte dieselbe Form wie die fehlende Stelle.

Ben flüsterte: „Das ist ziemlich eindeutig, oder?“

Mia ließ den Blick über das Bild wandern. „Ja.“

Lina spürte wieder dieses Kribbeln. Aber diesmal war es mehr als Neugier.

Jemand hatte Wissen versteckt. Jemand anderes hatte Spuren entfernt. Und jetzt hatten sie die nächste Spur gefunden. Ben sah von einer zur anderen.

„Wir gehen zur Kirche“, sagte er.

Lina blinzelte. „Du sagst das?“

„Ja. Ich finde es sehr unheimlich. Aber wenn jemand Hinweise klaut, sollten wir schneller sein.“

Mia sah Lina anerkennend an. „Das war mutig.“

Ben zuckte mit den Schultern. „Ich habe Kakao getrunken. Ich bin praktisch unbesiegbar.“

Diesmal prusteten alle drei los.

Und für einen Moment war die Angst kleiner.