Vorwort

Diese Geschichte beginnt nicht im Siegerland, sondern viel weiter im Süden, dort, wo die Berge hoch und die Täler eng sind.

Lina, Ben und Mia kennen sich aus Struthütten. Sie kennen ihre Wälder, ihre Bäche und ihre alten Geschichten. Doch in diesem Sommer geht es zum ersten Mal weit weg von zu Hause – nach Saalbach, mitten in die Berge von Salzburg.

Was als ganz normaler Familienurlaub beginnt, wird zu einem Abenteuer, das keiner der drei je vergessen wird. Schon die Anreise hält mehr Überraschungen bereit als geplant. Und was die Berge über Saalbach am Ende noch bereithalten, ahnt zu Beginn niemand.

Manchmal muss man einfach losfahren, um zu erfahren, was einen erwartet.

Die drei Freunde

Lina (11 Jahre)
Lina sieht genau hin. Mit ihrer Kamera hält sie fest, was andere übersehen: das Licht über den Bergen, eine alte Karte im Hotel, ein verwittertes Steinkreuz am Weg oder eine Veränderung am Himmel. Sie ist neugierig und mutig, aber nicht unfehlbar. Manchmal muss sie erst lernen, dass ein Foto allein noch keine Antwort ist – und dass man anderen vertrauen muss, um eine Spur richtig zu deuten.

Ben (10 Jahre)
Ben hat oft einen Spruch auf den Lippen und freut sich auf Freibad, Bergbahn und gutes Essen. Doch er ist mehr als der Spaßmacher der Gruppe: Wenn es ernst wird, denkt er praktisch, packt an und bemerkt manchmal genau die einfachen Dinge, die alle anderen übersehen. Sein Mut zeigt sich nicht laut, sondern dann, wenn jemand Hilfe braucht.

Mia (9 Jahre)
Mia ist ruhig, aufmerksam und sehr genau. Sie stellt die richtigen Fragen, vergleicht Karten und merkt sich Wege. Gleichzeitig muss auch sie lernen, dass nicht alles in ein Notizbuch passt. In den Bergen zählen nicht nur Fakten, sondern auch Bauchgefühl, Vorsicht und die Bereitschaft, einen Plan zu ändern.

Gemeinsam
Lina, Ben und Mia sind sehr verschieden. Genau deshalb sind sie zusammen so stark.

Lina entdeckt und bewahrt die Spuren.
Mia ordnet sie und findet Zusammenhänge.
Ben bringt Mut, Wärme, Humor und praktische Ideen in jedes Abenteuer.
Und eine neue Freundin vor Ort kennt die Berge wie ihre Westentasche – sieht ihre Heimat durch die drei aber bald mit ganz neuen Augen.

Gemeinsam lernen sie, dass ein Urlaub nicht immer so verläuft, wie man ihn geplant hat. Manchmal zeigt sich gerade dann, worauf es wirklich ankommt: Freundschaft, Zusammenhalt und der Mut, das Richtige zu tun, auch wenn es nicht der leichteste Weg ist.

Kapitel 1 – Pläne für die Ferien

Es roch nach Kaffee und frisch gemähtem Gras, als sich die drei Familien an diesem Samstagnachmittag auf Linas Terrasse versammelten. Auf dem Tisch lagen Broschüren, Landkarten und aufgeklappte Handys, auf denen Wetterberichte und Wanderrouten leuchteten. Struthütten lag ruhig zwischen den bewaldeten Hügeln des Siegerlandes. Aus den Nachbargärten hörte man Rasenmäher, irgendwo lachten Kinder, und doch fühlte es sich für Lina schon so an, als beginne auf diesem Gartentisch ein Abenteuer.

Lina saß mit angezogenen Beinen auf einem Gartenstuhl und beobachtete, wie die Erwachsenen die Broschüren durchblätterten. Seit die drei Familien Nachbarn geworden waren, planten sie die Sommerferien oft gemeinsam. Meistens ging es nicht weit weg. Diesmal aber lagen Bilder von hohen Bergen, grünen Almen und dunklen Tunneln zwischen den Kaffeetassen.

Ben hatte sich zuerst eher gelangweilt in seinen Stuhl sinken lassen. Planung bedeutete für ihn meistens, dass Erwachsene lange redeten und Kinder warten mussten. Mia dagegen hatte ihr Notizbuch schon offen. Sie schrieb Überschriften, zog Linien und ließ genug Platz für Dinge, von denen sie noch nicht wusste, dass sie wichtig werden würden.

„Berge“, sagte Linas Vater und tippte auf die Karte. „Dieses Jahr geht es nach Saalbach, ins Salzburger Land. Wandern, Bergbahnen, eine Sommerrodelbahn und, wie ich gehört habe, auch ein Freibad.“

Ben richtete sich sofort auf. „Freibad? Das hätte man ruhig zuerst sagen können.“

„Ich wusste, dass dich mindestens ein Argument überzeugt“, sagte seine Mutter.

Mia blätterte in einer Übersichtskarte. „Saalbach liegt im Glemmtal. Zwischen Bergen und Almen. Auf alten Karten stehen dort Namen, die heute kaum noch jemand benutzt.“

„Du hast die Karte seit zwei Minuten“, sagte Ben. „Wie kannst du jetzt schon so klingen, als hättest du dort ein Büro?“

Mia zuckte mit den Schultern. „Weil Karten eben viel erzählen, wenn man sie richtig liest.“

Lina griff nach einer Broschüre. Auf den Bildern sah man Almwiesen, steile Felswände, Holzhütten und schmale Wege, die sich über grüne Hänge zogen. Sofort dachte sie an ihre Kamera zu Hause im Regal. Solche Fotos wollte sie unbedingt selbst machen, nicht nur aus einer Broschüre ansehen.

Auf einer Seite war eine Sommerrodelbahn abgebildet, die sich in weiten Kurven den Hang hinunterschlängelte. Ben beugte sich darüber. „Das sieht nach Geschwindigkeit aus. Also nach etwas, das ich unterstützen kann.“

Mias Mutter entdeckte auf der nächsten Seite einen Themenweg zur Geschichte der Region. „Hier steht etwas von alten Stollen und Bergbau.“

„Ein Themenweg?“ Mia streckte sofort die Hand aus. „Zeig mal.“

Sie las die Beschreibung gründlich. „Der Weg führt an alten Bergwerksstollen vorbei und erklärt, wie früher in der Region gearbeitet wurde. Das wäre spannend.“

Lina suchte nach Bildern dazu. Tatsächlich fand sie ein Foto von einem dunklen Stolleneingang, eingefasst von altem Gestein. „Ein bisschen unheimlich“, sagte sie. „Aber auf die gute Art.“

Dann blieb ihr Blick an einem kleinen Randbild hängen. Es zeigte ein verwittertes Steinkreuz neben einer Quelle. Die Bildunterschrift war winzig. Nur das Wort „Talschluss“ konnte Mia sicher entziffern. Der Rest verschwamm zu grauen Linien.

„Zeig mal“, sagte Ben und beugte sich vor. Für einen Moment raschelte nur das Papier.

„Sieht nach einem Ort aus, an dem man genauer hinschauen muss“, murmelte er.

Lina sah ihn überrascht an. Ben machte sonst lieber Witze, als dass er solche Sätze sagte. Aber gerade deshalb merkte sie sich nicht nur das Foto, sondern auch seinen Tonfall.

Ben zeigte wieder auf die Sommerrodelbahn. „Und das hier ist der Ort, an dem man schneller hinschauen muss. Das will ich gleich am ersten Tag ausprobieren.“

„Erst müssen wir überhaupt ankommen“, gab Mia zurück. „Laut Verbindung dauert die Reise fast den ganzen Tag.“

„Ein ganzer Tag im Zug?“ Ben ließ sich zurückfallen. „Ich nehme Abschied von meinem jungen Leben.“

„Du überlebst schlimmere Dinge“, sagte Lina. „Zum Beispiel, wenn jemand den letzten Nachtisch bekommt.“

Die Erwachsenen lachten. Sogar Ben grinste, denn ganz abstreiten konnte er das nicht.

Dann wurde es praktischer. Die Strecke war lang, über 600 Kilometer, und Linas Vater wollte die kurvige Fahrt in die Berge diesmal nicht selbst fahren. Nach der letzten langen Autofahrt hatte er tagelang über seinen Rücken geschimpft. Diesmal sollte es entspannter werden – jedenfalls in der Theorie.

„Dann fahren wir eben mit dem Zug“, sagte Linas Mutter. „Früher haben wir das auch gemacht, als ihr noch klein wart.“

„Mit dem Zug?“, fragte Ben. „Den ganzen Weg bis nach Österreich?“

„Stimmt“, sagte Mias Vater. „Umsteigen, Aussicht genießen, vielleicht sogar ein Buch lesen.“

Ben verzog das Gesicht, als hätte jemand vorgeschlagen, freiwillig Matheferien zu machen. „Oder mehrere Stunden auf demselben Sitz festwachsen.“

Mia drehte ihr Handy herum. „Abfahrt in Herdorf um fünf Uhr morgens. Zwei Umstiege. Ankunft in Zell am See um fünfzehn Uhr fünfundvierzig. Danach mit dem Bus weiter nach Saalbach.“

Ben starrte auf die Uhrzeit. „Fünf Uhr ist keine Abfahrt. Das ist mitten in der Nacht.“

„Dafür sind wir am Nachmittag da“, sagte Lina. Sie fand die lange Zugfahrt heimlich aufregend. So weit war sie noch nie mit dem Zug gefahren.

Linas Vater kontrollierte die Reservierungen. „Plätze am Fenster für alle. Ihr sitzt euch gegenüber.“

„Dann kann Ben schlafen und wir haben Ruhe“, sagte Mia.

„Oder ich bewache den Proviant“, sagte Ben. „Sehr wichtige Aufgabe.“

Während die Erwachsenen über Hotel, Reisezeiten und Koffer sprachen, schrieb Mia eine Liste: Wasser, Brote, Kartenspiel, Ladekabel, Regenjacken, feste Schuhe. Beim Wort Regenjacke hob Ben die Augenbrauen.

Mia tippte mit dem Stift auf ihre Liste. „In den Bergen kann das Wetter schnell umschlagen.“

„Das hat die Wanderfrau in der Broschüre auch geschrieben“, sagte Lina und suchte nach einem kleinen Kasten mit Sicherheitstipps. „Hier steht: Wetterbericht beachten, auf markierten Wegen bleiben, genug trinken.“

„Klingt, als hätte ein Erwachsener die Berge erfunden“, sagte Ben.

„Oder jemand mit Erfahrung“, sagte Mia.

Die Erwachsenen begannen, die Unterkunft genauer anzusehen. Das Hotel hieß Mitterer und lag mitten im Ort, nahe bei den Bergbahnen. Auf den Fotos hatte es Holzbalkone voller roter Blumen, helle Fenster und einen Gastraum mit viel Holz. Für Lina sah es aus wie ein Ort, an dem man abends nach einem langen Tag Geschichten erzählen konnte.

„Und es gibt eine Jokercard“, las Bens Mutter vor. „Damit kann man Bergbahnen, Wanderbusse, das Freibad und noch einiges mehr nutzen.“

„Bergbahnen“, sagte Ben und klang plötzlich versöhnlicher. „Das macht die Sache besser.“

„Und meine Kamera kommt mit“, sagte Lina. „Vielleicht finden wir ja wieder etwas, das nicht in der Broschüre steht.“

Ben grinste. „Wir fahren in Urlaub. Diesmal gibt es bestimmt kein Geheimnis. Nur Berge, Freibad und Nichtstun.“

Mia sah ihn über den Rand ihres Notizbuchs hinweg an. „Das hast du schon öfter behauptet.“

Als die Familien sich später verabschiedeten, war der Tisch voller angekreuzter Routen, offener Verbindungen und Brotkrümel. Die Sonne stand tiefer, und zwischen den Sockenlisten und Akkufragen lag plötzlich dieses besondere Gefühl in der Luft, das immer kurz vor einer Reise auftaucht.

Auch zu Hause wurde alles geregelt. Bens Oma kümmerte sich um Mauzi, Linas Nachbarin versprach, die Blumen zu gießen, und Mias Großeltern warfen ein Auge auf das Haus. In den nächsten Tagen lagen überall kleine Stapel: Wandersocken, Regenjacken, Bücher, Müsliriegel und Dinge, die niemand vergessen wollte.

Am Abend vor der Abfahrt trafen sich die drei Kinder noch einmal bei Lina im Garten. Ben kontrollierte sein Proviantfach, Mia ihre Notizbücher und Lina ihre Kameratasche. Der Himmel über Struthütten wurde langsam dunkel, und aus den Gärten roch es nach Sommer.

Lina schwieg einen Moment. Sie dachte an das kleine Foto mit dem Steinkreuz und der Quelle. Wahrscheinlich war es nur ein Wanderhinweis. Trotzdem merkte sie sich die Stelle.

Ben sah zu den dunkler werdenden Gärten hinüber. „Vielleicht ist ein normaler Urlaub ja auch mal ganz gut.“ Diesmal klang es nicht ganz so überzeugt wie sonst.

Als Lina später das Licht ausmachte, lagen Kamera, Ersatzakkus und feste Schuhe bereit. Eigentlich war der Plan einfach: früh aufstehen, zum Bahnhof laufen, nach Österreich fahren. Wie schnell sich ein einfacher Plan verändern konnte, ahnte noch niemand.

Kapitel 2 – Über Umwege in die Berge

Der Wecker klingelte um halb vier, und Ben war überzeugt, dass das nur ein Fehler sein konnte. Draußen war es stockdunkel, als die drei Familien mit Koffern und Rucksäcken zum Bahnhof in Herdorf liefen. Die Räder der Koffer ratterten über den Gehweg, und irgendwo krähte ein Hahn, als wolle er sich über sie lustig machen.

„Ich lebe noch“, murmelte Ben und gähnte so laut, dass Mia erschrocken zu ihm hinübersah.

„Gut“, sagte Mia. „Sonst hätten wir ein Problem mit den Fahrkarten.“

Lina war noch zu müde zum Reden, aber nicht zu müde zum Schauen. Die Straßenlaternen warfen gelbe Kreise auf den Asphalt, und über den Dächern wurde der Himmel ganz langsam heller. Es fühlte sich seltsam an, mit Koffern durch den Ort zu laufen, während fast alle anderen noch schliefen.

Um Punkt fünf rollte der erste Zug ein. Koffer wurden verstaut, Jacken über die Sitze gelegt, und kaum setzte sich der Zug in Bewegung, schlief Ben mit dem Kopf an der Scheibe ein.

Lina sah hinaus. Wälder, Wiesen und kleine Dörfer glitten im Morgenlicht vorbei. Ein Reh stand am Waldrand, dann war es verschwunden. Ben wachte gerade rechtzeitig auf, um Wildgänse über ein Feld ziehen zu sehen.

„Die wissen wenigstens, wo sie hinwollen“, murmelte er und rieb sich die Augen.

Mia notierte Abfahrtszeiten, Gleise und Umstiege. „Nur zur Sicherheit. Bei langen Reisen sollte man wissen, wo man steht.“

Zuerst klappte alles. Der erste Umstieg, der zweite Zug, sogar die Plätze. Für eine Weile sah es so aus, als würde der Plan wirklich funktionieren.

Dann kam die Durchsage: „Wegen einer Signalstörung kommt es zu Verzögerungen.“

Der Zug hielt auf freier Strecke. Fünf Minuten. Zehn. Zwanzig. Draußen grasten Kühe, als gäbe es keine Anschlusszüge auf der Welt.

„Die haben es gut“, sagte Lina. „Die müssen keinen Anschlusszug erwischen.“

Mia verglich den Fahrplan mit ihrer Liste. „Wenn wir hier noch länger stehen, verpassen wir den Anschlusszug in Frankfurt.“

Genau so kam es. Als sie in Frankfurt ankamen, verschwand ihr Zug gerade aus der Halle.

Am Servicepunkt fanden sie eine neue Verbindung. Die Erwachsenen telefonierten mit dem Hotel, die Kinder setzten sich auf eine Bank, und Lina fotografierte das Glasdach, die Anzeigetafeln und eine Taube, die zwischen den Reisenden nach Krümeln suchte.

„Wenn das hier ein Abenteuer ist“, sagte Ben, „dann ist es der Teil, in dem alle warten.“

„Warten gehört zu Reisen dazu“, sagte Mia.

„Dann reise ich eindeutig zu viel.“

Neben ihnen saß eine ältere Frau mit großem Wanderrucksack. An ihrem Rucksack baumelte ein kleiner Karabiner, und an den Schuhen klebte noch getrocknete Erde. Auf ihrem Handy zeigte sie Lina Fotos von schroffen Gipfeln, schmalen Graten und einem tiefblauen Bergsee.

„Man muss es mit eigenen Augen sehen“, sagte sie zu Lina. „Kein Foto fängt das wirklich ein.“

„Gehen Sie allein in die Berge?“, fragte Ben.

„Ja. Aber nie leichtsinnig.“ Die Frau wurde ernst. „Man muss die Berge respektieren. Und immer auf das Wetter achten. Dort oben ändert sich alles schneller, als man denkt.“

Lina merkte sich den Satz. Mia schrieb ihn nicht auf. Vielleicht blieb er ihr gerade deshalb später im Kopf.

Die Reise ging weiter, aber der Tag wurde nicht einfacher: Baustelle vor München, voller Ersatzbus, neue Gleise, neue Durchsagen. In München blieb nur eine kurze Pause. Die Familien holten Wasser und Obst am Kiosk und gingen rechtzeitig zurück zum Gleis. Diesmal widersprach niemand, als Mia auf Pünktlichkeit bestand.

Irgendwann schrieb Mia nur noch: „Reise verläuft anders als geplant.“

„Das klingt vornehmer als großes Durcheinander“, sagte Ben.

„Beides stimmt“, sagte Mia.

„Nach diesem Tag“, seufzte Ben, „traue ich keinem Fahrplan mehr.“

Der letzte Zug Richtung Zell am See war endlich pünktlich. Draußen wurde es dunkler, und am Horizont standen die ersten Berge. Erst waren sie nur Schatten. Dann wuchsen sie mit jeder Kurve höher vor den Fenstern auf.

Lina drückte fast die Nase an die Scheibe. „Schaut mal, die sind riesig.“

Für einen Moment war niemand mehr müde. Selbst Ben sagte nichts. Die vielen Umwege des Tages wurden kleiner, weil da draußen plötzlich etwas wartete, das größer war als jeder Fahrplan.

Kurz vor neunzehn Uhr erreichten sie Zell am See, mehr als drei Stunden später als geplant. Der Bus nach Saalbach wartete schon. Mit Koffern, Rucksäcken und letzten Kräften rannten sie hinaus.

Der Busfahrer wartete geduldig, bis auch der letzte Koffer verstaut war. „Nach Saalbach?“, fragte er. „Dann seid ihr richtig.“

Ben sank auf seinen Sitz. „Wenn dieser Bus jetzt auch noch stehen bleibt, schiebe ich ihn persönlich weiter.“

Mia sah ihn von der Seite an. „Das wäre immerhin ein praktischer Beitrag.“

Der Bus setzte sich in Bewegung. Zell am See wurde kleiner, und vor ihnen öffnete sich das dunkle Tal nach Saalbach.

Kapitel 3 – Ankunft in Saalbach

Der Bus war fast leer. Draußen schlängelte sich die Straße durch ein enges, dunkles Tal. Manchmal tauchten beleuchtete Bauernhöfe auf, einmal eine kleine Kapelle am Straßenrand. Lina hätte gern ein Foto gemacht, aber ihre Kamera blieb im Rucksack. Der Tag steckte ihnen allen in den Knochen.

Der Busfahrer lenkte ruhig durch die Kurven. Er hatte sie am Bahnhof mit einem herzlichen „Grüß euch“ begrüßt und fuhr so sicher, als kenne er jede Biegung, jeden Schatten und jede Stelle, an der man besser nicht zu schnell war.

Ben hatte die Stirn gegen die kühle Scheibe gelehnt. „Wie weit noch?“, murmelte er.

„Etwa zwanzig Minuten“, sagte Mia und sah auf die Route. „Wenn diesmal nichts dazwischenkommt.“

Lina lehnte sich an die Schulter ihrer Mutter und sah in die Dunkelheit hinaus. Die Berge waren nur als schwarze Umrisse zu erkennen. Trotzdem wirkten sie nah, fast so, als würden sie den Bus durch das Tal begleiten.

Endlich hielt der Bus im Zentrum von Saalbach. Der Ort lag still da, nur der Bach rauschte irgendwo in der Dunkelheit. Über einigen Eingängen brannte noch warmes Licht, und auf den nassen Pflastersteinen spiegelten sich die Lampen.

Das Hotel Mitterer fanden sie schnell: ein großes Haus mit Holzbalkonen, roten Blumen und warmem Licht über der Eingangstür. Neben der Tür hing ein Schild: „Willkommen im Hotel Mitterer – Ihr Zuhause in den Bergen.“

Das Haus wirkte größer als auf den Bildern in der Broschüre. Unter dem Dach waren geschnitzte Holzverzierungen zu erkennen, und vor dem Eingang standen Pflanzkübel mit bunten Blüten. Alles sah müde Gäste freundlich an.

Ben blieb davor stehen. „Zuhause klingt gut. Vor allem, wenn es dort Essen gibt.“

Kaum öffneten sie die Tür, kam ihnen eine Frau mit kurzen dunklen Haaren entgegen. Sie trug eine Schürze und wirkte, als hätte sie tatsächlich den ganzen Abend auf sie gewartet.

Im Eingangsbereich roch es nach Holz, frischem Brot und ein wenig nach Vanille. An den Wänden hingen Bergfotos aus allen Jahreszeiten: grüne Almen im Sommer, verschneite Dächer im Winter, Nebel über den Gipfeln im Herbst. Aus der Küche klang leise Musik, und irgendwo klapperte Geschirr.

„Da seid ihr ja endlich! Ich bin Franziska. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, als eure Nachricht kam.“

„Es tut uns leid“, sagte Linas Vater. „Die Bahn hatte heute keinen guten Tag.“

Franziska winkte ab. „Hauptsache, ihr seid heil angekommen. Kommt, ich habe euch etwas aufgehoben.“

Sie half sogar beim Hineintragen der Taschen, obwohl man ihr ansah, dass auch ihr Tag lang gewesen war. „So spät kommen selten Gäste an“, sagte sie. „Aber manchmal reist man eben nicht so, wie man es geplant hat.“

„Das können wir bestätigen“, murmelte Ben.

Im Gastraum stand bereits eine kleine Jausenplatte für sie bereit: frisches Brot, Butter, Käse, Schinken, etwas Obst und eine große Kanne Tee. An den Wänden hingen alte Bergfotos, und auf der Rezeption lag ein Gästebuch aufgeschlagen. Frühere Gäste hatten in verschiedenen Sprachen hineingeschrieben.

Lina blieb davor stehen. Manche Einträge waren ordentlich, andere schräg, einige mit kleinen Herzen oder Bergen daneben. Es fühlte sich an, als hätten Menschen aus vielen Orten ein winziges Stück ihrer Reise zurückgelassen.

„Schreibst du später auch etwas hinein?“, fragte Franziska.

„Erst, wenn ich weiß, was wir erlebt haben“, sagte Lina.

Franziska lächelte. „Die besten Einträge entstehen am Ende einer Reise.“

Der Käse schmeckte kräftiger als zu Hause, der Schinken war leicht rauchig, und das Brot war noch weich. Ben testete still, welches Stück am größten war. Mia fragte nach der Käsesorte, Lina nach den alten Bergfotos, und die Erwachsenen sahen zum ersten Mal an diesem Tag wirklich entspannt aus.

„Der Käse ist von einem Bauern aus dem Tal“, erklärte Franziska. „Das Brot backen wir jeden Morgen selbst, und der Schinken kommt aus der Region.“

Ben nickte mit vollem Mund und bekam dafür den Blick seiner Mutter. Er schluckte schnell. „Ich wollte nur wissenschaftlich bestätigen, dass es gut ist.“

Während sie aßen, kam ein Mädchen die Treppe herunter. Sie war etwas älter als Lina, hatte einen langen Zopf und dieselbe ruhige Art wie Franziska.

„Das ist Julia, meine Tochter“, sagte Franziska. „Sie hilft mir im Hotel, so gut es eben geht – besonders im Sommer, wenn viel los ist.“

Julia lächelte ein wenig verlegen. „Willkommen in Saalbach. Ihr müsst völlig erledigt sein.“

Ben ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Gefühlt waren wir eine Woche unterwegs. Aber diese Platte rettet den Abend.“

Julia lachte. „Dann bist du hier richtig. Bei uns hat eine gute Jause schon manches gerettet.“

„Jause?“, fragte Ben.

„So sagen viele hier zu einer kleinen Brotzeit“, erklärte Julia. „Nur klingt es bei uns besser.“

„Dann bin ich ab sofort Jausen-Fan“, sagte Ben und griff nach einem Stück Käse.

„Ist das wie dauernd Urlaub?“, fragte er wenig später.

Julia schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Eher wie Gästezimmer, Frühstück und Bettwäsche in Dauerschleife. Aber man lernt viele Leute kennen.“

Sie erzählte, dass sie im Hotel aufgewachsen war. Manchmal hörte sie abends noch die letzten Gäste im Gastraum reden, wenn sie eigentlich schon schlafen sollte. Im Sommer half sie mit, im Winter war noch mehr los, und manchmal kannte sie die Namen der Stammgäste besser als die ihrer Schulbücher.

„Klingt trotzdem spannend“, sagte Lina.

„Manchmal“, sagte Julia. „Und manchmal ist es einfach Arbeit.“

Mia sah sich im Gastraum um. An einer Wand hing eine alte Landkarte der Umgebung. Das Papier war vergilbt, die Ränder leicht eingerissen. Zwischen Almen, Gipfeln und kleinen Quellen standen handschriftliche Notizen. Dann entdeckte Mia einen dünnen roten Strich. Er begann hinter dem Hotel, verschwand unter einem braunen Fleck und tauchte weit hinten im Tal wieder auf.

Daneben stand ein Wort, von dem nur das Ende lesbar war: „…weg“.

„Der gehört nicht zu den anderen Wegen“, sagte Mia.

Lina trat näher. „Warte. Da ist auch ein kleines Kreuz eingezeichnet. Neben einer Quelle.“

Ben wurde still. „Wie in der Broschüre.“

Franziska bemerkte ihre Blicke. „Die Karte ist von meinem Großvater. Er kannte jeden Weg und jeden Steig. Manche davon gibt es heute nicht mehr. Andere sind einfach von den neuen Karten verschwunden.“

„Warum?“, fragte Mia.

Franziska strich mit den Fingern über den Rahmen, ohne die Karte zu berühren. „Das ist eine lange Geschichte. Und ihr braucht jetzt Schlaf.“

Julia brachte sie in die Zimmer im ersten Stock. Helles Holz, karierte Decken, kleine Balkone. Auf jedem Nachttisch stand ein kleiner Krug mit frischen Blumen. In der Dunkelheit konnte man die Berge nur als schwarze Umrisse erkennen.

„Morgen zeige ich euch den Weg zum Freibad, wenn ihr wollt“, sagte Julia.

„Das wollen wir“, sagte Ben sofort, bevor er überhaupt die Schuhe ausgezogen hatte.

Wenig später lagen sie in den Betten. Ben schlief mit dem Handy in der Hand ein. Mia kam nur bis zur halben Notizbuchseite. Lina lauschte dem Bach, einer Kuhglocke und einem Hund in der Ferne. Alles klang fremd und beruhigend zugleich.

Kurz bevor ihr die Augen zufielen, dachte sie an die Karte im Gastraum. Roter Strich. Kreuz. Quelle. „…weg“.

Dann schlief auch sie ein.

Kapitel 4 – Die Jokercard und der Schattberg

Am nächsten Morgen fiel Sonne durch die Vorhänge. Ben riss als Erster den Balkon auf.

„Kommt her!“, rief er. „Das müsst ihr sehen.“

Lina und Mia traten zu ihm. Rings um Saalbach stiegen grüne Hänge auf, weiter oben wurden sie grau und felsig. Über den Gipfeln spannte sich ein klarer blauer Himmel. Die Häuser im Ort wirkten im Morgenlicht viel freundlicher als bei ihrer Ankunft in der Dunkelheit.

Lina griff sofort nach der Kamera. „Das sieht aus wie auf den Fotos“, sagte sie, „nur echter.“

Unten auf der Straße rollte ein Lieferwagen vorbei, irgendwo klirrte Geschirr, und aus der Küche im Erdgeschoss stieg der Duft von Kaffee und frischem Brot. Nach der langen Reise fühlte sich der Morgen an, als hätte jemand die Welt neu sortiert.

Beim Frühstück gab es frische Brötchen, Marmelade, Honig aus der Umgebung, Obst und Kuchen. Ben schaffte es, seinen Teller wie eine kleine Landkarte aus Marmeladenklecksen aussehen zu lassen.

„Man muss alles probieren“, verteidigte er sich.

„Man muss gar nichts“, sagte Mia. „Aber du wirst es trotzdem tun.“

Am Nachbartisch planten Wanderer ihre Route, ein älteres Paar sprach leise über das Wetter, und Julia balancierte ein Tablett mit Tassen durch den Raum. Lina mochte dieses Durcheinander aus Stimmen, Schritten und dem Geruch nach Frühstück. Es war nicht laut, eher lebendig.

Franziska kam an den Tisch und legte jedem eine Plastikkarte hin. „Das ist eure Jokercard. Damit könnt ihr Bergbahnen, Wanderbusse und das Freibad nutzen.“

Ben drehte die Karte zwischen den Fingern. „Also könnten wir heute schon auf einen Berg?“

„Richtig“, sagte Franziska. „Julia zeigt euch gern den Weg zum Schattberg X-Press.“

Eine halbe Stunde später standen die vier an der Talstation. Wanderer mit Rucksäcken warteten, Mountainbiker schoben ihre Räder zu den Gondeln, und über ihnen glitten Kabinen den Hang hinauf. Ben bestand darauf, die Karte als Erster an den Scanner zu halten. Als das Drehkreuz piepste, grinste er, als hätte er eine Prüfung bestanden.

„Ich bin offiziell bergtauglich“, sagte er.

„Du bist offiziell durch ein Drehkreuz gegangen“, sagte Mia.

In der Gondel wurde Saalbach kleiner. Die Dächer rückten zusammen, Wiesen zogen unter ihnen vorbei, und irgendwo bimmelten Kuhglocken. Die Kabine schaukelte leicht, als sie über eine Stütze glitt. Ben machte große Augen, tat aber so, als sei das genau sein Ding.

„Wie ein Freizeitpark“, sagte er.

„Nur mit echter Aussicht“, sagte Mia.

Lina fotografierte, bis Julia lachend sagte, sie solle auch einmal ohne Kamera hinausschauen. Also senkte Lina die Kamera und sah. Das Tal lag unter ihnen wie eine grüne Schale, und die Berge standen darum herum, als hätten sie schon auf die Kinder gewartet.

Julia zeigte auf einen fernen Höhenzug. „Dort drüben geht es Richtung Schmittenhöhe. Man kann vom Schattberg über den Pinzgauer Spaziergang bis dorthin wandern und dann nach Zell am See hinunterfahren.“

„Das klingt lang“, sagte Ben.

„Ist es auch“, sagte Julia. „Meine Mutter würde uns nur mit Hans gehen lassen. Er ist Wanderführer.“

Mia zeigte in die andere Richtung, wo das Tal enger wurde. „Und dort hinten?“

„Der Talschluss“, sagte Julia. „Dort liegt die Forsthofalm. Es ist einer meiner Lieblingsorte.“ Sie zögerte. „Mein Großvater hat früher von alten Wegen dort erzählt. Manche sahen auf seiner Karte wie Abkürzungen aus. Meine Mutter sagt, man soll solchen Strichen nicht trauen, wenn man den Weg nicht wirklich kennt.“

Lina dachte an den roten Strich im Gastraum.

Oben am Schattberg schlug ihnen kühle Luft entgegen. Für einen Moment sagte Ben gar nichts. Unter ihnen lag das ganze Tal, die Häuser wie Spielzeug, die Wiesen hellgrün, die Gipfel bis zum Horizont.

„Wow“, sagte er schließlich.

„Das notiere ich“, sagte Mia. „Ben ohne Spruch. Seltenes Ereignis.“

Sie gingen ein Stück auf dem breiten Gipfelweg. Lina fotografierte Kühe, Blumen und einen Schmetterling, der lange genug sitzen blieb. Mia las die Namen auf einer Informationstafel und verglich sie mit ihrer Karte. Ben wurde von einer neugierigen Kuh beschnuppert und beschloss, dass das Foto davon nicht gelöscht werden durfte.

An einer Stelle blieb Lina vor einer alten, wetterdunklen Infotafel stehen. Die offiziellen Wege waren sauber markiert. Am Rand des Holzes aber entdeckte sie etwas, das sie erst für einen Kratzer hielt. Sie machte ein Foto, ohne groß darüber nachzudenken.

An einer Almhütte machten sie Rast. Es gab Kaspressknödel in klarer Suppe. Ben sah nach dem ersten Löffel aus, als hätte er den Sinn des Wanderns verstanden.

„Das ist der wahre Grund für Berge“, sagte er. „Man läuft hoch, damit das Essen besser schmeckt.“

Neben ihrem Tisch lag ein freundlicher Hund, der so tat, als interessiere ihn das Essen überhaupt nicht. Ben glaubte ihm kein Wort. Julia erklärte ihm, dass Almtiere meistens genau wüssten, bei wem sie betteln konnten.

Julia erzählte ihnen vom Hotel, von ihrer Mutter und von Rudi, den alle nur Onkel Rudi nannten. Eigentlich war er ihr Patenonkel, aber für Julia und Franziska gehörte er längst zur Familie. Er arbeitete bei der Gemeinde und kümmerte sich um Straßen und Wege.

„Nach starkem Regen ist er oft tagelang unterwegs“, sagte sie. „Dann muss geprüft werden, ob irgendwo etwas abgerutscht ist.“

Mia hob den Kopf. „Passiert das hier oft?“

„In den Bergen reicht manchmal eine Nacht“, sagte Julia. „Darum hören die Erwachsenen so genau auf den Wetterbericht.“

Auf der Rückfahrt ließ Lina die Fotos des Tages über das Kameradisplay laufen: Panorama, Kuh, Schmetterling, Ben mit Suppenschüssel. Dann blieb sie bei dem Bild der alten Infotafel hängen. Am Rand, fast außerhalb des Fotos, war ein eingeritztes Kreuz im Holz zu erkennen, daneben ein Pfeil, der nicht zum offiziellen Weg zeigte.

„Hast du das gesehen?“, fragte sie.

Mia beugte sich näher heran. „Das sieht aus wie ein altes Wegzeichen.“

Ben grinste nicht. „Wie auf der Karte?“

Julia sah kurz auf das Display und wurde ernst. „Vielleicht. Aber solchen Zeichen folgt man nicht einfach.“

Zurück im Hotel brachte Dusko ihnen Eis auf die Terrasse. Es war die Spezialität des Hauses: ein Hausbecher mit cremigem Eis, vielen verschiedenen Früchten und einer üppigen Sahnehaube. Diesmal war Ben zu müde für einen großen Kommentar, aber nicht zu müde, um den ganzen Becher zu schaffen. Beim Abendessen erzählten sie Franziska vom Schattberg. Als Lina ihr das Foto mit dem eingeritzten Zeichen zeigte, blieb Franziska einen Augenblick

„Merkt euch lieber die offiziellen Wege“, sagte sie dann ruhig. „Und behaltet das Wetter im Auge. In den Bergen bleibt ein schöner Tag nicht immer allein.“

Draußen glühte der Abendhimmel über den Gipfeln. Noch wirkte alles friedlich. Aber Lina hatte gelernt, dass manche Hinweise erst später wichtig wurden.

Kapitel 5 – Der Pinzgauer Spaziergang

Ein paar Tage später stand der große Höhenweg an, von dem Julia am Schattberg erzählt hatte: der Pinzgauer Spaziergang. Franziska hatte nur zugestimmt, weil Wanderführer Hans die Gruppe begleiten würde und weil die Kinder in den vergangenen Tagen gezeigt hatten, dass sie auf Bergwegen aufmerksam, trittsicher und ausdauernd genug waren. Hans kannte den Weg seit vielen Jahren, prüfte morgens zuerst den Wetterbericht und entschied dann, ob die Tour überhaupt möglich war.

Hans erschien beim Frühstück mit wetterfester Jacke und einem kleinen Erste-Hilfe-Päckchen. „Nur damit wir uns richtig verstehen: Das ist kein Spaziergang mit Eis in der Hand. Es ist ein langer Höhenweg. Wir bleiben zusammen, gehen nur bei stabilem Wetter und drehen um, wenn ich es sage. Wasser und Proviant nimmt jeder genug mit.“

Ben sah auf sein eingepacktes Proviantpaket und nickte ernst. „Solange wir überhaupt Pausen machen, bin ich einverstanden.“

Mia hatte ihr Notizbuch bereits geöffnet. „Also: Schattberg, Pinzgauer Spaziergang, Schmittenhöhe, Seilbahn nach Zell am See und dann mit dem Bus zurück. Das ist keine kleine Runde, das ist eine richtige Tagesroute.“

„Genau“, sagte Hans. „Und deshalb gehen wir früh los.“

Kurz darauf standen sie an der Talstation des Schattberg X-Press. Diesmal waren nicht nur Julia und Bens Vater dabei, sondern auch Hans, der jeden Rucksack kurz kontrollierte: Regenjacken, volle Wasserflaschen, genug zu essen, feste Schuhe. Erst als alles passte, nickte er zufrieden.

„Das ist ja fast wie eine Kontrolle vor einer Expedition“, flüsterte Ben Lina zu.

„Ist es auch“, sagte Hans, der es trotzdem gehört hatte. „Eine kleine eben.“

Die Gondel brachte sie hinauf zum Schattberg. Je höher sie schwebten, desto kleiner wurden die Dächer von Saalbach unter ihnen. Lina fotografierte die Wiesen, die Wege und die dunklen Waldstreifen, die sich wie Linien über die Berghänge zogen. Mia beobachtete auf der Karte, wie weit der Weg bis zur Schmittenhöhe wirklich war.

Oben am Schattberg blieb Hans mit ihnen an einer Übersichtstafel stehen. „Von hier geht es über die Höhen Richtung Zell am See. Der Name klingt harmlos, aber die Strecke ist lang. Es gibt Abschnitte ohne Einkehr, das Wetter kann wechseln, und wer müde wird, sagt früh genug Bescheid.“

„Ich sage Bescheid, sobald mein Proviant zu Ende geht“, versprach Ben.

Julia lachte, doch Hans zeigte nur schmunzelnd auf den Grat. „Dann hoffen wir, dass dein Proviant länger hält als deine Sprüche.“

Sie brachen auf. Zuerst führte der Weg breit und gut sichtbar über grüne Almflächen, später wurde er schmaler und zog sich in langen Bögen über die Hänge. Links und rechts öffneten sich immer wieder weite Blicke: zurück ins Glemmtal, hinüber zu fernen Gipfeln und voraus in Richtung Zell am See.

Lina kam kaum hinterher, weil sie ständig stehen bleiben wollte. Einmal fotografierte sie eine Reihe von Wolken, die wie helle Federn über einem Grat hingen. Ein anderes Mal blieb sie an einer Stelle stehen, an der das Licht die Wiesen fast golden färbte.

„Nicht zu weit zurückfallen“, erinnerte Hans freundlich. „Auf so einer Tour bleibt niemand allein stehen.“

Lina steckte die Kamera wieder ein und schloss zu den anderen auf. „Verstanden.“

Mia verglich die Wegweiser mit ihrer Karte. „Der Weg verbindet wirklich den Schattberg mit der Schmittenhöhe. Das ist keine kurze Runde, sondern eine Verbindung zwischen zwei Gebieten.“

Hans nickte. „Solche Übergänge waren früher wichtig. Viele Wege entstanden nicht für Ausflügler, sondern weil Menschen von einem Tal ins andere mussten – zur Alm, zum Markt oder zur Familie.“

Diese Bemerkung ließ Mia aufhorchen. Sie schrieb sie sofort auf. Lina fotografierte in diesem Moment einen alten Wegweiser, dessen Holz von Sonne und Regen dunkel geworden war. Noch war es nur ein schöner Ausflug, aber der Gedanke, dass Wege Geschichten tragen konnten, blieb bei allen hängen.

Ben, der gerade den Rucksack wieder schulterte, blieb vor dem alten Wegweiser stehen. „Da ist etwas eingeritzt.“

Zwischen zwei modernen Richtungspfeilen war ein kaum sichtbares Kreuz zu erkennen, daneben ein Pfeil, der nicht zum markierten Wanderweg passte.

Mia winkte zuerst ab. „Das ist bestimmt nur ein Kratzer.“

Doch Ben blieb stehen. Erst als Hans nähertrat und die Stirn runzelte, wurde Mia still.

„So etwas findet man manchmal noch von früher“, sagte Hans. „Merkt es euch ruhig – aber folgt keinem alten Zeichen ohne Führer.“

Gegen Mittag machten sie an einer geschützten Stelle Pause. Unterhalb des Weges lagen Almwiesen, weiter hinten schimmerte in der Ferne bereits der Zeller See. Ben packte seine Brote aus, als hätte er seit Tagen nichts gegessen.

„Das ist die beste Pause mit der besten Aussicht“, sagte er zufrieden.

„Das klingt ausnahmsweise ziemlich genau“, erwiderte Mia.

„Dann habe ich heute eben mal recht.“

Während die anderen aßen, zeigte Hans auf den Himmel. „Seht ihr die hohen, dünnen Wolken dort drüben? Noch ist alles ruhig. Aber genau solche Veränderungen beobachtet man auf langen Höhenwegen. Man schaut nicht nur auf die Füße, sondern immer auch nach oben.“

Lina hob die Kamera, machte ein Foto und betrachtete das Bild auf dem Display. „Sie sehen harmlos aus.“

„Sind sie auch“, sagte Hans. „Heute. Aber wer die Berge kennt, merkt sich solche Zeichen.“

Nach der Pause wurde der Weg aussichtsreicher. An manchen Stellen konnten sie weit ins Salzachtal blicken, dann wieder verschwand der Blick hinter runden Graskuppen. Hans ging vorneweg, Julia blieb oft in der Mitte, und Bens Vater bildete den Schluss. So fühlte sich die lange Wanderung sicher an, obwohl sie hoch über den Tälern unterwegs waren.

Ben wurde nach einer Weile stiller. Nicht, weil ihm nichts mehr einfiel, sondern weil der Weg länger war, als er erwartet hatte. Als Hans eine Trinkpause vorschlug, war Ben der Erste, der nicht nur seine Flasche hervorholte, sondern auch merkte, dass Julias Wasser fast leer war. Wortlos reichte er ihr seine zweite Flasche. Julia lächelte dankbar, und Mia schrieb ausnahmsweise nichts dazu.

„Ich nehme alles zurück, was ich über Spaziergänge gesagt habe“, keuchte er. „Dieser Spaziergang hat Muskeln.“

„Dann passt der Name doch“, sagte Lina lachend. „Pinzgauer Spaziergang mit Muskelkater.“

Am Nachmittag erreichten sie schließlich die Schmittenhöhe. Der Zeller See lag tief unter ihnen wie eine glänzende Schale aus blauem Glas. Nach der langen Wanderung wirkte der Blick noch beeindruckender, weil sie ihn sich Schritt für Schritt erarbeitet hatten.

Lina stand eine Weile ganz still. „Wenn wir einfach mit dem Bus nach Zell am See gefahren und direkt hier hochgefahren wären, wäre es bestimmt auch schön gewesen“, sagte sie. „Aber so fühlt es sich anders an.“

Hans nickte. „Weil ihr den Weg dazwischen kennt.“

Mia schrieb diesen Satz in ihr Notizbuch. Ben sagte nichts, sondern hob nur den Daumen. „Ich kenne den Weg auch. Vor allem in meinen Beinen.“

Sie blieben nicht zu lange auf dem Gipfel. Hans achtete auf die Uhr und führte sie rechtzeitig zur Seilbahn. Die Kabine schwebte von der Schmittenhöhe hinunter nach Zell am See, und diesmal sahen sie den See nicht nur von oben, sondern kamen ihm mit jeder Minute näher.

Unten in Zell am See war es wärmer als oben auf den Höhen. Sie hatten noch ein wenig Zeit bis zum Bus und gingen langsam zur Haltestelle. Lina fotografierte die Berge, die sich im Wasser spiegelten, während Mia die Route des Tages sauber in ihr Heft übertrug: Schattberg, Pinzgauer Spaziergang, Schmittenhöhe, Seilbahn, Zell am See, Bus zurück nach Saalbach.

„Das klingt, als hätten wir halb Österreich durchquert“, sagte Ben, als er über Mias Schulter las.

„Nur einen sehr schönen Teil davon“, sagte Julia.

Am späten Nachmittag fuhr der Bus zurück nach Saalbach. Die Kinder waren müde, aber zufrieden. Durch die Fenster sahen sie die Berge vorbeiziehen, auf denen sie Stunden zuvor noch selbst unterwegs gewesen waren.

Kurz vor Saalbach färbte sich der Himmel über einigen Gipfeln in kräftiges Orange. Hans, der mit ihnen im Bus saß, betrachtete das Licht aufmerksam. „Ein schöner Abendhimmel“, sagte er. „Aber merkt euch: Nach langen warmen Tagen kann so etwas auch ein Hinweis sein, dass sich das Wetter bald ändert.“

Lina machte noch ein Foto durch die Busscheibe. Auf dem Bild spiegelte sich ein Teil ihres Gesichts im Glas, dahinter glühten die Berge. „Dann schauen wir heute Abend besser noch einmal auf den Wetterbericht“, sagte sie.

Mia nickte sofort. Ben seufzte zwar, aber diesmal widersprach er nicht.

Zurück im Hotel erzählten sie Franziska beim Abendessen von der langen Tour. Ben beschrieb den Pinzgauer Spaziergang als „Spaziergang, der nur so tut, als wäre er harmlos“, was sogar Hans zum Lachen brachte. Franziska hörte aufmerksam zu, doch als Lina ihr das Foto vom orangefarbenen Himmel zeigte, wurde ihr Blick für einen Moment nachdenklich.

„Dann behalten wir das Wetter im Auge“, sagte sie ruhig.

Niemand von ihnen ahnte, wie wichtig dieser Satz schon bald werden würde.

Kapitel 6 – Die Forsthofalm

Am nächsten Tag stand eine Wanderung zum Talschluss auf dem Plan, ganz hinten im Tal, wo es laut Julia „besonders ruhig“ zuging. Mit dem Wanderbus, der ebenfalls in der Jokercard enthalten war, fuhren sie bis zur letzten Haltestelle. Von dort sollte es zu Fuß weitergehen: erst ein Stück hinein in den Talschluss, dann steil hinauf zur Forsthofalm.

Der kleine Bus war fast voll, hauptsächlich mit anderen Wanderern in festen Schuhen und mit Rucksäcken. Ben hatte sich einen Platz am Fenster gesichert und beobachtete, wie sich die Landschaft draußen langsam veränderte, während der Bus sich immer weiter ins Tal hineinschlängelte.

„Warum heißt das eigentlich Talschluss?“, fragte Ben, als er das Wort auf einem Schild an der Bushaltestelle las.

Mia zeigte auf die Berge vor ihnen. „Weil das Tal dort endet. Dahinter geht es nur noch steil bergauf. Weiter kommt man mit dem Auto oder Bus nicht.“

Ben nickte nachdenklich. „Aha. Klingt logisch, wenn man mal drüber nachdenkt.“

Die Landschaft veränderte sich, je weiter sie kamen. Die Häuser wurden weniger, die Wiesen breiter, und die Berge rückten von beiden Seiten näher zusammen, als würden sie das Tal sanft umarmen.

Vom Talschluss aus folgten sie zunächst dem Weg hinauf zum Forsthaus. Schon dieser erste Anstieg war steiler, als Ben erwartet hatte. Er blieb stehen, stemmte die Hände in die Seiten und sah nach oben. „Das ist noch die Aufwärmstrecke, oder?“

Julia lachte. „Ein bisschen steiler wird es noch. Aber der Weg lohnt sich.“

Hinter dem Forsthaus hielten sie sich links. Der Weg führte nun am Wasserfall vorbei, dessen Wasser hell über die Felsen rauschte. Lina blieb sofort stehen, um ein Foto zu machen, während feiner Sprühnebel in der Sonne glitzerte.

Kurz darauf erreichten sie eine kleine Brücke. Einer nach dem anderen überquerten sie den Bach, der unter ihnen über Steine schäumte. Auf der anderen Seite zog der Pfad wieder kräftig an und führte in engen Bögen den Hang hinauf.

Ben wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Jetzt weiß ich, warum man feste Schuhe braucht.“

Mia sah auf die Karte. „Wir müssen bis zu einem Querweg hinauf. Von dort geht es weiter zur Forsthofalm.“

Der Anstieg zog sich länger, als er von unten ausgesehen hatte. Immer wieder öffnete sich zwischen den Bäumen ein Blick zurück ins Tal. Je höher sie kamen, desto stiller wurde es um sie herum. Der Verkehrslärm des Ortes war längst verklungen, übrig blieben nur das Rauschen des Bachs, das Zirpen der Grillen und, immer wieder, das ferne Läuten von Kuhglocken.

Schließlich erreichten sie den Querweg. Julia zeigte nach oben. „Von hier ist es nicht mehr weit. Achtet auf die Fahne – die sieht man meistens zuerst.“

Tatsächlich entdeckte Lina kurz darauf zwischen den grünen Hängen eine Fahne, die im Wind flatterte. Erst danach wurden die Almgebäude sichtbar: dunkle Holzhütten, die sich an den Hang schmiegten, als gehörten sie schon immer dorthin.

„Das ist die Forsthofalm.“ Julia blieb kurz stehen. Vor der Alm standen mehrere Sitzgelegenheiten, von denen man einen herrlichen Blick hinunter ins Tal hatte. Auf einer kleinen Tafel waren einfache Speisen und Getränke angeschrieben.

Die Hütten wirkten, als stünden sie schon seit Ewigkeiten an diesem Ort, ihre Holzbalken dunkel und wettergegerbt von unzähligen Sommern und Wintern. Ringsum erstreckten sich saftig grüne Weiden, auf denen mehrere Kühe gemächlich grasten, während in der Ferne der Wasserfall über die Felsen rauschte.

„Hier ist es wirklich so ruhig, wie du gesagt hast“, staunte Lina, während sie tief die klare Bergluft einatmete, die nach Heu und frischem Gras roch.

Mia sah sich langsam um, als wollte sie jedes Detail festhalten. „Das gefällt mir hier fast am besten von allen Orten, die wir bisher gesehen haben.“

Am Rand der Weide, ein Stück abseits des Hauptwegs, entdeckte Lina ein altes Steinkreuz, das halb im Gras stand. Es war schief, von Moos überwachsen und so unauffällig, dass man leicht daran vorbeigelaufen wäre.

Julia bemerkte Bens neugierigen Blick sofort. „Nicht anfassen. Solche alten Sachen lässt man besser in Ruhe. Wir können es uns von hier aus ansehen.“

Lina hob ihre Kamera und fotografierte das Kreuz mit dem Zoom. Auf der Vorderseite waren noch ein paar verwitterte Buchstaben zu erkennen: ein Wort, das wie „Weg“ oder vielleicht wie die alte Schreibweise „Weeg“ aussah, dazu eine Jahreszahl, die mit achtzehnhundert begann.

Mia zeichnete die Form des Kreuzes und die lesbaren Zeichen in ihr Notizbuch. „Unglück“, las sie nach einer Weile leise. „Mehr kann ich nicht sicher erkennen.“

Etwas oberhalb des Kreuzes sprudelte eine kleine, gefasste Quelle aus dem Hang. Ein schmaler Wasserfaden lief über flache Steine ins Gras, als hätte jemand diese Stelle einmal bewusst angelegt. Lina fotografierte auch die Quelle und die niedrige Felswand dahinter.

Ben machte ausnahmsweise keinen Witz. „Irgendwie fühlt sich das an, als würde hier eine Geschichte stehen, die keiner mehr richtig lesen kann.“

Vor einer der Hütten saß ein alter Mann auf einer Holzbank, eine Pfeife im Mundwinkel, die er allerdings nicht angezündet hatte. Er trug einen grauen Filzhut und beobachtete mit ruhigem Blick, wie die Kinder näherkamen.

„Servus, Sepp!“, rief Julia und winkte.

Der Mann hob die Hand zum Gruß. „Die Julia mit Besuch. Das sieht man nicht alle Tage.“

„Das sind Lina, Ben und Mia“, stellte Julia die drei vor. „Sie machen mit ihren Eltern Urlaub bei uns im Hotel.“

Sepp musterte die Kinder freundlich. „Aus Deutschland?“

„Aus dem Siegerland.“ Mia sagte es sehr bestimmt. „Das liegt in Nordrhein-Westfalen.“

Sepp nickte anerkennend. „Weit weg. Setzt euch doch. Ich hab gerade frische, abgekochte Milch vom Hof, und meine Frau hat heute früh Brot gebacken.“

Er stand auf und humpelte leicht, vermutlich wegen eines alten Knieleidens, mit dem er sich schon seit Jahren arrangiert hatte. Dann ging er hinüber zu einem kleinen Verschlag neben der Hütte, aus dem er einen Krug mit warmer Milch holte. Die Kühe auf der nahen Weide schienen ihn zu kennen, denn mehrere von ihnen hoben neugierig die Köpfe, als er vorbeiging.

Sepp lachte, als er die Reaktion der Tiere bemerkte. „Die kennen mich schon so lange, die grüßen mich fast wie einen alten Freund.“

Mia betrachtete die Kühe interessiert. „Hat jede von ihnen einen eigenen Namen?“
„Natürlich“, sagte Sepp stolz. „Die dort drüben mit dem braunen Fleck heißt Resi, die daneben Wally. Jede hat ihren eigenen Charakter, das lernt man mit der Zeit.“

Lina lächelte, während sie die grasenden Tiere beobachtete. Wenn man genauer hinsah, wirkten sie tatsächlich alle ein bisschen unterschiedlich. „Genau wie bei Menschen.“

Ben wagte sich inzwischen näher an die Kühe heran und streckte vorsichtig die Hand aus. Eine Kuh blieb ruhig stehen und ließ sich sogar genüsslich den Kopf kraulen. „Die ist ja richtig zutraulich.“

Bei den anderen Kühen blieb Ben zwar weiterhin vorsichtig, aber sein anfängliches Misstrauen war spürbar kleiner geworden. Lina zückte sofort ihre Kamera, um die neugierigen Tiere zu fotografieren.

Sie setzten sich auf die Bank und auf umgedrehte Holzkisten, während Sepp aus der Hütte Becher mit warmer, abgekochter Milch und Brot mit selbstgemachter Butter brachte. Ben war sofort begeistert.

Ben sah erstaunt in seinen Becher. „Die Milch schmeckt ganz anders als zu Hause.“

Sepp lachte, ein tiefes, warmes Lachen, das aus dem Bauch zu kommen schien. „Kommt eben direkt vom Hof.“

Während sie aßen, erzählte Sepp von seinem Leben auf der Alm: dass er hier schon als Bub mit seinem Vater die Kühe gehütet hatte und dass sein Vater es wiederum von seinem eigenen Vater gelernt hatte. „Diese Alm ist schon lange in unserer Familie“, sagte er stolz.

Lina dachte an das frisch gebackene Brot. „Und Ihre Frau? Ist die auch von hier?“

„Meine Berta kommt aus dem nächsten Tal“, sagte Sepp und lächelte, als er von ihr sprach. „Wir sind schon seit über vierzig Jahren verheiratet. Sie kümmert sich um die Hühner und den Käse, und ich um die Kühe. So teilen wir uns die Arbeit.“

In diesem Moment kam tatsächlich eine ältere Frau mit einer Schürze aus der Hütte, die Berta sein musste. Sie brachte einen Teller mit dünnen Käsescheiben und stellte ihn wortlos, aber freundlich lächelnd, auf den Tisch.

Sepp schob den Teller ein Stück näher. „Der Käse ist von unseren eigenen Kühen. Probiert ruhig.“

Ben probierte ein Stück und nickte anerkennend. „Der schmeckt nach Arbeit.“ Nach kurzem Nachdenken klang das wie ein echtes Lob. Berta lächelte, als hätte ihr genau das besser gefallen als jedes übertriebene Kompliment, und verschwand wieder in der Hütte.

Sepp beobachtete die Kinder eine Weile schweigend, während sie aßen. Dann erzählte er weiter: „Meine Kinder wollten nicht auf der Alm bleiben. Die sind unten im Tal, haben andere Berufe. Das ist auch gut so, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber manchmal wird es hier oben schon einsam.“

Mia, die schon wieder ihr Notizbuch gezückt hatte, konnte sich eine Frage nicht verkneifen. „Wir haben eben am Rand der Alm ein altes Steinkreuz gesehen“, sagte sie. „Bei der kleinen Quelle. Wissen Sie vielleicht, was dort passiert ist?“

Sepp wurde für einen Moment still und sah nachdenklich zu den Bergen hinüber, die den Talschluss umgaben. „Das Kreuz bei der alten Quelle?“, fragte er schließlich. „Das kenn ich gut.“

„Erzählen Sie uns davon?“, fragte Lina, die sofort aufmerksam geworden war.

Sepp nickte langsam und setzte sich etwas aufrechter hin. „Das war vor meiner Zeit, aber mein Großvater hat mir davon erzählt, als ich noch ein Bub war. Vor vielen, vielen Jahrzehnten gab es hier ein großes Unwetter. Tagelanger Regen, so stark, dass die Bäche über die Ufer traten.“

„Und dann?“, fragte Ben, der jetzt auch gebannt zuhörte, das Brot vergessen in der Hand.

„Dann kam es zu einem großen Erdrutsch“, sagte Sepp ruhig. „Ein alter Weg, der von hier aus über den Berg ins nächste Tal führte, wurde komplett verschüttet. Mein Großvater war damals mit einer Gruppe Wanderer genau auf diesem Weg unterwegs. Er sagte später immer: Der Weg wurde nicht gebaut, um schneller zu sein, sondern damit niemand allein bleiben musste, wenn das Tal abgeschnitten war.“

„Was ist mit ihnen passiert?“, fragte Lina mit großen Augen.

„Sie hatten Glück“, sagte Sepp. „Sie hörten das Grollen rechtzeitig und konnten sich noch in eine Felsnische retten. Aber der Weg selbst war danach komplett verschwunden. Man hat ihn nie wieder freigelegt.“

„Hatte Ihr Großvater danach Angst vor den Bergen?“, fragte Lina. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie man nach so einem Erlebnis wieder auf die Alm gehen konnte.

Sepp schüttelte den Kopf. „Nein, im Gegenteil. Er hat gesagt, dass man aus so etwas nur lernen kann, aber dass man deshalb nicht aufhören darf, die Berge zu lieben. Er ist sein ganzes Leben lang Senner geblieben, bis er ein alter Mann war.“

„Das klingt nach einem mutigen Mann“, sagte Ben beeindruckt.

„Das war er“, bestätigte Sepp mit einem stolzen Lächeln. „Und vorsichtig dazu. Beides zusammen macht in den Bergen den Unterschied.“

„Und das Kreuz?“, fragte Mia, die alles mitschrieb.

„Das haben die Dorfbewohner später dort aufgestellt, an der Stelle, wo der alte Weg begann. Zur Erinnerung. Nicht weil jemand gestorben ist – Gott sei Dank ist das nicht passiert – sondern damit man nie vergisst, wie schnell sich die Berge verändern können.“

Für einen Moment war es still am Tisch. Nur die Kuhglocken in der Ferne waren zu hören.

Selbst Ben, der sonst kaum eine Pause ohne einen Kommentar ließ, sagte nichts. Er starrte auf die Berge, die den Talschluss umgaben, als würde er versuchen, sich vorzustellen, wie es gewesen sein musste, als der Erdrutsch damals über den Hang gedonnert war.

„Das ist eine ziemlich spannende Geschichte“, sagte Ben schließlich leise, ganz ohne seinen üblichen Humor.

„Die Berge hier sehen friedlich aus“, sagte Sepp und blickte in die Runde, „aber sie sind auch mächtig. Man muss sie respektieren. Das lernt man hier von klein auf.“

Julia hörte die Geschichte offenbar zum ersten Mal so ausführlich. Nachdenklich sah sie zu den steilen Hängen hinüber. „Mein Großvater hat auch von so einem Weg erzählt“, sagte sie leise. „Ich dachte immer, das seien nur alte Hotelgeschichten für Gäste.“

Sepp schüttelte den Kopf. „Manche Geschichten bleiben, weil sie gebraucht werden.“

Mia sah von ihren Notizen auf. „Wo genau war dieser alte Weg? Ist davon noch etwas zu sehen?“

Sepp deutete mit der Hand einen weiten Bogen an, der von der Forsthofalm hinauf zu einem entfernten Grat führte. „Ungefähr dort drüben. Aber so genau weiß das heute keiner mehr. Der Berg hat sich seitdem verändert. Teile davon sind zugewachsen, andere wurden verschüttet, und unten beim Ort hat später kaum noch jemand gewusst, wo der Einstieg einmal gelegen haben könnte.“

„Schade“, sagte Lina. „Es wäre bestimmt spannend, so einen alten Weg noch einmal zu finden.“

Sepp lachte leise. „Vielleicht ist es besser, manche Dinge bleiben, wo sie sind. Der Berg hat seine eigenen Gesetze, und die sollte man nicht leichtfertig herausfordern.“

Bevor sie sich verabschiedeten, packte Berta ihnen noch ein kleines Päckchen mit selbstgemachtem Käse und Brot für den Rückweg ein. „Für unterwegs“, sagte sie schlicht, als die Kinder sich überschwänglich bedanken wollten.

„Kommt gerne wieder vorbei, wenn ihr Zeit habt“, sagte Sepp zum Abschied. „Besuch von jungen Leuten tut hier oben immer gut.“

Als sie später zur Bushaltestelle zurückgingen, war von Bens üblicher Leichtigkeit kaum etwas übrig. Sonst fand er fast immer einen Spruch. Jetzt lief er schweigend neben den anderen her und sah immer wieder zu den Bergen hinauf.

Der Weg zurück zur Bushaltestelle führte noch einmal an dem plätschernden Bach entlang, an dem Ben zuvor mit den Kieselsteinen geübt hatte. Diesmal blieb er stehen, hob einen flachen Stein auf, betrachtete ihn eine Weile, ließ ihn dann aber einfach wieder zu Boden fallen, ohne ihn zu werfen.

„Keine Lust mehr auf Steine hüpfen lassen?“, fragte Lina überrascht.

„Ich denke gerade an was anderes“, sagte Ben leise.

„Woran denkst du?“, fragte Lina ihn schließlich.

„An das, was Sepp gesagt hat“, antwortete Ben. „Dass die Berge friedlich aussehen, aber trotzdem mächtig sind.“

Mia nickte zustimmend und blätterte noch einmal durch ihre Notizen: das Steinkreuz, die Jahreszahl, die Geschichte vom verschütteten Weg. „Ich glaube, das sollten wir uns gut merken“, sagte sie leise.

Keiner von ihnen konnte an diesem Nachmittag ahnen, wie bald diese Geschichte wieder eine Rolle spielen würde.

Als der Wanderbus sie schließlich zurück nach Saalbach brachte, war die Sonne bereits deutlich tiefer gewandert, und die Schatten der Berge zogen sich lang über das Tal. Ben, sonst selten um Worte verlegen, blieb den größten Teil der Fahrt ungewöhnlich still, offenbar noch immer in Gedanken bei Sepps Erzählung von dem verschütteten Weg.

Kapitel 7 – Die Spur auf der alten Karte

Als sie am späten Nachmittag von der Forsthofalm zurückkamen, war Saalbach noch immer in warmes Licht getaucht. Auf den ersten Blick wirkte alles wie an den Tagen zuvor: Gäste saßen auf den Terrassen, Fahrräder lehnten an Hauswänden, und aus der Küche des Hotels zog der Duft von gebratenen Zwiebeln durch den Flur.

Aber für Lina, Ben und Mia fühlte sich der Ort nicht mehr ganz so an wie am Morgen. Sie hatten das Steinkreuz gesehen, die Quelle fotografiert und Sepps Geschichte gehört. Seitdem schien der Talschluss nicht mehr nur ein schöner Ausflugsort zu sein, sondern ein Platz, an dem etwas Altes unter Gras, Steinen und Erinnerungen weiterlebte.

„Ich muss mir die Karte noch einmal ansehen“, sagte Mia, kaum dass sie die Hoteltür hinter sich geschlossen hatten.

Ben blieb mitten im Eingangsbereich stehen. „Jetzt? Ich dachte, jetzt kommt der Teil mit Sitzen, Essen und Nichtstun.“

„Du kannst im Sitzen helfen“, sagte Lina und hob ihre Kamera. „Ich habe die Fotos vom Kreuz und von der Quelle.“

Das überzeugte Ben immerhin genug, um mit in den Gastraum zu gehen. Dort war es noch ruhig. Einige Gäste hatten sich nach den Ausflügen auf ihre Zimmer zurückgezogen, Dusko deckte die Tische für das Abendessen ein, und an der Wand hing die alte Karte, als hätte sie den ganzen Tag auf sie gewartet.

Mia trat dicht heran, ohne den Rahmen zu berühren. „Da ist wieder der rote Strich“, murmelte sie. „Er beginnt hinter dem Hotel, verschwindet hier unter dem Fleck und taucht weiter hinten im Tal wieder auf.“

Lina schaltete ihre Kamera ein und suchte das Foto vom Steinkreuz. Auf dem Display waren die verwitterten Buchstaben nur undeutlich zu erkennen. Sie vergrößerte das Bild, bis die Kanten unscharf wurden.

„Hier steht wirklich etwas mit Weg“, sagte sie. „Oder Weeg. Und darunter die Jahreszahl.“

„Achtzehnhundertirgendwas“, ergänzte Ben. „Sehr genau.“

Mia hörte gar nicht richtig hin. Sie verglich Linas Foto mit der Karte und fuhr mit dem Finger in der Luft eine Linie nach, ohne das Papier zu berühren. „Das Kreuz auf der Karte liegt ungefähr dort, wo wir heute waren. Bei der Quelle. Und der rote Strich könnte von dort weiterführen.“

Julia kam aus der Küche, die Ärmel hochgekrempelt und ein Geschirrtuch über der Schulter. „Ihr seid schon wieder bei der Karte?“

„Nur kurz“, sagte Ben. „Das ist Mias Version von Ausruhen.“

Julia stellte sich neben sie. Als sie den roten Strich sah, wurde ihr Gesicht ernster. „Den habe ich als Kind oft angeschaut. Ich dachte immer, mein Großvater hätte ihn gezeichnet, weil ihm langweilig war.“

„Hat er nie erzählt, was er bedeutet?“, fragte Lina.

Julia schüttelte den Kopf. „Nicht richtig. Er hat manchmal von einem alten Verbindungsweg gesprochen. Aber meine Mutter mochte diese Geschichten nicht besonders. Sie sagte immer: Wer alte Wege sucht, findet manchmal mehr, als ihm lieb ist.“

Ben verzog das Gesicht. „Das klingt wie ein Satz aus einem Gruselbuch.“

„Oder wie eine Warnung“, sagte Mia leise.

In diesem Moment kam Franziska aus dem Flur. Sie trug einen Stapel frischer Tischdecken auf dem Arm und blieb stehen, als sie die Kinder vor der Karte sah. „Ich hätte mir denken können, dass ihr dort landet.“

„Wir wollten nichts anfassen“, sagte Lina schnell.

„Das sehe ich.“ Franziska legte die Tischdecken auf einen Stuhl und trat näher. Ihr Blick blieb an dem roten Strich hängen. „Mein Großvater hat diese Karte sehr ernst genommen. Er hat behauptet, manche Wege verschwinden nur von den neuen Karten, nicht aber aus der Landschaft.“

„Sepp hat gesagt, der alte Weg sei bei einem Erdrutsch verschüttet worden“, sagte Mia. „Und dass das Kreuz an den Anfang erinnern soll.“

Franziska nickte langsam. „Das passt zu dem, was ich als Kind gehört habe. Damals wurde viel darüber gesprochen, dann immer weniger. Irgendwann blieben nur noch einzelne Sätze übrig. Ein Kreuz bei der Quelle. Ein Weg, der keiner mehr war. Ein Hang, dem man bei Regen nicht trauen sollte.“

Bei dem letzten Satz sah Julia kurz zum Fenster. Draußen lag noch Sonne auf den Dächern, aber über einem der hinteren Gipfel hing ein schmaler grauer Wolkenstreifen.

„Ist dieser Hang gefährlich?“, fragte Ben.

Franziska überlegte, bevor sie antwortete. „Jeder Hang kann gefährlich werden, wenn genug Wasser hineinkommt. Aber genau deshalb bleibt man auf markierten Wegen und hört auf Leute, die sich auskennen.“ Sie sah die Kinder der Reihe nach an. „Alte Zeichen sind keine Einladung. Verstanden?“

„Verstanden“, sagte Lina.

„Doppelt verstanden“, sagte Ben. „Ich hatte nicht vor, freiwillig in einen verschütteten Weg zu kriechen.“

Mia lächelte kaum. Sie hatte den Blick wieder auf die Karte gerichtet. „Aber wenn der rote Strich stimmt, dann führte der Weg nicht nur irgendwo in die Berge. Er verband den Talschluss mit einem anderen Tal.“

„Vielleicht“, sagte Franziska. „Vielleicht ist er aber auch unvollständig, falsch erinnert oder später falsch nachgezogen worden. Karten erzählen nicht immer die ganze Wahrheit.“

Lina betrachtete noch einmal ihre Fotos. Zwischen Kreuz und Quelle war auf einem Bild ein flacher Stein zu sehen, den sie vor Ort kaum beachtet hatte. In der Vergrößerung erkannte sie eine Kerbe, fast wie ein kleiner Pfeil.

„Schaut mal“, sagte sie. „Da ist noch ein Zeichen.“

Mia und Ben beugten sich über das Display. Julia hielt den Atem an. Das Zeichen war schwach, aber nicht zufällig. Es sah dem eingeritzten Pfeil am Schattberg ähnlich, nur verwitterter.

„Also gab es mehrere davon“, sagte Ben. Diesmal klang er nicht begeistert, sondern vorsichtig.

Franziska nahm die Kamera nicht in die Hand, sondern sah nur von oben auf das Display. „Das kann sein. Früher wurden Wege anders markiert als heute. Manchmal mit Kerben, manchmal mit Steinen, manchmal nur so, dass Einheimische sie verstanden.“

„Und heute?“, fragte Lina.

„Heute verlässt man sich auf offizielle Markierungen“, sagte Franziska. Ihre Stimme war ruhig, aber fester als zuvor. „Ich meine das ernst. Ihr dürft neugierig sein. Ihr dürft fragen, vergleichen und Fotos machen. Aber ihr geht nicht auf eigene Faust los. Nicht hinter dem Hotel, nicht im Talschluss, nicht wegen irgendeines alten Pfeils.“

Julia nickte. „Die meisten Gäste sehen nur die schönen Wege und die Bergbahnen. Aber dahinter steckt viel Arbeit. In Saalbach und Hinterglemm gibt es über vierhundert Kilometer Wanderwege. Die müssen kontrolliert, gepflegt und nach Unwettern wieder freigemacht werden.“

Ben sah von der Karte auf. „Vierhundert Kilometer? Das ist ja länger als meine Geduld beim Wandern.“

„Und im Winter kommt noch viel mehr dazu“, sagte Julia. „Die Pisten, die Lifte, die Speicherteiche und die Beschneiung. Vierzehn Speicherteiche liefern Wasser für die Schneeproduktion, und an den Hängen stehen rund tausendfünfhundert Schneekanonen.“

Mia rechnete kurz im Kopf. „Und die Pisten?“

„Im ganzen Skicircus sind es rund zweihundertsiebzig Kilometer“, sagte Franziska. „Manche nennen andere Zahlen, je nachdem, was sie mitrechnen. Aber eins stimmt immer: Damit hier Sommer wie Winter alles funktioniert, arbeiten sehr viele Menschen daran. Einige das ganze Jahr, andere kommen in der Saison dazu.“

Franziska sah wieder zur alten Karte. „Darum kennt heute jeder die offiziellen Wege. Sie werden gepflegt und geprüft. Ein alter Strich auf Papier dagegen ist etwas anderes. Er erzählt vielleicht eine Geschichte, aber er ersetzt keinen sicheren Weg.“

Für einen Moment sagte niemand etwas. Selbst Ben nickte ohne Spruch.

Dann räusperte sich Dusko, der inzwischen mit einem Tablett in der Tür stand. „Ich störe ja nur ungern eine Sitzung des geheimen Kartenrats, aber das Abendessen wartet nicht gern.“

Ben hob sofort den Kopf. „Endlich eine Ansage, der ich ohne Nachdenken folgen kann.“

Das löste die Spannung im Raum. Franziska lächelte, Julia atmete hörbar aus, und Mia klappte ihr Notizbuch zu – allerdings erst, nachdem sie eine letzte Zeile geschrieben hatte: Roter Strich – Kreuz – Quelle – Pfeil – kein Zufall?

Beim Abendessen war das Gespräch zunächst wieder leichter. Ben erzählte seinen Eltern von Resi und Wally, den Kühen auf der Alm, und behauptete, Resi habe ihn eindeutig als neuen Freund akzeptiert. Lina zeigte ein paar harmlose Fotos: die Fahne der Forsthofalm, den Wasserfall, Julia vor der Hütte und Sepp auf seiner Bank. Die Bilder vom Kreuz und von der Karte ließ sie erst einmal weg.

Später, als die Teller abgeräumt waren und der Gastraum leiser wurde, saßen die vier Kinder noch einmal auf der Terrasse. Über dem Ort war der Himmel klar, doch weit hinten im Tal hatten sich die grauen Wolken vermehrt. Sie sahen noch klein aus, fast belanglos.

„Vielleicht ist das alles wirklich nur eine alte Geschichte“, sagte Ben.

Mia sah zu den Bergen. „Vielleicht. Aber alte Geschichten werden nicht automatisch unwichtig, nur weil sie alt sind.“

Julia zog die Knie an und legte die Arme darum. „Komisch ist, dass ich die Karte mein ganzes Leben lang gesehen habe. Erst mit euch kommt sie mir vor, als würde sie etwas sagen wollen.“

Lina ließ den Blick über die dunkler werdenden Hänge wandern. „Vielleicht hat sie das immer getan. Nur hat niemand richtig hingeschaut.“

Ein Windstoß bewegte die Blumen an den Balkonen. Nicht stark, nur kühl genug, dass Julia sich die Strickjacke enger um die Schultern zog.

„Morgen wird bestimmt wieder ein normaler Ferientag“, sagte Ben nach einer Weile.

„Das wäre schön“, sagte Lina.

Aber als sie später ins Bett ging, legte sie die Kamera nicht wie sonst auf den Tisch. Sie ließ sie neben dem Bett liegen. Auf dem Display war noch das Foto der Quelle zu sehen, mit dem kleinen, verwitterten Pfeil am Stein.

Draußen lag Saalbach ruhig unter den Bergen. Noch rauschte der Bach leise. Noch klang alles friedlich. Doch Lina wusste, dass manche Spuren nicht verschwanden, nur weil man das Licht ausmachte.

Kapitel 8 – Dunkle Wolken über Saalbach

In den nächsten Tagen genossen sie den Urlaub weiter wie geplant: Ein Vormittag im Freibad, bei dem Ben mit Julia auf den drei Wasserrutschen einen Wettkampf veranstaltete, den er nach eigener Zählung mit „ungefähr unentschieden“ beendete. Ein ruhiger Nachmittag am Bach, bei dem Lina unzählige Fotos von Libellen machte, während Mia die verschiedenen Steine am Ufer nach Farbe und Form sortierte.

Die nächsten Tage waren schön, aber nicht ganz so sorglos, wie sie anfangs wirkten. Beim Freibad, auf der Sommerrodelbahn und auf dem Wochenmarkt tauchte immer wieder derselbe Gedanke auf: alte Wege, alte Namen, alte Zeichen. Lina verglich abends ihre Fotos. Mia blätterte in den Notizen. Und Ben, der sonst über solche Dinge lachte, fragte plötzlich: „Warum zeichnet jemand einen Weg auf eine Karte, wenn ihn später keiner mehr benutzt?“

Am fünften Tag änderte sich etwas: Schon am Morgen hing milchiger Dunst über den Gipfeln, und die Luft fühlte sich schwer und feucht an.

Am Frühstückstisch sah Lina immer wieder zum Fenster. „Heute ist das Wetter komisch. Fast so, als würde die Luft nicht richtig atmen wollen.“

„Sehr poetisch“, sagte Mia. Doch auch sie hatte bemerkt, dass sich etwas verändert hatte. Ihr Handy-Wetterbericht zeigte für den Nachmittag bereits erste Gewitterwarnungen an.

Ben, der bisher hauptsächlich mit seinem Frühstücksteller beschäftigt gewesen war, schaute nun ebenfalls etwas besorgt zum Fenster hinaus. „Hoffentlich zieht das Gewitter einfach vorbei, ohne dass groß was passiert“, sagte er, was für seine Verhältnisse ungewöhnlich ernst klang.

Wenig später saß Franziska mit ernster Miene über ihrem Handy und scrollte durch eine Wetter-App. „Für die nächsten Tage ist eine Unwetterzelle angekündigt“, sagte sie zu den Eltern der Kinder. „Kräftige Regenfälle, vielleicht sogar Gewitter mit Hagel.“

„Das kann in den Bergen schon mal vorkommen, oder?“, fragte Bens Mutter.

„Normalerweise schon“, sagte Franziska, „aber diesmal soll es länger anhalten als sonst. Zwei, vielleicht drei Tage Dauerregen, hat der Wetterdienst gesagt.“

Ben, der am Nebentisch mithörte, sah enttäuscht auf. „Kein Freibad mehr?“

„Vielleicht ein paar Tage nicht“, sagte Franziska mit einem kleinen Lächeln, das die Sorge in ihrem Gesicht nicht ganz verbergen konnte. „Aber macht euch keine Gedanken. Wir haben das hier schon oft erlebt. Man richtet sich einfach darauf ein.“

Weil längere Touren nicht mehr ratsam schienen, liefen die Kinder am Vormittag nur ein Stück am Ortsrand entlang, vorbei an kleinen Gärten und einer alten Kapelle. Selbst dort wirkte Saalbach stiller als sonst.

Lina blieb stehen und sah in den Himmel. „Es ist irgendwie komisch still.“

Mia lauschte. „Sogar die Vögel sind leiser als sonst.“

Ben, der von der ungewohnten Stimmung nichts hielt, versuchte wie üblich, die Lage aufzuheitern. „Vielleicht haben die Vögel einfach auch schon Angst vor meinem Gesang“, sagte er und stimmte übertrieben laut ein völlig falsches Lied an, bis die Mädchen lachen mussten.

Julia begleitete sie, wirkte aber nachdenklicher als sonst. „Meine Mutter kontrolliert schon die Fensterläden. Und den Notstromgenerator im Keller hat sie auch getestet.“

„Braucht ihr den oft?“, fragte Mia.

„Ab und zu, wenn der Strom ausfällt“, sagte Julia. „Das passiert hier manchmal bei starkem Unwetter. Aber meistens ist es nach ein paar Stunden wieder vorbei.“

Um sicherzugehen, sammelte Julia gemeinsam mit Ben und Lina Kerzen und Taschenlampen in einer Kiste an der Rezeption – „nur für den Fall“, wie sie sagte. Ben fand das Ganze aufregend wie eine kleine Mission und legte jede Taschenlampe erst hinein, nachdem er kurz getestet hatte, ob sie wirklich funktionierte.

Als Mia ihn dabei beobachtete, hob Ben wichtig den Zeigefinger. „Man weiß ja nie.“

„Das hast du von mir aufgeschnappt“, bemerkte Mia nüchtern, aber mit einem Lächeln.

Am Nachmittag nutzten sie die letzten Sonnenstunden noch einmal für einen Besuch im gepflegten Freibad im Ort. Das Edelstahlbecken glänzte im letzten Licht, nebenan standen drei Rutschen, und auf den schönen Liegewiesen lagen nur noch wenige Handtücher. Der Himmel über den Bergen hatte sich inzwischen mit hohen, grauen Wolkenbändern überzogen, die langsam näherkamen.

Das Freibad war ungewöhnlich leer für einen Ferientag. Viele Gäste schienen die Wetterwarnung bereits ernst zu nehmen und waren gar nicht erst gekommen. Der Bademeister ging aufmerksam am Beckenrand entlang und behielt den Himmel im Auge.

„Ich glaube, wir sollten nicht mehr allzu lange schwimmen“, sagte Julia schließlich, als ein erster, ferner Donner über die Berge grollte, kaum hörbar, aber deutlich genug, dass alle kurz innehielten.

Ben, der gerade noch einmal zur schnellsten Rutsche laufen wollte, blieb am Beckenrand stehen. „War das gerade Donner?“

„Klingt so“, sagte Lina und blickte besorgt zum Himmel, wo sich die Wolken tatsächlich zusehends dunkler färbten.

Sie beschlossen, nicht mehr lange im Wasser zu bleiben und hielten ihre Sachen schon bereit, damit sie sofort aufbrechen konnten, falls das Gewitter näherkam.

Ben warf noch einen sehnsüchtigen Blick zu den drei Wasserrutschen. Lina machte schnell ein paar Fotos: dunkle Wolken über den Gipfeln, davor letzte Sonnenstreifen. Der Anblick war schön und unheimlich zugleich.

„Das sieht aus wie in einem Fantasiefilm“, sagte sie, während sie das Display ihrer Kamera betrachtete.

Ben, der neben ihr stand und ebenfalls zum Himmel blickte, konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Sieht aus, als würde gleich ein Drache aus den Wolken fliegen“, sagte er grinsend, obwohl auch ihm die Wolkenstimmung ein wenig unheimlich vorkam.

Mia holte die beiden ein und sah zum Himmel. „Das nennt man wohl eine Gewitterfront. Beeindruckend, ja – aber ziemlich bedrohlich.“

Sie machten sich auf den Rückweg zum Hotel, schneller als geplant, während der Wind bereits merklich zunahm und erste einzelne Blätter von den Bäumen wirbelte.

„Hoffentlich bleibt es dabei, dass es nur schön aussieht“, murmelte Mia, die immer wieder auf ihr Handy schaute, auf dem die Regenradar-App eine große, dunkelrote Fläche zeigte, die sich langsam über die Berge schob.

„Zeig mal“, sagte Ben und beugte sich über ihre Schulter. Auf dem kleinen Display sah man eine bunte Karte, auf der sich ein riesiger roter und violetter Fleck genau über ihrer Gegend zusammenzog.

Ben wurde ernst. „Das sieht nicht gerade harmlos aus.“

„Laut der App soll es heute Nacht richtig losgehen“, sagte Mia und scrollte durch die Vorhersage. „Mehr als hundert Liter Regen pro Quadratmeter, verteilt über die nächsten zwei Tage.“

„Ist das viel?“, fragte Ben.

„Das ist sehr viel“, sagte Mia ernst. „Zum Vergleich: Bei uns zu Hause wäre das für einen einzelnen Regenzeitraum schon außergewöhnlich viel.“

Am Abend, beim gemeinsamen Essen im Hotel, war die Stimmung gedämpfter als an den Tagen zuvor. Franziska ging von Tisch zu Tisch und informierte die Gäste über die Wetterlage, ruhig und sachlich, aber mit spürbarem Ernst.

Sie hatte eine Liste mit wichtigen Hinweisen vorbereitet, die sie jedem Tisch vorlas: Fenster und Balkontüren gut verschließen, Autos wenn möglich in die überdachte Garage stellen, und im Falle eines Stromausfalls seien Kerzen und Taschenlampen an der Rezeption erhältlich.

Dusko half ihr auf seine ruhige Art. Er stellte Krüge mit heißem Tee auf die Tische, brachte den Kindern noch eine Runde Apfelschorle und achtete nebenbei darauf, dass niemand zu sorgenvoll in seinen Teller sah.

„Heute gibt es extra große Portionen“, sagte er zu Ben und zwinkerte. „Wer gegen ein Gewitter antritt, braucht schließlich Vorräte.“

Ben grinste, und selbst Mia musste lächeln. Für einen Moment fühlte sich der Gastraum wieder warm und sicher an.

„Das klingt ja fast wie eine Katastrophenübung“, flüsterte Ben Lina zu, während Franziska am Nachbartisch die gleichen Hinweise wiederholte.

Mia verschränkte die Arme. „Besser vorbereitet als überrascht.“

„Ab morgen früh wird es ungemütlich“, sagte Franziska zu ihnen. „Bleibt lieber im Ort oder gleich im Hotel. Macht es euch im Gastraum gemütlich. Wanderwetter ist das erst einmal nicht mehr.“

„Wie lange, denkst du, dauert das?“, fragte Linas Vater.

Franziska zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Ein, zwei Tage, hoffe ich. Vielleicht auch etwas länger. Die Berge hier machen manchmal, was sie wollen.“

Später standen Lina, Ben und Mia auf dem Balkon. Über den Bergen zuckte der erste Blitz.

Der Wind roch nach nassem Gras und Erde. Unten im Ort klapperte ein loser Fensterladen, bis ihn jemand schloss.

Julia kam für einen Moment zu ihnen, ein Handtuch in der Hand, mit dem sie noch schnell die letzten Gartenstühle auf der Terrasse ins Trockene brachte. „Meine Mutter sagt, so ein Wetter kündigt sich meistens Stunden vorher an. Man muss nur genau hinschauen und hinhören.“

„Erinnert euch noch jemand an das, was Sepp erzählt hat?“, fragte Lina leise. „Von dem Unwetter damals, das den Weg verschüttet hat?“

Mia nickte langsam. „Ich habe die ganze Zeit daran gedacht, seit Franziska von dem Regen gesprochen hat.“

Ben versuchte, die Stimmung aufzulockern. „Das war doch vor hundert Jahren oder so. So was passiert doch nicht einfach noch mal.“

„Vielleicht“, sagte Mia. „Aber Sepp hat auch gesagt, man muss die Berge respektieren.“

Ein weiterer, etwas näherer Blitz erhellte für einen Moment die Umrisse der umliegenden Gipfel. Kurz darauf folgte ein fernes Grollen, dumpf und lang anhaltend.

Gerade als die ersten schweren Tropfen aufs Blech des Nachbardachs schlugen, zogen sie sich ins Zimmer zurück.

Im warmen Licht wünschten sie sich gute Nacht. Draußen nahm der Wind zu, und aus der Ferne kam ein dumpfes Grollen.

Kapitel 9 – Die Nacht des Unwetters

In dieser Nacht schlief kaum jemand im Hotel Mitterer richtig durch. Der Regen prasselte so laut gegen die Fenster, dass es sich anhörte, als würde jemand mit tausend kleinen Steinchen gegen die Scheiben werfen.

Nach dem Abendessen hatten Franziska und Julia noch einmal alle Fensterläden im Erdgeschoss geprüft. Die Gäste waren früher als sonst in ihre Zimmer gegangen.

Lina wollte Fotos vom Gewitter machen. Doch als der erste grelle Blitz den Raum erhellte, zog sie den Vorhang zu und blieb wach im Bett.

Immer wieder blitzte es. Der Donner ließ die Scheiben vibrieren. Dazwischen blieb dieses tiefe Rauschen, das nicht nach Regen klang.

„Bist du wach?“, flüsterte sie in Richtung des Nachbarzimmers, in dem Mia schlief. Die dünne Wand ließ Stimmen erstaunlich gut durch.

„Ja“, kam die gedämpfte Antwort. „Ich kann bei dem Lärm nicht schlafen.“

Auch Ben, dessen Zimmer auf der anderen Seite des Flurs lag, klopfte irgendwann leise an Linas Tür. „Könnt ihr das auch hören?“, fragte er, als sie öffnete. „Das klingt nicht nur nach Regen.“

Tatsächlich war da noch ein anderes Geräusch, tief und dumpf, das sich vom gewöhnlichen Donnergrollen unterschied. Es klang, als würde irgendwo in der Ferne etwas Schweres rutschen oder rollen.

„Vielleicht ist das nur der Bach, der über die Ufer tritt“, sagte Lina, obwohl sie sich selbst nicht ganz sicher war.

Sie saßen eine Weile gemeinsam auf Linas Bett und lauschten. Dann flackerte das Licht – erst einmal, dann noch einmal. Aus dem Flur kam ein gedämpfter Ruf; irgendwo schlug ein Fensterladen hart gegen die Wand.

Für einen kurzen Moment war Ben so still, dass Lina erschrak. „Das war kein Donner.“

Da spürten sie alle drei, dass diese Nacht mehr war als ein gewöhnliches Gewitter.

Erst viel später schliefen sie ein, nicht tief, sondern in kurzen, unruhigen Stücken. Draußen riss der Regen an den Hängen, und das dumpfe Rollen kam immer wieder zurück, als würde der Berg im Schlaf die Zähne zusammenbeißen.

Mia hatte sich, bevor sie einschlief, noch kurz ihr Notizbuch geschnappt und in wackeliger Schrift notiert: „Nacht des Unwetters – lautes Grollen, das kein Donner ist.“ Es war, als wollte sie festhalten, was gerade geschah, bevor der Schlaf sie übermannte.

Am nächsten Morgen weckte sie ein gedämpftes Grau. Vor dem Fenster hingen Wolken tief über den Wiesen; die Gipfel waren verschwunden, und selbst die nahen Häuser wirkten fremd im Regen.

Lina fröstelte, obwohl es im Zimmer nicht kalt war, und zog sich schnell etwas Warmes an, bevor sie zu Mias Zimmer hinüberging, um zu klopfen. Auch Mia war schon wach und stand ebenfalls am Fenster, den Blick nach draußen gerichtet.

„Sieht nicht gut aus, oder?“, fragte Lina leise.

„Nein“, sagte Mia knapp. „Lass uns runtergehen und schauen, was los ist.“

Die beiden zogen sich schnell an und gingen hinunter in den Frühstücksraum, wo sie Ben bereits vorfanden, mit besorgtem Gesicht über seinem Frühstücksteller gebeugt.

„Hast du das schon gehört?“, fragte Ben sofort, als sie sich setzte. „Franziska hat gerade mit den anderen Gästen geredet. Die Zufahrtsstraße aus dem Tal ist blockiert.“

Auch die anderen Gäste im Frühstücksraum wirkten angespannt. An den Nachbartischen wurde leise getuschelt, und mehrmals hörte Lina das Wort „Erdrutsch“.

„Blockiert wodurch?“, fragte Lina erschrocken.

In diesem Moment kam Franziska selbst an ihren Tisch, das Gesicht blass, aber gefasst. Julia stand direkt hinter ihr, ebenfalls sichtlich beunruhigt.

„Es tut mir leid, euch das gleich am Morgen sagen zu müssen“, begann Franziska ruhig. „In der Nacht ist es zu einem Erdrutsch gekommen, etwas außerhalb des Ortes. Die Straße Richtung Zell am See ist auf einer Länge von mehreren hundert Metern mit Geröll und Schlamm bedeckt.“

Sie hielt kurz inne, bevor sie weitersprach, als würde sie selbst noch versuchen, die Nachricht zu verarbeiten. „Rudi war schon draußen und hat sich das mit eigenen Augen angesehen, gemeinsam mit ein paar Nachbarn.“ Sie sah kurz zu den Kindern. „Ihr wisst schon: Julias Patenonkel, den hier alle Onkel Rudi nennen. Er arbeitet bei der Gemeinde und kennt die Straßen und Wege besser als fast jeder andere. Es sieht ernst aus, aber zum Glück ist niemandem etwas passiert.“

„Der Onkel Rudi?“, fragte Lina, die sich an Julias Erzählung erinnerte. „Also der Patenonkel von Julia, der bei der Gemeinde arbeitet?“

Franziska nickte. „Genau der. Für Julia ist er fast wie Familie. Und Rudi kennt jeden Winkel dieser Straßen. Wenn er sagt, es sieht ernst aus, dann stimmt das.“

Julia, die neben ihrer Mutter stand, wirkte blass, aber gefasst. „Onkel Rudi ist schon seit den frühen Morgenstunden unterwegs“, sagte sie leise. „Er hat kurz angerufen, um zu sagen, dass es ihm gut geht, aber viel mehr wusste er auch noch nicht.“

„Das muss ganz schön beängstigend sein“, sagte Lina mitfühlend und legte Julia kurz die Hand auf den Arm.

„Er macht das schon lange“, sagte Julia und versuchte, tapfer zu lächeln. „Aber ganz ruhig bin ich trotzdem nicht, bis er wieder gut zurück ist.“

„Können wir denn gar nicht mehr raus?“, fragte Mia mit großen Augen.

„Im Moment nicht mit dem Auto oder Bus“, sagte Franziska. „Die Feuerwehr und die Bergrettung sind schon informiert, aber bei diesem Regen ist es noch zu gefährlich, die Straße zu räumen. Man muss erst abwarten, bis der Hang sich beruhigt hat.“

Linas Vater, der gerade dazugekommen war, runzelte die Stirn. „Das heißt, wir sitzen hier fest?“

„Für den Moment, ja“, sagte Franziska. „Aber macht euch keine allzu großen Sorgen. Wir haben genug Vorräte im Haus, und Strom und Wasser funktionieren noch. Es ist unangenehm, aber wir werden das gut überstehen.“

Mia zog ihr Notizbuch hervor. „Wie lange würden die Vorräte reichen, wenn es länger dauert?“

Franziska überlegte kurz. „Mit allem, was wir im Keller und in der Küche haben, würde es locker eine Woche reichen, vielleicht sogar länger, wenn wir sparsam damit umgehen. Das ist wirklich kein Grund zur Sorge.“

Diese klare Antwort schien auch die anderen Gäste zu beruhigen, die sich inzwischen um den Tisch versammelt hatten und aufmerksam zuhörten. Ein leises Raunen der Erleichterung ging durch den Raum.

Julia war bisher still geblieben. Jetzt sagte sie leise: „So etwas ist hier schon einmal passiert, als ich noch klein war. Damals hat es auch ein paar Tage gedauert, bis die Straße wieder frei war.“

Lina dachte sofort an die Geschichte, die Sepp ihnen von der Forsthofalm erzählt hatte – von dem alten Weg, der vor Jahrzehnten bei einem ähnlichen Unwetter verschüttet worden war. Sie sah zu Mia hinüber, die offensichtlich denselben Gedanken hatte, denn sie nickte ihr kaum merklich zu.

Ben hob vorsichtig die Hand. „Na ja. Immerhin müssen wir bei dem Wetter nicht wandern gehen.“

Trotz des Ernstes der Lage musste Franziska bei diesen Worten kurz lächeln. „Da hast du auch wieder recht, junger Mann.“

Nach und nach versammelten sich auch die anderen Hotelgäste im Frühstücksraum, viele noch im Schlafanzug unter der Regenjacke, alle mit ähnlich besorgten Gesichtern. Ein junges Paar aus Wien fragte aufgeregt nach dem Handyempfang, eine Familie mit einem Kleinkind machte sich Sorgen um die Windeln, die langsam ausgingen.

Franziska ging ruhig von Gast zu Gast, hörte sich jede Sorge an und fand für jeden ein beruhigendes Wort. „Wir kriegen das hin“, wiederholte sie immer wieder, so ruhig, dass sich die Anspannung im Raum langsam ein wenig löste.

Julia stand derweil an der Rezeption und versuchte, mit dem örtlichen Notdienst in Kontakt zu treten, was durch die schlechte Handyverbindung nur mühsam gelang. Immer wieder wählte sie erneut, bis sie endlich für einen kurzen Moment durchkam und ein paar knappe Informationen erhielt. „Die Feuerwehr ist bereits an der gesperrten Stelle“, berichtete sie anschließend ihrer Mutter. „Sie sagen, es kann noch dauern, weil weiterer Regen angekündigt ist.“

Ben beobachtete sie dabei und bewunderte insgeheim, wie ruhig sie trotz der Sorge um Rudi blieb. „Du machst das echt gut“, sagte er, als sie das Telefon schließlich wieder auflegte.

Julia lächelte kurz, aber ehrlich. „Danke. Man lernt das wohl, wenn man in einem Hotel aufwächst, in dem immer irgendwas zu organisieren ist.“

Lina, die die beiden beobachtet hatte, dachte bei sich, dass Julia trotz ihrer Sorge um Rudi bemerkenswert stark wirkte. Sie nahm sich vor, ihr in den kommenden Tagen so gut wie möglich zur Seite zu stehen, so wie Julia es ihnen seit ihrer Ankunft gegenüber getan hatte.

Im Inneren des Hotels, mitten unter den Gästen und den geschäftigen Vorbereitungen, verbreitete sich langsam ein Gefühl von Zusammenhalt, das die bedrückende Stimmung der frühen Morgenstunden allmählich vertrieb.

Draußen verschwanden die Berge, die noch vor wenigen Tagen so einladend und friedlich ausgesehen hatten, fast vollständig hinter dichten, grauen Wolken.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Lina in die Runde.

„Zuerst einmal“, sagte Franziska und straffte die Schultern, „sorgen wir dafür, dass es allen im Haus gut geht. Wir haben Gäste hier, die vielleicht Hilfe brauchen. Und wir müssen schauen, wie es mit den Vorräten aussieht.“

„Wir helfen mit“, sagte Mia sofort, und Lina und Ben nickten zustimmend.

Franziska sah die drei Kinder einen Moment lang dankbar an. „Das würde mir wirklich helfen. Julia, zeig ihnen doch, wo sie anpacken können.“

Julia führte sie in die Küche. Dort standen bereits mehrere Kisten mit haltbaren Lebensmitteln. „Wir sortieren alles, damit wir wissen, was da ist. Zählt ihr die Konservendosen? Ich schreibe mit.“

Mia übernahm diese Aufgabe sofort mit sichtlicher Begeisterung, ordnete die Dosen nach Sorten und zählte sie laut vor, während Julia mitschrieb. Ben half beim Tragen der schwereren Kisten, und Lina kümmerte sich darum, dass in jedem Zimmer der Gäste genügend Kerzen und Streichhölzer bereitlagen, falls der Strom doch noch ausfallen sollte.

Und so begann für Lina, Ben und Mia ein Tag, der ganz anders war als alle Urlaubstage zuvor – ein Tag, an dem aus drei neugierigen Feriengästen ganz nebenbei drei kleine Helfer wurden, mitten in einem Hotel, das plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten war.

Als der Abend schließlich kam und die ersten Kerzen in der Rezeption angezündet wurden, weil die Stromversorgung tatsächlich für kurze Zeit ausfiel, saßen die drei Kinder erschöpft, aber zufrieden mit ihrem ersten Tag als Hotelhelfer auf der Treppe und beobachteten das flackernde Licht, das lange Schatten an die Wände warf.

Kapitel 10 – Eingeschlossen

Am nächsten Vormittag war klar: Sie waren nicht einfach nur wegen schlechten Wetters im Hotel geblieben. Die Hauptstraße war verschüttet, der Busverkehr eingestellt, das Handynetz fiel immer wieder aus, und niemand konnte sicher sagen, wann Hilfe bis zum Hotel durchkommen würde. Draußen trommelte noch immer Regen gegen die Fenster, drinnen mischten sich Anspannung und geschäftige Ruhe.

In einem der Zimmer im zweiten Stock wohnte eine ältere Dame namens Frau Huber, die allein angereist war und sich sichtlich Sorgen machte. „Ich bin es einfach nicht gewohnt, so eingeschlossen zu sein“, gestand sie Lina, als diese vorbeikam, um nach frischen Kerzen zu fragen.

Lina setzte sich für ein paar Minuten zu ihr und zeigte ihr die Fotos, die sie in den letzten Tagen gemacht hatte: die Aussicht vom Schattberg, die Kühe auf der Alm, den bunten Himmel über der Schmittenhöhe. Frau Hubers Gesicht hellte sich merklich auf, während sie sich die Bilder ansah.

„Das sind wirklich wunderschöne Aufnahmen“, sagte sie. „Du hast ein gutes Auge, mein Kind.“

„Danke“, sagte Lina und spürte, wie gut es tat, jemandem in dieser angespannten Zeit ein bisschen Freude zu bereiten. Sie nahm sich vor, öfter bei Frau Huber vorbeizuschauen, solange sie alle im Hotel festsaßen.

Auch Herr Wagner, ein älterer Gast aus Salzburg mit weißem Schnurrbart, wurde an diesem Tag zu einer vertrauten Gestalt im Gastraum. Er saß oft am Fenster, hielt eine kleine Tablettendose in der Hand und fragte Franziska leise, ob die Straße vielleicht bald wieder frei werde. „Nur zur Sicherheit“, sagte er, als Lina seinen besorgten Blick bemerkte. „Ich muss bestimmte Herztabletten regelmäßig nehmen. Für heute Abend und morgen früh reicht es noch, aber danach wird es schwierig.“

Franziska versprach ihm, die Lage im Auge zu behalten und sofort nach einer Möglichkeit zu suchen, falls die Sperrung länger dauern sollte. Für Lina war es das erste Mal, dass sie wirklich verstand, dass die blockierte Straße nicht nur unbequem war, sondern für manche Menschen ernst werden konnte.

Unten in der Küche hatte sich derweil eine kleine Gruppe von Gästen versammelt, die Franziska und Julia beim Kochen halfen. Es gab Kartoffelsuppe mit Speck, ein einfaches, aber sättigendes Gericht, das aus den Vorräten im Keller gezaubert worden war.

Ben entdeckte, dass die Gäste ständig nach denselben Dingen fragten: Wasser, Tee, Decken, Nachrichten. Also stellte er mit Julia einen kleinen Tisch im Gastraum auf, beschriftete Zettel und ordnete alles so, dass Franziska nicht jede Frage einzeln beantworten musste. „Informationszentrale“, sagte er, diesmal ohne Grinsen. Mia ergänzte die Uhrzeiten der letzten Meldungen, und Lina hängte ein beruhigendes Foto vom sonnigen Schattberg daneben.

Die Küche war eng geworden mit so vielen zusätzlichen Händen, aber niemand schien sich daran zu stören. Ein junger Vater aus dem Nachbarzimmer schnitt Zwiebeln, während seine kleine Tochter auf einem Hocker saß und mit großen Augen zuschaute, wie der große Suppentopf auf dem Herd langsam zu blubbern begann.

„Das riecht schon jetzt gut“, sagte Lina, die gerade mit einem Stapel sauberer Teller aus der Speisekammer kam. Franziska nickte ihr dankbar zu und wischte sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Franziska rührte in der Suppe. „Normalerweise habe ich für so etwas extra Personal. Aber wegen der Sperrung kommt niemand her. Ohne euch – und ohne eure kleine Informationszentrale – wäre das heute wirklich schwierig geworden.“

„Dafür sind wir doch da“, sagte Ben und setzte seine geschälten Kartoffeln stolz auf den Tisch, so als hätte er gerade ein Kunstwerk vollbracht.

Ben, der sich als überraschend geschickter Kartoffelschäler entpuppte, unterhielt die anderen Helfer mit Geschichten von der langen Zugfahrt hierher, die inzwischen schon fast wie eine Legende in seinem Kopf gewachsen war. „Sieben Verspätungen“, behauptete er stolz, obwohl es in Wahrheit nur vier gewesen waren.

Ein junger Mann aus einem der anderen Zimmer, der bei seiner Kartoffel offenbar deutlich mehr Mühe hatte als Ben, lachte über die übertriebene Geschichte. „Bei uns hat es letztes Jahr auch mal drei Stunden Verspätung gegeben, wegen eines umgestürzten Baums auf den Gleisen. Da fühlt man sich schon ziemlich hilflos.“

„Genau so war das bei uns auch“, sagte Ben eifrig, „nur eben noch schlimmer.“ Er machte eine dramatische Pause, bevor er mit noch mehr Übertreibung fortfuhr, was die kleine Küchenrunde zum Lachen brachte.

„Es waren vier“, korrigierte Mia sachlich, die gerade mit einem Klemmbrett durch die Küche ging und die verbleibenden Vorräte kontrollierte.

„Vier ist auch schon eine ganze Menge“, verteidigte sich Ben. Im nächsten Moment kämpfte er mit einer besonders knorrigen Kartoffel, die partout nicht glatt werden wollte, und brachte damit die anderen Küchenhelfer zum Lachen.

Am frühen Nachmittag kam Julia mit blassem Gesicht aus dem Büro ihrer Mutter, das Telefon noch in der Hand. „Ich hatte gerade Onkel Rudi dran. Ihm geht es gut, aber er kommt heute nicht mehr durch. Er ist auf der anderen Seite der Sperre beim Einsatzstab. Die Bergrettung lässt niemanden durch den Hang, bis sich die Lage beruhigt hat.“

„Das heißt, er muss die Nacht dort draußen verbringen?“, fragte Lina besorgt.

„Zum Glück nicht irgendwo im Freien“, sagte Julia. „Er kann bei einer Familie in Viehhofen übernachten. Aber er kann eben nicht zu uns durch, genauso wenig wie jemand von draußen zu uns durchkommt.“

Mia hatte aufmerksam zugehört. „Dann trennt diese eine gesperrte Stelle nicht nur uns vom Tal, sondern auch Onkel Rudi vom Hotel.“

Julia nickte. „Stimmt. Das macht es so komisch. Er ist ganz in der Nähe und trotzdem unerreichbar.“

Franziska, die dazugekommen war, legte ihrer Tochter tröstend eine Hand auf die Schulter. „Er ist ein erfahrener Mann, der Rudi. Er weiß genau, was er tut, und die Familie in Viehhofen wird sich gut um ihn kümmern. Mach dir nicht zu viele Sorgen.“

„Ich weiß“, sagte Julia leise. Sie strich mit dem Daumen über den Rand des Telefons, als könnte sie die Verbindung dadurch festhalten. „Aber er gehört hierher. Wenn im Hotel etwas schiefgeht, ist er sonst immer der Erste, der unten an der Tür steht.“

Lina schob ihr die Kamera hin. „Vielleicht erkennst du auf den Fotos etwas, das wir übersehen haben.“

Julia nickte, aber sie blätterte langsamer als sonst. Bei jedem Bild vom Tal blieb ihr Blick einen Moment zu lange an der Straße hängen, die jetzt irgendwo hinter Regen und Schlamm blockiert war.

Die Nachricht machte die Lage für einen Moment bedrückender, als sie ohnehin schon war. Ben legte Julia kurz die Hand auf die Schulter. „Wenigstens weißt du jetzt, dass es ihm gut geht. Das ist doch schon mal was.“

Julia atmete tief durch. „Da hast du recht. Das ist tatsächlich das Wichtigste.“ Danach setzten sich die vier für eine Weile an einen ruhigen Tisch am Rand des Gastraums, wo Lina ihr die schönsten Aufnahmen der letzten Tage zeigte. Es half tatsächlich ein wenig, die Anspannung aus Julias Gesicht zu vertreiben.

Der Nachmittag verging mit weiteren kleinen Aufgaben: Wäsche musste getrocknet werden, was bei diesem Wetter eine Herausforderung darstellte, und mehrere Gäste baten um zusätzliche Decken, weil die Zimmer durch die andauernde Feuchtigkeit kühler geworden waren als sonst.

Ben übernahm die Aufgabe, die feuchte Wäsche so gut es ging über provisorisch gespannten Leinen im Heizungskeller aufzuhängen, wo es dank der alten, aber zuverlässigen Ölheizung angenehm warm war. „Hier unten könnte ich glatt übernachten“, scherzte er, als er die letzten Handtücher aufhängte.

Mia, die inzwischen ein regelrechtes System entwickelt hatte, um den Überblick über alle Aufgaben im Hotel zu behalten, hatte eine Liste angefertigt, wer sich um was kümmerte, und hakte gewissenhaft jeden erledigten Punkt ab. Franziska war sichtlich beeindruckt von der Organisation, die die junge Mia an den Tag legte.

„Du solltest später mal Hotelmanagerin werden“, sagte sie schmunzelnd, als sie einen Blick auf Mias ordentliche Liste warf.

„Vielleicht“, sagte Mia ernsthaft. „Aber ich glaube, ich würde lieber etwas mit Naturwissenschaften machen. Organisieren macht trotzdem Spaß, wenn es gerade gebraucht wird.“

Lina entdeckte bei ihrem Rundgang durchs Haus ein kleines, cleveres Detail: Franziska hatte im Gastraum ein großes Blatt Papier aufgehängt, auf dem alle wichtigen Informationen für die Gäste gesammelt wurden – der aktuelle Wetterbericht, die letzten Neuigkeiten zur Straße, und eine Liste mit Aktivitäten, die man trotz des Regens im Haus unternehmen konnte.

Lina half Franziska beim Aktualisieren der Liste. „Das ist eine gute Idee.“

Franziska lächelte müde, aber zufrieden. „Panik hilft niemandem. Eine gute Beschäftigung schon.“

Am Abend versammelten sich fast alle Gäste im großen Gastraum, wo Julia kurzerhand ein kleines Kartenspiel-Turnier organisierte, um die Stimmung zu heben. Sogar Frau Huber ließ sich überreden, mitzuspielen, und schon bald füllte fröhliches Gelächter den Raum, das den trommelnden Regen draußen fast vergessen ließ.

Dusko war an diesem Abend ebenfalls überall zugleich. Er füllte Teekannen nach, brachte Saft für die Kinder und stellte eine große Schüssel mit Salzstangen auf den Tisch.

„Damit Ben beim Verlieren wenigstens etwas zum Festhalten hat“, sagte er lachend.

Ben protestierte sofort, aber genau dieser kleine Scherz löste am ganzen Tisch Gelächter aus. Sogar Julia, die wegen Onkel Rudi immer wieder zum Telefon hinübersah, entspannte sich für einen Augenblick.

Dusko merkte es und stellte ihr wortlos eine Tasse Kakao hin. „Für die Nerven.“

Julia nickte dankbar.

Es gab mehrere Tische, an denen unterschiedliche Kartenspiele gespielt wurden: Die Erwachsenen vertieften sich in ein kompliziertes Spiel mit vielen Regeln, während an Bens Tisch ein einfacheres, aber umso lauteres Spiel im Gange war, bei dem es hauptsächlich darum ging, möglichst schnell eine Karte auf den Tisch zu klatschen.

„Ich gewinne!“, rief Ben zum wiederholten Mal, woraufhin die kleine Tochter des Nachbarpaares, die mit am Tisch saß, energisch widersprach und behauptete, sie sei viel schneller gewesen.

Franziska, die zwischen den Tischen umherging, um sicherzustellen, dass jeder etwas zu trinken hatte, blieb kurz bei Lina stehen, die gerade eine Pause vom Spielen machte. „Wie geht es dir mit alldem?“, fragte sie leise.

„Eigentlich ganz gut“, sagte Lina nachdenklich. „Es ist komisch, aber irgendwie fühlt es sich fast an wie eine große Familie hier, obwohl sich die meisten erst seit ein paar Tagen kennen.“

Franziska lächelte. „Das ist das Schöne an solchen Situationen, so schwierig sie auch sein mögen. Man merkt, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein.“

Mia, die zwischen zwei Kartenrunden kurz Zeit fand, blätterte in ihrem Notizbuch die Seiten mit den Informationen über den alten Weg und das Steinkreuz durch, die sie in den letzten Tagen gesammelt hatte. Ein Gedanke nagte an ihr, den sie noch nicht ganz greifen konnte.

„Was ist los?“, fragte Lina, die es bemerkt hatte.

„Ich weiß nicht genau“, sagte Mia langsam. „Aber irgendwie kommt mir das alles bekannt vor. Der Erdrutsch, das Steinkreuz, die Geschichte von Sepp. Als würden diese Dinge irgendwie zusammenpassen.“

Ben, der mit halbem Ohr zugehört hatte, grinste. „Da ist es wieder, dieses Gefühl. Ich hab doch gesagt, kein Urlaub ohne Geheimnis.“

Mia verdrehte die Augen, aber ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Vielleicht hast du ja wirklich recht. Aber ich weiß noch nicht, was es zu bedeuten hat.“

Sie zog ihr Notizbuch näher heran und begann, noch einmal systematisch alles aufzulisten, was sie über den alten Weg wussten: die Inschrift auf dem Steinkreuz, Sepps Erzählung von seinem Großvater, die ungefähre Richtung, in die der Weg verlaufen war. Lina und Ben beugten sich neugierig über ihre Schulter, um mitzulesen.

Mia fuhr mit dem Finger über ihre Notizen. „Wenn man das alles zusammennimmt, müsste der alte Weg vom Talschluss talwärts geführt haben. Vielleicht nicht bis direkt zum Hotel, aber zu einem Einstieg oberhalb des Ortes.“

„Das würde bedeuten, dass sein unteres Ende irgendwo ganz in unserer Nähe liegen könnte“, sagte Lina aufgeregt, wenn auch leise, um die anderen Gäste im Raum nicht zu stören.

„Genau das denke ich auch“, sagte Mia. „Aber ohne genauere Anhaltspunkte ist das nur eine Vermutung. Wir bräuchten irgendein Zeichen, das uns zeigt, wo genau man suchen müsste.“

Später, als sich die Gäste allmählich in ihre Zimmer zurückzogen, blieben die drei Kinder noch eine Weile am Fenster stehen und beobachteten den unaufhörlichen Regen. Der Wetterbericht auf Julias Handy versprach für die kommende Nacht eine leichte Besserung, auch wenn die Wolken draußen noch immer bedrohlich tief hingen.

„Morgen wird es bestimmt besser“, sagte Lina, mehr um sich selbst zu beruhigen als aus wirklicher Überzeugung.

„Das hoffe ich auch“, sagte Julia leise, den Blick immer noch auf das dunkle, regennasse Tal gerichtet, hinter dem irgendwo, auf der anderen Seite der Rutschung, Onkel Rudi in einer fremden Familie übernachtete.

Mia klappte schließlich ihr Notizbuch zu und steckte es ein. „Wir sollten schlafen gehen. Morgen sehen wir weiter. Und vielleicht fällt mir bis dahin auch ein, worauf ich die ganze Zeit nicht komme.“ Ein kleines, geheimnisvolles Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Sie stiegen gemeinsam die Treppe hinauf, jeder in Gedanken versunken, während unten im Gastraum die letzten Kerzen langsam heruntergebrannt waren. Draußen hatte der Regen etwas nachgelassen, ein zaghaftes Zeichen dafür, dass sich das Wetter womöglich schon bald bessern könnte.

Kapitel 11 – Was der Berg freigelegt hat

Am nächsten Morgen hatte der Regen tatsächlich nachgelassen, auch wenn der Himmel noch immer grau und schwer über den Bergen hing. Beim Frühstück brachte Franziska vorsichtig optimistische Neuigkeiten: Die Feuerwehr arbeite mit Hochdruck an der Räumung der Straße, auch wenn es wohl noch mindestens einen weiteren Tag dauern würde.

Franziska erlaubte den Kindern ein paar Minuten draußen, aber ihr Blick blieb streng. „Nur auf dem befestigten Weg hinter dem Hotel. Nicht zur Rutschung. Julia begleitet euch. Vom Bach haltet ihr Abstand. Und wenn ihr etwas Ungewöhnliches seht, fasst ihr nichts an, sondern kommt sofort zurück.“

Lina, Ben und Mia zogen sich ihre Regenjacken über und machten sich gemeinsam mit Julia auf den Weg, froh, endlich wieder ein bisschen frische Luft zu bekommen, nachdem sie mehr als einen Tag im Haus verbracht hatten. Der Garten hinter dem Hotel war regelrecht durchweicht, kleine Bäche aus Regenwasser hatten sich ihren Weg zwischen den Blumenbeeten gebahnt.

Die Luft roch frisch und erdig, ganz anders als die abgestandene Zimmerluft, an die sie sich in den letzten eineinhalb Tagen fast schon gewöhnt hatten. Über ihnen zogen noch immer graue Wolken vorbei, aber hin und wieder blitzte ein Streifen hellerer Himmel dazwischen auf, was Hoffnung auf baldige Besserung machte.

„Endlich wieder draußen“, seufzte Ben zufrieden und streckte die Arme aus, als könnte er die frische Luft dadurch noch besser einatmen. „Ich hatte schon fast vergessen, wie das ist.“

„Es war ja auch erst ein Tag“, bemerkte Mia gelassen, aber auch sie wirkte sichtlich erleichtert, endlich wieder draußen zu sein.

„Vorsichtig“, warnte Mia, als Ben beinahe in einer besonders tiefen Pfütze ausrutschte. „Der Boden ist überall aufgeweicht.“

Sie folgten dem befestigten Weg hinter dem Hotel, der in sicherem Abstand zum nahen Bach verlief. Der Bach war durch den vielen Regen angeschwollen und schäumte über die sonst so ruhigen Steine. Kleine Äste trieben vorbei, und an einer flacheren Stelle hatte das Wasser Erde aus dem Gras gespült.

Ben blieb von selbst auf Abstand. „Sieht schon anders aus als sonst.“ Dann kniff er die Augen zusammen. „Wartet mal. Schaut nicht nur auf die einzelnen Steine. Schaut auf die Linie.“

Er deutete nicht nach unten zur Böschung, sondern schräg den Hang entlang. Erst da sah Lina, was er meinte: Unter dem weggespülten Gras lagen graue, behauene Steine, nicht wie Geröll, sondern wie Reste einer schmalen Treppe.

„Nicht näher ran“, sagte Julia sofort. „Der Boden kann weiter nachgeben.“

Mia nickte ernst, zog ihr Notizbuch heraus und skizzierte die sichtbare Form der Steine aus sicherer Entfernung. „Das ist trotzdem kein Zufall der Natur“, sagte sie nach einer Weile. „So ordentlich liegen Steine nicht einfach nebeneinander.“

Lina, die inzwischen ihre Kamera gezückt hatte, fotografierte die freigelegte Struktur mit Zoom aus mehreren Winkeln. Auf dem Display sah zuerst alles enttäuschend aus: graues Wasser, nasses Gras, verwackelte Linien. „Das ist viel zu unscharf“, murmelte sie.

„Dann mach es noch einmal“, sagte Ben. „Aber von hier. Nicht näher ran.“

Julia nickte sofort. „Keiner geht an die Kante.“ Sie stellte sich instinktiv ein Stück vor die drei, als könnte sie den weichen Hang allein mit ihrem Körper zurückhalten.

Lina atmete aus, stützte die Kamera gegen einen Zaunpfosten und fotografierte erneut. Diesmal erkannte man auf dem Bild die Ordnung der Steine: keine zufälligen Brocken, sondern flache Kanten, die sich unter dem Gras fortsetzten.

Mia blätterte fieberhaft in ihrem Notizbuch. „Das Steinkreuz. Die Quelle. Sepps Geschichte. Das passt.“ Dann hielt sie inne und biss sich auf die Lippe. „Oder nein. Wenn ich die Karte richtig im Kopf habe, müsste der alte Weg weiter links verlaufen.“

Ben sah nicht auf die Karte, sondern auf den Hang. „Vielleicht ist die Karte falsch. Oder der Weg macht hier einen Knick.“

Mia setzte schon zum Widerspruch an, sah dann aber noch einmal hin. Die freigespülten Steine bildeten tatsächlich keine gerade Linie. Sie bogen unterhalb der nassen Grasnarbe leicht ab. „Vielleicht“, gab sie zu. „Aber dann müssen wir das sehr genau zeigen.“

Lina suchte die Fotos vom Steinkreuz heraus. Auch dort war zuerst kaum etwas zu erkennen. Erst als sie die Helligkeit am Kameradisplay veränderte und das Bild vergrößerte, tauchte zwischen Moos und Schatten ein Wort auf, das wie „Weeg“ aussah.

„Das reicht nicht als Beweis“, sagte Mia leise.

„Aber als Hinweis“, sagte Ben. „Und Hinweise zeigt man Leuten, die sich auskennen.“

„Und wir bleiben auf Abstand“, mahnte Julia. Ihre Stimme klang fester, als ihr Gesicht aussah. „Der Boden kann noch weiter nachgeben. Die Fotos reichen, jetzt müssen Erwachsene entscheiden.“

Lina machte noch zwei Aufnahmen aus sicherer Entfernung. Dann senkte sie die Kamera, sah zu Mia, Ben und Julia und nickte. Diesmal würden nicht die Kinder entscheiden, was der Fund bedeutete. Sie würden ihn weitergeben.

„Franziska!“, rief Ben schon von Weitem, als sie das Hotel erreichten, außer Atem vom schnellen Laufen durch den aufgeweichten Garten.

Franziska kam mit besorgter Miene aus der Küche geeilt. „Was ist los? Ist jemandem etwas zugestoßen?“

„Nein“, sagte Lina schnell. „Aber wir haben etwas gefunden. Etwas, das wichtig sein könnte.“

Sie legten Franziska die Fotos vor. Mia erklärte den Zusammenhang, stockte aber bei ihrer ersten Skizze. „Ich habe den Verlauf zuerst falsch eingezeichnet“, gab sie zu. „Auf der Karte müsste er weiter links liegen. Aber die Steine draußen zeigen einen Bogen.“

Franziska sah lange auf die Bilder. „Ich glaube euch, dass ihr etwas gefunden habt“, sagte sie schließlich. „Aber ich glaube nicht einfach, dass daraus ein sicherer Weg wird. Dafür holen wir jemanden, der das beurteilen kann.“

„Sepp?“, fragte Julia.

Franziska nickte und griff zum alten Telefon an der Rezeption. Die Leitung knackte, dann rauschte es, dann war für einen Moment eine Stimme zu hören. „Forsthof… Sepp… wer ist…?“

„Sepp, hier ist Franziska vom Hotel Mitterer“, rief sie in den Hörer. „Wir brauchen deine Erinnerung an den alten Weg.“

Die Verbindung brach ab.

Ben schlug mit der flachen Hand auf die Tischkante, fing sich aber sofort wieder. „Entschuldigung.“

Franziska wählte erneut. Diesmal dauerte es länger. Julia stand neben ihr und hielt den Atem an, als hinge daran nicht nur der alte Weg, sondern auch ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte.

Beim dritten Versuch kam Sepps Stimme klarer durch. Er hörte sich die Beschreibung an, stellte Fragen zur Quelle, zur Felswand und zu dem Bogen der Steine. Dann sagte er langsam: „Wenn der Weg dort einen Knick macht, dann wegen des Felsriegels. Mein Großvater hat immer gesagt, man geht unten herum, nicht oben drüber.“

Mia sah auf ihre Skizze. „Dann war meine erste Linie wirklich falsch.“

„Gut, dass du es gemerkt hast“, sagte Lina.

Franziska legte auf und sah die Kinder ernst an. „Jetzt rufen wir die Bergrettung. Und bis jemand von denen hier ist, geht niemand an diesen Hang .“

Draußen hatte sich der Regen weiter beruhigt. Doch der Garten sah noch immer nach Unwetter aus, Schlamm und helle Rinnen im Gras zeigten, wie viel Wasser sich einen Weg gesucht hatte.

Kapitel 12 – Der vergessene Weg

Jetzt ging es nicht mehr um die Frage, ob die Kinder etwas Ungewöhnliches gefunden hatten. Es ging darum, ob aus einem alten Hinweis wirklich Hilfe werden konnte.

Franziska erklärte Herrn Wagner vorsichtig, was sie herausgefunden hatten. Er saß im Gastraum, die kleine Tablettendose in beiden Händen. „Ich will niemandem zur Last fallen“, sagte er leise. „Aber ohne diese Tabletten wird es für mich nicht erst in ein paar Tagen schwierig.“

Lina sah nicht weg. Die Dose klapperte kaum hörbar, als Herr Wagner sie wieder schloss.

„Dann müssen wir den Weg finden!“, rief Ben entschlossen.

Franziska hob sofort die Hand. „Langsam. Das ist nichts für Kinder allein. Ihr helft am meisten, wenn ihr genau zeigt, was ihr gesehen habt. Heute geht es nicht darum, in den Hang zu laufen, sondern die richtigen Hinweise weiterzugeben.“

Julia stand neben ihrer Mutter und blickte zur alten Karte im Gastraum. Der rötliche Strich, den sie als Kind so oft angesehen hatte, wirkte plötzlich nicht mehr wie eine Spielerei ihres Großvaters. „Vielleicht wollte er wirklich, dass sich irgendwann jemand daran erinnert“, sagte sie leise.

Kurze Zeit später traf sich eine kleine Gruppe im Garten des Hotels: Franziska, Linas Vater, Herr Steiner von der örtlichen Bergrettung und die drei Kinder. Herr Steiner war auf dieser Seite der Rutschung stationiert gewesen und kam mit Helm, Seil und einem Blick, der jeden lockeren Stein zu prüfen schien.

Der Regen hatte fast aufgehört, doch der Boden war aufgeweicht. Herr Steiner blieb mehrere Meter vor der freigelegten Stelle stehen. „Das ist interessant“, sagte er. „Aber interessant ist nicht dasselbe wie sicher.“

Ben wollte etwas erwidern, doch Julia berührte kurz seinen Ärmel. Er schwieg. Diesmal war es wichtiger zuzuhören als schnell recht zu haben.

Herr Steiner betrachtete die Steine aus sicherer Entfernung und verglich sie mit den Fotos. „Das könnte ein alter Saumpfad sein“, sagte er schließlich. „Solche Wege wurden früher genutzt, um Vieh und Güter zwischen den Tälern zu bringen. Aber selbst wenn es einer ist, kann er heute an vielen Stellen weggebrochen sein.“

Mia legte ihre korrigierte Skizze auf eine trockene Holzplatte. „Ich habe zuerst gedacht, der Weg müsste gerade verlaufen“, sagte sie. „Aber Sepp hat den Felsriegel erwähnt. Deshalb macht er wahrscheinlich diesen Bogen.“

Herr Steiner nickte langsam. „Das ist der erste hilfreiche Gedanke heute.“

Lina zeigte die Aufnahmen vom Steinkreuz, der Quelle und der niedrigen Felswand. Ein Foto war unscharf, ein anderes zu dunkel. Erst das dritte zeigte die Felswand deutlich. „Hier müsste die Wasserader sein“, sagte sie. „Wenn Sepp recht hat, darf man oberhalb davon nicht weitergehen.“

„Gut“, sagte Herr Steiner. „Dann prüfen wir nicht den kürzesten Weg, sondern den wahrscheinlich sichereren.“

Die Kinder blieben im Gastraum, während Herr Steiner mit einem zweiten Bergretter aufbrach. Franziska machte ihnen klar, dass Warten diesmal keine Nebensache war: Sie sollten Fotos sortieren, die Skizze sauber nachzeichnen und jede Funkmeldung mit ihren Notizen vergleichen.

Mia arbeitete konzentriert, aber nicht mehr so sicher wie sonst. Zweimal radierte sie ihre Linie aus. Ben klebte farbige Zettel auf die Stellen, an die er sich erinnerte. Lina legte ihre Fotos in der Reihenfolge aus, in der der Weg vermutlich verlief.

Die erste Meldung über Funk klang ernüchternd. „Keine Fortsetzung gefunden. Zu viel Geröll.“

Im Gastraum wurde es still. Herr Wagner saß am Fenster und drehte die Tablettendose zwischen den Fingern. Julia presste die Lippen zusammen.

Ben beugte sich über die Skizze. „Wenn sie dort nichts finden, sind sie vielleicht zu hoch.“ Er tippte auf Linas Foto mit der Wasserader. „Sepp hat gesagt: unten herum, nicht oben drüber.“

Franziska gab den Hinweis weiter. Eine Weile rauschte es nur. Dann kam Herr Steiners Stimme zurück: „Wir gehen zurück zur Felswand und prüfen den unteren Absatz.“

Die nächsten Minuten zogen sich endlos. Lina starrte auf die Fotos, bis die Kanten der Steine vor ihren Augen verschwammen. Mia hielt den Stift so fest, dass ihre Fingerknöchel hell wurden.

Dann knackte das Funkgerät. „Absatz gefunden. Alte Randsteine sichtbar. Der Verlauf passt zu eurer Skizze.“

Ben stieß einen leisen Jubel aus, aber niemand traute sich, richtig zu feiern. Noch war der Weg nicht frei, nur wahrscheinlicher geworden.

Kurz darauf kam die nächste Schwierigkeit: Ein umgestürzter Baum versperrte den alten Pfad. Für Wanderer wäre das Ende gewesen. Für die Bergretter bedeutete es zusätzliche Sicherung, einen Umweg von wenigen Metern und noch mehr Zeit.

„Der Onkel Rudi würde sagen, dass ein Weg nicht dadurch verschwindet, dass er schwierig wird“, sagte Julia leise. Ihre Stimme zitterte kaum noch. „Man muss nur entscheiden, ob man ihn verantworten kann.“

Franziska sah ihre Tochter an. In ihrem Blick lag Müdigkeit, Sorge und Stolz zugleich.

Schließlich meldete Herr Steiner sich wieder: „Wir haben eine Verbindung zu einem alten Forstweg. Schmal, rutschig, nicht für Gäste, aber für zwei gesicherte Bergretter machbar.“

Erst kurz vor der Dämmerung wagte Franziska, die Nachricht laut zu wiederholen: Es gab eine schmale, schwierige Verbindung zur anderen Seite der Sperre.

Diesmal brach der Jubel nicht sofort los. Erst als Herr Steiner bestätigte, dass die beiden Bergretter sicher auf dem Rückweg waren, atmeten alle hörbar aus. Julia umarmte Lina so fest, dass diese fast das Gleichgewicht verlor, und Frau Huber klatschte erleichtert in die Hände.

Franziska hob beschwichtigend die Hände. „Sie sind noch nicht ganz zurück. Aber sie sind auf dem Rückweg, und der Weg scheint zu funktionieren. Das ist eine wirklich gute Nachricht.“

„Es ist kein einfacher Weg“, berichtete Herr Steiner, als er später erschöpft, aber zufrieden zurückkehrte. „Und er wird kein Wanderweg. Aber für erfahrene Bergretter mit leichtem Gepäck und Sicherung ist er machbar. Das reicht, um dringende Medikamente und wichtige Nachrichten auszutauschen, bis die Straße wieder frei ist.“

Franziska strahlte vor Erleichterung. „Das bedeutet, wir können Herrn Wagner noch vor der nächsten fehlenden Dosis mit seinen Medikamenten versorgen?“

„Genau das“, bestätigte Herr Steiner. „Zwei erfahrene Bergretter gehen noch vor der vollständigen Dunkelheit mit Stirnlampen und leichtem Rucksack los. Wenn alles klappt, sind die Medikamente vor dem Frühstück hier.“

Die Erleichterung im Hotel war förmlich greifbar. Sogar Herr Wagner, der bisher tapfer versucht hatte, seine Sorge zu verbergen, konnte ein dankbares Lächeln nicht unterdrücken, als ihm die guten Nachrichten überbracht wurden.

„Das haben wir euch zu verdanken“, sagte Franziska später zu Lina, Ben, Mia und Julia, als sie gemeinsam am Abendbrottisch saßen. „Ihr habt nicht den Berg bezwungen. Ihr habt genau hingesehen, gezweifelt, korrigiert und die richtigen Menschen gefragt. Das war heute wichtiger als jedes Draufloslaufen.“

Ben strahlte über das ganze Gesicht. „Ich hab’s doch gesagt. Kein Urlaub ohne Geheimnis.“

Mia verdrehte zwar die Augen, aber diesmal ohne jeden Widerspruch, und sogar Lina musste über Bens triumphierenden Tonfall lachen. Ben kippelte nicht mehr unruhig mit dem Stuhl. Mia legte den Stift aus der Hand, und Lina merkte, dass sie seit Minuten nicht mehr auf den Regen gehört hatte.

Kapitel 13 – Freie Bahn

Am nächsten Morgen erwachte Lina von einem Geräusch, das sie in den letzten Tagen kaum gehört hatte: Stille. Kein trommelnder Regen, kein fernes Donnergrollen. Sie sprang aus dem Bett und riss die Vorhänge auf, und tatsächlich zeigte sich zwischen den Wolken zaghaft ein Streifen blauen Himmels.

„Ben! Mia! Kommt her!“, rief sie. Wenige Augenblicke später standen die drei gemeinsam auf dem Balkon. Zwischen den auseinanderbrechenden Wolken fiel das erste echte Sonnenlicht seit Tagen auf Saalbach.

Beim Frühstück gab es weitere gute Nachrichten. Franziska stand mit dem Handy am Kopfende des Frühstücksraums. Eben hatte sie kaum Signal gehabt, jetzt kamen mehrere Nachrichten gleichzeitig. „Die Bergrettung meldet, dass die Straße bis heute Nachmittag geräumt sein könnte!“ Im Raum brach Applaus aus.

Der Frühstücksraum, der die letzten Tage über eher gedrückt und still gewesen war, füllte sich plötzlich mit aufgeregtem Gemurmel und erleichtertem Lachen. Frau Huber, die sich seit dem Beginn des Unwetters kaum von ihrem Zimmer wegbewegt hatte, kam sogar extra herunter, um sich die guten Nachrichten selbst anzuhören.

„Das ist wirklich wunderbar“, sagte sie strahlend zu Lina, als diese ihr beim Frühstück Gesellschaft leistete. „Ich glaube, ich werde heute sogar mal wieder einen kleinen Spaziergang wagen.“

Ben hatte sich einen besonders großen Teller mit Rührei und Speck geladen. Zwischen zwei Bissen sagte er: „Das nennt man wohl Feierfrühstück.“

Julia, die neben ihrer Mutter stand, wirkte erleichtert wie schon lange nicht mehr. „Das bedeutet, der Onkel Rudi kann bald zurückkommen“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte dabei leicht vor Freude.

Lina nahm Julias Hand und drückte sie kurz. „Das ist die beste Nachricht seit Tagen.“ Julia nickte. Mehr brachte sie im Moment nicht heraus.

Tatsächlich rollte am frühen Nachmittag der erste Bagger auf der wieder befahrbaren Straße durch den Ort, gefolgt von mehreren Fahrzeugen der Bergrettung. Und nicht lange danach hielt ein vertrautes Auto direkt vor dem Hotel Mitterer.

„Onkel Rudi!“, rief Julia und rannte los, kaum dass die Autotür aufging. Rudi, ein hochgewachsener Mann mit müdem, aber glücklichem Gesicht, fing sie in seinen Armen auf und drückte sie fest an sich.

Auch Franziska eilte hinzu, und für einen Moment stand die ganze Familie eng umschlungen vor dem Hoteleingang, während die anderen Gäste diskret, aber sichtlich gerührt, das Wiedersehen beobachteten.

„Das war knapp“, sagte Rudi schließlich, als er sich von Julia und Franziska löste und die drei Kinder bemerkte, die etwas abseits standen. „Und ich habe gehört, dass ihr drei einiges dazu beigetragen habt, dass es allen hier gut ergangen ist.“

Er sah müde aus, mit dunklen Ringen unter den Augen und schlammverschmierter Arbeitskleidung, aber sein Lächeln wirkte echt und warm, als er sich vor die drei Kinder stellte. „Herr Steiner hat mir am Funk schon alles erzählt. Ihr habt wirklich gute Arbeit geleistet.“

Ben versuchte, cool zu wirken. „War doch selbstverständlich.“ Sein breites Grinsen verriet ihn sofort.

Lina senkte verlegen den Blick. „Wir haben nur ein bisschen geholfen.“

„Ein bisschen geholfen, das nenne ich bescheiden“, sagte er und schüttelte jedem von ihnen herzlich die Hand. „Ich habe von Herrn Steiner gehört, was ihr mit dem alten Weg herausgefunden habt. Das war wirklich außergewöhnlich.“

Am Abend deckte Franziska im Gastraum einen langen Tisch. Es war kein lautes Fest, eher ein stilles Zusammenkommen nach Tagen voller Sorge. Die Lampen warfen warmes Licht auf das Holz, draußen rauschte leise der Bach, und auf den Tellern wartete zuerst eine kräftige Nudelsuppe, die nach Brühe, Gemüse und wie Zuhause schmeckte.

Franziska hatte Sepp und Berta eingeladen, und auch Herr Steiner, Herr Wagner und Rudi nahmen sich einen Platz. Niemand hielt eine große Rede. Man spürte auch so, wie viel Erleichterung in diesem Raum saß.

Sepp saß neben den Kindern und betrachtete eine Weile die dampfenden Teller. Dann sagte er leise: „Manchmal braucht eine alte Geschichte nur Menschen, die ihr wieder zuhören.“

Berta nickte und legte den Kindern ein paar Scheiben von ihrem Käse auf einen kleinen Teller. „Der Sepp hat mir kaum von etwas anderem erzählt“, sagte sie mit einem warmen Lächeln. „Von euch dreien und von dem alten Weg.“

Ben wollte zuerst etwas Lustiges erwidern, ließ es dann aber bleiben. Er rührte mit dem Löffel durch die Suppe und sagte nur: „Die ist richtig gut.“

Nach der Suppe brachte Franziska den Rinderbraten herein. Dazu gab es Kroketten und grüne Bohnen, ansprechend und sorgfältig angerichtet. Für einen Moment wurde es am Tisch ganz ruhig, weil alle erst einmal aßen und weil genau dieses ruhige Essen nach den unruhigen Tagen wohltat.

Linas Vater beugte sich später zu Franziska hinüber. „Es ist erstaunlich, wie sich alles zusammengefügt hat. Wenn die Kinder das Steinkreuz nicht fotografiert hätten, oder wenn Sepp uns nicht von seinem Großvater erzählt hätte, wäre das wahrscheinlich nie ans Licht gekommen.“

Mias Vater nickte. „Und es zeigt, wie wichtig es ist, den Geschichten der älteren Generation zuzuhören. Ohne Sepps Erinnerung hätten wir gar nicht gewusst, wonach wir suchen sollten.“

Sepp strich mit den Fingern über den Rand seines Glases. „Genau deshalb erzählt man solche Dinge weiter. Nicht, weil sie alt sind, sondern weil sie manchmal noch gebraucht werden.“

Franziska sah von einem zum anderen. „Und manchmal braucht es offene Augen, die zur richtigen Zeit hinschauen.“

„Was meinen Sie damit?“, fragte Mia neugierig.

Herr Steiner legte die Serviette neben seinen Teller. „Die Gemeinde will den freigelegten Teil genauer untersuchen. Vielleicht wird daraus irgendwann ein offizieller Wanderweg, mit einer Infotafel über seine Geschichte.“

Ben sah kurz auf. „Vielleicht steht dann irgendwo: entdeckt von Lina, Ben und Mia.“ Er sagte es diesmal nicht übermütig, sondern fast vorsichtig, als müsse man mit solchen Gedanken behutsam umgehen.

„Erst einmal abwarten, was die Untersuchung ergibt“, sagte Mia sachlich. Aber auch sie konnte ein kleines, zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken.

Herr Steiner nickte. „Solche Entdeckungen müssen dokumentiert und geprüft werden. Das Amt für Denkmalschutz wird sich das sicher ansehen. So etwas findet man nicht alle Tage.“

Herr Wagner, dessen Medikamente rechtzeitig über den provisorischen Pfad geliefert worden waren, bedankte sich noch einmal bei den Kindern. „Ich werde euch drei nicht vergessen“, sagte er ernst. „Vielleicht habt ihr mehr getan, als euch selbst bewusst ist.“

Zum Schluss stellte Franziska Eispalatschinken auf den Tisch. Die Teller klirrten nur leise, als sie verteilt wurden. Ben sah auf sein Dessert, dann in die Runde und sagte ungewöhnlich ruhig: „Das ist genau richtig.“

Lina hob ihre Kamera erst spät. Sie fotografierte nicht den Nachtisch und auch nicht den alten Plan an der Wand. Sie fotografierte den langen Tisch im warmen Licht, die müden, erleichterten Gesichter und Franziska, die für einen Moment einfach nur dastand und lächelte. Manche Erinnerungen musste man nicht suchen. Sie saßen direkt vor einem.

Die letzten Tage ihres Urlaubs verliefen deutlich ruhiger, aber nicht weniger schön. Das Wetter besserte sich zusehends, sodass sie noch einmal zur Sommerrodelbahn konnten, dieses Mal ohne Ben dabei schwindlig werden zu lassen, da er inzwischen genau wusste, wie viel Tempo er vertrug.

Sie besuchten auch noch einmal das Freibad, wo Julia sich diesmal Zeit nahm, ganz ohne Sorgen mit ihnen zu schwimmen. An einem der letzten Abende saßen sie noch einmal mit Franziska, Julia und Onkel Rudi auf der Terrasse und ließen den Urlaub ruhig Revue passieren.

Der Himmel über den Bergen war inzwischen wieder makellos blau, als hätte es das Unwetter nie gegeben, nur die frisch geräumte Straße und ein paar noch sichtbare Spuren am Hang erinnerten daran, was in den letzten Tagen wirklich passiert war.

Rudi erzählte noch einmal ausführlich von seinen Erlebnissen auf der anderen Seite der Rutschung, von der freundlichen Familie, bei der er untergekommen war, und wie erleichtert er gewesen sei, als die Nachricht über den provisorischen Pfad ihn erreicht hatte.

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht“, gestand er, „aber zu wissen, dass ihr alle hier gut versorgt wart, hat mir wirklich geholfen, die Tage durchzustehen.“

Franziska legte ihm liebevoll die Hand auf den Arm. „Wir haben es gemeinsam geschafft. Das ist doch das Wichtigste.“

Ben lehnte sich zufrieden zurück. „Ich glaube, das war der beste und aufregendste Urlaub, den ich je hatte. Auch wenn ich das am Anfang bestimmt nicht gedacht hätte.“

„Bei der Zugfahrt hättest du bestimmt das Gegenteil behauptet“, erinnerte Lina ihn lachend.

„Stimmt“, gab Ben zu. „Aber im Nachhinein war sogar die lustig. Fast.“

„Ich werde diesen Urlaub nie vergessen“, sagte Lina, während sie den Sonnenuntergang über den Bergen fotografierte, die jetzt wieder in ihrem gewohnten, friedlichen Grün dalagen, als wäre nichts geschehen.

„Ich auch nicht“, stimmte Ben zu. „Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir den Urlaub am Anfang etwas entspannter vorgestellt hatte.“

„Dafür war es aber viel spannender“, sagte Mia. „Und wir haben etwas gefunden, das vielleicht noch lange Bestand haben wird.“

Später, als Lina die Fotos sortierte, blieb sie besonders lange bei einem Bild hängen: dem nassen Steinabschnitt hinter dem Hotel, halb verborgen im Gras. Es sah unscheinbar aus, und doch wusste sie jetzt, dass manche Wege nur darauf warteten, wiederentdeckt zu werden.

Am Morgen der Abreise stand die Familie noch einmal am Empfang, wo das kleine Gästebuch aufgeschlagen dalag, das Lina bei ihrer Ankunft entdeckt hatte. „Jetzt wissen wir, was wir erlebt haben“, sagte sie zu Franziska und griff nach dem Stift.

Gemeinsam schrieben die drei Kinder einen langen Eintrag über ihren Urlaub: die chaotische Zugfahrt, die wunderschönen Wanderungen, Sepp und seine Geschichten, das Unwetter und schließlich die Entdeckung des alten Weges. Franziska las den Eintrag mit feuchten Augen.

„Ihr müsst mir versprechen, dass ihr mir schreibt, wenn ihr wieder zu Hause seid“, sagte sie. „Ich will wissen, wie es euch geht – und ich schreibe euch, sobald ich weiß, ob aus dem alten Weg wirklich ein richtiger Wanderweg wird.“

„Versprochen“, sagten Lina, Ben und Mia wie aus einem Mund, und Julia lächelte gerührt über diese spontane Einigkeit.

„Ihr müsst unbedingt wiederkommen“, sagte sie, als sie sich am Ende herzlich von der ganzen Familie verabschiedete. „Am besten schon nächstes Jahr.“

„Das werden wir“, versprach Lina, und dieses Mal war sie sich ganz sicher, dass sie dieses Versprechen auch halten würden.

Die Heimreise verlief, zur allgemeinen Erleichterung, völlig reibungslos. Kein einziger Zug hatte Verspätung, alle Anschlüsse klappten wie am Schnürchen, und gegen Ende der Fahrt erklärte Ben mit gespieltem Bedauern, dass er die ganze Aufregung der Hinfahrt fast ein bisschen vermisse.

„Fast“, betonte Mia ungerührt, und alle drei mussten lachen, während der Zug sie zurück in Richtung Siegerland brachte, mit unzähligen neuen Erinnerungen im Gepäck und der leisen Vorfreude auf einen weiteren Besuch in den Bergen von Saalbach.

Als die vertrauten Hügel des Siegerlandes schließlich am Horizont auftauchten, lehnte sich Lina zufrieden zurück und betrachtete noch einmal die vielen Fotos, die sie in den letzten zwei Wochen gemacht hatte. Jedes einzelne erzählte einen Teil dieser besonderen Geschichte: die chaotische Anreise, die ersten sonnigen Wandertage, das Steinkreuz, Sepp und seine Erzählungen, das Unwetter, und schließlich der vergessene Weg, der wiederentdeckt worden war.

„Weißt du was?“, sagte sie zu Mia, während der Zug durch die letzten Kilometer rollte. „Ich glaube, das war unser bisher aufregendster Urlaub. Und das, obwohl wir eigentlich nur ausspannen wollten.“

Mia hielt ihr vollgeschriebenes Notizbuch fest in beiden Händen. „Vielleicht sind es ja gerade die Urlaube, die man am wenigsten plant, die am Ende am meisten bleiben.“

Schlusswort

Ein Abenteuer muss nicht immer mit einer geheimnisvollen Karte oder einem rätselhaften Fund beginnen. Bei Lina, Ben und Mia beginnt es mit einer verspäteten Zugfahrt, müden Gesichtern am Bahnhof und einem Urlaub, der eigentlich nur Erholung bringen sollte.

Weit weg von ihrer vertrauten Heimat im Siegerland entdecken die drei Freunde in Saalbach nicht nur Berge, Almen und neue Wege, sondern auch eine alte Geschichte, die fast vergessen war. Sichtbar wird sie erst, weil Lina genau hinsieht, Mia die richtigen Fragen stellt und Ben merkt, dass auch kleine Beobachtungen wichtig sein können.

Der Sommer in Saalbach zeigt ihnen, wie schön und zugleich kraftvoll die Berge sind. Sie schenken weite Ausblicke, stille Momente und unvergessliche Tage – doch sie verdienen auch Respekt, besonders wenn das Wetter umschlägt und aus einem Urlaub plötzlich eine Herausforderung wird.

Als der Regen kommt und das Hotel für eine Weile von der Außenwelt abgeschnitten ist, rücken Gäste, Gastgeber und Freunde näher zusammen. Aus Fremden wird eine kleine Gemeinschaft, und aus einem alten Hinweis entsteht die Erinnerung an einen Weg, den kaum noch jemand kennt.

Ob dieser vergessene Weg eines Tages wieder auf einer Wanderkarte stehen wird, bleibt offen. Sicher ist nur: Lina, Ben und Mia werden weiter mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Und vielleicht wartet hinter dem nächsten Berg schon ein neues kleines Geheimnis.

Noch nicht genug von Lina, Ben und Mia?

Die drei Freunde erleben noch viele weitere Abenteuer im Siegerland und darüber hinaus – von verborgenen Schätzen über vergessene Stollen bis hin zu Geheimnissen, die niemand mehr für möglich gehalten hätte.

Alle Bücher der Reihe findest du bei Amazon unter dem Suchbegriff „Lina Ben Mia“ oder unter dem Autorennamen Lothar Reuter.

Impressum

Titel des Buches: Sommerurlaub in Saalbach – eingeschlossen im Hotel

Autor: Lothar Reuter

Anschrift: Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland

E-Mail: LotharReuter@web.de

1. Auflage 2026

© 2026 Lothar Reuter. Alle Rechte vorbehalten.

Verantwortlich für den Inhalt:

Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland

Druck und Vertrieb:

Vertrieb der E-Book-Ausgabe: Amazon Kindle Direct Publishing

Die Inhalte dieses Buches, einschließlich Texte, Layout und Struktur, unterliegen dem Urheberrecht.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Haftungsausschluss

Dieses Buch ist ein spannendes Kinderabenteuer über Freundschaft, Neugier und den Mut, auch dann genau hinzusehen, wenn plötzlich alles anders kommt als geplant – geschrieben für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren.

Die Geschichte rund um Lina, Ben und Mia beginnt im Siegerland und führt die drei Freunde in den Sommerurlaub nach Saalbach im Salzburger Land. Zwischen Bergen, Bergbahnen, alten Wegen, einem gemütlichen Hotel und unerwarteten Ereignissen entdecken sie, dass Abenteuer manchmal dort beginnen, wo man eigentlich nur Ferien machen wollte.

Regionale Bezüge, Orte, Wege und geschichtliche Hinweise wurden mit Sorgfalt behandelt, sind jedoch erzählerisch frei gestaltet. Namen, Ereignisse, Fundstücke und einzelne Orte können fiktiv sein oder dichterisch verändert worden sein.

Dieses Buch möchte keine Reisebeschreibung oder historische Dokumentation ersetzen, sondern Lust darauf machen, Fragen zu stellen, Spuren zu entdecken und die Geschichten hinter scheinbar stillen Orten wahrzunehmen.

Hinweis zu den verwendeten Abbildungen

Die im Buch enthaltenen Illustrationen, die keinen gesonderten Quellvermerk tragen, wurden mithilfe von ChatGPT (OpenAI) nach inhaltlichen und gestalterischen Vorgaben des Autors KI-basiert erstellt.

Die Bilder entstanden auf Grundlage eigener Ideen zu Motiv, Farbe und Stil mithilfe der Bildgenerierungsfunktion von ChatGPT (Stand 2026).

Verwendetes Tool: ChatGPT (OpenAI)
https://chat.openai.com

Über den Autor

Ein Weg, geprägt von Begegnungen

Lothar Reuter, geboren 1956 in Kreuztal, blickt auf ein vielseitiges Berufsleben zurück. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann war er viele Jahre im IT-Bereich eines Energienetzbetreibers tätig. Dabei begegnete er Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen und Verantwortungsbereichen – Erfahrungen, die seine Sicht auf Zusammenarbeit, Vertrauen und Kommunikation nachhaltig geprägt haben.

Seit seinem Ruhestand engagiert er sich aktiv in seiner Heimatregion, unter anderem im Heimatverein. Bereits zuvor war er in verschiedenen Vorstandsämtern örtlicher Vereine tätig.

Als Vater dreier erwachsener Kinder und stolzer Großvater von vier Enkelkindern schöpft er aus einem reichen Schatz persönlicher und beruflicher Erfahrungen.

Lothar Reuter lebt mit seiner Frau in Struthütten im Siegerland.

Danksagung

Mein herzlicher Dank gilt meiner Frau Anke Reuter.

Anke hat dieses Buch mit großer Sorgfalt mehrfach Korrektur gelesen und mir wertvolle Impulse zum Inhalt gegeben. Ihre Geduld, ihr kritischer Blick und ihre liebevolle Unterstützung haben maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Geschichte ihre heutige Form gefunden hat.

Viele Gedanken, Ideen und kleine Details dieses Buches wären ohne ihre Unterstützung nicht entstanden.