Vorwort

Manchmal beginnt ein großes Abenteuer ganz leise.

Mit einer Autofahrt durch ein vertrautes Tal. Mit dem Blick auf grüne Berge. Mit dem Wiedersehen lieber Menschen. Und mit der Vorfreude auf gemeinsame Tage, von denen noch niemand weiß, was sie bringen werden.

In dieser Geschichte begleiten wir Lina, Ben und Mia zurück nach Saalbach. Dort treffen sie Hans, den erfahrenen Wanderführer, der nicht nur die Wege in den Bergen kennt, sondern auch weiß, worauf es im Leben ankommt: aufmerksam zu sein, Rücksicht zu nehmen, ruhig zu bleiben und niemals leichtsinnig zu werden.

Doch ein guter Urlaub besteht nicht nur aus Gipfeln und Wanderungen. Es sind auch die kleinen Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben: ein Nachmittag beim Minigolf, ein Besuch im Heimathaus, ein Volleyballspiel mit neuen Freunden, ein mutiger Schritt im Kletterpark oder ein stiller Blick über das Tal.

Als sich das Wetter plötzlich verändert, wird aus einem schönen Wandertag ein ernstes Abenteuer. Nun zeigt sich, wie wichtig Zusammenhalt, Vertrauen und Besonnenheit sind. Jeder kann etwas beitragen. Niemand ist unwichtig. Und manchmal ist der Mutigste nicht derjenige, der einfach weitergeht, sondern derjenige, der zur richtigen Zeit stehen bleibt.

Dieses Buch erzählt von Freundschaft, Verantwortung und der besonderen Kraft einer Gemeinschaft. Es soll Kindern Mut machen, die Natur mit offenen Augen zu entdecken, aufeinander zu achten und auch in schwierigen Situationen nicht die Hoffnung zu verlieren.

Denn wie Hans sagt:

Ein Gipfel ist etwas Schönes. Aber das Wichtigste ist, dass alle gemeinsam und sicher wieder nach Hause kommen.

Die drei Freunde

Lina – 12 Jahre

Lina behält gern den Überblick. Sie betrachtet Wanderkarten genau, merkt sich Abzweigungen und versucht zu verstehen, wie Wege, Hänge und Täler zusammengehören. Dabei ist sie ruhig, aufmerksam und verantwortungsbewusst.

Wenn die Gruppe unterwegs ist, achtet Lina nicht nur auf den richtigen Weg, sondern auch auf die anderen. Sie merkt, wenn jemand zurückbleibt, unsicher wird oder Hilfe benötigt. Doch auch Lina muss lernen, dass eine Karte nicht auf jede Frage eine Antwort gibt. In den Bergen können Nebel, Schnee und ein plötzlicher Wetterwechsel selbst vertraute Wege verändern.

Als es später ernst wird, trägt Lina mit ihrer Wanderkarte entscheidend dazu bei, dass die Gruppe die Orientierung wiederfindet.

Ben – 11 Jahre

Ben hat fast immer einen passenden Spruch auf den Lippen. Er bringt die anderen zum Lachen und freut sich auf Bergbahnen, Ballspiele, den Kletterpark und natürlich auch auf ein gutes Essen. Doch Ben ist weit mehr als nur der Spaßmacher der Gruppe.

Er beobachtet genau, interessiert sich für Werkzeuge und technische Dinge und packt mit an, wenn Hilfe gebraucht wird. Von seinem Großvater hat er einen alten Kompass bekommen, dessen richtige Benutzung er während des Urlaubs lernen möchte.

Wenn es schwierig wird, zeigt Ben, dass echter Mut nicht laut sein muss. Er bleibt bei den anderen, denkt praktisch und hilft mit seinem Kompass dabei, die richtige Richtung zu bestimmen.

Mia – 10 Jahre

Mia ist neugierig, einfühlsam und aufmerksam. Sie liebt es, besondere Augenblicke mit ihrer Kamera festzuhalten: das Licht über den Bergen, einen stillen Waldweg, eine seltene Blume oder Wolken, die sich am Himmel verändern.

Dabei lernt sie von Hans eine wichtige Regel: Beim Gehen wird nicht fotografiert. Zuerst bleibt man sicher stehen, schaut in Ruhe und macht dann sein Bild.

Mia beobachtet oft Dinge, die anderen zunächst nicht auffallen. Sie nimmt Veränderungen in der Natur wahr und hält Erlebnisse in ihrem Urlaubstagebuch fest. Doch auch sie erkennt, dass man nicht alles durch eine Kamera betrachten kann. Manchmal muss man die Kamera weglegen, mit eigenen Augen hinsehen und auf sein Gefühl vertrauen.

Gemeinsam

Lina, Ben und Mia sind sehr verschieden. Genau deshalb sind sie gemeinsam so stark.

Lina behält mit ihrer Karte den Überblick.

Ben bringt mit seinem Kompass, seinen praktischen Ideen und seinem Humor neuen Mut in die Gruppe.

Mia beobachtet aufmerksam und erkennt Veränderungen, die leicht übersehen werden könnten.

An ihrer Seite ist Hans, der erfahrene Wanderführer. Er kennt die Berge, ihre Wege und ihre Gefahren. Doch er erklärt den Kindern nicht einfach, was sie tun sollen. Er zeigt ihnen, wie wichtig Ruhe, Verantwortung und gegenseitige Rücksicht sind.

Gemeinsam erleben sie, dass ein Urlaub nicht immer so verläuft, wie man ihn geplant hat. Aus schönen Wandertagen wird plötzlich ein ernstes Abenteuer. Nun zeigt sich, worauf es wirklich ankommt:

Freundschaft, Vertrauen, Besonnenheit und der feste Wille, niemanden zurückzulassen.

Kapitel 1 – Wieder daheim in Saalbach

Schon kurz hinter Zell am See veränderte sich die Landschaft. Die Straße führte nun hinein ins Glemmtal, vorbei an Wiesen, kleinen Häusergruppen und bewaldeten Hängen. Sie schlängelte sich durch das Tal, mal ein wenig nach links, mal nach rechts, doch steil war sie nicht. Der Vater fuhr ruhig, während die Kinder auf der Rückbank immer wieder nach draußen zeigten.

„Da vorne muss Saalbach sein“, sagte Lina und hielt die Wanderkarte so dicht vor ihr Gesicht, dass nur noch ihre Nasenspitze darüber hinausragte.

Mia beugte sich zu ihr hinüber. „Du kannst die Karte auch etwas weiter weg halten. Dann siehst du vielleicht sogar noch die Berge.“

Lina tat, als hätte sie das nicht gehört. Mit dem Finger folgte sie der Straße, die auf dem Papier wie ein dünnes graues Band durch das Tal lief. „Zell am See bis Saalbach, ungefähr zwanzig Kilometer. Wir müssten gleich da sein.“

Ben saß am Fenster und zählte die Gondeln, die hoch über den Wiesen an den Seilen hingen. „Vierzehn“, sagte er. „Und die rote Gondel dort ist die schönste.“

„Du hast vorhin noch gesagt, die blaue sei die schönste“, erinnerte ihn Lina.

„Da kannte ich die rote noch nicht.“

Die Mutter drehte sich lächelnd zu ihnen um. „Ihr seid keine fünf Minuten im Tal und habt schon eine Rangliste für Gondeln.“

Ben hob die Schultern. „Jemand muss sich schließlich um die wichtigen Dinge kümmern.“

Je weiter sie fuhren, desto vertrauter wurde alles. Da war die Abzweigung, an der sie im vergangenen Sommer einmal falsch gefahren waren. Dort stand der kleine Holzstadel mit den roten Geranien vor den Fenstern. Und schließlich tauchten die grünen Hänge von Schattberg und Kohlmais auf. Sanfte Grasberge, breit und freundlich, durchzogen von Wegen, Waldstücken und Lifttrassen. Keine schroffen Felsspitzen, sondern Berge, die im Sommer aussahen, als hätte jemand eine große grüne Decke über sie gelegt.

„Der Schattberg!“, rief Mia.

„Und da drüben der Kohlmais“, ergänzte Lina.

Ben drückte die Stirn gegen die Scheibe. „Die sehen gar nicht so riesig aus.“

„Warte, bis du oben stehst“, sagte der Vater. „Vom Tal aus täuschen Entfernungen.“

„Hans würde jetzt bestimmt eine Bergweisheit sagen“, meinte Mia.

Ben verstellte seine Stimme und sprach besonders feierlich: „Wer unten steht, soll nicht so tun, als wäre er schon oben.“

Lina musste lachen. „So würde Hans das niemals sagen.“

„Nein“, erwiderte Mia, „aber ganz falsch ist es auch nicht.“

Als das Schild mit der Aufschrift Saalbach auftauchte, wurden die Kinder stiller. Nicht, weil es nichts mehr zu sagen gab, sondern weil jeder von ihnen auf seine Weise spürte, wie schön es war, zurückzukommen. Hinter den Fenstern zogen Geschäfte, Gasthäuser und Balkone mit Blumenkästen vorbei. Menschen schlenderten über den Gehweg, Fahrräder lehnten an Hauswänden, und über allem lag dieser besondere Geruch aus warmer Sommerluft, Holz und frischem Gras.

Wenig später bog der Vater in die Zufahrt des Hotels Mitterer ein. Kies knirschte unter den Reifen. Noch bevor der Motor verstummt war, öffnete sich die Eingangstür.

Franziska trat heraus.

Sie stemmte nicht die Hände in die Hüften und rief auch nicht quer über den Parkplatz. Sie blieb einfach einen Moment in der Tür stehen, lächelte und breitete dann die Arme aus.

„Da seid ihr ja wieder“, sagte sie. Ihre Stimme klang so herzlich, als hätte sie die Familie erst gestern verabschiedet.

Mia sprang als Erste aus dem Auto. Lina folgte, und Ben brauchte einen Augenblick länger, weil sich der Gurt verdreht hatte. Dann standen alle drei vor Franziska, die jedes Kind nacheinander umarmte.

„Ihr seid gewachsen“, stellte sie fest. „Und ich glaube, ihr habt noch genauso viel Unfug im Kopf wie im vergangenen Jahr.“

„Nur guten Unfug“, sagte Ben.

„Das behaupten die größten Unfugmacher immer.“

Julia kam mit einem Gepäckwagen aus der Lobby. Als sie die Kinder sah, ließ sie den Wagen stehen und eilte zu ihnen.

„Endlich!“, rief sie. „Ich habe heute Morgen schon dreimal nachgesehen, ob ihr angekommen seid.“

„Wir können nichts dafür“, sagte Lina. „Papa fährt vernünftig.“

„Das will ich hoffen“, antwortete Julia und zwinkerte dem Vater zu.

Gemeinsam brachten sie die Koffer hinein. Schon in der Eingangshalle bemerkten die Kinder, dass sich einiges verändert hatte. Die Fenster waren neu. Das Glas war klarer, die Rahmen passten zu dem hellen Holz im Raum, und obwohl draußen ein Lieferwagen vorbeifuhr, hörte man innen kaum etwas davon.

„Die sind neu“, stellte Mia fest.

Franziska nickte. „Im Frühjahr eingebaut. In der Zwischensaison, als es im Hotel etwas ruhiger war. Im Winter hätten wir dafür gar keine Zeit. Da ist Hauptsaison.“

„War das eine große Baustelle?“, fragte Ben.

„Eine ziemlich große. Eine Weile sah es aus, als hätte jemand das halbe Haus ausgepackt.“

Julia lachte. „Und Franziska hat jeden Abend behauptet, am nächsten Morgen wäre alles wieder ordentlich.“

„Man darf die Hoffnung nie aufgeben“, sagte Franziska gelassen.

Im Treppenhaus blieben die Kinder vor der Fotowand stehen. Dort hing noch immer das Bild vom vergangenen Sommer. Lina, Mia und Ben standen darauf zwischen Franziska, Julia und Dusko, alle ein wenig zerzaust, aber glücklich.

„Wir hängen noch da“, sagte Ben leise.

„Natürlich“, antwortete Julia. „Ihr gehört doch längst dazu.“

Ihre Zimmer lagen wieder nebeneinander. Als Ben sich rückwärts auf eines der neuen Betten fallen ließ, federte die Matratze weich nach.

„Das ist ja besser als zu Hause!“

„Neue Boxspringbetten“, erklärte Julia. „Auch in der Zwischensaison gekommen.“

Lina setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. „Die sind wirklich gut.“

Lina legte ihre Karte auf den kleinen Tisch am Fenster. Mia nahm ihre Kamera, doch bevor sie ein Bild machte, trat sie auf den Balkon. Von dort aus blickte man über die Dächer hinweg auf den grünen Hang des Schattbergs.

„Fast wie letztes Jahr“, sagte sie.

„Nicht ganz“, meinte Ben, der neben sie getreten war. „Wir sind älter.“

Lina kam dazu. „Und hoffentlich klüger.“

Noch vor dem Abendessen führte Julia die Kinder durch den hinteren Teil des Hotels. Dort waren die Spuren der Umbauarbeiten fast verschwunden, doch in einem kleinen Abstellraum standen noch Farbdosen, sauber beschriftete Kartons und ein zusammengerolltes Stück Schutzfolie. Julia erzählte, wie Handwerker in der Zwischensaison früh am Morgen gekommen waren und manche Zimmer am Abend trotzdem wieder ordentlich aussehen mussten. Mia stellte sich vor, wie das vertraute Hotel für einige Wochen voller Leitern und Werkzeug gewesen war. Lina fragte nach, wie man einen Umbau plante, ohne dass etwas vergessen wurde. Ben untersuchte interessiert einen alten Fenstergriff, den Julia aufgehoben hatte. Er stellte fest, dass die Mechanik klemmte, und versuchte herauszufinden, warum. So bekam jedes Kind einen anderen Blick auf das Haus: Mia sah die Veränderungen, Lina dachte an die Organisation, und Ben wollte wissen, wie die Dinge funktionierten.

Auf dem Flur begegneten sie einer älteren Dame, die ihren Zimmerschlüssel suchte. Sie hatte ihn gerade noch in der Hand gehabt und wurde zunehmend nervös. Die Kinder halfen, ohne durcheinanderzulaufen. Lina fragte ruhig, wo die Dame zuletzt gewesen war. Mia sah unter dem kleinen Sessel nach. Ben entdeckte den Schlüssel schließlich in einer Falte des Schals, den die Dame über dem Arm trug. Sie bedankte sich so herzlich, dass Ben ein wenig verlegen wurde. Franziska, die alles aus der Entfernung beobachtet hatte, sagte später nur: „Manchmal beginnt ein Abenteuer nicht auf einem Berg, sondern damit, dass man für jemanden aufmerksam ist.“

Als sie danach in den Speisesaal kamen, begrüßte Dusko die Kinder mit einem Tablett voller Gläser und seinem warmen, ruhigen Lächeln.

„Da ist ja unsere Abenteuertruppe wieder“, sagte er und stellte die Gläser behutsam ab. „Schön, dass ihr da seid.“

„Du hast uns also vermisst?“, fragte Ben.

Dusko nickte. „Natürlich. Im Hotel war es ohne euch viel zu ruhig.“

Franziska lächelte. Duskos ruhige, herzliche Art war den Kindern sofort wieder vertraut. Ohne viele Worte gab er ihnen das Gefühl, wirklich willkommen zu sein.

Später setzte sich Franziska für einen Moment zu der Familie. „Und? Was habt ihr in diesem Sommer vor?“

„Hans wiedersehen“, sagte Mia ohne zu zögern.

„Mit ihm wandern“, ergänzte Lina.

Ben nickte. „Und diesmal will ich lernen, wie man einen Kompass richtig benutzt. Opa hat mir seinen alten mitgegeben.“

Er zog einen kleinen Messingkompass aus der Hosentasche. Die Oberfläche war an den Rändern abgerieben, und im Deckel befand sich eine winzige Delle.

„Ein schönes Stück“, sagte der Vater. „Aber ein Kompass ist kein Spielzeug.“

„Weiß ich.“

„Dann bewahr ihn gut auf.“

Lina tippte auf ihre gefaltete Karte. „Und ich habe die neue Wanderkarte.“

„Dann fehlt euch nur noch Hans“, sagte Franziska. „Morgen könnt ihr beim Tourismusverband nach seinen Führungen sehen. Heute Abend ist er bestimmt noch oben bei den Kühen.“

Auf dem Balkon ihrer Zimmer beobachteten die Kinder später, wie die Dämmerung über das Tal zog. Das Grün der Berge wurde dunkler, die ersten Lichter gingen an, und irgendwo in der Ferne läutete eine Kuhglocke.

„Glaubt ihr, Hans erinnert sich an uns?“, fragte Lina.

„Bestimmt“, sagte Mia.

Ben drehte den Kompass in seiner Hand. Die Nadel schwankte kurz und fand dann wieder nach Norden.

„Und falls nicht“, meinte er, „helfen wir seinem Gedächtnis nach.“

Sie blieben noch eine Weile draußen. Keiner sprach von großen Gefahren oder Abenteuern. Noch nicht. An diesem Abend genügte das Gefühl, wieder da zu sein. In einem Tal, das ihnen längst nicht mehr fremd war, in einem Hotel, das sich beinahe wie ein zweites Zuhause anfühlte, und unter Bergen, auf denen Hans irgendwo seinen Tag beendete.

Kapitel 2 – Ein Vormittag voller Pläne

Am nächsten Morgen war Lina zuerst wach. Für einige Sekunden wusste sie nicht, wo sie war. Dann sah sie das helle Holz an der Wand, hörte gedämpft eine Tür auf dem Flur und erinnerte sich.

Saalbach.

Sie schlüpfte aus dem Bett und trat ans Fenster. Die neuen Scheiben waren noch kühl von der Nacht. Über dem Schattberg lag ein dünner Streifen Morgennebel, der sich langsam auflöste.

„Mia, steh auf. Du wolltest doch die Erste sein.“

„Ich bin wach.“

„Du liegst noch.“

„Man kann auch im Liegen wach sein.“

Beim Frühstück trafen sie Lothar und seine Frau. Die beiden saßen wie im vergangenen Jahr an einem Tisch nahe dem Fenster. Lothar hob die Hand, sobald er die Kinder entdeckte.

„Da sind ja unsere alten Bekannten!“

„Alt sind höchstens wir“, sagte seine Frau und lächelte.

Die Kinder setzten sich einen Moment zu ihnen. Lothar erzählte, dass sie schon einige Tage im Hotel seien und mehrere kleinere Wanderungen gemacht hätten.

„Vielleicht begegnen wir uns oben einmal“, sagte Mia.

„Das wäre schön“, antwortete Lothars Frau. „Aber ihr müsst nicht jeden Tag auf einen Berg. Zu einem guten Urlaub gehören auch ruhige Stunden.“

„Und etwas, bei dem wir nicht bergauf laufen müssen“, warf Ben ein.

Lothar nickte ernst. „Auch an einem ruhigen Urlaubstag kann sich der wahre Charakter eines Menschen zeigen.“

„Bei dir zeigt sich vor allem, dass du den Ehrgeiz selbst im Urlaub nicht abschalten kannst“, sagte seine Frau.

Nach dem Frühstück machten sich die Kinder mit ihren Eltern auf den Weg zum Tourismusverband. Der Ort war bereits lebendig. Vor der Bäckerei wurden Tische nach draußen gestellt, Radfahrer schoben ihre Räder über den Platz, und am Brunnen blieb Ben stehen, um eine Münze vom Boden aufzuheben.

„Die kommt ins Urlaubsglas“, sagte er.

„Was ist ein Urlaubsglas?“, fragte Lina.

„Ein Glas, in das man Dinge legt, die man im Urlaub findet.“

„Münzen gehören dem, der sie verloren hat“, sagte Mia.

Ben betrachtete die Münze, dann legte er sie gut sichtbar auf den Rand des Brunnens. „Dann kann er sie wiederfinden.“

Im Tourismusverband standen Prospekte in langen Reihen. Lina ging sofort zu den Wanderkarten, Mia betrachtete einen Aushang mit Ausflugszielen und Veranstaltungen, und Ben entdeckte einen Plan vom Talschluss.

Bevor sie hineingingen, blieb Mia vor einer großen Übersichtskarte stehen, die an der Außenwand hing. Auf ihr waren nicht nur Wege und Gondeln eingezeichnet, sondern auch Bushaltestellen, Spielplätze und kleine Aussichtspunkte. Lina entdeckte, dass manche Ziele viel näher beieinanderlagen, als sie gedacht hatte. Ben suchte sofort nach dem Kletterpark und fand daneben ein Symbol für einen Hochseilgarten. Gemeinsam überlegten sie, welche Tage anstrengend und welche ruhiger sein sollten. Zum ersten Mal planten sie nicht danach, wer am lautesten einen Wunsch äußerte. Jeder durfte zwei Dinge nennen, die ihm besonders wichtig waren. Mia wünschte sich Zeit zum Zeichnen, Lina wollte eine Tour mit Karte begleiten, und Ben wollte lernen, seinen Kompass zu benutzen. So entstand auf der Rückseite eines Prospekts ihr erster gemeinsamer Urlaubsplan.

„Hier gibt es einen Kletterpark“, sagte er. „Und den Baumzipfelweg.“

„Baumzipfelweg“, wiederholte Lina. „Nicht Baumwipfelweg?“

„Hier heißt er so.“

Eine Mitarbeiterin kam auf sie zu. „Kann ich euch helfen?“

Lina erklärte, dass sie Hans suchten. Bei seinem Namen hellte sich das Gesicht der Frau auf.

„Hans ist heute nicht mit einer Gruppe unterwegs. Morgen führt er eine kleine Tour, und übermorgen ist er am Kohlmais. Wenn ihr ihn persönlich treffen möchtet, findet ihr ihn wahrscheinlich am Nachmittag bei seinem Haus oberhalb von Hinterglemm.“

„Kennt er wirklich jeden Weg?“, fragte Ben.

Die Frau lächelte. „Jeden vielleicht nicht. Ein guter Wanderführer würde so etwas auch nie behaupten. Aber Hans kennt die Berge sehr gut, und noch wichtiger: Er weiß, wann man besser nicht weitergeht.“

Mia nahm einen Prospekt mit geführten Wanderungen. „Hier steht der Pinzgauer Spaziergang.“

Die Mitarbeiterin wurde etwas ernster. „Das ist eine lange Tour. Wunderschön, aber man muss vorbereitet sein. Hans entscheidet immer erst kurz vorher, ob das Wetter und die Gruppe passen.“

„Wir würden gern mit“, sagte Lina.

„Dann zeigt ihm zuerst, dass ihr aufmerksam seid. Bei Hans zählt nicht, wer am schnellsten läuft. Er achtet darauf, wer Verantwortung übernimmt.“

Ben zog den Kompass hervor. „Ich will lernen, damit umzugehen.“

„Dann hast du schon ein gutes Ziel.“

Auf dem Rückweg zum Hotel blieben sie vor der Minigolfanlage stehen. Durch den Zaun sahen sie kleine Bahnen mit Hindernissen, eine schiefe Brücke, einen Tunnel und ein Windrad, dessen Flügel sich langsam drehten.

Noch im Tourismusverband begegneten sie einem Jungen in ihrem Alter, der sich nicht zwischen zwei Prospekten entscheiden konnte. Er war mit seiner Großmutter im Urlaub und suchte etwas, das sie gemeinsam unternehmen konnten. Lina zeigte ihm den leichten Spazierweg am Bach, Mia empfahl die Aussichtsbänke nahe dem Dorf, und Ben wies auf die Minigolfanlage hin. Der Junge lächelte erleichtert. Als er gegangen war, meinte die Mitarbeiterin, gute Ortskenntnis bedeute nicht nur, selbst den richtigen Weg zu finden. Manchmal helfe sie auch dabei, anderen eine passende Möglichkeit zu zeigen. Die Kinder nahmen diesen Satz mit hinaus, obwohl er gar nicht von Hans stammte.

„Nur eine Runde“, bat Ben.

Die Eltern wechselten einen Blick.

„Wir wollten doch nachher zu Hans“, sagte die Mutter.

„Genau deshalb“, erwiderte Ben. „Wir müssen schließlich nicht jeden Tag wandern.“

Lina starrte ihn an. „Seit wann denkst du so vernünftig?“

„Seit ungefähr gerade eben.“

Sie spielten eine Runde. Mia begann sehr konzentriert. Vor jedem Schlag stellte sie ihre Füße genau nebeneinander, blickte über die Bahn und machte zwei Probebewegungen. Trotzdem prallte ihr Ball an der Bande ab und rollte zurück.

Ben schlug einfach drauflos. Sein Ball sauste über die Bahn, sprang an einem Hindernis hoch und blieb hinter dem Windrad liegen.

„Das war Absicht“, behauptete er.

Lina war weder besonders vorsichtig noch besonders wild. Sie beobachtete, wie die Bahnen verliefen, und gewann am Ende mit drei Punkten Vorsprung.

Ben nahm die Niederlage erstaunlich gelassen. „Ich habe dafür den spektakulärsten Schlag gemacht.“

„Das stimmt“, sagte der Vater. „Nur leider in die falsche Richtung.“

Am Nachmittag berieten die Kinder auf dem Balkon, wie sie ihre Eltern von den Wanderungen überzeugen konnten. Mia schrieb eine Liste. Lina ordnete die Prospekte nach Schwierigkeitsgrad. Ben saß mit dem Kompass auf dem Boden und drehte sich so lange im Kreis, bis die Nadel wieder stillstand.

„Wir sollten nicht gleich mit der längsten Tour anfangen“, sagte Lina. „Erst etwas Kleineres. Dann vielleicht ein Tag im Talschluss. Danach eine weitere Wanderung.“

„Und irgendwann der Pinzgauer Spaziergang“, ergänzte Mia.

„Nicht irgendwann“, sagte Ben. „In diesem Urlaub.“

Als sie den Plan ihren Eltern vortrugen, hörten diese aufmerksam zu.

„Mir gefällt, dass ihr Pausen und andere Ausflüge eingeplant habt“, sagte die Mutter.

„Und dass ihr nicht glaubt, nach einer kleinen Wanderung sofort alles zu können“, fügte der Vater hinzu.

„Das glauben wir nicht“, sagte Lina.

Ben hob den Kompass. „Wir wollen es lernen.“

Die Eltern stimmten zu, dass sie Hans besuchen durften. Über die große Tour sollte jedoch erst später entschieden werden.

Bevor sie aufbrachen, kam Julia mit drei kleinen Stoffbeuteln. Auf jedem war ein Berg gestickt.

„Für eure Fundstücke“, erklärte sie. „Aber bitte keine lebenden Käfer, keine nassen Steine und keine halben Baumstämme.“

„Darf eine verlorene Münze hinein?“, fragte Ben.

„Nur wenn du sicher bist, dass sie niemand mehr sucht.“

Der Weg nach Hinterglemm führte durch den Ort und dann allmählich hinauf. Die Kinder redeten durcheinander, doch je näher sie Hans’ Haus kamen, desto aufgeregter wurden sie.

An einer Weggabelung zog Lina die Karte hervor.

„Wir müssen rechts“, sagte sie.

Ben blickte auf seinen Kompass. „Norden ist dort.“

„Wir müssen aber nicht nach Norden“, sagte Mia. „Wir müssen zu Hans.“

Ben klappte den Deckel zu. „Ich habe ja gesagt, ich muss noch üben.“

Kurz darauf sahen sie den Stall. Daneben stand das kleine Holzhaus, und vor der Tür lagen ordentlich gestapelte Scheite. Eine Kuh hob den Kopf und sah ihnen entgegen.

Dann öffnete sich die Stalltür.

Hans trat heraus, wischte sich die Hände an seiner Hose ab und blieb stehen.

Für einen Augenblick sagte niemand etwas.

Dann lächelte er.

„Ich habe mich schon gefragt, wann meine drei Bergfreunde endlich auftauchen.“

Kapitel 3 – Hans und die stillen Dinge

Hans kam ihnen entgegen, nicht hastig, sondern mit den ruhigen Schritten eines Menschen, der selten einen Grund sah, sich unnötig zu beeilen. Mia umarmte ihn zuerst. Lina folgte, und Ben reichte ihm zunächst die Hand, wurde dann aber ebenfalls in eine kräftige Umarmung gezogen.

„Du bist größer geworden“, sagte Hans.

„Das sagen heute alle.“

„Dann wird es wohl stimmen.“

Hans erkundigte sich nach der Schule, nach den Eltern und danach, ob sie den Winter gut überstanden hätten. Er wusste noch, dass Mia gern zeichnete, dass Lina im vergangenen Jahr auf schmalen Wegen immer den Überblick behalten hatte und dass Ben jede schwierige Situation mit einem Scherz leichter machen konnte.

„Und?“, fragte Hans. „Was habt ihr euch für diesen Sommer vorgenommen?“

„Wir wollen mit dir wandern“, sagte Mia.

„Aber nicht jeden Tag“, ergänzte Lina schnell. „Wir wollen auch in den Talschluss und zum Baumzipfelweg.“

„Und in den Kletterpark“, sagte Ben. „Vielleicht.“

Hans sah ihn an. „Vielleicht?“

„Ich muss mir erst ansehen, wie hoch das alles ist.“

„Das ist vernünftig. Mut heißt nicht, dass man keine Angst hat. Mut heißt, dass man genau hinschaut und dann entscheidet, was man sich zutraut.“

Hans sagte es ganz beiläufig. Trotzdem merkten sich die Kinder seine Worte.

Er führte sie in den Stall. Mehr als vierzig Kühe standen dort, jede an ihrem Platz. Das Heu war sauber gestapelt, die Eimer standen in einer Reihe, und an einem Balken hing eine Bürste.

Bevor sie zu den Kühen gingen, zeigte Hans ihnen den kleinen Gemüsegarten hinter dem Haus. Zwischen Salat, Kräutern und Bohnen summten Bienen. Mia entdeckte winzige Tautropfen auf den Blättern und holte ihre Kamera hervor, blieb diesmal aber bewusst stehen. Hans bemerkte es und nickte. Lina las die handgeschriebenen Schilder an den Beeten und fragte, weshalb manche Pflanzen nebeneinander wuchsen. Hans erklärte, dass sich manche Arten gegenseitig schützten oder den Boden unterschiedlich nutzten. Ben fand eine einfache Vorrichtung aus Holz und Draht, mit der Hans die Bewässerung leitete. Gemeinsam reparierten sie eine lose Verbindung. Dabei erzählte Hans, dass man am Berg wie im Garten nicht alles erzwingen könne. „Man kann gute Bedingungen schaffen“, sagte er, „aber wachsen muss jedes Lebewesen selbst.“

„Du hast hier mehr Ordnung als wir zu Hause“, sagte Ben.

„Tiere verlassen sich darauf, dass man an alles denkt“, erklärte Hans. „Da darf man nicht sagen: Das mache ich später.“

Mia kraulte eine braune Kuh zwischen den Hörnern. Lina half Hans, frisches Heu nachzulegen. Ben bemerkte, dass an einer Tür ein Scharnier locker war.

„Das klappert.“

Hans prüfte es. „Gut gesehen.“

Gemeinsam holten sie Werkzeug. Hans zeigte Ben, wie man die Schrauben nachzog, ohne das Holz zu beschädigen. Ben arbeitete konzentriert. Er machte keinen Witz und schaute nicht ein einziges Mal zur Uhr.

„Du hast ein gutes Auge“, sagte Hans.

Ben strahlte. „Opa repariert zu Hause auch alles selbst. Manchmal sogar Dinge, die gar nicht kaputt sind.“

Später saßen sie vor dem Haus. Hans schenkte Kräutertee ein. Die Wiesen lagen warm in der Sonne, und von irgendwoher klang das gleichmäßige Läuten der Kuhglocken.

Eine Weile schwiegen sie nur. Das war bei Hans nie unangenehm. Er musste nicht jede Pause mit Worten füllen. Mia hörte das Schnauben einer Kuh, Lina das Rascheln der Blätter und Ben ein leises Klopfen aus dem Holzstapel. Dort saß ein kleiner Käfer, der sich mühsam über die Rinde bewegte. Hans schlug vor, eine Minute lang nichts zu sagen und nur zuzuhören. Danach nannten sie Geräusche, die den anderen entgangen waren. Ben wollte daraus sofort einen Wettbewerb machen, doch Hans schüttelte lächelnd den Kopf. „Beim Zuhören muss nicht immer jemand gewinnen.“

Lina breitete die Wanderkarte aus. „Welche Tour könnten wir zuerst machen?“

Hans zeigte auf den Kohlmais. „Eine ruhige Runde. Nicht zu lang. Dort kann ich euch einiges zeigen.“

„Und die Schutzhütte?“, fragte Lina.

Hans’ Finger blieb auf der Karte liegen.

„Die liegt weiter oben an einer Route, die wir später vielleicht gehen.“

„Kennst du sie gut?“, fragte Ben.

„Sehr gut.“ Hans lehnte sich zurück. „Ich habe beim Bau mitgeholfen. Damals war ich noch jünger und überzeugt, ich könnte einen Balken allein tragen, für den zwei Männer nötig waren.“

„Konntest du?“, fragte Ben.

„Nein. Aber ich habe es erst geglaubt, nachdem ich im Schlamm saß.“

Die Kinder lachten.

Hans erzählte, wie das Material Stück für Stück hinaufgebracht worden war. Vieles musste von Hand getragen werden. An manchen Tagen regnete es, an anderen brannte die Sonne auf die Hänge. Das größte Problem sei jedoch das Wasser gewesen.

„Zum Trinken und zum Arbeiten“, erklärte er. „Wir konnten nicht jeden Kanister aus dem Tal herauftragen.“

„Was habt ihr gemacht?“, fragte Mia.

„Ich bin in der Umgebung herumgegangen und habe nach feuchten Stellen gesucht. Unterhalb eines Felsens war der Boden auch an einem heißen Tag dunkel. Dort habe ich eine kleine Quelle gefunden. Nicht groß, aber klar und zuverlässig.“

Lina beugte sich über die Karte. „Ist sie eingezeichnet?“

„Nein. Dafür ist sie zu klein. Und man sieht sie vom Weg aus kaum.“

„Fließt sie noch?“

„Beim letzten Mal ja. Solche Quellen können sich verändern, aber diese hat uns über viele Jahre nie im Stich gelassen.“

Hans sprach darüber wie über eine alte Erinnerung. „Damals wussten einige Männer von der Quelle“, erzählte er. „Aber nach dem Bau wurde sie kaum noch gebraucht. Mit den Jahren geriet sie in Vergessenheit, und heute erinnert sich vermutlich kaum noch jemand daran.“ Die Kinder stellten noch viele Fragen, bevor er die Karte wieder zusammenfaltete.

Auf dem Rückweg zeigte Hans ihnen einen schmalen Pfad mit weitem Blick über das Tal. Mia zog sofort ihre Kamera hervor und ging weiter, während sie versuchte, ein Foto zu machen.

Hans legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.

„Stopp.“

Mia blieb erschrocken stehen.

„Habe ich etwas falsch gemacht?“

„Nichts Schlimmes. Aber beim Gehen wird nicht fotografiert. Erst sicher stehen bleiben, beide Füße fest auf den Boden, dann schauen oder ein Foto machen. Danach geht man weiter.“

Mia nahm die Kamera zunächst herunter. Dann suchte sie sich einen sicheren Platz und blieb stehen.

„So?“

„Genau so.“

Sie sah nicht sofort auf den Bildschirm. Erst betrachtete sie das Tal mit eigenen Augen. Die Dächer wirkten klein, die Straße zog sich wie ein Band hindurch, und auf den Grasbergen wanderten Schatten über die Hänge.

„Manchmal“, sagte Hans, „sieht man mehr, wenn man nicht sofort durch eine Kamera schaut.“

Mia machte schließlich ihr Foto. „Das kommt in mein Urlaubstagebuch.“

„Dann schreib dazu, dass du dafür stehen geblieben bist“, sagte Ben.

Am Abend erzählten die Kinder im Hotel ausführlich von Hans. Ben berichtete vom Scharnier, Mia von der Quelle, Lina von den Kühen und der Ordnung im Stall.

„Und Hans hat uns eingeladen“, sagte sie. „Übermorgen gehen wir mit ihm auf den Kohlmais.“

„Eine kleine Tour?“, fragte die Mutter.

„Eine richtige Tour“, sagte Ben, „aber eine vernünftige.“

Franziska, die gerade vorbeikam, hörte den letzten Satz. „Das klingt nach Hans.“

Am folgenden Tag blieben die Wanderschuhe im Zimmer. Stattdessen fuhren sie mit dem Bus in den Talschluss. Schon die Fahrt war ein Erlebnis. Der Weg führte tiefer ins Tal, vorbei an Wiesen, Bächen und bewaldeten Hängen.

Am Baumzipfelweg blieb Mia immer wieder stehen, um nach unten zu schauen. Der Weg führte hoch zwischen den Bäumen entlang. Ben lief zunächst besonders lässig, bis sich die Holzkonstruktion unter den Schritten einer Gruppe leicht bewegte.

Er griff nach dem Geländer.

Lina bemerkte es, sagte aber nichts. Sie blieb einfach in seiner Nähe.

„Ganz schön hoch“, murmelte Ben.

„Wir können langsam gehen“, sagte sie.

„Ich habe keine Angst.“

„Habe ich auch nicht gesagt.“

Im Kletterpark entschieden sie sich für eine mittlere Strecke. Lina war geschickt, Mia vorsichtig und Ben überraschend geduldig. Als ein jüngerer Junge vor ihnen auf einer Seilbrücke stehen blieb und nicht weiterwusste, rief Ben nicht ungeduldig. Er wartete und sagte: „Schau nur auf das nächste Brett. Nicht bis ans Ende.“

Der Junge schaffte es.

„Das war fast eine Bergweisheit“, sagte Mia später.

Ben grinste. „Vielleicht färbt Hans ab.“

Am Abend saßen die Kinder müde, aber zufrieden auf dem Balkon. Keiner hatte einen Gipfel erreicht. Trotzdem fühlte sich der Tag wie ein Abenteuer an.

Lina sah hinüber zum Schattberg. „Morgen ruhen wir uns aus. Und übermorgen geht es mit Hans los.“

„Gut“, sagte Ben. „Meine Arme brauchen eine Pause.“

Mia nahm ihr Notizbuch. Unter das Foto vom Tal schrieb sie: Erst stehen bleiben. Dann schauen. Dann weitergehen.

Kapitel 4 – Der erste gemeinsame Weg

Zwei Tage später standen die Kinder früh an der Talstation der Kohlmaisbahn. Die Luft war noch kühl, und auf den Wiesen glitzerte Tau. Hans wartete bereits. Er trug einen abgewetzten Rucksack, feste Schuhe und den dunklen Hut, den die Kinder vom vergangenen Sommer kannten.

„Pünktlich“, sagte er. „Das ist ein guter Anfang.“

„Wir waren sogar zehn Minuten zu früh“, berichtete Mia.

„Das war Linas Idee“, sagte Ben.

„Und Ben wollte unterwegs noch einmal zurück, weil er dachte, er hätte den Kompass vergessen.“

Ben klopfte auf seine Jackentasche. „Dabei war er die ganze Zeit hier.“

Hans nickte. „Vor dem Aufbruch prüft man seine Sachen. Nicht erst, wenn man sie braucht.“

In der Gondel wurden die Häuser unter ihnen kleiner. Die grünen Hänge des Kohlmais lagen in der Morgensonne. Hier und da standen Kühe, die von oben wie braune und weiße Punkte wirkten.

An der Bergstation blieb Hans stehen. „Bevor wir losgehen, sehen wir uns gegenseitig an.“

Ben runzelte die Stirn. „Warum?“

„Weil zu einer Gruppe mehr gehört als der eigene Rucksack. Sind alle richtig angezogen? Sitzen die Schuhe? Hat jemand schon jetzt Durst?“

Die Kinder prüften sich gegenseitig. Lina entdeckte, dass Mias Schnürsenkel nicht fest genug gebunden waren. Ben bemerkte, dass Linas Trinkflasche schief im Seitenfach steckte.

„Gut“, sagte Hans. „Am Berg schaut jeder auch auf die anderen.“

„Und wohin gehen wir heute?“, fragte Mia.

„Zur Wildenkarhütte“, sagte Hans. „Ein ruhiger Weg, nicht zu lang. Von dort kehren wir zur Mittelstation der Kohlmaisbahn zurück.“

Ben nickte zufrieden. „Dann weiß ich wenigstens, wie weit meine Beine heute müssen.“

Der Weg führte zunächst über breite Almwiesen. Hans ging nicht vorneweg, ohne sich umzudrehen. Mal lief Lina neben ihm, mal Mia, mal Ben. Er passte sein Tempo so an, dass niemand außer Atem geriet.

Nach wenigen Minuten hielt Hans an einer unscheinbaren Wegkreuzung. Drei Pfade liefen dort auseinander, doch nur einer war markiert. Er bat die Kinder, nicht sofort auf die Schilder zu sehen, sondern erst die Umgebung zu betrachten. Lina bemerkte, dass einer der Wege deutlich stärker ausgetreten war. Mia sah die rot-weiße Markierung an einem Stein. Ben prüfte mit dem Kompass die Richtung. Hans erklärte, dass einzelne Hinweise täuschen könnten: Ein breiter Pfad könne zu einer Alm führen, eine Markierung könne verblasst sein, und ein Kompass kenne keine Hindernisse. Erst mehrere Beobachtungen zusammen ergäben ein verlässliches Bild. Dann ließ er die Kinder selbst entscheiden. Sie wählten den richtigen Weg und waren stolzer darauf als auf jede schnell erreichte Höhe.

Nach einer Weile blieb Mia stehen, um eine Blume zu betrachten.

„Ist das Arnika?“

Hans kniete sich neben sie. „Nein, aber gut, dass du fragst. Viele Pflanzen sehen sich ähnlich. Man sollte nichts pflücken oder verwenden, das man nicht sicher kennt.“

Ben deutete auf einen Schmetterling. „Und den darf ich auch nicht verwenden?“

„Wofür?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Dann lass ihn lieber fliegen.“

Sie erreichten ein Waldstück. Der Boden war weich, und zwischen den Bäumen roch es nach feuchter Erde. Hans zeigte ihnen Spuren im Schlamm.

„Reh“, sagte Lina.

„Fast“, meinte Hans. „Schaut auf die Größe.“

Mia ging in die Hocke. „Eine Kuh?“

Ben schüttelte den Kopf. „Eine Kuh im Wald?“

Hans lächelte. „Ein Hirsch. Wahrscheinlich in der Nacht.“

Ben zog den Kompass hervor. Hans zeigte ihm, wie er die Karte nach Norden ausrichten konnte. Lina hielt die Karte fest, während Ben den Kompass darauflegte.

„Die Nadel zeigt nicht den Weg“, erklärte Hans. „Sie zeigt eine Richtung. Denken müsst ihr trotzdem selbst.“

Lina blickte den Weg hinauf. „Dann müssen wir Karte, Gelände und Kompass zusammenbringen.“

„Genau.“

Ben übte mehrere Male. Anfangs drehte er die Karte in die falsche Richtung. Dann verstand er, wie die Linien und Wege mit der Landschaft zusammenpassten.

„Das ist wie ein Rätsel“, sagte er.

„Und du löst Rätsel gern“, meinte Lina.

Kurz vor einer kleinen Aussichtsstelle lief eine Familie vor ihnen. Der Vater ging schnell, die Mutter folgte, und ein Mädchen blieb immer weiter zurück. Hans verlangsamte seinen Schritt.

„Warum überholen wir nicht?“, fragte Ben leise.

„Weil das Mädchen gerade versucht, wieder zu seiner Familie zu kommen.“

Hans sprach den Vater freundlich an. Der bemerkte erst jetzt, wie weit seine Tochter zurückgefallen war.

„Entschuldige“, sagte er zu ihr und wartete.

Als die Familie weiterging, sagte Hans zu den Kindern: „Am Berg bestimmt nicht der Schnellste das Tempo. Eine Gruppe kommt nur gemeinsam an.“

Sie rasteten an einem sicheren Platz. Das Tal lag unter ihnen, und die Grasberge zogen sich weich in die Ferne. Mia wollte ein Foto machen, blieb diesmal aber bewusst stehen, stellte beide Füße fest auf den Boden und hob erst dann die Kamera.

Während der Pause bemerkte Lina, dass die jüngere Wanderin aus der anderen Familie ihre Trinkflasche fast geleert hatte. Die nächste Hütte war noch ein gutes Stück entfernt. Lina sprach Hans leise darauf an, ohne das Mädchen bloßzustellen. Hans fragte die ganze Gruppe, wie viel Wasser noch vorhanden sei, und schlug eine frühere Rast an der Hütte vor. Später erklärte er den Kindern, dass Helfen nicht immer bedeute, sofort laut einzugreifen. Manchmal sei es besser, eine Schwierigkeit ruhig anzusprechen und gemeinsam eine Lösung zu finden. Lina war froh, dass niemand erfahren musste, von wem der Hinweis gekommen war.

Hans bemerkte es, sagte jedoch nichts. Sein Lächeln genügte.

Später wurde der Weg schmaler. Ben ging konzentriert. An einer Stelle lag ein Stein lose im Weg. Er hob ihn nicht auf, sondern warnte die anderen.

„Vorsicht, der wackelt.“

Lina setzte den Fuß daneben. Mia ebenfalls.

„Gut“, sagte Hans. „Gefahren beseitigt man nur, wenn man sie sicher beseitigen kann. Sonst warnt man.“

Am frühen Nachmittag erreichten sie die Wildenkarhütte, eine bewirtschaftete Hütte. Vor dem Haus standen Holztische, und aus der Küche roch es nach Suppe und frischem Brot. Ben sah zur Tür, sagte aber nichts.

Lina grinste. „Du darfst ruhig sagen, dass du Hunger hast.“

„Ich habe Hunger“, sagte Ben. „Aber ich kann noch denken.“

„Das ist beruhigend“, meinte Hans.

Während der Rast erzählte Hans nicht nur von Bergen. Er wollte wissen, was die Kinder zu Hause gern machten. Lina berichtete von ihrem Schwimmkurs, Mia von einem Bild, das in der Schule ausgestellt worden war, und Ben erzählte, dass er mit seinem Großvater ein altes Fahrrad repariert hatte.

„Deshalb hast du das lockere Scharnier gesehen“, sagte Hans.

Ben nickte. „Opa sagt, man muss zuhören, wenn etwas anders klingt als sonst.“

Hans sah ihn anerkennend an. „Das gilt auch für die Natur. Ein Bach, der plötzlich lauter wird. Wind, der seine Richtung ändert. Vögel, die verstummen. Oft kündigt sich etwas an, bevor man es sieht.“

Auf dem Rückweg führte Hans sie an einem kleinen Bergsee vorbei. Das Wasser war klar und dunkel. Ben setzte sich an den Rand und hielt die Hand hinein.

„Kalt“, stellte er fest.

„Schneewasser“, sagte Hans.

„Ich hatte überlegt, die Füße reinzuhalten.“

„Und?“

Ben zog die Hand zurück. „Ich habe mich dagegen entschieden.“

Lina sah ihn überrascht an. „Du wirst wirklich vernünftig.“

„Nicht übertreiben.“

Als sie wieder an der Mittelstation der Kohlmaisbahn ankamen, waren die Kinder müde. Aber keiner jammerte. Hans lobte nicht ihre Schnelligkeit, sondern ihre Aufmerksamkeit.

„Ihr habt heute aufeinander geachtet. Das ist wichtiger als jede Bestzeit.“

Im Hotel warteten die Eltern. Die Kinder erzählten durcheinander: vom Hirsch, vom Kompass, vom Mädchen, das zurückgefallen war, und von der Aussicht.

„Und Ben hat nicht einmal versucht, in den See zu springen“, sagte Mia.

„Ich hatte meine Gründe.“

„Welche?“, fragte der Vater.

„Vernunft.“

Dusko stellte drei Gläser Saft auf den Tisch und sah Ben anerkennend an. „Hans scheint dir gutzutun.“

Ben nahm sein Glas. „Ein bisschen vielleicht.“

Am nächsten Tag unternahmen sie keine Wanderung. Nach dem Frühstück gingen sie durch den Ort zum Heimathaus. Das alte Gebäude lag ruhig zwischen den neueren Häusern und wirkte mit seinen dunklen Holzbalken, den kleinen Fenstern und dem Schindeldach wie ein Stück Vergangenheit.

Im Inneren roch es nach Holz, Wachs und alten Stoffen. Eine Mitarbeiterin führte die Familie durch die niedrigen Räume. In der Stube standen ein schwerer Tisch, eine Holzbank und ein Ofen, der früher nicht nur zum Heizen, sondern auch zum Kochen gedient hatte.

„Hier haben wirklich alle zusammen in einem Raum gelebt?“, fragte Mia.

„Oft ja“, erklärte die Frau. „Das Leben im Tal war früher hart. Im Sommer musste genug für den Winter vorbereitet werden, und viele Arbeiten wurden von Hand erledigt.“

Lina betrachtete alte Karten und Fotografien. Auf den Bildern sah Saalbach viel kleiner aus. Wo heute Hotels, Bergbahnen und Geschäfte standen, waren damals Wiesen, einzelne Höfe und schmale Wege zu erkennen.

Ben blieb vor einer Vitrine mit Werkzeugen stehen. Er entdeckte Hobel, Zangen, Hämmer und ein Gerät, dessen Zweck er nicht erraten konnte. Die Mitarbeiterin erklärte ihm, dass damit früher Holzschindeln bearbeitet worden waren.

„Opa würde sich hier stundenlang aufhalten“, sagte Ben.

In einem weiteren Raum hingen alte Skier aus Holz. Die Bindungen bestanden nur aus einfachen Lederriemen. Mia stellte sich vor, damit einen verschneiten Hang hinunterzufahren, und schüttelte unwillkürlich den Kopf.

„Heute sprechen alle von Abenteuern“, sagte die Mutter. „Früher war manchmal schon der Alltag eines.“

Vor dem Ausgang durften die Kinder in ein Gästebuch schreiben. Lina notierte, dass man einen Ort besser verstehe, wenn man seine Geschichte kenne. Mia zeichnete das alte Haus. Ben schrieb darunter: „Werkzeuge erzählen auch Geschichten.“

Als sie wieder ins Freie traten, wirkte der Ort vertraut und zugleich ein wenig anders. Die Kinder sahen die modernen Häuser, die Bergbahnen und die belebte Straße nun mit dem Wissen, wie sehr sich das Tal verändert hatte.

Am Abend trafen sie Lothar und seine Frau im Speisesaal. Die beiden hörten sich den Bericht über die Tour an.

„Hans hat uns beigebracht, dass eine Gruppe nur gemeinsam ankommt“, erzählte Mia.

Lothars Frau nickte. „Das ist nicht nur am Berg eine gute Regel.“

Lothar hob sein Glas. „Auf die erste Tour.“

Die Kinder stießen mit Apfelsaft an. Es war ein ruhiger Abend. Gerade deshalb fühlte er sich schön an. Sie wussten nun, dass ein Urlaub nicht aus einem einzigen großen Abenteuer bestehen musste. Manchmal waren es die kleinen Dinge, die einen Tag besonders machten: ein richtig gelesener Kompass, ein Werkzeug aus früherer Zeit, ein lockeres Scharnier oder ein Blick über das Tal, für den man bewusst stehen geblieben war.

Kapitel 5 – Zwischen Baumwipfeln und Bergwiesen

Die nächsten Tage vergingen nicht in einem festen Plan. Genau das gefiel den Kindern. Ein Morgen begann mit Regen, der leise gegen die neuen Fenster klopfte. Statt sich zu ärgern, blieben sie lange beim Frühstück sitzen, spielten Karten mit Lothar und seiner Frau und halfen Julia später, neue Bücher in das Regal der kleinen Gästelounge zu stellen.

An einem dieser ruhigen Vormittage entdeckte Mia im Gästebuch des Hotels Einträge aus vielen Jahren. Manche Gäste hatten nur einen Satz geschrieben, andere kleine Zeichnungen hinzugefügt. Franziska erlaubte den Kindern, die älteren Seiten vorsichtig anzusehen. Sie fanden einen Eintrag von Hans, der lange vor ihrer ersten Reise entstanden war. Darin bedankte er sich nach einem Wintereinsatz bei den Menschen im Hotel für heißen Tee und trockene Kleidung. Die Kinder staunten, dass selbst Hans einmal Hilfe gebraucht hatte. Franziska sagte, das sei nichts Besonderes: „Wer anderen hilft, darf auch selbst Hilfe annehmen.“ Mia zeichnete später eine kleine Bergsilhouette ins Gästebuch, Lina schrieb einen kurzen Dank, und Ben ergänzte: „Wir kommen gemeinsam an.“

Am Nachmittag klarte es auf. Die Familie ging durch das Dorf, kaufte Postkarten und setzte sich auf eine Bank am Bach. Ben ließ kleine Zweige im Wasser treiben und beobachtete, wie sie um Steine herumgetragen wurden.

„Der Bach findet immer einen Weg“, sagte Mia.

„Das klingt wie Hans“, meinte Lina.

Ben nahm einen weiteren Zweig. „Vielleicht sagt Hans: Ein guter Weg ist nicht immer der gerade.“

Als sie Hans am folgenden Tag trafen, erzählten sie ihm davon.

„Das könnte ich tatsächlich gesagt haben“, meinte er. „Aber merkt euch: Ein Umweg ist nur dann gut, wenn man weiß, warum man ihn geht.“

Sie fuhren erneut in den Talschluss, diesmal zusammen mit Hans. Er hatte dort keine Führung, wollte aber einen Bekannten besuchen und erklärte sich bereit, den Vormittag mit den Kindern zu verbringen.

Auf dem Weg dorthin stiegen sie an einer Haltestelle aus, weil Hans ihnen einen kurzen Abschnitt am Bach zeigen wollte. Nach dem Regen führte er mehr Wasser als sonst. Hans ließ die Kinder beobachten, wo die Strömung ruhig und wo sie kräftig war. Ben warf keinen Stock hinein, sondern suchte am Ufer nach Spuren des höheren Wasserstands. Lina erkannte angeschwemmte Blätter in den Zweigen. Mia entdeckte, dass der Bach an einer Stelle ein Stück Erde unterspült hatte. Hans erklärte, weshalb man nach starken Regenfällen Abstand vom Rand hielt. „Wasser sieht oft friedlich aus“, sagte er, „aber man sollte nie vergessen, dass es seinen eigenen Weg sucht.“

Am Eingang des Kletterparks blieb Ben stehen und sah nach oben. Zwischen den Bäumen spannten sich Seile, Brücken und Plattformen.

„Heute die schwere Strecke?“, fragte Lina.

Ben schüttelte den Kopf. „Die mittlere reicht.“

Hans nickte. „Wer seine Grenze kennt, ist nicht feige.“

Mia entschied sich ebenfalls für die mittlere Strecke. Lina hätte gern die schwierigere genommen, blieb aber bei den anderen.

„Du musst nicht wegen uns“, sagte Ben.

„Ich weiß. Ich will aber mit euch gehen.“

Auf einer schwankenden Brücke bekam Mia plötzlich Angst. Sie stand in der Mitte, die Sicherungsseile fest in beiden Händen. Unter ihr lag der Waldboden weit entfernt.

„Ich kann nicht weiter.“

Lina war bereits auf der nächsten Plattform. Ben stand hinter Mia. Keiner drängte sie.

Hans blieb unten und blickte zu ihr hinauf. „Mia, schau nicht bis zum Ende. Nur zum nächsten Schritt.“

Mia atmete tief ein.

„Ein Brett“, sagte Ben ruhig. „Dann noch eins.“

Sie setzte den Fuß vor. Die Brücke schwankte. Mia hielt inne, dann machte sie den nächsten Schritt.

Als sie die Plattform erreichte, war sie blass, aber stolz.

„Ich dachte, Mut heißt, keine Angst zu haben“, sagte sie später.

„Nein“, antwortete Hans. „Angst kann dich warnen. Du darfst nur nicht zulassen, dass sie allein entscheidet.“

Nach dem Kletterpark gingen sie zum Baumzipfelweg. Hans kannte viele Bäume und zeigte ihnen Unterschiede in Rinde und Nadeln. Lina entdeckte einen Specht. Ben bemerkte, dass der Wind oben stärker war als am Boden.

„Warum?“

Hans erklärte, dass die Baumkronen weniger geschützt seien. Dann deutete er auf Wolken, die langsam über den Talabschluss zogen.

„Seht ihr, wie ihre Unterseite dunkler wird? Heute gibt es wahrscheinlich später einen Schauer.“

„Im Wetterbericht war Sonne“, sagte Mia.

„Wetterberichte sind wichtig. Aber man muss trotzdem selbst hinsehen.“

Sie kehrten rechtzeitig um. Tatsächlich begann es auf der Rückfahrt zu regnen.

„Du hattest recht“, sagte Ben.

„Heute“, erwiderte Hans. „Wer oft in den Bergen ist, lernt Zeichen zu erkennen. Trotzdem kann man sich irren. Darum bleibt man vorsichtig.“

Am Tag darauf stand eine zweite Wanderung an. Diesmal ging es auf den Schattberg. Der Morgen war klar, und die Hänge leuchteten grün. Von schroffen Felsen war nichts zu sehen. Breite Grasrücken zogen sich hinauf, dazwischen verliefen Wanderwege und schmale Spuren.

Die Gruppe war größer als beim ersten Mal. Lothar und seine Frau schlossen sich an, außerdem eine Familie mit zwei Kindern. Hans begrüßte jeden persönlich und erklärte, dass heute niemand beweisen müsse, wie schnell er sei.

„Wir gehen so, dass alle Freude am Weg haben.“

Der Pfad führte über Almwiesen. An einer Stelle stand eine Herde Kühe nahe am Weg.

„Nicht rennen“, sagte Hans. „Ruhig gehen, Abstand halten und die Tiere nicht erschrecken.“

Ben beobachtete eine Kuh, die direkt am Wegrand graste. „Die schaut mich an.“

„Dann schau freundlich zurück“, sagte Lothar.

Ben tat es. Die Kuh kaute weiter.

Etwas später wollte der jüngere Junge der anderen Familie eine Abkürzung über die Wiese nehmen. Hans rief ihn zurück.

„Wir bleiben auf dem Weg. Nicht, weil jeder Schritt daneben sofort gefährlich ist, sondern weil viele kleine Schritte Pflanzen und Boden beschädigen.“

„Aber da ist doch nur Gras“, sagte der Junge.

Hans kniete sich hin und zeigte auf winzige Blüten zwischen den Halmen. „Für uns nur Gras. Für Insekten ein ganzer Lebensraum.“

Mia machte eine Zeichnung in ihr Notizbuch. Lina half der Mutter der Familie, eine Jacke aus dem Rucksack zu holen. Ben lief neben dem jüngeren Jungen und zeigte ihm, wie man mit kleinen Schritten anstieg, ohne schnell außer Atem zu geraten.

„Nicht immer bis ganz nach oben schauen“, sagte er. „Nur bis zur nächsten Kurve.“

Hans hörte es und lächelte.

Bei der Rast breitete Lina die Karte aus. Hans bat sie, den bisherigen Weg zu zeigen. Sie fand die Talstation, die Abzweigung und den Aussichtspunkt.

„Und wo sind wir jetzt?“, fragte er.

Lina zögerte. Mia deutete auf eine Stelle. Ben legte den Kompass daneben.

Gemeinsam bestimmten sie die Position.

„Ein guter Wanderer benutzt nicht nur ein Hilfsmittel“, erklärte Hans. „Karte, Kompass, Wegzeichen und Landschaft gehören zusammen.“

Lothar erzählte, dass er früher einmal im Nebel eine Abzweigung übersehen habe.

„Ich kannte die Gegend“, sagte er, „aber plötzlich sah alles gleich aus.“

„Ortskenntnis ist wertvoll“, meinte Hans. „Doch sie macht niemanden unfehlbar.“

Lina strich mit dem Finger über die Karte. An diesem sonnigen Tag fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, wie schnell vertraute Wege fremd wirken konnten.

Auf dem Rückweg stolperte Ben tatsächlich über eine kleine Bodenwelle. Er fing sich, ruderte mit den Armen und blieb stehen.

„Alles gut“, sagte er sofort.

Lina sah auf seine Schuhe. „Schnürsenkel.“

Ben band sie fest. „Das war eine praktische Vorführung.“

„Wofür?“, fragte Mia.

„Dafür, warum man auf seine Schuhe achten soll.“

Alle lachten, auch Hans.

Am späten Nachmittag saßen sie vor dem Hotel auf der Terrasse. Bequeme Sitzmöbel standen dort, und die Abendsonne tauchte den kleinen Außenbereich in warmes Licht. Franziska brachte Wasser, Julia stellte eine Schale mit Obst auf den Tisch, und Dusko hörte aufmerksam zu, als die Kinder von der Wanderung erzählten.

Ben erzählte von der Kuh, vom Kompass und davon, wie er dem jüngeren Jungen geholfen hatte. Besonders stolz war er darauf, dass der Junge im Kletterpark nach seinen ruhigen Worten weitergegangen war.

Seine Mutter bemerkte es, sagte aber nichts. Sie strich ihm nur kurz über die Haare.

Am Abend kam Hans noch einmal ins Hotel. Er wollte mit den Eltern über eine längere Tour sprechen. Die Kinder saßen dabei, hörten aber ungewöhnlich still zu.

„Sie machen das gut“, sagte Hans. „Sie passen aufeinander auf, nehmen Hinweise ernst und können mit Karte und Kompass umgehen. Noch nicht allein, aber gemeinsam mit mir.“

Der Vater lehnte sich zurück. „Du denkst an den Pinzgauer Spaziergang.“

Hans nickte.

Die Mutter sah zu den Kindern. „Und vorher?“

„Vorher gibt es einen Ruhetag“, antwortete Hans. „Vielleicht besucht ihr das Heimathaus, vielleicht tut ihr auch einmal gar nichts. Eine lange Tour beginnt nicht mit dem ersten Schritt, sondern mit der Erholung davor.“

Ben sah Lina an. „Das ist eine gute Bergweisheit.“

„Die schreibe ich auf“, sagte Mia.

Kapitel 6 – Der große Plan

Der Ruhetag begann ohne Wecker. Draußen schien die Sonne, doch niemand sprang sofort aus dem Bett. Die Kinder frühstückten lange, schrieben Postkarten und halfen Franziska später, kleine Namenskarten für die Tische zu sortieren.

Nach dem Frühstück schrieb jedes Kind für sich auf, was ihm an den bisherigen Tagen am besten gefallen hatte. Mia nannte nicht den höchsten Punkt, sondern die stille Minute bei Hans. Lina schrieb über den Augenblick, in dem sie der jüngeren Wanderin geholfen hatte, ohne Aufhebens darum zu machen. Ben entschied sich für die Reparatur im Stall und den Moment, als der Junge im Kletterpark dank seiner Worte weitergegangen war. Als sie ihre Zettel vorlasen, merkten sie, dass keiner das Gleiche gewählt hatte. Der Vater sagte, genau das mache gemeinsame Ferien besonders: Alle erlebten denselben Tag und nähmen doch etwas Eigenes daraus mit.

„Urlaub ist anstrengend“, sagte Ben, während er Karten alphabetisch ordnete.

„Du sitzt seit einer halben Stunde“, meinte Lina.

„Geistige Arbeit.“

Am Nachmittag fuhren die Kinder mit ihren Eltern nach Hinterglemm. Auf einem freien Platz nahe dem Bach spielte eine Gruppe Urlaubskinder Volleyball. Der Ball flog hoch über das Netz, landete manchmal genau im Feld und ebenso oft irgendwo im Gras.

Ein Mädchen mit rotem Stirnband winkte ihnen zu. „Spielt ihr mit? Uns fehlen noch drei.“

Ben sagte sofort zu. Lina zögerte nur kurz, und Mia legte ihre Kamera sicher in den Rucksack. Die Mannschaften wurden neu gemischt, damit niemand nur mit seinen Geschwistern zusammenspielte.

Zu Beginn lief wenig zusammen. Ben wollte jeden Ball erreichen und stand dadurch manchmal genau dort, wo Lina hinlaufen wollte. Mia wich einem schnellen Aufschlag aus, obwohl er noch im Feld landete. Nach einigen Punkten rief das Mädchen mit dem Stirnband alle zusammen.

„Wir müssen miteinander reden. Ruft, wenn ihr den Ball nehmt.“

Lina nickte. „Und wir verteilen uns besser.“

Von da an wurde das Spiel ruhiger. Ben rief „Ich!“, bevor er nach vorn lief. Mia stellte sich mutiger unter hohe Bälle, und Lina behielt den freien Raum im Blick. Ein Junge namens Felix zeigte Ben, wie er die Hände beim oberen Zuspiel halten musste. Ben erklärte ihm dafür, warum man bei einer Wanderung nicht einfach der schnellsten Person hinterherlaufen sollte.

„Das hat mit Volleyball nichts zu tun“, sagte Felix.

„Mit Mannschaft schon“, erwiderte Ben.

Am Ende wusste niemand mehr genau, welche Mannschaft gewonnen hatte. Es spielte auch keine Rolle. Die Kinder saßen gemeinsam am Rand des Platzes, tranken Wasser und erzählten, woher sie kamen. Sie verabredeten sich für den nächsten Nachmittag, obwohl Lina erklärte, dass dann vielleicht schon die große Tour vorbereitet werden müsse.

Auf dem Rückweg sagte Mia: „Heute hat jeder etwas anderes gekonnt.“

„Und allein hätte keiner einen Ballwechsel geschafft“, ergänzte Lina.

Ben sah auf seine Hände. „Hans hätte gesagt, eine Gruppe kommt nur gemeinsam an.“

Der Vater lächelte. „Beim Volleyball offenbar auch.“

Am Abend fand das eigentliche Gespräch mit den Eltern statt. Hans setzte sich zu ihnen in den Speisesaal. Franziska sorgte dafür, dass sie ungestört waren, und Dusko brachte leise die Getränke, damit das Gespräch nicht unterbrochen wurde.

Hans erklärte die Länge der Tour, die notwendigen Pausen, die Ausrüstung und die Wetterprüfung. Er sprach auch darüber, dass sich weitere Wanderer anschließen könnten.

„Ich übernehme die Führung“, sagte er. „Aber jeder Erwachsene bleibt auch für sich und seine Kinder verantwortlich. Und wenn ich sage, wir kehren um, warten oder suchen Schutz, dann wird nicht diskutiert.“

„Was ist mit Handyempfang?“, fragte der Vater.

„Nicht überall zuverlässig.“

„Und bei einem Wetterumschwung?“

„Dann entscheide ich nach Lage. Sicherheit geht vor Ziel.“

Die Mutter sah ihn lange an. „Du hältst die drei für bereit?“

Hans blickte zu Lina, Mia und Ben. „Eine lange Tour bleibt für sie anstrengend. Aber sie hören zu, helfen einander und sagen ehrlich, wenn etwas nicht geht. Das ist wichtiger als große Kraft.“

Ben wollte etwas sagen, hielt aber inne. Er wusste, dass Betteln jetzt nicht helfen würde.

Der Vater nickte langsam. „Unter einer Bedingung: Das Wetter muss wirklich passen.“

„Das ist auch meine Bedingung“, sagte Hans.

Die Mutter legte ihre Hand auf Mias. „Und ihr bleibt bei Hans.“

„Versprochen“, sagte Mia.

„Auch wenn jemand anderes sagt, er kenne einen besseren Weg“, ergänzte der Vater.

„Versprochen“, sagte Lina.

Ben hob zwei Finger. „Doppelt versprochen.“

Damit war es entschieden.

Am nächsten Morgen prüfte Hans gemeinsam mit den Kindern ihre Ausrüstung. Nicht im Hotelzimmer, sondern draußen. Jeder musste seinen Rucksack selbst auspacken.

Hans ließ sie außerdem überlegen, was sie tun würden, wenn jemand aus der Gruppe plötzlich nicht mehr weiterkonnte. Mia schlug vor, sofort die Eltern anzurufen. Lina erinnerte daran, dass es nicht überall Empfang gab. Ben wollte die Pfeife benutzen, doch Hans erklärte, dass ein Notsignal nur nötig sei, wenn wirklich Hilfe von außen gebraucht werde. Zuerst müsse man die Lage ruhig einschätzen: Ist jemand verletzt? Braucht die Person Wärme, Wasser oder nur eine Pause? Die Kinder spielten mehrere Situationen durch. Dabei merkten sie, dass gute Vorbereitung nicht bedeutete, sich schlimme Dinge auszumalen. Sie half vielmehr dabei, in einer schwierigen Lage nicht kopflos zu werden.

Lina hatte eine Regenjacke, eine warme Schicht, Wasser, etwas Proviant, ein kleines Erste-Hilfe-Päckchen und die Wanderkarte in einer wasserdichten Hülle.

Mia hatte ähnliche Sachen dabei, außerdem ihre Kamera und das Urlaubstagebuch.

Ben legte den Kompass auf den Tisch, dazu Handschuhe, Mütze, Trinkflasche und eine kleine Taschenlampe.

„Warum eine Taschenlampe?“, fragte Mia.

„Opa sagt, sie wiegt wenig und hilft viel.“

Hans nickte. „Der Mann denkt vernünftig.“

Ben grinste stolz.

Hans prüfte die Schuhe, die Schnürsenkel und die Riemen der Rucksäcke. Dann zeigte er den Kindern, wie sie eine einfache Notfallpfeife benutzten.

„Dreimal kurz ist ein Notsignal. Aber nur im Notfall.“

„Nicht zum Spaß“, sagte Ben.

„Genau.“

Später trafen sie im Hotel Lothar und seine Frau. Als sie von der geplanten Tour hörten, beschlossen sie, sich ebenfalls anzumelden.

„Dann kennen wir wenigstens schon jemanden“, sagte Lothars Frau.

„Und wir passen mit auf euch auf“, ergänzte Lothar.

„Wir passen auch auf euch auf“, erwiderte Lina.

Lothar lachte. „Abgemacht.“

Am Nachmittag zog für kurze Zeit Nebel über die oberen Hänge. Vom Dorf aus verschwanden Wegstücke, Liftstützen und schließlich ganze Bereiche des Berges.

Hans holte die Karte aus seiner Tasche und zeigte ihnen, wie schnell vertraute Linien auf dem Papier fremd wirken konnten, wenn draußen wichtige Orientierungspunkte verschwanden. Er bat Ben, eine Richtung mit dem Kompass zu bestimmen, während Lina die Karte festhielt und Mia nach sichtbaren Geländemerkmalen suchte. Unten im Dorf war diese Übung ungefährlich, doch selbst dort wurde deutlich, wie leicht man sich auf eine bloße Vermutung verlassen konnte. Hans ließ sie absichtlich eine falsche Möglichkeit diskutieren und fragte immer wieder: „Was spricht dafür, und was dagegen?“ So lernten sie, nicht dem ersten Gedanken zu folgen, sondern gemeinsam zu prüfen.

Die Kinder standen vor dem Hotel und sahen hinauf.

„Da oben erkennt man ja gar nichts“, sagte Mia.

Hans blieb neben ihnen stehen und sah ebenfalls hinauf.

„Genau deshalb üben wir mit Karte und Kompass. Wegzeichen helfen nur, wenn man sie sehen kann.“

Ben nahm den Kompass aus der Tasche. „Und wenn Schnee darauf liegt?“

„Dann wird es schwieriger. Deshalb wartet man bei sehr schlechtem Wetter lieber ab, statt sich blind durchzuschlagen.“

„Auch wenn jemand den Weg gut kennt?“, fragte Lina.

Hans sah hinauf in den Nebel. „Gerade dann muss man aufpassen, nicht zu selbstsicher zu werden. Die Berge bestrafen keine Menschen. Aber sie nehmen auch keine Rücksicht auf große Worte.“

Am Abend verzog sich der Nebel. Die Wettervorhersage für den geplanten Tag war gut. Sonnig, mild, kaum Wind.

Die Kinder legten ihre Sachen bereit. Lina prüfte die wasserdichte Hülle der Karte. Ben ließ die Kompassnadel mehrmals zur Ruhe kommen. Mia kontrollierte ihre Kamera und legte das Urlaubstagebuch obenauf.

Bevor sie schlafen gingen, saßen sie noch einmal auf dem Balkon.

„Aufgeregt?“, fragte Lina.

„Ja“, sagte Mia.

Ben nickte. „Ich auch.“

Keiner machte sich darüber lustig. Aufregung gehörte dazu.

Unten im Tal gingen nach und nach die Lichter aus. Über den dunklen Grasbergen stand der Mond. Alles wirkte still und friedlich.

Mia dachte an Hans’ Geschichten von der Schutzhütte und der kleinen Quelle. Lina dachte an die Karte. Ben legte den Kompass auf den Tisch neben sein Bett.

Die vertrauten Gegenstände wirkten im stillen Zimmer beinahe feierlich: Karte, Kamera und Kompass lagen bereit.

Für diesen Abend aber genügte ein anderer Gedanke: Morgen würden sie gemeinsam aufbrechen. Nicht als drei Kinder, die einem Wanderführer hinterherliefen, sondern als Teil einer Gruppe, in der jeder etwas beitragen konnte.

Kapitel 7 – Aufbruch über den Höhenweg

Noch bevor der Wecker klingelte, war Mia wach. Draußen war es dunkel, aber nicht mehr vollkommen schwarz. Hinter dem Schattberg zeichnete sich ein heller Streifen ab, und irgendwo im Hotel lief leise Wasser durch eine Leitung.

Sie blieb einen Augenblick liegen und hörte regelmäßigen Atemzüge. Dann setzte sie sich auf. Auf dem Tisch lagen ihre Kamera, die kleine Taschenlampe und das Notizbuch. Alles war am Abend sorgfältig vorbereitet worden. Trotzdem prüfte sie noch einmal, ob die Ersatzbatterie sicher verstaut war.

Im Nachbarzimmer war Ben ebenfalls wach. Er öffnete seinen Kompass, wartete, bis die Nadel zur Ruhe kam, und klappte den Deckel wieder zu. Das tat er dreimal hintereinander.

„Davon wird Norden nicht nördlicher“, murmelte Lina, die ihn beobachtete.

„Ich prüfe nur, ob er noch funktioniert.“

„Seit gestern Abend?“

„Gerade seit gestern Abend.“

Beim Frühstück waren alle stiller als sonst. Dusko stellte Tee, Kakao und Brot auf den Tisch und sah Ben aufmerksam an.

„Ist etwas passiert? Du sitzt vor einem Frühstück und redest nicht.“

Ben nahm einen Schluck Kakao. „Ich denke nach.“

Dusko nickte langsam. „Dann wünsche ich euch einen guten und sicheren Weg.“

Das brachte Ben doch zum Grinsen. Die Spannung löste sich ein wenig.

Franziska kam mit drei kleinen Päckchen aus der Küche. Darin waren belegte Brote, Apfelschnitze und ein paar Kekse.

„Für unterwegs“, sagte sie. „Nicht alles auf einmal essen, aber auch nicht warten, bis ihr keine Kraft mehr habt.“

Ben nahm sein Päckchen. „Das ist keine Bergweisheit, oder?“

„Nein. Das ist Hotelerfahrung.“

Vor dem Hotel wartete Hans. Neben ihm standen Lothar und seine Frau. Außerdem gehörten vier weitere Erwachsene zur Gruppe: ein ruhiges Ehepaar aus Bayern, eine junge Frau namens Anna und ein Mann, der sich als Rolf vorstellte. Er trug eine auffallend neue Jacke, zwei Wanderstöcke und sprach schon nach wenigen Minuten davon, dass er die Gegend seit Jahren kenne.

„Den Höhenweg bin ich früher oft gegangen“, sagte er. „Da kann man sich eigentlich nicht verlaufen.“

Hans antwortete freundlich: „Eigentlich ist ein Wort, auf das man am Berg gut aufpassen sollte.“

Rolf lachte, als sei es nur ein Scherz.

Bevor die Gruppe aufbrach, sah Hans jeden Rucksack durch. Er prüfte Wasser, Regenkleidung und warme Sachen. Bei einem der Erwachsenen fehlten Handschuhe.

„Im Tal ist Sommer“, sagte der Mann und sah auf seine dünnen Handschuhe.

„Oben kann es trotzdem kalt werden“, erwiderte Hans. „Nehmen Sie meine Ersatzhandschuhe. Wahrscheinlich brauchen Sie sie nicht. Aber ein Wahrscheinlich hält keine Finger warm.“

Die ersten Gondeln brachten sie nach oben. Mit jeder Minute wurde das Tal kleiner. Saalbach lag bald wie ein Modell zwischen den grünen Hängen. Die Kinder versuchten, das Hotel zu entdecken.

„Da müsste es sein“, sagte Lina und deutete auf eine Häusergruppe.

„Oder dort“, meinte Mia.

Ben hielt sich zurück. „Von hier oben sehen alle Dächer gleich aus.“

Hans nickte. „Das ist eine wichtige Beobachtung. Was aus der Nähe eindeutig wirkt, kann aus der Entfernung ganz anders aussehen.“

An der Bergstation wehte ein kühler Wind. Hans ließ die Gruppe nicht sofort loslaufen. Er blickte über die Höhenzüge, beobachtete die Wolken und verglich sie mit der Vorhersage.

„Noch sieht es gut aus“, sagte er. „Aber am Nachmittag kann sich etwas entwickeln. Wir bleiben aufmerksam.“

Der Weg begann breit und freundlich. Links und rechts lagen Almwiesen, die im Morgenlicht glänzten. Kleine Blumen standen zwischen den Gräsern, und hin und wieder hörte man eine Kuhglocke. Mia wollte sofort fotografieren, blieb aber stehen, stellte beide Füße sicher auf den Boden und wartete, bis die Gruppe etwas Abstand hatte.

Hans bemerkte es. „Gut gemacht.“

„Erst stehen, dann schauen, dann fotografieren, dann weitergehen“, sagte Mia.

Rolf drehte sich um. „Auf so einem breiten Weg kann doch nichts passieren.“

Hans blieb ruhig. „Die meisten Stürze beginnen nicht an der gefährlichsten Stelle, sondern in einem unaufmerksamen Moment.“

Rolf zuckte mit den Schultern und ging weiter.

Nach der ersten Stunde teilte Hans kleine Aufgaben aus. Mia sollte auf Wegzeichen achten. Lina behielt die Karte im Blick. Ben durfte an zwei Abzweigungen mit dem Kompass prüfen, in welche Richtung der Weg führte. Keines der Kinder arbeitete allein. Sie besprachen ihre Beobachtungen miteinander und verglichen sie mit der Landschaft.

„Das rote Zeichen ist dort am Stein“, sagte Mia.

„Auf der Karte macht der Weg hier einen Bogen nach Westen“, ergänzte Lina.

Ben legte den Kompass flach auf seine Hand. „Dann passt es.“

„Sehr gut“, sagte Hans. „Orientierung ist selten eine einzige richtige Antwort. Meist sind es mehrere Hinweise, die zusammenpassen müssen.“

Lothar und seine Frau gingen in der Nähe der Kinder. Lothar erzählte von früheren Wanderungen, aber nie so, als wolle er Hans übertrumpfen. Wenn er etwas nicht wusste, fragte er nach.

Rolf dagegen zeigte immer wieder auf Seitentäler und Gipfel und nannte Namen. Manche stimmten, bei anderen musste Hans ihn freundlich korrigieren.

„Das da ist doch der Geißstein“, sagte Rolf.

„Der Geißstein liegt weiter westlich“, erklärte Hans. „Was Sie sehen, ist ein anderer Rücken.“

„Von hier sieht das alles ähnlich aus.“

„Eben.“ Hans sagte nicht mehr.

Gegen Mittag wurde der Weg schmaler. Er führte nun über einen langen Grasrücken. Die Aussicht war weit, aber der Wind nahm zu. Hans ordnete die Gruppe neu. Die Kinder gingen zwischen den Erwachsenen, niemand blieb allein zurück.

Bei einer Rast setzte sich Ben neben Lothars Frau. Sie rieb sich das Knie.

„Tut es weh?“, fragte er.

„Nur ein wenig. Es erinnert mich daran, dass ich nicht mehr zwanzig bin.“

Ben zog das kleine Erste-Hilfe-Päckchen aus seinem Rucksack. „Ich habe Pflaster.“

„Danke, aber ein Pflaster macht mein Knie nicht jünger.“

Hans kam dazu und fragte, ob sie weitergehen könne. Sie stand vorsichtig auf, machte einige Schritte und nickte.

„Wir gehen langsamer“, entschied Hans.

Rolf blickte auf die Uhr. „Dann kommen wir aber spät an.“

„Wir kommen gemeinsam an“, sagte Hans. „Die Uhr führt heute nicht.“

Die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung. Ben blieb eine Weile neben Lothars Frau. Er erzählte ihr von dem alten Fahrrad seines Großvaters und davon, wie schwierig es gewesen war, eine verrostete Schraube zu lösen. Sie hörte ihm zu, und bald dachte sie weniger an ihr Knie.

Am frühen Nachmittag zogen von Westen erste Wolken heran. Noch waren sie hell, doch ihre Ränder wurden dichter. Hans beobachtete sie immer wieder.

„Müssen wir umkehren?“, fragte Mia.

„Noch nicht. Aber wir machen keine lange Pause mehr und bleiben auf der vorgesehenen Route.“

Einige Zeit später kamen sie an eine Stelle, von der aus man weit hinunter ins Tal sehen konnte. Ein Dorf lag in der Ferne. Rolf stellte sich neben Hans.

„Wenn es schlechter wird, könnten wir dort hinunter“, sagte er. „Das ist doch der schnellste Weg.“

Hans schüttelte den Kopf. „Der Hang sieht von hier harmloser aus, als er ist. Der Weg ist stellenweise steil und bei Nässe rutschig. Außerdem führt er nicht direkt in das Dorf, das Sie meinen.“

Rolf runzelte die Stirn. „Ich kenne die Gegend.“

„Dann wissen Sie, dass Entfernungen hier täuschen können.“

Lina hatte das Gespräch gehört. Sie sah auf ihre Karte und erkannte, dass zwischen dem Höhenweg und dem Dorf mehrere Geländelinien eng beieinanderlagen.

„Da geht es stark bergab“, sagte sie leise zu Mia.

„Und der Bach schneidet den Hang“, ergänzte Mia.

Ben hob den Kopf. Der Wind fühlte sich plötzlich anders an, feuchter und kälter, und brachte den Geruch von Regen mit.

„Hans hat gesagt, man muss auch hören und riechen“, sagte er.

Kurz darauf fielen die ersten Tropfen.

Hans ließ die Gruppe die Regenjacken anziehen, bevor der Regen stärker wurde. Niemand sollte dafür mitten auf dem schmalen Weg stehen bleiben. Sie suchten einen breiten, sicheren Abschnitt neben einer niedrigen Geländekuppe.

„Nicht warten, bis ihr durchnässt seid“, erklärte Hans. „Eine Jacke hält Wärme besser fest, wenn die Kleidung darunter noch trocken ist.“

Der Regen dauerte nur zehn Minuten. Danach wurde es wieder heller. Rolf lächelte zufrieden.

„War doch nur ein Schauer.“

Hans sah zu den Wolken. „Vielleicht. Vielleicht auch eine Ankündigung.“

Die Kinder merkten, dass seine Stimme ruhiger geworden war. Nicht ängstlich, aber konzentrierter.

Als sie weitergingen, tauchte in der Ferne ein kleines dunkles Gebäude auf. Es stand etwas unterhalb des Höhenwegs, nahe einer Gruppe niedriger Felsen.

„Die Schutzhütte“, sagte Hans.

Mia blieb stehen. „Die, bei der du mitgebaut hast?“

„Genau die.“

„Und die Quelle ist dort unten?“ Ben zeigte in Richtung der Felsen.

„Unterhalb davon. Vom Weg aus sieht man sie nicht.“

Die Hütte wirkte noch weit entfernt. Hinter ihr schoben sich neue Wolken über den Bergkamm. Sie waren dunkler als die Wolken zuvor und hatten ausgefranste, graue Ränder.

Hans sah auf die Uhr, dann auf die Gruppe.

„Wir gehen bis zur Hütte“, entschied er. „Dort prüfen wir das Wetter neu.“

Niemand widersprach. Auch Rolf nicht.

Der Weg dorthin dauerte länger, als es ausgesehen hatte. Der Wind kam nun in kräftigen Stößen, und die Temperatur sank spürbar. Mia zog ihre Kapuze enger. Lina hielt die Kartenhülle unter der Jacke. Ben achtete darauf, dass Lothars Frau nicht zurückblieb.

Als sie die Hütte endlich erreichten, fielen erneut Tropfen. Sie waren größer als zuvor und kalt wie Eis.

Hans öffnete die schwere Holztür.

„Alle hinein“, sagte er. „Erst einmal aus dem Wind.“

Die Kinder traten über die Schwelle. Der Raum war schlicht: Holzbänke, ein Tisch, ein kleiner Ofen, einige Regale und ein Stapel Decken. Es roch nach Holz, Stein und kalter Asche.

Draußen prasselte der Regen plötzlich gegen das Dach.

Hans blieb noch einen Moment in der Tür stehen und blickte hinaus. Über den Höhenweg zog eine graue Wand heran.

Dann schloss er die Tür.

Kapitel 8 – Als der Sommer verschwand

In der Schutzhütte war es zunächst so still, dass man jedes Tropfenprasseln auf dem Dach hören konnte. Die Gruppe stellte die Rucksäcke ab, zog nasse Jacken aus und rückte auf den Bänken zusammen.

Hans öffnete die Fensterläden nur einen Spalt. Draußen war die Landschaft innerhalb weniger Minuten verschwunden. Wo eben noch Gras, Weg und Felsen zu sehen gewesen waren, lag nun dichter Nebel.

„Das zieht bestimmt wieder vorbei“, sagte Rolf. Doch seine Stimme klang weniger sicher als noch auf dem Höhenweg.

Hans antwortete nicht sofort. Er trat an das kleine Fenster, beobachtete die Bewegung des Nebels und prüfte die Temperatur an der Tür.

„Wir warten“, sagte er schließlich.

„Wie lange?“

„Bis wir wissen, was das Wetter macht.“

Die Kinder setzten sich an den Tisch. Mia zog ihr Notizbuch hervor, schrieb aber nichts. Lina legte die Karte vor sich. Ben hielt den Kompass in beiden Händen, obwohl sie ihn in der Hütte nicht brauchten.

Lothar setzte sich neben ihn. „Das ist ein guter Ort zum Warten.“

„Aber wir wollten heute noch weiter“, sagte Ben.

„Pläne dürfen sich ändern.“

Hans hörte es. „Ein Plan ist kein Versprechen an den Berg. Er ist eine Möglichkeit. Wenn die Bedingungen nicht mehr passen, braucht man einen neuen.“

Er verteilte Aufgaben. Zwei Erwachsene sollten nach trockenem Holz sehen. Anna half ihm am Ofen. Lothars Frau und Mia breiteten feuchte Handschuhe und Jacken aus. Lina notierte, wie viel Wasser die Gruppe noch hatte. Ben half, die Rucksäcke so zu stellen, dass der Weg zur Tür frei blieb.

„Warum ist das wichtig?“, fragte er.

„Weil man in einer unruhigen Situation Ordnung braucht“, erklärte Hans. „Wenn nachts jemand hinausmuss oder wir schnell etwas holen müssen, darf niemand über Gepäck stolpern.“

Nach einigen Versuchen fing das Holz im Ofen Feuer. Wärme breitete sich langsam im Raum aus. Die Stimmung wurde etwas leichter.

Ben dachte an Dusko. Wahrscheinlich würde er jetzt wie immer mit seiner ruhigen Art ein paar aufmunternde Worte finden oder allen eine heiße Schokolade anbieten. Zum ersten Mal seit dem Aufbruch vermisste Ben das Hotel ganz besonders.

Mia ging zu Hans. „Kannst du unseren Eltern oder Franziska Bescheid sagen?“

Hans nahm sein Handy. Es zeigte keinen Empfang.

„Im Moment nicht. Aber unsere Route ist bekannt. Wir haben gesagt, wann wir ungefähr zurück sein wollen. Wenn wir nicht ankommen, wird man nachfragen.“

„Dann machen sie sich Sorgen.“

„Ja. Sorgen lassen sich nicht immer verhindern. Aber wir können dafür sorgen, dass wir vernünftig handeln.“

Der Regen wurde härter. Kleine Körner prallten gegen die Scheiben.

„Hagel?“, fragte Lina.

Hans öffnete die Tür einen Spalt und hielt die Hand hinaus. Auf seiner Handfläche lagen weiße, weiche Körner.

„Graupel. Und inzwischen auch erste Schneeflocken.“

Ben starrte ihn an. „Im Sommer?“

„Auch im Sommer kann es oben schneien.“

Rolf stand auf. „Dann müssen wir los. Wenn das liegen bleibt, wird es nur schwieriger. Das nächste Dorf ist doch nicht weit.“

Hans schloss die Tür und drehte sich zu ihm um. „Wir gehen jetzt nicht.“

„Ich kenne die Richtung.“

„Sie sehen den Weg nicht.“

„Man kann sich am Hang halten.“

„Welchem Hang?“ Hans blieb ruhig. „Draußen ist kaum Sicht. Die Wegzeichen verschwinden im Nebel. Der Boden wird nass und glatt. In wenigen Minuten kann Schnee die Tritte bedecken. Wir haben eine trockene Hütte, einen Ofen und genug Platz. Es wäre unvernünftig, diesen Schutz aufzugeben.“

Rolf verschränkte die Arme. „Wenn wir noch länger warten, sitzen wir hier fest.“

„Im Augenblick kommen wir nicht weiter“, sagte Hans. „Aber wir sind trocken, geschützt und zusammen. Mehr Sicherheit finden wir draußen gerade nicht.“

Gerade weil Hans nicht laut wurde, hörte ihm jeder zu.

Lothar stellte sich neben Hans. „Ich bleibe hier.“

„Wir auch“, sagte Anna.

Das Ehepaar aus Bayern nickte.

Rolf blickte zur Tür. Dann setzte er sich wieder, ohne etwas zu erwidern.

Für einen Moment wirkte Hans nachdenklich, fast abwesend, als sähe er etwas, das die anderen nicht sahen.

„Warst du schon einmal in so einer Lage?“, fragte Lina leise.

Hans brauchte einen Augenblick, bevor er antwortete. „Einmal. Vor vielen Jahren.“

„Und?“

„Das ist eine andere Geschichte.“ Er sah sie an, nicht unfreundlich, aber bestimmt. „Heute geht es um uns.“

Lina nickte und fragte nicht weiter. Manche Dinge, spürte sie, sollte man nicht einfach fragen.

Mia beobachtete Hans. Er hatte Rolf weder bloßgestellt noch verspottet. Dennoch zweifelte nun niemand daran, wer die Entscheidung traf.

„Manchmal“, sagte Hans später leise zu den Kindern, „besteht Mut darin, nicht aufzubrechen.“

Der Schneefall wurde stärker. Durch den Fensterspalt sahen sie, wie sich die Wiese weiß färbte. Innerhalb einer Stunde war der Sommer verschwunden.

Die Gruppe teilte das Essen ein. Franziskas Päckchen wurden auf den Tisch gelegt, dazu Nüsse, Brot, Äpfel und Schokolade aus den anderen Rucksäcken. Hans erklärte, dass niemand hungern müsse, sie aber vorsichtig planen sollten, falls das Wetter bis zum nächsten Tag anhielt.

Ben half, die Vorräte zu sortieren. Er schlug vor, die Brote zu halbieren, damit jeder etwas bekam und für später noch genug übrig blieb.

„Gute Idee“, sagte Lina.

„Franziska hat gesagt, nicht alles auf einmal.“

„Hotelerfahrung“, erinnerte Mia ihn.

Das Wasser bereitete Hans mehr Sorgen. Die Flaschen waren noch nicht leer, aber für eine ganze Nacht und den nächsten Morgen würde es knapp werden.

Lina rechnete nach. „Wenn jeder nur wenig trinkt, reicht es vielleicht.“

„Zu wenig trinken ist auch keine Lösung“, sagte Hans. „Kälte und Anstrengung machen durstig, selbst wenn man es nicht merkt.“

Ben sah ihn an. „Die Quelle.“

Hans nickte langsam. „Ja.“

„Du weißt doch, wo sie ist.“

„Ungefähr. Aber wir gehen nicht sofort hinaus.“

Rolf hob den Kopf. „Warum nicht? Wenn es Wasser gibt, sollten wir es holen.“

„Weil die Quelle unterhalb der Felsen liegt. Bei dieser Sicht und dem frischen Schnee wäre der Weg unnötig riskant. Wir warten auf eine ruhigere Phase.“

Hans zeigte den Kindern auf der Karte, wo die Hütte ungefähr lag. Die Quelle war nicht eingezeichnet. Er beschrieb einen niedrigen Felsblock, eine Mulde und eine alte Lärche, deren Stamm sich teilte.

„Als wir die Hütte bauten, war dort eine feuchte Stelle“, erzählte er. „Ich bin dem Wasserlauf gefolgt. Unter einem Stein trat klares Wasser aus.“

„Warst du allein?“, fragte Mia.

„Nur wenige Minuten. Die anderen waren in Rufweite.“

„Und heute gehst du auch nicht allein“, sagte Lina.

Hans sah sie an. „Richtig.“

Am späten Nachmittag ließ der Wind etwas nach. Der Schnee fiel noch immer, aber nicht mehr waagerecht. Hans entschied, mit Lothar und Anna nach der Quelle zu sehen. Sie banden ein langes Seil an einem festen Balken der Hütte fest. Hans nahm leere Flaschen, eine Taschenlampe und eine kleine Schaufel mit.

„Wir bleiben hier“, sagte Ben.

Es klang nicht wie eine Frage, aber Hans verstand seinen Wunsch.

„Ihr helft hier mehr, als wenn ihr draußen seid. Haltet den Ofen am Brennen und bleibt von der Tür weg.“

Die drei Erwachsenen verschwanden im Weiß. Die Tür schloss sich, und sofort wirkte die Hütte kleiner.

Mia stellte sich ans Fenster, doch Lina zog sie zurück. „Du siehst sowieso nichts.“

„Ich will nur wissen, ob sie zurückkommen.“

„Sie kommen zurück“, sagte Ben. Dann fügte er leiser hinzu: „Hans kennt die Stelle und hat das Seil dabei.“

Rolf hörte es. „Hoffentlich.“

Ben drehte sich zu ihm. „Hans prüft wenigstens erst, bevor er etwas behauptet.“

Lina legte ihm eine Hand auf den Arm. Ben schwieg.

Die Minuten vergingen langsam. Lothars Frau legte Holz nach. Das Ehepaar faltete Decken. Mia zählte bis hundert und begann wieder von vorn.

Dann klopfte es dreimal an der Tür.

Alle fuhren zusammen.

Hans trat ein, gefolgt von Lothar und Anna. Auf seinen Schultern lag Schnee, aber er lächelte. In den Händen trugen sie gefüllte Flaschen.

„Sie fließt noch“, sagte er.

Lina sah auf die gefüllten Flaschen. „Dann ist die Quelle wirklich ein vergessenes Geheimnis“, sagte sie leise.

Hans stellte die Flaschen vorsichtig auf den Tisch. „Ein kleines Geheimnis“, sagte er, „aber heute ein sehr wichtiges.“

Die Erleichterung war beinahe greifbar. Ben sprang auf, blieb aber rechtzeitig stehen, damit niemand über die Rucksäcke stolperte.

„War es gefährlich?“

„Es war schwierig genug“, antwortete Hans. „Darum gehen wir heute nicht noch einmal. Das Wasser reicht, wenn wir vernünftig damit umgehen.“

Die Quelle war teilweise unter Schnee verborgen gewesen. Die alte Lärche stand noch, und der Felsblock hatte Hans den Weg gezeigt. Anna berichtete, dass sie das Seil gebraucht hatten, um die Richtung zur Hütte nicht zu verlieren.

„Dabei waren wir nur wenige Minuten draußen“, sagte sie.

Rolf blickte auf die gefüllten Flaschen. Er sagte nichts.

Als es dunkel wurde, lagen draußen mehrere Zentimeter Schnee. Der Wind heulte wieder um die Hütte. Die Gruppe richtete Schlafplätze ein. Die Kinder bekamen eine breite Bank nahe am Ofen. Hans legte zusätzliche Decken darunter und erklärte, dass sie die nassen Sachen nicht direkt auf den Ofen legen durften.

„Sonst können sie beschädigt werden oder sogar anfangen zu qualmen.“

Ben hing seine Socken in sicherem Abstand auf. „Das wäre ein schlechter Zeitpunkt für einen Hüttenbrand.“

„Es gibt keinen guten Zeitpunkt dafür“, sagte Lina.

Vor dem Einschlafen erzählte Hans von der Bauzeit. Nicht von großen Heldentaten, sondern von kleinen Pannen: einem Eimer, der den Hang hinabgerollt war, einer Ziege, die einen Handschuh gefressen hatte, und einem Balken, der dreimal vermessen worden war und trotzdem zu kurz blieb.

Die Kinder lachten leise. Die Geschichte nahm der Nacht etwas von ihrer Bedrohlichkeit.

Später, als die anderen bereits still wurden, flüsterte Mia: „Glaubt ihr, Mama und Papa wissen, dass wir hier sind?“

„Hans hat die Route angegeben“, sagte Lina. „Und die Hütte ist der vernünftigste Ort.“

Ben lag auf dem Rücken und sah in die Dunkelheit. „Vielleicht sitzt Franziska jetzt an der Rezeption und wartet.“

Während oben der Sturm um die Hütte strich, brannte unten im Hotel noch lange Licht. Franziska blieb an der Rezeption, und die Eltern hielten engen Kontakt zum Tourismusverband. Die Bergrettung war informiert, konnte bei diesem Wetter jedoch nicht sicher aufsteigen. Hans hatte seine Route hinterlegt. Deshalb hofften alle, dass er die Gruppe zur Schutzhütte geführt hatte.

In der Hütte wusste niemand davon. Sie hörten nur den Wind, das Knacken des Holzes und das leise Atmen der Menschen um sie herum.

Hans saß nahe der Tür und schlief kaum. Immer wieder prüfte er den Ofen und lauschte nach draußen.

Ben bemerkte es, als er in der Nacht aufwachte.

„Hans?“

„Alles gut. Schlaf weiter.“

„Hast du Angst?“

Hans schwieg einen Moment. „Ich habe Respekt vor dem Wetter. Das ist etwas anderes.“

„Was ist der Unterschied?“

„Angst kann dich festhalten. Respekt hilft dir, aufmerksam zu bleiben.“

Ben zog die Decke höher. „Dann habe ich auch Respekt.“

„Das ist in Ordnung.“

Draußen fiel weiter Schnee. Doch die Hütte stand fest. Und in ihrem Inneren wuchs aus einer Gruppe von Wanderern langsam eine Gemeinschaft.

Kapitel 9 – Eine lange Nacht und ein schwieriger Morgen

Als Lina am Morgen die Augen öffnete, wusste sie zunächst nicht, warum ihr Rücken wehtat. Dann sah sie die Holzwand, die Decken und den schwachen Schein des Ofens.

Die Nacht in der Schutzhütte war vorbei. Der Sturm nicht ganz.

Hans hatte die Tür einen Spalt geöffnet. Kalte Luft drang herein. Draußen lag der Schnee so hoch, dass die untere Kante der Tür dagegen schob. Der Nebel war heller geworden, aber noch immer dicht.

„Wie sieht es aus?“, fragte Lothar.

„Besser als in der Nacht. Noch nicht gut genug.“

Rolf trat neben ihn. „Man erkennt zumindest etwas.“

„Ein paar Meter“, sagte Hans. „Das reicht nicht.“

Die Kinder frühstückten kleine Portionen. Brot, Apfel und Tee aus dem Quellwasser. Niemand beschwerte sich. Ben hielt den Becher mit beiden Händen und genoss die Wärme.

„Zu Hause hätte ich nie gedacht, dass warmes Wasser so gut sein kann“, sagte er.

„Es ist Tee“, erinnerte Mia ihn.

„Sehr dünner Tee.“

Hans lächelte. „Man schätzt Dinge anders, wenn sie nicht selbstverständlich sind.“

Nach dem Frühstück mussten sie erneut Wasser holen. Der Schneefall hatte fast aufgehört. Hans wollte diesmal mit Lothar und einem Mann aus Bayern gehen. Ben stand auf.

„Kann ich helfen?“

„Hier drinnen.“

„Was soll ich machen?“

Hans deutete auf den Kompass. „Bestimme zusammen mit Lina, in welcher Richtung der Höhenweg liegt. Nur als Übung. Mia sucht vom Fenster aus nach Merkmalen, die sichtbar werden, wenn der Nebel aufreißt.“

Die Kinder machten sich an die Arbeit. Lina richtete die Karte aus. Ben wartete, bis die Kompassnadel stillstand. Mia beobachtete die Umgebung durch den schmalen Fensterspalt.

„Dort ist ein Felsen“, sagte sie. „Er sieht aus wie ein schiefer Zahn.“

Lina verglich die Geländelinien. „Dann müsste der Weg oberhalb von uns verlaufen.“

„Nordöstlich“, sagte Ben.

Als Hans zurückkam, ließ er sich ihre Lösung erklären. Er bestätigte die Richtung, fragte aber auch, welche Unsicherheiten es gab.

„Wir wissen nicht genau, welcher Felsen das ist“, sagte Mia.

„Und der Kompass zeigt nur die Richtung, nicht ob dort ein sicherer Weg liegt“, ergänzte Ben.

„Sehr gut“, sagte Hans. „Wer seine Unsicherheit kennt, entscheidet besser.“

Gegen Mittag hob sich der Nebel für einige Minuten. Die Gruppe konnte den Hang sehen, weiß und ungewohnt. Die Wegzeichen lagen teilweise unter Schnee. Nur an einzelnen Steinen waren rote Markierungen zu erkennen.

Hans ging wenige Schritte hinaus, prüfte den Untergrund und kehrte zurück.

„Wir bleiben noch.“

Rolf schüttelte den Kopf. „Jetzt wäre die Gelegenheit.“

„Nein. Der Nebel schließt sich bereits wieder.“

Tatsächlich verschwand der gegenüberliegende Fels innerhalb weniger Augenblicke.

Rolf wurde unruhiger. Er ging im Raum auf und ab. „Im Dorf suchen sie bestimmt schon nach uns. Wenn wir uns in Bewegung setzen, kommen wir ihnen vielleicht entgegen.“

Hans legte ein Stück Holz in den Ofen. „Rettungsmannschaften rechnen damit, dass vernünftige Menschen bei solchem Wetter Schutz suchen. Wer ohne Sicht losgeht, vergrößert das Suchgebiet.“

„Dann gehe ich eben allein.“

Jetzt wurde Hans’ Blick fest. „Nein.“

„Sie können mich nicht festhalten.“

„Nein, festhalten kann ich Sie nicht“, sagte Hans. „Aber wenn Sie verschwinden, müssen andere nach Ihnen suchen. Dann riskieren Menschen wegen Ihrer Entscheidung ihre eigene Sicherheit.“

Rolf blieb stehen.

Lothars Frau sagte ruhig: „Bleiben Sie hier. Niemand denkt schlechter von Ihnen, weil Sie warten.“

Für einen Moment wirkte Rolf nicht selbstsicher, sondern müde. Er setzte sich und rieb sich über das Gesicht.

„Ich hasse es, nichts tun zu können.“

Hans nickte. „Dann tun Sie etwas. Helfen Sie uns, Holz zu sparen. Prüfen Sie die Fensterläden. Beschäftigen Sie die Kinder mit einem Spiel. Warten ist nicht dasselbe wie untätig sein.“

Rolf sah zu den Kindern. „Kennt ihr Stadt, Land, Fluss?“

Ben hob die Augenbrauen. „In einer Berghütte?“

„Man kann auch Berg, Tier, Pflanze spielen.“

So begann ein Spiel, das zunächst etwas steif wirkte. Rolf schrieb die Buchstaben auf kleine Zettel. Mia kannte viele Pflanzen, Lina fand ungewöhnliche Ortsnamen auf der Karte, und Ben erfand bei einem schwierigen Buchstaben kurzerhand ein Tier.

„Ein X-Alpenfuchs“, sagte er.

„Den gibt es nicht“, meinte Mia.

„Er ist sehr selten.“

Sogar Rolf lachte.

Kurz nach Mittag riss der Himmel erneut auf. Diesmal blieb die Sicht länger. Hans ging mit zwei Erwachsenen nach draußen und folgte dem Weg ein kurzes Stück. Er prüfte Schneehöhe, Wind und Markierungen.

Als er zurückkam, versammelte er alle am Tisch.

„Wir können einen Aufbruch versuchen“, sagte er. „Aber nur, solange die Sicht stabil bleibt. Der Weg ist schwerer als gestern. Wir gehen sehr langsam, und niemand verlässt die Gruppe. Schließt sich der Nebel wieder, suchen wir die nächste sichere Stelle oder kehren um, solange das noch gefahrlos möglich ist.“

„Wie weit ist es bis zu einer sicheren Abstiegsmöglichkeit?“, fragte Anna.

Hans zeigte es auf der Karte. „Mehrere Stunden. Der direkte Weg ins nächste Dorf ist keine gute Option. Wir folgen dem Höhenweg bis zur markierten Abzweigung. Dort entscheiden wir neu.“

Rolf beugte sich über die Karte. „Hier könnte man doch quer hinunter.“

Lina sah die eng stehenden Höhenlinien. „Das ist steil.“

„Sehr steil“, bestätigte Hans. „Und unter dem Schnee sehen wir keine nassen Grasstellen oder Steine. Wir bleiben auf der Route.“

Die Gruppe begann zu packen. Die Kinder halfen beim Zusammenlegen der Decken und reinigten den Tisch. Ben löschte nicht einfach den Ofen, sondern ließ sich von Hans zeigen, wie man Glut sicher kontrollierte. Mia schrieb einen kurzen Zettel für mögliche Bergretter: Gruppe vollständig, Aufbruch bei besserer Sicht, geplante Route. Hans ergänzte Uhrzeit und Namen.

„Warum lassen wir den hier?“, fragte sie.

„Falls jemand zur Hütte kommt, weiß er, wann und wohin wir gegangen sind.“

Lina betrachtete die kleine Quelle, als sie draußen vorbeikamen. Sie war kaum mehr als ein dunkler Punkt unter einem Felsen. Das Wasser floss in ein flaches Becken, das Hans mit der Schaufel freigelegt hatte.

„So klein“, sagte sie.

„Und trotzdem wichtig“, antwortete Hans. „Nicht alles, was hilft, muss groß sein.“

Bevor sie aufbrachen, stellte Hans die Reihenfolge fest. Er ging vorne. Hinter ihm kamen Mia und Lina, dann Lothar und seine Frau. Ben ging mit Anna. Rolf und die anderen Erwachsenen bildeten den hinteren Teil. Einer sollte stets den Letzten im Blick behalten.

„Wir sprechen miteinander“, sagte Hans. „Wenn jemand friert, müde wird oder unsicher ist, sagt er es sofort. Kein Heldentum.“

Ben zog die Mütze tiefer. „Verstanden.“

Die ersten Schritte waren ungewohnt. Unter dem Schnee lagen Steine und kleine Mulden. Hans prüfte jeden Abschnitt, bevor die Gruppe folgte. Wo Wegzeichen sichtbar waren, zeigte Mia darauf. Lina verglich die Kurven des Weges mit der Karte. Ben kontrollierte an einer breiten Stelle die Richtung.

„Der Weg müsste nach Osten drehen“, sagte er.

Hans nickte. „Und was siehst du im Gelände?“

„Die Kuppe läuft genauso.“

„Dann passt es.“

Nach einer halben Stunde schloss sich der Nebel wieder. Nicht so dicht wie am Vortag, aber dicht genug, dass die nächste Markierung nicht zu sehen war.

Hans blieb stehen.

„Zurück?“, fragte Mia.

Er prüfte die Karte, sah auf den Kompass und blickte hinter sich. Die Hütte war nicht mehr sichtbar.

„Eine Rückkehr wäre jetzt genauso schwierig wie der Weg nach vorn. Wir bleiben dicht zusammen und gehen bis zur kleinen Geländemulde. Dort können wir geschützt warten, falls die Sicht schlechter wird.“

Rolf trat näher. „Ich glaube, der Weg führt weiter links.“

Hans fragte ruhig: „Woran machen Sie das fest?“

„An meiner Erinnerung.“

„Die Markierung und die Karte sprechen für rechts.“

Rolf wollte antworten, doch Ben hob seinen Kompass. „Osten ist dort. Wenn die Karte stimmt, muss der Weg nach rechts.“

Lina zeigte auf die Höhenlinien. „Links würde es stärker bergab gehen.“

Mia entdeckte durch den Nebel einen roten Farbrest an einem Stein. „Da!“

Hans ging vorsichtig hin und wischte Schnee davon. Das Wegzeichen kam zum Vorschein.

„Rechts“, sagte er.

Rolf schwieg.

Karte, Kompass und Mias Fund ergänzten sich. Zusammen bestätigten die Hinweise die richtige Richtung.

Hans wartete, bis alle bei ihm waren. „Das war Teamarbeit. Keiner von euch hätte allein alle Hinweise gehabt.“

Ben spürte trotz der Kälte Wärme im Gesicht.

Sie gingen weiter. Der Nebel blieb, doch die Gruppe hielt ihr ruhiges Tempo. Jeder Schritt war langsam und bewusst, niemand drängte.

Nach einer weiteren Stunde wurde der Himmel heller. Der Nebel begann aufzureißen, erst in kleinen Fenstern, dann in größeren Streifen. Unter ihnen tauchte ein Tal auf. Weiter vorn war eine Wegtafel zu erkennen.

Lothar atmete hörbar aus. „Noch nie habe ich mich so über ein Schild gefreut.“

Als sie die Tafel erreichten, las Hans die Angaben. Der sichere Abstieg lag vor ihnen. Noch war es ein langer Weg, aber die größte Unsicherheit war vorbei.

Rolf trat zu Hans. „Ihre Entscheidung war richtig.“

Hans sah ihn an. „Heute hatten Karte, Kompass, Wegzeichen und Geduld recht.“

„Und Sie.“

„Ich habe auf die Hinweise geachtet.“

Rolf blickte zurück in den Nebel. „Ich hätte gestern einen Fehler gemacht.“

Hans antwortete ohne Vorwurf: „Wichtig ist, dass Sie ihn nicht gemacht haben.“

Dann setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung. Unter dem Schnee erschien stellenweise schon grünes Gras. Der Sommer kehrte langsam zurück.

Kapitel 10 – Der Weg zurück ins Tal

Der Abstieg begann auf einem breiten Weg, doch einfach war er nicht. Der Schnee wurde weicher, darunter lag nasses Gras, und an schattigen Stellen waren Steine glatt. Hans ging weiterhin langsam.

„Jetzt sehen wir mehr“, sagte er, „aber wir sind müde. Viele Fehler passieren, wenn man glaubt, das Schwierige sei schon vorbei.“

Ben achtete besonders auf seine Schritte. Er dachte an das lockere Scharnier im Stall und an die Worte seines Großvaters: Man muss zuhören, wenn etwas anders klingt. Hier oben musste man nicht nur hören, sondern auch fühlen. Manche Stellen gaben unter dem Schuh nach. Andere waren fest.

Lothars Frau wurde mit der Zeit langsamer. Ihr Knie machte ihr wieder zu schaffen. Hans ordnete eine Pause an einer windgeschützten Stelle an.

„Ich möchte niemanden aufhalten“, sagte sie.

„Sie halten niemanden auf“, erwiderte Hans. „Wir sind eine Gruppe. Pausen gehören zum Weg.“

Lina setzte sich neben sie und reichte ihr Wasser. Mia lockerte vorsichtig den Riemen ihres Rucksacks. Ben sammelte mit Anna einige flache Steine, damit sie die Füße trocken abstellen konnten.

„Nicht alles, was hilft, muss groß sein“, sagte Mia.

„Wie die Quelle“, ergänzte Lina.

Hans hörte es und nickte.

Nach der Pause ging es besser. Der Schnee wurde weniger. Bald tauchten die ersten Latschen aus dem Weiß auf, und weiter unten waren wieder vollständig grüne Wiesen zu sehen.

Plötzlich hörten sie ein fernes Geräusch. Erst klang es wie Wind, dann wurde ein gleichmäßiges Brummen daraus.

„Hubschrauber?“, fragte Ben.

Hans trat auf eine freie Stelle und blickte in den Himmel. Ein Hubschrauber flog über den Kamm, drehte eine Runde und verschwand wieder hinter einer Wolke.

„Vielleicht sucht er nach uns“, sagte Mia.

Hans nahm seine Signalpfeife. Dreimal kurz. Dann wartete er. Die Erwachsenen winkten mit hellen Jacken.

Der Hubschrauber kehrte zurück, flog jedoch nicht direkt über ihnen. Wenig später vibrierte Hans’ Handy. Für einen Moment erschien ein Balken Empfang.

Er wählte sofort eine Nummer. Das Gespräch war kurz und abgehackt, aber es genügte. Die Bergrettung wusste nun, wo die Gruppe war und dass alle unverletzt waren. Man vereinbarte einen Treffpunkt an einer Alm weiter unten.

„Und unsere Eltern?“, fragte Mia.

„Sie bekommen Bescheid.“

Die Erleichterung war groß. Trotzdem ließ Hans niemanden unvorsichtig werden.

„Wir sind noch nicht unten“, erinnerte er.

Der Weg führte durch einen lichten Wald. Schnee lag nur noch in kleinen Flecken. Zwischen den Bäumen tropfte Wasser, und der Geruch nach feuchter Erde war stark. Ben zog die Mütze aus. Mia öffnete ihre Jacke. Lina verstaute die Handschuhe.

„Gestern Sommer, dann Winter, jetzt wieder Sommer“, sagte Ben.

„Die Berge wechseln schneller als wir“, antwortete Hans.

An einer Abzweigung war das Schild umgeknickt. Es lag halb im Gras. Rolf wollte gerade den breiteren Weg wählen, doch Hans blieb stehen.

„Wir prüfen.“

Lina nahm die Karte. Ben hielt den Kompass. Mia ging einige Schritte in beide Richtungen, ohne die Gruppe aus den Augen zu verlieren. Auf einem Baumstamm entdeckte sie eine verblasste Markierung.

„Der schmalere Weg“, sagte sie.

Hans bestätigte es. „Der breite führt zu einer Weide und endet dort.“

Rolf seufzte. „Früher war das Schild noch aufrecht.“

„Früher ist nicht heute“, sagte Hans. „Darum prüft man immer wieder.“

Diesmal nahm Rolf die Worte ohne Widerspruch an.

Kurz vor der Alm kamen ihnen zwei Bergretter entgegen. Sie trugen rote Jacken und schwere Rucksäcke. Einer begrüßte Hans mit einem festen Händedruck.

„Gut, euch zu sehen.“

„Alle vollständig“, sagte Hans. „Eine Kniebeschwerde, sonst nichts.“

Die Bergretter untersuchten Lothars Frau und legten ihr eine stützende Bandage an. Einer verteilte warmen Tee. Der andere funkte ins Tal.

„Eure Eltern sind informiert“, sagte er zu den Kindern. „Im Hotel wartet eine ganze Empfangsgruppe.“

Ben stellte sich vor, wie Dusko ihnen im Hotel wortlos heißen Kakao hinstellen und erleichtert lächeln würde. Der Gedanke gab ihm neue Kraft.

„Was ist?“, fragte Lina.

„Nichts. Ich freue mich nur.“

Von der Alm aus konnten sie mit einem Geländewagen ein Stück talwärts fahren. Die Kinder saßen eng nebeneinander auf einer Bank. Jeder Stoß tat den müden Beinen weh, aber niemand beschwerte sich.

Am unteren Parkplatz warteten die Eltern.

Mia sah ihre Mutter zuerst. Sie stand neben Franziska, die Hände fest ineinandergelegt. Der Vater ging einige Schritte auf den Wagen zu, blieb aber hinter der Absperrung.

Als die Tür geöffnet wurde, sprang Mia hinunter. Dieses Mal dachte niemand daran, ruhig zu gehen. Die Kinder liefen zu ihren Eltern. Für eine Weile erklärte niemand etwas; sie hielten einander einfach nur fest.

„Ihr seid da“, sagte die Mutter immer wieder.

Ben spürte, wie sein Vater ihn festhielt. „Wir sind vernünftig geblieben“, sagte er.

„Das glaube ich dir.“

Lina löste sich als Erste und sah nach Hans. Er stand etwas abseits und sprach mit den Bergrettern. Franziska ging zu ihm und nahm seine beiden Hände.

„Danke“, sagte sie.

Hans schüttelte den Kopf. „Alle haben geholfen.“

„Aber du hast entschieden.“

„Dafür war ich verantwortlich.“

Dusko kam mit einer Decke über dem Arm. Er legte sie behutsam um Mias Schultern und sagte leise: „Hauptsache, ihr seid wieder da.“

Ben zog sich die Decke bis unters Kinn. „Dann halte ich jetzt besser den Mund.“

Dusko schmunzelte. „Das ist vermutlich das Klügste, was du heute gesagt hast.“

Im Hotel wurden die Wanderer mit warmen Getränken versorgt. Die Bergrettung nahm noch einmal die Daten auf. Die Eltern hörten Hans’ Bericht. Rolf saß still am Rand, bis er schließlich aufstand.

„Ich muss etwas sagen.“

Alle blickten zu ihm.

„Ich habe gestern vorgeschlagen, bei Nebel und Schnee ins nächste Dorf aufzubrechen. Ich war sicher, die Gegend zu kennen. Hans hat verhindert, dass ich einen großen Fehler mache.“

Hans wollte abwinken, doch Rolf fuhr fort.

„Und heute haben die Kinder mit Karte, Kompass und ihren Beobachtungen geholfen, den Weg zu bestätigen. Ich habe gelernt, dass Erfahrung nichts wert ist, wenn man nicht bereit ist, seine Meinung zu überprüfen.“

Ben sah auf seinen Kompass. Lina legte die Kartenhülle auf den Tisch. Mia dachte an den roten Farbrest unter dem Schnee.

„Wir haben es gemeinsam gemacht“, sagte sie.

Rolf nickte. „Genau.“

Später brachte Franziska Suppe auf die Zimmer. Die Kinder saßen in den weichen Boxspringbetten, in Decken gewickelt, obwohl es im Hotel warm war.

„Für heute reicht es mir mit dem Wandern“, sagte Ben.

Lina sah ihn an. „Nur für heute?“

„Mindestens bis morgen.“

Mia lachte zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr richtig.

Am Abend kam Hans noch einmal vorbei. Er setzte sich an das Fußende von Bens Bett.

„Wie geht es euch?“

„Müde“, sagte Lina.

„Und froh“, ergänzte Mia.

Ben drehte den Kompass in der Hand. „Ohne dich hätten wir es nicht geschafft.“

Hans schüttelte den Kopf. „Ohne die Hütte, die Quelle, die Karte, den Kompass, die Bergrettung und die ganze Gruppe hätte ich es auch nicht geschafft.“

„Aber du bist ruhig geblieben“, sagte Ben.

Hans dachte nach. „Ruhig sein heißt nicht, dass man keine Sorgen hat. Es heißt, dass man den Sorgen nicht erlaubt, alle Entscheidungen zu treffen.“

Mia nahm ihr Notizbuch. „Das schreibe ich auf.“

Hans stand auf. An der Tür blieb er stehen.

„Und noch etwas: Ihr wart mutig. Nicht, weil ihr durch den Schnee gegangen seid, sondern weil ihr zugehört, geholfen und eure Unsicherheit ausgesprochen habt.“

Als er gegangen war, lag eine Weile Stille im Zimmer.

„Glaubt ihr, wir werden irgendwann darüber lachen?“, fragte Lina.

Ben zog die Decke bis ans Kinn. „Über Dusko bestimmt. Er hat uns angesehen, als würde er uns nie wieder aus dem Hotel lassen.“

Mia blickte hinaus. Die Berge lagen friedlich unter dem Abendhimmel. Von hier unten sah man kaum noch etwas von dem Schnee.

Die Kinder hatten erlebt, wie schnell sich ein freundlicher Weg verändern konnte. Ebenso hatten sie erfahren, wie viel eine kleine Quelle, ein alter Kompass und ein ruhiger Mensch bewirken konnten.

Kapitel 11 – Was von einem Abenteuer bleibt

Am nächsten Morgen schliefen die Kinder bis weit nach neun Uhr. Franziska hatte dafür gesorgt, dass niemand sie weckte. Als Mia die Augen öffnete, fiel Sonnenlicht durch die Fenster. Der Schattberg lag grün und ruhig vor ihr, als wäre nichts geschehen.

Für einen Moment fragte sie sich, ob die Nacht in der Schutzhütte nur ein Traum gewesen war. Dann sah sie die nassen Wanderschuhe auf dem Balkon und die durchnässten Rucksäcke an der Wand.

Beim Frühstück wartete fast das ganze Hotel auf sie. Lothar und seine Frau saßen bereits an ihrem Platz. Das Knie von Lothars Frau war bandagiert, aber sie konnte gehen. Anna hob die Hand. Das Ehepaar aus Bayern lächelte. Sogar Rolf war da.

Dusko stellte drei Teller auf den Tisch. „Heute bekommt jeder genau das, was er möchte“, sagte er. „Und danach ruht ihr euch aus.“

Ben sah ihn ernst an. „Wir hatten keine Reservierung in der Hütte.“

„Das habe ich mir gedacht. Der Service dort soll sehr einfach sein.“

Alle lachten. Die Anspannung der vergangenen Tage löste sich ein wenig.

Franziska setzte sich kurz zu den Kindern. „Eure Eltern haben gestern kaum ein Auge zugemacht.“

Mia senkte den Blick. „Wir konnten nichts dafür.“

„Das weiß ich. Und sie wissen es auch. Trotzdem darf man nach so etwas eine Weile durcheinander sein.“

„Warst du auch durcheinander?“, fragte Lina.

Franziska lächelte traurig. „Sehr. Aber Hans hatte seine Route hinterlegt. Als das Wetter schlechter wurde, war die Schutzhütte der logischste Ort. Ich habe mir immer wieder gesagt: Wenn jemand sie sicher dorthin bringt, dann Hans.“ Sie hielt einen Moment inne. „Er kennt die Berge wie kaum ein anderer“, fügte sie leiser hinzu, „auch ihre gefährliche Seite. Das war nicht immer so wie heute.“

Ben dachte an die Nacht und daran, wie Hans am Ofen gesessen hatte. „Er hat fast nicht geschlafen.“

„Das überrascht mich nicht.“

Nach dem Frühstück wollten die Kinder zunächst gar nichts unternehmen. Sie blieben im Hotel, spielten Karten und erzählten den Eltern Stück für Stück, was geschehen war. Dabei merkten sie, dass jeder andere Dinge behalten hatte.

Mia erinnerte sich besonders an das Geräusch des Schnees am Fenster und an den roten Farbrest unter dem Weiß. Lina dachte an die Karte, die im Nebel verlässlicher gewesen war als jede Erinnerung. Ben erzählte von der Quelle und davon, wie unscheinbar sie ausgesehen hatte.

„Sie war kaum größer als ein Wasserhahn“, sagte er. „Aber ohne sie hätten wir zu wenig gehabt.“

Der Vater nickte. „Viele wichtige Dinge sind unscheinbar.“

Am Nachmittag kam Hans. Er trug keine Wandersachen, sondern ein helles Hemd. In der Hand hielt er einen kleinen, flachen Stein.

„Den habe ich heute Morgen an der Quelle gefunden“, sagte er. „Nicht direkt im Wasser, sondern daneben.“

Er legte den Stein auf den Tisch. Eine weiße Linie verlief durch das graue Gestein.

„Für euer Urlaubsglas“, sagte er zu Ben.

Ben nahm ihn vorsichtig. „Julia hat gesagt, keine nassen Steine.“

„Der ist trocken.“

„Dann darf er hinein.“

Hans setzte sich zu ihnen. Gemeinsam sprachen sie über die Entscheidungen der vergangenen Tage. Er fragte die Kinder nicht nur, was richtig gewesen war, sondern auch, was sie beim nächsten Mal anders machen würden.

„Früher umdrehen?“, fragte Mia.

Hans nickte langsam. „Vielleicht. Aber der erste Schauer war noch kein Grund. Später war die Hütte näher und sicherer als ein langer Rückweg. Wichtig ist, immer wieder neu zu entscheiden.“

„Ich würde mehr Wasser mitnehmen“, sagte Lina.

„Gut. Wobei kein Rucksack unbegrenzt schwer sein darf.“

Ben dachte nach. „Ich würde den Kompass nicht nur dabeihaben, sondern vorher noch mehr üben.“

„Das ist ein sehr guter Gedanke.“

„Und ich würde Rolf nicht gleich so wütend ansehen“, fügte Ben hinzu.

Hans hob die Augenbrauen. „Hast du?“

„Vielleicht.“

„Er hatte Angst und wollte handeln. Sein Vorschlag war falsch, aber er ist kein schlechter Mensch.“

Ben nickte. „Später hat er mit uns gespielt.“

Rolf kam am Abend selbst noch einmal zu ihnen. Er brachte keine Geschenke mit und hielt keine lange Rede. Er setzte sich einfach zu Ben, Lina und Mia.

„Ich wollte mich bei euch entschuldigen“, sagte er. „Ich habe eure Hinweise anfangs nicht ernst genommen, weil ihr Kinder seid.“

Lina sah ihn offen an. „Hans hat unsere Hinweise auch geprüft. Er hat nicht einfach geglaubt, dass wir recht haben.“

„Das ist der Unterschied“, sagte Rolf. „Er hat geprüft. Ich habe nur behauptet.“

Mia schob ihm den kleinen Stein hin. „Der ist von der Quelle.“

Rolf betrachtete ihn. „Dann erinnert er mich daran, dass etwas Kleines sehr wichtig sein kann.“

Ben lächelte. „Das ist fast eine Bergweisheit.“

„Ich überlasse die Bergweisheiten lieber Hans.“

Am folgenden Tag machten die Kinder mit ihren Eltern einen ruhigen Spaziergang durch Saalbach. Keine Gondel, kein Gipfel, kein langer Weg. Sie gingen am Bach entlang, sahen in Geschäfte und spielten zum Abschluss noch einmal Minigolf – erst zum zweiten Mal in diesem Urlaub.

Diesmal gewann der Vater. Hans kam zufällig vorbei, betrachtete das Ergebnis und grinste. „Gut, dass ich nicht mitgespielt habe. Mein Ruf als Minigolf-Champion ist damit wenigstens unbeschädigt.“

„Du hast Angst zu verlieren“, sagte Ben.

„Respekt“, korrigierte Hans.

„Was ist diesmal der Unterschied?“

„Das erkläre ich, wenn wir spielen.“

Später saßen sie auf einer Bank im Dorf. Touristen gingen vorbei, Fahrräder rollten über die Straße, und irgendwo spielte Musik. Es war ein ganz gewöhnlicher Urlaubstag.

„Ich finde ihn schön“, sagte Mia.

„Obwohl nichts Besonderes passiert?“, fragte Lina.

„Gerade deshalb.“

Ben warf einen Blick auf den Brunnenrand. Die gefundene Münze lag nicht mehr dort. Er hoffte, dass der Mensch, der sie verloren hatte, zurückgekommen war.

„Vielleicht hat sie der Besitzer gefunden“, sagte er.

Am Abend bastelten die Kinder in der Gästelounge eine Dankeskarte für die Bergrettung. Mia zeichnete die Hütte im Schnee. Lina schrieb einen kurzen Text. Ben malte einen Kompass in die Ecke.

„Was schreiben wir Hans?“, fragte Mia.

„Für Hans brauchen wir etwas Eigenes“, sagte Lina.

Sie überlegten lange. Schließlich schrieb jeder einen Satz.

Mia: Danke, dass du uns gezeigt hast, dass man erst stehen bleiben und dann schauen soll.

Lina: Danke, dass du auf die Karte, das Wetter und auf uns gehört hast.

Ben: Danke, dass du ruhig geblieben bist, als andere nur schnell wegwollten.

Unter die drei Sätze schrieb Mia: Ein guter Wanderführer kennt nicht nur den Weg. Er achtet darauf, dass alle gemeinsam wieder nach Hause kommen.

Als Hans die Karte am nächsten Tag las, sagte er eine Weile nichts.

„Ist sie zu kitschig?“, fragte Ben.

Hans räusperte sich. „Nein. Mir ist nur etwas ins Auge gekommen.“

„Im Hotel?“

„Sehr viel Staub hier.“

Franziska, die hinter ihm stand, verschränkte gespielt empört die Arme. „In meinem Hotel gibt es keinen Staub.“

Hans lächelte. „Dann wird es wohl doch etwas anderes sein.“

Die Karte bekam einen Platz an der Fotowand, direkt neben dem Bild aus dem vergangenen Sommer.

„Nun hängt ihr zweimal hier“, sagte Julia.

„Dann gehören wir doppelt dazu“, meinte Ben.

„So funktioniert das nicht“, sagte Lina.

Franziska legte einen Arm um sie. „Doch. Bei uns schon.“

Kapitel 12 – Abschied mit Aussicht

Die letzten Urlaubstage kamen schneller, als die Kinder erwartet hatten. Noch einmal fuhren sie mit der Gondel auf den Kohlmais, diesmal nur für einen kurzen Spaziergang mit den Eltern. Der Himmel war klar, und von dem plötzlichen Wintereinbruch war kaum noch etwas zu sehen. Nur in schattigen Mulden lagen kleine weiße Flecken.

Hans begleitete sie ein Stück. Er hatte keine große Gruppe dabei und trug nur einen leichten Rucksack.

„Heute wird nicht weit gegangen“, sagte der Vater.

„Das ist völlig in Ordnung“, antwortete Hans. „Ein Berg muss nicht jedes Mal bezwungen werden.“

Ben verzog das Gesicht. „Du sagst doch sonst, Berge werden gar nicht bezwungen.“

Hans lächelte. „Sehr gut aufgepasst. Dann formuliere ich es besser: Man muss nicht jedes Mal weit gehen, um etwas Schönes zu erleben.“

Sie folgten einem breiten Weg über die Almwiesen. Mia blieb an derselben Aussichtsstelle stehen, an der Hans sie zu Beginn des Urlaubs gestoppt hatte. Sie stellte beide Füße fest hin, sah lange über das Tal und machte erst danach ein Foto.

„Das erste und das letzte Bild vom Urlaub“, sagte sie.

„Nicht das letzte“, meinte Lina. „Im Hotel machen wir noch eins mit allen.“

Ben betrachtete den Kompass. „Norden ist noch immer dort.“

„Das ist beruhigend“, sagte der Vater.

Hans zeigte auf einen Weg, der in der Ferne über einen Grasrücken führte. „Dort hinten beginnt ein Teil der Route, die wir gegangen sind.“

Die Kinder schwiegen. Aus dieser Entfernung sah alles friedlich aus. Kein Nebel, kein Schnee, kein Wind. Die Schutzhütte war nicht zu erkennen.

„Komisch“, sagte Mia. „Man sieht gar nicht, was dort passiert ist.“

„Die Landschaft trägt Erlebnisse nicht wie Schilder“, sagte Hans. „Aber ihr tragt sie in euch.“

Sie setzten sich auf eine Bank. Hans holte drei kleine Umschläge aus seinem Rucksack.

„Was ist das?“, fragte Lina.

„Keine Urkunden. Dafür gibt es am Berg nichts Offizielles.“

In jedem Umschlag lag eine kleine Karte. Auf Mias Karte stand: Für offene Augen und den richtigen Moment zum Stehenbleiben. Auf Linas: Für Übersicht, Kartenverstand und ruhige Gedanken. Auf Bens: Für einen sicheren Kompass, ein gutes Auge und den Mut, vernünftig zu sein.

Ben las seinen Satz zweimal. „Den Mut, vernünftig zu sein“, wiederholte er.

„Das ist nicht immer leicht“, sagte Hans.

„Vor allem, wenn jemand anderes große Worte macht.“

Hans nickte. „Dann besonders.“

Kurz darauf blieb Lina plötzlich stehen. Zwischen zwei Felsen, geschützt vor dem Wind, wuchsen mehrere Edelweißblüten, ihre Blätter silbern im Nachmittagslicht.

„Edelweiß!“, rief Mia leise, als hätte sie Angst, die Blüten zu erschrecken.

Ben wollte schon danach greifen, doch Hans hielt seine Hand fest.

„Lass sie stehen.“

„Aber sie sind so schön. Ich wollte nur eine mitnehmen.“

„Gerade deshalb“, sagte Hans. „Edelweiß wächst nicht überall, und es steht unter Naturschutz. Wer eine Blüte pflückt, nimmt sie sich für einen Tag. Wer sie stehen lässt, kann noch in zehn Jahren herkommen und sie wiederfinden.“

Mia machte ein Foto, blieb dafür bewusst stehen, wie sie es gelernt hatte. Lina betrachtete die feinen weißen Sterne genau, ohne sie zu berühren.

„Manche Dinge gehören nicht ins Urlaubsglas“, sagte sie. „Sie gehören dorthin, wo sie sind.“

Hans nickte. „Das hast du gut verstanden.“

Ben sah noch einmal zu den Blüten zurück, bevor sie weitergingen. „Ich nehme stattdessen das Bild mit.“

„Das reicht“, sagte Hans.

Auf dem Rückweg begegneten sie einer Familie, deren kleiner Junge beim Gehen ein Foto machen wollte. Mia rief nicht laut und belehrte ihn nicht. Sie sagte nur freundlich: „Bleib besser kurz stehen. Dann wird das Bild auch schärfer.“

Der Junge tat es. Seine Mutter bedankte sich.

Hans ging neben Mia. „Gut weitergegeben.“

„Ohne Bergweisheitenstimme“, sagte Mia.

„Das ist die beste Art.“

Am vorletzten Abend organisierte Franziska im Hotel ein kleines Abschiedstreffen. Lothar und seine Frau kamen, Julia stellte Getränke bereit, Dusko trug Teller nach draußen, und Hans brachte Käse von seiner Alm mit. Auch Anna und das Ehepaar aus Bayern schauten vorbei. Rolf kam etwas später. Er trug diesmal keine Wanderstöcke.

Die Kinder erzählten nicht noch einmal die ganze Geschichte. Jeder kannte sie inzwischen. Stattdessen sprachen sie über die schönen Tage: den Baumzipfelweg, den Kletterpark, das Volleyballspiel, den Besuch im Heimathaus, den ersten Weg mit Hans, die Kühe und den kleinen Bergsee.

Ben berichtete, dass er zu Hause mit seinem Großvater weiter mit dem Kompass üben wollte.

„Und ich mache eine Fotoreihe von unserem Wohnviertel“, sagte Mia. „Mit Dingen, an denen man sonst einfach vorbeigeht.“

Lina wollte ein kleines Heft anlegen, in dem sie Wanderungen plante und später eintrug, was tatsächlich anders gewesen war.

„Denn ein Plan ist nur eine Möglichkeit“, sagte sie.

Hans hob sein Glas. „Ihr hört wirklich zu.“

Dusko stellte sich neben ihn. „Dann sage ich auch etwas.“

Alle sahen ihn erwartungsvoll an.

„Wer im Hotel arbeitet, muss immer wissen, wo der Flaschenöffner liegt.“

Franziska schüttelte den Kopf. „Und damit ist der feierliche Augenblick beendet.“

Später machten sie das geplante Gruppenfoto. Franziska stand in der Mitte. Links von ihr standen Julia und Dusko, rechts Hans. Dusko legte Ben kurz die Hand auf die Schulter. Lothar und seine Frau standen vorne, während sich die Kinder zwischen den Erwachsenen verteilten.

„Nicht bewegen“, sagte der Vater hinter der Kamera.

„Erst stehen, dann schauen“, flüsterte Ben.

„Und dann fotografieren“, ergänzte Mia.

Das Bild gelang beim zweiten Versuch.

Am Abreisetag standen die Koffer früh in der Lobby. Die Fenster spiegelten den hellen Morgen. Auf der Fotowand hing nun die Dankeskarte neben den beiden Urlaubsbildern.

Franziska umarmte jedes Kind lange.

„Kommt gut nach Hause.“

„Wir kommen wieder“, sagte Mia.

„Das habt ihr letztes Jahr auch gesagt.“

„Und wir haben es gemacht“, erinnerte Lina sie.

Julia drückte ihnen die Stoffbeutel mit den Urlaubserinnerungen in die Hand. In Bens Beutel lag der Stein von der Quelle. Mia hatte gepresste Blätter und Zeichnungen gesammelt. Lina bewahrte darin einen alten, abgelösten Aufkleber von der Wanderkarte auf, den Hans ihr gegeben hatte.

Dusko kam mit drei kleinen Papiertüten. „Für die Fahrt“, sagte er und reichte jedem Kind eine.

Ben nahm seine entgegen. „Was ist drin?“

„Etwas zu essen.“

Alle sahen Ben an.

Er grinste. „Das darf gelegentlich trotzdem vorkommen.“

Hans wartete draußen am Auto. Er reichte den Eltern die Hand und sprach noch einmal kurz mit ihnen. Dann wandte er sich an die Kinder.

„Was ist die wichtigste Bergweisheit dieses Urlaubs?“, fragte er.

Mia dachte an das Fotografieren. Lina an Karte und Kompass. Ben an die Hütte.

„Dass man gemeinsam ankommt“, sagte Lina.

„Dass man ruhig bleibt und prüft“, ergänzte Ben.

„Und dass man auch einmal stehen bleiben muss“, sagte Mia.

Hans nickte. „Dann habt ihr alles Wesentliche verstanden.“

Der Vater startete den Motor. Die Kinder winkten aus den geöffneten Fenstern. Franziska, Julia, Dusko und Hans wurden kleiner, als das Auto die Zufahrt hinunterrollte.

Auf der Straße durch das Glemmtal blickten die Kinder lange zurück. Die Strecke schlängelte sich sanft durch das Tal in Richtung Zell am See. Wiesen, Häuser und Berghänge zogen vorbei.

„Letztes Mal war ich traurig, weil der Urlaub vorbei war“, sagte Mia.

„Und diesmal?“, fragte die Mutter.

„Auch. Aber anders.“

Lina sah auf die Karte. „Wir nehmen etwas mit.“

Ben hielt den Stein von der Quelle in der Hand. Die weiße Linie glänzte im Sonnenlicht.

„Nicht nur Sachen“, sagte er.

Der Vater blickte in den Rückspiegel. „Was noch?“

Ben überlegte. „Dass man nicht immer der Lauteste sein muss, um recht zu haben. Dass klein nicht unwichtig heißt. Und dass ein Kompass nur hilft, wenn man auch nachdenkt.“

„Das sind gleich drei Weisheiten“, sagte Lina.

„Ich hatte einen guten Lehrer.“

Hinter ihnen verschwanden Saalbach und die grünen Grasberge langsam aus dem Blick. Vor ihnen lag der Weg nach Hause.

Mia öffnete ihr Notizbuch. Auf die letzte Seite schrieb sie:

Ein Abenteuer beginnt manchmal mit einem großen Plan. Aber was davon bleibt, sind oft die kleinen Dinge: eine Hand, die hilft, eine Karte, die Orientierung gibt, eine Quelle unter einem Felsen und ein Mensch, der ruhig bleibt, wenn alle anderen schnell weiterwollen.

Sie zeigte den Satz Lina und Ben.

„Gut“, sagte Lina.

Ben nickte. „Aber du hast etwas vergessen.“

„Was?“

„Dass wir nächstes Jahr wiederkommen.“

Mia lächelte und schrieb darunter:

Fortsetzung folgt.

Schlusswort

Das Abenteuer von Mia, Lina, Ben und Hans geht zu Ende. Doch vieles von dem, was sie erlebt und gelernt haben, wird sie noch lange begleiten.

Sie haben erfahren, dass die Berge wunderschön sein können, aber auch Respekt verdienen. Dass gutes Wetter nicht selbstverständlich ist. Dass Karte und Kompass nur dann helfen, wenn man ruhig bleibt und gemeinsam überlegt. Und dass große Worte niemals so viel wert sind wie Erfahrung, Vernunft und Verantwortung.

Vor allem aber haben sie gelernt, dass jeder Mensch besondere Stärken besitzt.

Lina behielt mit ihrer Karte den Überblick. Ben half mit seinem Kompass bei der Orientierung. Mia beobachtete aufmerksam ihre Umgebung und bemerkte Dinge, die andere vielleicht übersehen hätten. Hans gab der Gruppe mit seiner Ruhe und seiner Erfahrung Sicherheit. Und auch die anderen Wanderer trugen dazu bei, dass niemand alleinbleiben musste.

Mut zeigte sich dabei auf ganz unterschiedliche Weise: beim Klettern, beim Warten, beim Eingestehen von Angst und bei der Entscheidung, nicht unüberlegt in ein Unwetter hinauszugehen.

Vielleicht denkt der eine oder andere beim nächsten Ausflug an Hans und seine Bergweisheiten. Zum Beispiel daran, beim Fotografieren erst stehen zu bleiben. Oder daran, dass nicht der Schnellste das Tempo einer Gruppe bestimmen sollte. Vielleicht bleibt auch dieser Satz in Erinnerung:

Man trägt seinen Rucksack selbst. Aber niemand muss eine Sorge allein tragen.

Nicht jedes Abenteuer verläuft nach Plan. Oft sind es gerade die unerwarteten Erlebnisse, durch die Menschen enger zusammenrücken und einander neu kennenlernen.

Und wer weiß?

Vielleicht wartet hinter der nächsten Wegbiegung schon ein neues Abenteuer.

Noch nicht genug von Lina, Ben und Mia?

Die drei Freunde erleben noch viele weitere Abenteuer im Siegerland und darüber hinaus – von verborgenen Schätzen über vergessene Stollen bis hin zu Geheimnissen, die niemand mehr für möglich gehalten hätte.

Alle Bücher der Reihe findest du bei Amazon unter dem Suchbegriff „Lina Ben Mia“ oder unter dem Autorennamen Lothar Reuter.

Impressum

Titel des Buches: Sommerurlaub in Saalbach – Hans der Wanderführer
Autor: Lothar Reuter
Anschrift: Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland

E-Mail: LotharReuter@web.de
1. Auflage 2026
© 2026 Lothar Reuter. Alle Rechte vorbehalten.

Verantwortlich für den Inhalt:

Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland

Druck und Vertrieb der Print- und E-Book-Ausgabe:
Amazon Kindle Direct Publishing

Die Inhalte dieses Buches, einschließlich Texte, Layout und Struktur, unterliegen dem Urheberrecht.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Haftungsausschluss

Dieses Kinderbuch richtet sich vor allem an Leserinnen und Leser im Alter von etwa 9 bis 12 Jahren. Zum Vorlesen eignet sich die Geschichte auch für jüngere Kinder.

Die Handlung spielt in Saalbach und seiner Umgebung. Landschaften, regionale Besonderheiten und einzelne bekannte Orte bilden den Rahmen der Geschichte. Personen, Erlebnisse und Handlungsabläufe sind jedoch frei erfunden oder für die Erzählung verändert worden.

Das Buch ist keine Wanderanleitung und ersetzt weder eine Tourenplanung noch Hinweise zur Sicherheit in den Bergen.

Hinweis zu den verwendeten Abbildungen

Die im Buch enthaltenen Illustrationen, die keinen gesonderten Quellvermerk tragen, wurden mithilfe von ChatGPT (OpenAI) nach inhaltlichen und gestalterischen Vorgaben des Autors KI-basiert erstellt.

Die Bilder entstanden auf Grundlage eigener Ideen zu Motiv, Farbe und Stil mithilfe der Bildgenerierungsfunktion von ChatGPT (Stand 2026).

Verwendetes Tool: ChatGPT (OpenAI)
https://chat.openai.com

Über den Autor

Ein Weg, geprägt von Begegnungen

Lothar Reuter, geboren 1956 in Kreuztal, blickt auf ein vielseitiges Berufsleben zurück. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann war er viele Jahre im IT-Bereich eines Energienetzbetreibers tätig. Dabei begegnete er Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen und Verantwortungsbereichen – Erfahrungen, die seine Sicht auf Zusammenarbeit, Vertrauen und Kommunikation nachhaltig geprägt haben.

Seit seinem Ruhestand engagiert er sich aktiv in seiner Heimatregion, unter anderem im Heimatverein. Bereits zuvor war er in verschiedenen Vorstandsämtern örtlicher Vereine tätig.

Als Vater dreier erwachsener Kinder und stolzer Großvater von vier Enkelkindern schöpft er aus einem reichen Schatz persönlicher und beruflicher Erfahrungen.

Lothar Reuter lebt mit seiner Frau in Struthütten im Siegerland.

Danksagung

Mein herzlicher Dank gilt meiner Frau Anke Reuter.

Anke hat dieses Buch mit großer Sorgfalt mehrfach Korrektur gelesen und mir wertvolle Impulse zum Inhalt gegeben. Ihre Geduld, ihr kritischer Blick und ihre liebevolle Unterstützung haben maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Geschichte ihre heutige Form gefunden hat.

Viele Gedanken, Ideen und kleine Details dieses Buches wären ohne ihre Unterstützung nicht entstanden.