Zur Buchreihe

Eine fantastische Jugendbuchreihe über Freundschaft, Geheimnisse und das Erbe einer verlorenen Welt.

Alte Zeichen. Verborgene Orte. Geheimnisse tief unter den Bergen des Siegerlands.

Als Lina, Ben und Mia eine Spur aus der Vergangenheit entdecken, ahnen sie nicht, dass ihr Leben sich für immer verändern wird. Zwischen stillen Wäldern, vergessenen Stollen und uralten Anlagen stoßen die drei Freunde auf das Erbe einer längst verlorenen Welt.

Doch manche Geheimnisse schlafen nicht für immer. Und manche Aufgaben werden größer, je mehr man gelernt hat.

Diese Reihe verbindet Abenteuer, Mystery und Science-Fiction mit der besonderen Atmosphäre des Siegerlands – erzählt für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren.

Vorwort

Es gibt Geschichten, die enden mit der letzten Seite.

Und es gibt Geschichten, die mit jeder Antwort erst richtig beginnen.

Als ich den ersten Band der „Wächter des Siegerlands“ geschrieben habe, ahnte ich selbst noch nicht, welche Reise Lina, Ben und Mia einmal antreten würden. Aus einer kleinen Entdeckung unter den Bergen des Siegerlands ist Schritt für Schritt eine Welt entstanden, in der Vergangenheit und Zukunft miteinander verbunden sind.

Mit jedem Abenteuer sind die drei Freunde gewachsen. Sie haben gelernt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern trotz der Angst das Richtige zu tun. Sie haben erfahren, dass Wissen Verantwortung mit sich bringt und dass Freundschaft oft die größte Stärke ist.

Mit „Die Erben von Atlantis“ erreicht ihre Geschichte einen neuen Wendepunkt. Alte Entscheidungen werfen lange Schatten, längst vergessene Bündnisse geraten wieder in Bewegung, und Fragen, die über Jahrtausende unbeantwortet geblieben sind, verlangen nach einer Antwort.

Doch bei allem, was euch in diesem Band erwartet, steht eines weiterhin im Mittelpunkt: Drei ganz normale Jugendliche aus dem Siegerland, die lernen müssen, dass manchmal gerade die Kleinsten den größten Unterschied machen können.

Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen und hoffe, dass euch diese Reise genauso fesselt wie mich beim Schreiben.

Was bisher geschah …

Vor einigen Jahren entdeckten Lina, Ben und Mia tief unter den Bergen des Siegerlands eine verborgene Anlage aus uralter Zeit. Was als neugierige Erkundung begann, führte sie zu Thalor, einem der letzten Wächter von Atlantis, und zu KERUS, einer künstlichen Intelligenz, die in der Station unter dem Hohenseelbachskopf erwachte.

Gemeinsam haben sie gelernt, Zeichen zu lesen, alte Systeme zu verstehen und Verantwortung zu übernehmen. In Band 9 brachte die atlantische „Wir Drei“ die Freunde zum ersten Mal weit über die Grenzen ihres Alltags hinaus. In Band 10 mussten sie beweisen, dass Mut ohne Vorsicht gefährlich ist – und Vorsicht ohne Mut manchmal ebenso.

In Band 11 führte sie ein gelöschter Post von Arjun Sharma nach Indien. Ein stiller Virusausbruch, verschmutzte Flüsse und das Schweigen der Behörden zeigten ihnen, dass Gefahr nicht immer laut ist. Mit Dr. Okafor, Arjun und KERUS halfen sie, verborgene Muster sichtbar zu machen – und lernten, dass Hinsehen manchmal der erste Schritt zur Rettung ist.

Nun beginnt eine Aufgabe, die nicht in den Tiefen eines Stollens wartet und nicht in einer vergessenen Halle verborgen liegt. Sie erscheint auf einem Fernsehbildschirm, in einer Nachrichtensendung, die eigentlich nur nebenbei laufen sollte.

Die drei Freunde

Lina ist siebzehn. Sie denkt schnell, beobachtet genau und spürt oft als Erste, wann aus einer Nachricht eine Aufgabe wird. Ihr Mut ist kein lautes Draufgängertum. Es ist die Fähigkeit, Angst zu haben und trotzdem stehen zu bleiben.

Ben ist sechzehn. Er macht Witze, besonders dann, wenn ihm mulmig ist. Aber wenn es ernst wird, bleibt er. Seine Sprüche lockern die Stimmung, doch seine Treue hält die Gruppe zusammen.

Mia ist fünfzehn. Sie ist ruhig, klug und technisch begabt. Wo andere Chaos sehen, erkennt sie Muster. Sie fragt nicht, ob etwas beeindruckend klingt, sondern ob es funktioniert.

Gemeinsam sind sie keine perfekten Helden. Sie sind drei Jugendliche aus dem Siegerland. Genau deshalb sind ihre Entscheidungen wichtig.

Kapitel 1 – Nach dem Sturm

Über dem Siegerland lag an diesem Morgen ein Nebel, der nicht nach Regen roch, sondern nach etwas Neuem.

Seit Wochen war es dieser Geruch, den Lina nicht recht benennen konnte. So, als hätte sich die Luft selbst verändert, seit jener Nacht, in der die Flotte am Himmel erschienen war und wieder verschwunden war, ohne dass irgendjemand genau sagen konnte, wohin.

Lina saß am Küchentisch und hatte beide Hände um ihre Tasse gelegt.

Der Kakao war längst kalt, aber sie bemerkte es nicht.

Ihr Vater stand am Fenster und sah hinaus, obwohl es dort nichts zu sehen gab außer Nebel und die vertrauten Umrisse der Nachbarhäuser.

Aus dem Fernseher im Wohnzimmer drang die Stimme eines Nachrichtensprechers, der sich sichtbar bemühte, sachlich zu klingen.

„…treffen sich heute die Außenminister der wichtigsten Industrienationen zu einem Sondergipfel. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die internationale Gemeinschaft auf die Ereignisse der vergangenen Wochen reagieren soll…“

Linas Mutter kam mit einem Korb Brötchen aus der Küche und stellte ihn ab, ohne ein Wort zu sagen.

„Glaubst du, die wissen mehr als wir?“, fragte Lina.

Ihr Vater zuckte mit den Schultern. „Wenn, dann sagen sie es nicht.“

„Vielleicht wissen sie es einfach auch nicht“, sagte ihre Mutter leise und setzte sich.

Niemand widersprach.

Lina sah auf ihre Hände. Sie hätte den Fernseher gern einfach ausgeschaltet – aber nicht das Gefühl, dass gerade etwas Unsichtbares über ihrer Familie hing, seit Wochen schon, ohne dass jemand außer ihr wirklich wusste, wie groß es war.

Struthütten sah aus wie immer. Die Bushaltestelle, der Bäcker, die schmale Straße hinunter zur Kirche – nichts davon hatte sich verändert.

Und doch war nichts mehr, wie es vorher gewesen war.

In den Nachrichten liefen rund um die Uhr Sondersendungen, in denen Experten Dinge erklärten, von denen sie offensichtlich selbst keine Ahnung hatten. Regierungssprecher sagten Sätze wie „wir stehen in engem Austausch mit internationalen Partnern“.

Was, wie Ben treffend bemerkt hatte, in etwa so viel bedeutete wie „wir haben keine Ahnung, was wir tun sollen“.

„Guten Morgen, Alien-Experte“, sagte eine Mitschülerin, als Ben die Aula betrat.

Ein paar andere lachten.

Er hatte sich längst daran gewöhnt. Seit die Fernsehbilder um die Welt gegangen waren – die stille Flotte über den Metropolen, das Blackout der Satelliten, die Botschaft, die niemand vollständig entschlüsseln konnte –, hatte halb Deutschland eine Meinung dazu.

Und die Hälfte davon war überzeugt, ausgerechnet die Kinder aus dem Siegerland müssten mehr wissen als der Rest der Welt.

Was, wie Ben mit todernster Miene jedem erklärte, der es hören wollte, natürlich vollkommen absurd sei.

„Sag mal ehrlich“, flüsterte sein Banknachbar Timo, kaum dass sie saßen. „Habt ihr die wirklich gesehen? Aus der Nähe?“

„Ich hab höchstens ein Reh aus der Nähe gesehen“, sagte Ben und schlug sein Matheheft auf, als wäre das Thema damit erledigt.

Innerlich zählte er mit, wie oft er diese Woche schon irgendeine Variante dieser Frage beantwortet hatte.

Siebzehn Mal, grob geschätzt. Und es war erst Donnerstag.

Selbst Herr Brandt, der seit fünfundzwanzig Jahren Mathematik unterrichtete und sich für nichts mehr begeistern konnte, hatte die Stunde mit einer Bemerkung über „die aktuelle Weltlage“ begonnen, bevor er zu Kurvendiskussionen zurückkehrte.

Draußen vor dem Fenster zogen graue Wolken über den Schulhof, und für einen Moment hätte man fast vergessen können, dass irgendwo dort oben, jenseits der Wolken, gerade die halbe Menschheit über die Zukunft der Welt debattierte.

Ben hatte dabei betont uninteressiert aus dem Fenster gesehen.

Was ihm, wie er fand, ziemlich gut gelungen war.

In der Pause fand er Mia nicht auf dem Schulhof, sondern in der Bibliothek, wo sie eigentlich nicht sein durfte, weil dort noch Unterricht stattfand.

Sie umging das mit der Begründung, sie recherchiere „für ein wichtiges Referat“.

Das Referat existierte nicht.

Was existierte, war ein Ordner mit über vierzig Videoausschnitten, Wetterradarbildern und Flugbahndaten, säuberlich sortiert nach Uhrzeit, Ort – und, wie sie Ben erklärte, sobald er sich neben sie setzte, nach dem Grad der Unstimmigkeit.

„Unstimmigkeit?“, fragte Ben und warf einen Blick auf den Bildschirm, auf dem eine Flugbahn in leuchtendem Grün über eine Europakarte lief.

„Die offiziellen Aufnahmen zeigen die Flotte immer nur von einer bestimmten Höhe an aufwärts“, sagte Mia, ohne aufzuschauen. „Alles darunter fehlt. Nicht verschwommen, nicht überbelichtet – einfach weg.“

„Vielleicht ist es einfach schlechtes Filmmaterial.“

„Bei vierzig unabhängigen Quellen aus zwölf Ländern? Gleichzeitig, an derselben Stelle?“

Mia sah ihn zum ersten Mal an.

„Das ist kein Zufall, Ben. Das ist Absicht.“

Ben öffnete den Mund, um etwas Lockeres zu sagen, wie er es meistens tat, wenn ihm ein Gespräch zu ernst wurde.

Diesmal fiel ihm nichts ein.

Stattdessen aß er schweigend sein Pausenbrot, während Mia weiterklickte, als könnte sie die Wahrheit mit genug Fleiß aus den Daten herausschütteln.

Lina hatte an diesem Tag mit etwas anderem zu tun. Nicht mit Videos oder Daten, sondern mit einem Gefühl, das sich hartnäckig weigerte, sich in Worte fassen zu lassen.

Sie hatte in den letzten Wochen etwas an Thalor bemerkt, das ihr keine Ruhe ließ: Er war anders.

Nicht offensichtlich, nicht dramatisch. Aber wenn man ihn so lange kannte wie sie, entgingen einem die kleinen Dinge nicht.

Er sprach seltener von der Zukunft. Er beendete Sätze manchmal nicht, die er früher mit derselben ruhigen Bestimmtheit zu Ende geführt hätte wie alles andere auch.

Und einmal, als sie ihn beim Gang durch die Station beobachtet hatte, war er vor einem der alten, unbeschrifteten Wandsegmente stehen geblieben und hatte es lange angesehen. Als suche er dort nach etwas, das nicht mehr da war.

Sie hatte niemandem davon erzählt.

Nicht einmal Ben und Mia, obwohl sie sonst kaum etwas voreinander geheim hielten. Aber dieses Gefühl war anders – zu vage, um es in Worte zu fassen, und zu wichtig, um es leichtfertig auszusprechen, bevor sie selbst verstand, was es bedeutete.

Nicht, weil es ein Geheimnis war, sondern weil sie selbst nicht wusste, was sie damit anfangen sollte. Ein Gefühl war kein Beweis, und Lina war es gewohnt, Dinge erst auszusprechen, wenn sie sich ihrer sicher war.

Aber dieses Gefühl wurde von Tag zu Tag lauter.

Als die drei sich am Nachmittag wie verabredet am Waldrand trafen, dort, wo der schmale Pfad zur Station abzweigte, wirkte die Luft kühler als sonst um diese Jahreszeit.

Der Boden war noch feucht vom Nebel des Morgens, und unter ihren Schuhen knirschten kleine Zweige.

Irgendwo über ihnen rief ein Vogel, den Ben nicht erkannte, was ihn mehr beschäftigte, als er zugeben wollte.

Ben hatte, wie üblich, etwas zu essen dabei, das er unterwegs mit den anderen teilte.

Mia erzählte von ihren Unstimmigkeiten in den Flugdaten. Lina versuchte, in Worte zu fassen, was sie an Thalor beunruhigte, ohne dass es lächerlich klang.

„Vielleicht ist er einfach müde“, sagte Ben, kaute und dachte gleichzeitig nach, was ihm erstaunlich gut gelang. „Der Mann hat gerade eine ganze Flotte über die Erde geschickt und die halbe Menschheit erschreckt. Da darf man auch mal schlecht drauf sein.“

„Oder es ist etwas ganz anderes“, sagte Mia. „Nicht jede Veränderung hat eine offensichtliche Ursache. Manchmal sieht man nur die Symptome, nicht den Grund.“

„Klingt, als hättest du das aus einem Buch“, sagte Ben.

„Hab ich“, gab Mia unbeeindruckt zu. „Trotzdem stimmt es.“

„Es ist nicht schlecht drauf“, sagte Lina. „Es ist … abwesend. Als würde er auf etwas warten, das er selbst nicht erklären will.“

„Vielleicht warten wir einfach alle auf irgendwas“, sagte Ben und trat gegen einen Stein auf dem Weg. „Ist doch auch okay, oder? Die Welt weiß jetzt, dass es da draußen was gibt. Wir haben überlebt. Können wir nicht einfach mal kurz durchatmen?“

„Können wir wahrscheinlich nicht“, sagte Mia, ohne von ihrem Tablet aufzusehen.

Ben seufzte, weil er wusste, dass sie recht hatte, noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hatte.

Lina blieb kurz stehen und sah zurück ins Tal, auf die verstreuten Dächer von Struthütten, die im Nachmittagslicht friedlich wirkten.

„Ich hab das Gefühl“, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen, „dass das hier gerade erst der Anfang war. Nicht das Ende.“

Keiner der beiden widersprach ihr.

Der Eingang zur Station lag, wie immer, hinter einem unauffälligen Felsvorsprung verborgen, den kein Wanderer je zweimal ansehen würde.

Mia legte die Hand auf die verwitterte Fläche, die sich lautlos zur Seite schob.

Drinnen war es, wie immer, angenehm kühl, erfüllt von jenem leisen, gleichmäßigen Summen, das die drei längst nicht mehr bewusst wahrnahmen.

Thalor stand nicht, wie sonst üblich, an der Hauptkonsole, sondern etwas abseits davon, den Blick auf ein Display gerichtet, das eine einzelne, pulsierende Linie zeigte.

KERUS‘ Stimme, ruhig und ohne jede Dringlichkeit, füllte den Raum, kaum dass die drei eingetreten waren.

„Guten Tag“, sagte KERUS. „Ich habe auf euch gewartet. Es gibt eine Entwicklung, die ich euch nicht vorenthalten wollte, bevor Thalor selbst dazu Stellung nimmt.“

Lina sah zu Thalor hinüber. Er hatte sich nicht bewegt.

„Was für eine Entwicklung?“, fragte sie.

„Der Notruf, den wir vor sieben Wochen gesendet haben“, sagte KERUS, „wurde nicht nur von Kepler-Vier empfangen.“

Für einen Moment sagte niemand etwas. Selbst Ben hörte auf zu kauen.

„Es gab eine zweite Antwort“, fuhr KERUS fort. „Eine Signatur, die ich nicht in unseren aktuellen Archiven finde.“

„Ich habe sie mit den ältesten verfügbaren Datensätzen abgeglichen, die uns zur Verfügung stehen“, fuhr KERUS fort. „Und dort, in den am tiefsten verschlüsselten Schichten, gibt es eine Übereinstimmung.“

Thalor wandte sich endlich um.

In seinem Gesicht lag etwas, das Lina in all den Monaten, in denen sie ihn kannte, noch nie gesehen hatte: nicht Sorge, nicht Vorsicht, sondern etwas, das gefährlich nah an Angst grenzte.

„Es ist möglich“, sagte er langsam, „dass diese Antwort von jemandem stammt, mit dem Atlantis lange vor seinem Untergang in Verbindung stand.“

„Jemandem, von dem ich gehofft hatte, dass wir ihm nie wieder begegnen müssten.“

„Wer?“, fragte Mia.

Thalor sah sie lange an, bevor er antwortete.

„Das“, sagte er, „ist eine Geschichte, die älter ist als alles, was ich euch bisher erzählt habe.“

„Und ich fürchte, es wird Zeit, dass ihr sie hört. Denn wer immer diese Antwort gesendet hat, ist bereits unterwegs.“

Ben, der es normalerweise liebte, das letzte Wort zu haben, sagte diesmal gar nichts.

Er sah nur zu Lina hinüber, und in ihrem Blick fand er die stille Bestätigung dessen, was er selbst schon zu ahnen begann.

Mia hatte bereits ihr Tablet weggesteckt. Zum ersten Mal seit Wochen interessierten sie die alten Videoausschnitte nicht mehr.

„Wann?“, fragte sie nur.

„Ich weiß es nicht“, sagte Thalor. „Aber KERUS wird uns warnen, sobald sich das ändert.“

Draußen war es inzwischen dunkler geworden. Als die drei später den Weg zurück durch den Wald gingen, sprach keiner von ihnen viel.

Der Nebel über dem Siegerland, dieser fremde, neue Geruch in der Luft – er war noch lange nicht vorüber.

Kapitel 2 – Der zweite Absender

Niemand sagte etwas, nachdem Thalor geendet hatte.

Das Summen der Station füllte die Stille aus, gleichmäßig und gleichgültig, als wüsste es nicht, was gerade gesagt worden war.

Ben war der Erste, der sich wieder bewegte.

„Okay“, sagte er. „Kurze Verständnisfrage. Als du gesagt hast, ‚jemand ist bereits unterwegs‘ – meinst du damit sowas wie ‚kommt nächstes Jahr vorbei‘, oder eher ‚steht heute Abend vor der Tür und will Kaffee‘?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Thalor.

„Super“, sagte Ben. „Sehr beruhigend.“

Trotz allem musste Mia lächeln, was sie sich sofort wieder verbat, weil die Lage, wie sie fand, eigentlich kein Lächeln hergab.

Draußen vor der Station war es inzwischen völlig dunkel geworden, und durch den schmalen Belüftungsschacht drang das ferne Rauschen des Windes in den Baumkronen, ein Geräusch, das normalerweise beruhigend war und heute Abend nur daran erinnerte, wie viel Welt es dort draußen gab, die von alldem hier nichts ahnte.

„KERUS“, sagte sie stattdessen, „kannst du die Signatur genauer bestimmen? Herkunft, Entfernung, irgendetwas?“

„Ich kann euch sagen, was ich nicht weiß“, antwortete KERUS. „Das ist im Moment fast mehr.“

„Klasse“, murmelte Ben. „Unsere KI macht jetzt in Galgenhumor.“

„Ich habe es von dir gelernt“, sagte KERUS.

Ben sah so aus, als wüsste er nicht, ob er stolz oder beleidigt sein sollte.

„Kannst du wenigstens sagen, wie weit unterwegs‘ ist?“, fragte Mia. „In Lichtjahren, Tagen, irgendwas Handfestem?“

„Die Übertragungsverzögerung der Antwort deutet auf eine Entfernung hin, die deutlich geringer ist als die zwischen uns und Kepler-Vier“, sagte KERUS.

„Also näher“, übersetzte Ben.

„Deutlich näher.“

„Wie viel näher, ungefähr?“, hakte Lina nach.

„Genug, um binnen weniger Tage hier sein zu können, falls die Reise mit der uns bekannten Technologie erfolgt“, sagte KERUS.

„Tage“, wiederholte Lina leise, als müsste sie das Wort erst selbst begreifen, bevor sie es glauben konnte.

„Toll“, sagte Ben. „Genau das wollte ich heute noch hören, kurz vor der Mathearbeit.“

„Ich könnte die Zahl auch in Kilometern nennen, falls dir das angenehmer ist“, sagte KERUS.

„Nein danke. Ich mag meine Sorgen lieber ungefähr.“

Lina hatte die ganze Zeit über Thalor beobachtet, nicht die Anzeigen.

„Du hast Angst“, sagte sie schließlich. Kein Vorwurf, nur eine Feststellung.

Thalor sah sie an, lange.

„Ja“, sagte er dann, und das eine Wort wog mehr als alles, was er in den letzten Wochen gesagt hatte.

„Wovor genau?“, fragte Mia.

„Nicht wovor“, sagte Thalor. „Vor wem.“

Ben öffnete den Mund für einen weiteren Kommentar, überlegte es sich aber anders, was selbst ihm ungewöhnlich vorkam.

„Ich werde es euch erklären“, sagte Thalor. „Aber nicht heute. Es ist eine lange Geschichte, und ich möchte sie nicht zwischen Tür und Angel erzählen.“

„Das sagst du jedes Mal“, sagte Lina.

„Diesmal meine ich es ernst.“

„Das sagst du auch jedes Mal“, sagte Ben.

Thalor lächelte tatsächlich, zum ersten Mal an diesem Tag, wenn auch nur kurz. „Morgen“, sagte er. „Nach der Schule. Ich verspreche es.“

Damit mussten sie sich zufriedengeben.

Der Heimweg verlief ungewöhnlich still. Selbst Ben, der normalerweise jede Gelegenheit zum Reden nutzte, sagte kaum ein Wort, bis sie fast am Ortseingang waren.

„Weißt du, was das Blödeste ist?“, sagte er dann.

„Was?“, fragte Lina.

„Dass ich morgen trotzdem eine Mathearbeit schreiben muss. Egal, ob irgendwo da draußen eine fremde Zivilisation auf dem Weg zu uns ist oder nicht. Herrn Brandt interessiert das nicht.“

Mia schnaubte. „Vielleicht solltest du das als Ausrede versuchen.“

„‚Entschuldigung, ich konnte nicht lernen, ich war mit intergalaktischer Diplomatie beschäftigt‘?“

„Genau die.“

„Der glaubt dir vermutlich eher, dass ein Hund existiert, der Hausaufgaben frisst, als dass du in derselben Woche eine intergalaktische Krise gelöst hast“, sagte Mia.

„Fairer Punkt“, gab Ben zu.

„Der glaubt mir doch nicht mal, dass mein Hund die Hausaufgaben gefressen hat. Und ich hab noch nicht mal einen Hund.“

„Vielleicht solltest du dir einen zulegen“, sagte Mia. „Rein zu Beweiszwecken.“

„Das ist tatsächlich nicht die schlechteste Idee, die du heute hattest.“

Trotz allem musste Lina lachen, zum ersten Mal seit Stunden, und für einen Moment fühlte sich der Abend fast wieder normal an.

Bevor sie sich für diesen Abend trennten, blieb Mia noch einen Moment am Waldrand stehen und wandte sich an die beiden anderen.

„Was auch immer morgen passiert“, sagte sie, ungewohnt ernst für ihre sonst so sachliche Art, „ich bin froh, dass wir das zusammen durchstehen. Nicht allein.“

Ben legte ihr kurz die Hand auf die Schulter, eine seltene Geste ohne begleitenden Scherz. „Immer zusammen. Das war schon immer die Abmachung.“

Lina nickte, unfähig in diesem Moment etwas Passendes zu sagen, aber es brauchte auch keine Worte.

Zu Hause aß Ben mit seiner Familie Abendessen, als wäre nichts gewesen.

Sein kleiner Bruder erzählte ausführlich von einem Fußballspiel in der Pause, seine Mutter fragte nach den Hausaufgaben, sein Vater sah Nachrichten auf dem Handy, während er kaute.

„Papa, du sollst nicht am Tisch aufs Handy gucken“, sagte Bens kleiner Bruder mit der Selbstgerechtigkeit eines Achtjährigen.

„Da hat er recht“, sagte Bens Mutter, ohne aufzusehen.

Bens Vater seufzte theatralisch, steckte das Handy aber tatsächlich weg, mit dem übertriebenen Gehorsam eines Mannes, der genau wusste, dass er den Kampf ohnehin verlieren würde.

„Weltgeschehen“, murmelte der Vater und steckte das Handy trotzdem ein.

Ben hätte beinahe gesagt, dass er über Weltgeschehen im Moment wahrscheinlich mehr wusste als jede Nachrichten-App – ließ es aber sein und aß stattdessen schweigend seine Nudeln.

Niemand bemerkte, dass er mit den Gedanken meilenweit entfernt war.

So war es fast immer. Er hatte sich längst daran gewöhnt, zwei Leben gleichzeitig zu führen – eines am Küchentisch, eines in einer Station unter dem Wald, von der seine Familie nichts ahnte.

Manchmal fand er das komisch. An diesem Abend fand er es nur anstrengend.

Auch bei Mia zu Hause verlief der Abend äußerlich gewöhnlich.

Sie half beim Abwasch, hörte ihrem Vater beim Erzählen über einen Kollegen zu, der angeblich schon vor Wochen „irgendwas Verdächtiges am Himmel“ gesehen haben wollte, und nickte an den passenden Stellen, ohne ein Wort davon zu verraten, was sie tatsächlich wusste.

„Glaubst du das?“, fragte ihre kleine Schwester später beim Zähneputzen. „Dass da wirklich was ist?“

Mia betrachtete sich einen Moment im Spiegel, bevor sie antwortete.

„Ich glaube“, sagte sie vorsichtig, „dass die Welt größer ist, als die meisten Leute denken.“

Ihre Schwester fand das offenbar zufriedenstellend genug und sprach nicht weiter darüber.

Lina saß derweil in ihrem Zimmer und starrte auf ein leeres Blatt Papier, auf dem sie eigentlich Vokabeln hätte üben sollen.

Stattdessen schrieb sie, ohne es wirklich zu planen, eine kurze Liste: Dinge, die ich Thalor morgen fragen will. Nach dem dritten Punkt strich sie alles wieder durch.

Manche Fragen, dachte sie, musste man einfach im richtigen Moment stellen. Nicht vorher auf Papier üben.

Am nächsten Morgen tat Ben sein Bestes, um normal zu wirken, was, wie er selbst zugab, nicht seine größte Stärke war.

„Du bist komisch drauf“, stellte Timo in der ersten Pause fest.

„Ich bin immer komisch drauf. Das ist mein Markenzeichen.“

„Komischer als sonst.“

„Vielleicht hab ich einfach zu wenig geschlafen, weil eine fremde Zivilisation—“ Ben stoppte sich selbst. „—weil ich einen dummen Film gesehen hab. Vor dem Schlafen. Sehr dummer Film.“

Timo sah ihn skeptisch an, ließ es aber gut sein, was Ben mit stiller Erleichterung quittierte.

Mia hatte den Vormittag damit verbracht, unauffällig zu wirken, was ihr, anders als Ben, tatsächlich gelang – bis auf die Tatsache, dass sie in Erdkunde eine Frage zur Kontinentalverschiebung stellte, die selbst die Lehrerin für „bemerkenswert spezifisch“ hielt.

„Wieso interessiert dich das plötzlich so genau?“, flüsterte ihre Sitznachbarin.

„Reines akademisches Interesse“, sagte Mia, was technisch gesehen sogar stimmte.

Lina verbrachte den Tag damit, die Uhr zu beobachten.

Als die Schule endlich endete, waren die drei so schnell am Waldrand, dass Ben behauptete, einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt zu haben.

„Für was genau?“, fragte Mia.

„Für ‚schnellstes Verlassen eines Schulgebäudes, ohne dass es nach Feueralarm aussieht‘.“

„Es sah nach Feueralarm aus.“

„Details.“

Der Weg zur Station kam Lina an diesem Nachmittag kürzer vor als sonst, was, wie sie fand, daran liegen musste, dass sie ihn nicht wirklich wahrnahm.

Sie dachte an Thalors Gesicht am Vortag. An das eine Wort – ja –, das mehr gesagt hatte als jede lange Erklärung.

„Glaubt ihr, es ist etwas Schlimmes?“, fragte sie schließlich, als der Felsvorsprung schon in Sicht war.

„Ich glaube“, sagte Mia langsam, „dass es kompliziert ist. Das ist meistens schlimmer als schlimm.“

„Danke, das hilft ungemein“, sagte Ben.

„Gern geschehen.“

Thalor erwartete sie bereits, als sie die Station betraten. Diesmal stand er an der Hauptkonsole, wie sonst auch, und wirkte gefasster als am Tag zuvor – als hätte er die Nacht genutzt, um sich auf das vorzubereiten, was kommen würde.

„Setzt euch“, sagte er.

„Ist das eine ‚gute Nachrichten‘-Aufforderung zum Sitzen oder eine ‚schlechte Nachrichten‘-Aufforderung zum Sitzen?“, fragte Ben, setzte sich aber bereits.

„Das“, sagte Thalor, „entscheidet ihr am Ende selbst.“

Er ließ die Projektion in der Mitte des Raumes aufleuchten – keine Sternenkarte, keine Flotte, sondern ein einzelnes, schlichtes Symbol, das keiner von ihnen je zuvor gesehen hatte.

„Bevor ich euch erzähle, wer diese Antwort gesendet haben könnte“, sagte Thalor, „müsst ihr etwas über die Zeit vor dem Untergang von Atlantis wissen. Eine Zeit, von der ich euch bisher nur die halbe Wahrheit erzählt habe.“

Ben hob die Hand, wie in der Schule.

Thalor sah ihn an. „Ja?“

„Nur zur Sicherheit“, sagte Ben. „Das hier ist die Sorte Geschichte, nach der nichts mehr so ist wie vorher, oder?“

Thalor schwieg einen Moment zu lang, um es zu verneinen.

„Ja“, sagte er schließlich. „Genau diese Sorte.“

Er sah nacheinander jeden von ihnen an, als wolle er sich vergewissern, dass sie bereit waren – Lina, ernst und aufmerksam wie immer, Mia, bereits mit einem Notizblock in der Hand, und Ben, der trotz allem ein letztes schiefes Lächeln versuchte.

„Also“, sagte Ben. „Dann leg mal los. Ich hab mein Pausenbrot extra aufgehoben.“

KERUS dimmte das Licht in der Station ein wenig, fast so, als wüsste das System selbst, dass jetzt Ruhe gebraucht wurde.

Thalor atmete einmal tief durch.

„Es beginnt“, sagte er, „lange bevor Atlantis unterging. In einer Zeit, in der wir nicht allein zwischen den Sternen waren.“

Kapitel 3 – Die Geschichte vor der Flut

„Atlantis war nie allein“, begann Thalor.

Die Projektion in der Mitte des Raumes veränderte sich langsam: das schlichte Symbol wich einem Sternenfeld, in dem zwei Lichtpunkte pulsierten, durch eine feine, goldene Linie verbunden.

„Lange bevor der Hauptsitz zerstört wurde, standen wir in Verbindung mit einem anderen Volk. Wir nannten sie die Weitgereisten. Sie kamen aus einem System, das viele hundert Lichtjahre entfernt liegt – aber sie waren, auf ihre Art, näher mit uns verbunden als jedes andere Volk, dem wir je begegnet sind.“

„Näher wie?“, fragte Mia, den Notizblock bereits auf den Knien.

„Wir tauschten Wissen aus. Technologie. Manchmal auch Menschen – Gelehrte, die für Jahre bei dem jeweils anderen Volk lebten, um zu lernen.“

Die Projektion zeigte nun Bilder, die keiner von ihnen je gesehen hatte: schlanke Bauwerke aus einem Material, das im Licht schimmerte wie Perlmutt, Gärten, die in mehreren Ebenen übereinander wuchsen, Wesen, die den Menschen ähnlicher sahen, als Ben erwartet hätte – bis auf die Augen, die einen leichten silbernen Schimmer hatten.

„Die sehen ja fast aus wie wir“, sagte Ben.

„Das hat uns damals auch überrascht“, sagte Thalor. „Es gibt Theorien, warum sich intelligentes Leben unter ähnlichen Bedingungen ähnlich entwickelt. Keine davon ist bewiesen.“

„Klingt nach was für mein Erdkunde-Referat“, murmelte Mia, mehr zu sich selbst, und machte sich eine Notiz, die garantiert nichts mit Kontinentalverschiebung zu tun hatte.

Ben betrachtete die schimmernden Bauwerke eine Weile schweigend.

„Und die haben einfach so mit euch abgehangen? Wissenschaftler hin und her geschickt, wie bei einem Schüleraustausch?“

„So ungefähr“, sagte Thalor, und ein Hauch von etwas, das fast wie Zuneigung aussah, huschte über sein Gesicht. „Es gab sogar eine Zeit, in der ihre Gelehrten unsere Sprache besser sprachen als manche von uns selbst.“

„Und ihr habt bei denen genauso viel gelernt?“, fragte Mia.

„Mehr, vermutlich“, sagte Thalor. „Sie waren uns in vielem voraus. Nicht in der Kraft ihrer Technologie – sondern in der Art, wie sie mit ihr umgingen. Bedächtiger. Geduldiger.“

„Was haben sie euch beigebracht?“, fragte Lina, die die Frage mehr aus echtem Interesse als aus Notwendigkeit stellte.

Thalor dachte einen Moment nach, und für einen kurzen Augenblick verschwand die Anspannung aus seinem Gesicht, ersetzt durch etwas, das fast wie Wehmut aussah.

„Geduld, vor allem“, sagte er. „Wir – Atlantis – neigten dazu, schnell zu handeln, schnell zu bauen, schnell zu wachsen. Die Weitgereisten lehrten uns, dass nicht jede Frage sofort eine Antwort braucht. Manche Dinge müssen reifen.“

„Klingt nach einer guten Lektion“, sagte Mia. „Hast du sie gelernt?“

Thalor sah sie mit einem schiefen Lächeln an. „Offensichtlich nicht gut genug. Sonst hätte ich euch diese Geschichte vielleicht schon vor Wochen erzählt, statt sie zwei Tage lang vor euch zu verstecken.“

Lina lehnte sich vor. „Das klingt nicht nach Feinden.“

„Das waren sie auch nicht“, sagte Thalor. „Nicht am Anfang.“

Ben, der bislang ungewöhnlich still zugehört hatte, meldete sich zu Wort.

„Ich hab das komische Gefühl, dass gleich ein Aber kommt.“

„Es kommt ein Aber“, bestätigte Thalor.

„Wusste ich’s doch. Ich hab ein Talent dafür.“

„Es ist kein besonders seltenes Talent“, sagte Mia, ohne aufzusehen. „Geschichten mit einem Bündnis in der ersten Hälfte enden selten gut.“

„Das“, sagte Ben, „war jetzt aber auch nicht schwer zu erraten.“

Thalor ließ sie reden, wartete, bis wieder Ruhe einkehrte, und fuhr dann fort.

„Als der Komet einschlug und der Hauptsitz vernichtet wurde, war das ein Schock für uns alle. Aber es traf die Weitgereisten fast genauso hart – ein Teil ihrer eigenen Gelehrten befand sich zu diesem Zeitpunkt bei uns, auf der Erde.“

„Was ist mit denen passiert?“, fragte Lina leise.

Die Frage hing einen Moment lang schwer im Raum, während die kristalline Kugel in der Mitte der Kammer sanft weiterpulsierte, als würde sie geduldig auf die Antwort warten, die noch kommen musste.

Thalor schwieg einen Moment.

„Das ist Teil der Geschichte, die ich euch heute noch nicht vollständig erzählen kann“, sagte er schließlich. „Nicht, weil ich es nicht will. Sondern weil manche Dinge erst einen Sinn ergeben, wenn ihr mehr wisst.“

Ben verschränkte die Arme. „Das ist ziemlich unbefriedigend, weißt du das?“

„Ich weiß es“, sagte Thalor. „Es tut mir leid.“

„Kannst du uns wenigstens sagen, worüber ihr gestritten habt? Grob?“, fragte Mia. „Handel? Territorium? Ein technisches Missverständnis?“

„Nichts von alldem“, sagte Thalor. „Es war etwas Persönlicheres. Etwas, das sich nicht in einer einzigen Kategorie einordnen lässt.“

Thalor schwieg so lange, dass Lina schon dachte, er würde die Frage einfach überhören. Als er schließlich antwortete, klang seine Stimme belegt, als koste sie ihn mehr Kraft, als er zeigen wollte.

„Mia versucht gerade, herauszufinden, wo der Fehler steckt“, erklärte Ben Lina mit gespielter Ernsthaftigkeit. „Sie kann nicht anders. Ungelöste Systeme machen sie nervös.“

„Im Gegensatz zu dir, der bei ungelösten Problemen einfach Witze macht“, konterte Mia, ohne aufzusehen.

„Das ist Strategie, kein Fehler“, sagte Ben. „Jemand muss hier ja die Stimmung retten. Du machst Tabellen, Lina macht bedeutungsvolle Blicke, und ich mache das hier.“ Er breitete theatralisch die Arme aus.

Lina verdrehte die Augen, aber ein Anflug von Lächeln blieb.

Mia hatte inzwischen aufgehört zu schreiben und sah stattdessen auf die Projektion, auf die goldene Linie zwischen den beiden Lichtpunkten, die jetzt begann, an einer Stelle zu flackern.

„Und die Antwort auf euren Notruf“, sagte sie, „glaubst du, die kommt von den Weitgereisten?“

„Ich fürchte, ja“, sagte Thalor.

„Fürchtest“, wiederholte Lina. „Nicht hoffst.“

„Wenn es die Weitgereisten sind“, sagte Mia langsam, „warum sollte das etwas Schlechtes sein? Du hast sie gerade als Freunde beschrieben.“

„Waren sie. Einmal.“

„Menschen bleiben nicht ewig böse aufeinander“, sagte Ben. „Meine Oma und ihre Nachbarin haben sich zwanzig Jahre lang nicht gegrüßt, wegen einem Gartenzaun. Letztes Jahr haben sie zusammen Kaffee getrunken.“

„Das ist ein Gartenzaun, Ben“, sagte Mia. „Das hier ist vermutlich etwas größer.“

„Ich sag ja nur. Manchmal reicht ein bisschen Zeit.“

Thalor sah ihn an, und für einen Moment wirkte es, als hätte Bens beiläufige Bemerkung tatsächlich etwas in ihm berührt.

„Ich würde mir wünschen, es wäre so einfach“, sagte er. „Aber was zwischen uns geschah, war kein Streit um einen Zaun. Es war ein Vertrauensbruch – und ich war derjenige, der ihn zu verantworten hatte.“

Thalor sah sie an, und zum ersten Mal an diesem Nachmittag wirkte er nicht nur besorgt, sondern auch müde – müde von etwas, das viel älter war als er selbst zugeben wollte.

„Wir haben uns vor Jahrtausenden im Streit getrennt“, sagte er. „Nicht wegen der Katastrophe selbst. Sondern wegen dem, was danach geschah. Eine Entscheidung, die ich mitgetroffen habe.“

„Was für eine Entscheidung?“, fragte Mia sofort.

„Das“, sagte Thalor, „erzähle ich euch, wenn es so weit ist. Nicht, weil ich euch nicht vertraue. Sondern weil ich selbst noch nicht sicher bin, ob ich damals richtig gehandelt habe – und es fällt mir schwer, darüber zu sprechen, bevor ich weiß, wer uns da tatsächlich gegenübersteht.“

Lina stand auf und trat einen Schritt näher an die Projektion heran, an die goldene Linie zwischen den beiden Lichtpunkten.

„Du hast uns immer gesagt, Vertrauen sei das Wichtigste, was die Wächter besitzen“, sagte sie leise. „Dass es keine Geheimnisse zwischen uns geben soll, die uns in Gefahr bringen könnten.“

„Das stimmt noch immer.“

„Dann ist das hier eine Ausnahme?“

Thalor schwieg lange, bevor er antwortete.

„Das hier“, sagte er schließlich, „ist keine Ausnahme von der Regel, Lina. Es ist der Grund, warum ich die Regel überhaupt aufgestellt habe.“

Niemand hatte darauf eine Antwort.

Ben öffnete den Mund für einen weiteren Kommentar, überlegte es sich aber anders und schloss ihn wieder – was, wie Lina fand, fast ungewöhnlicher war als alles, was Thalor gerade erzählt hatte.

In diesem Moment veränderte sich der Ton des Raumes.

Kein Alarm, kein grelles Licht – nur ein leises, tieferes Summen, das sich unter das gewohnte Geräusch der Station mischte.

„KERUS?“, fragte Thalor scharf.

„Ich habe eine neue Ortung“, sagte KERUS. „Ein einzelnes, kleines Objekt ist vor wenigen Minuten in die Erdatmosphäre eingetreten. Sensorsignatur minimal, fast vollständig getarnt – ich hätte es beinahe übersehen.“

„Wo?“, fragte Lina, und ihre Stimme klang plötzlich sehr wach.

„Mitteleuropa“, sagte KERUS. „Die Flugbahn deutet auf einen Landepunkt hin, der weniger als vierzig Kilometer von hier entfernt liegt.“

Für einen langen Moment sagte niemand etwas.

Dann sagte Ben, mit einer Stimme, die trotz allem noch einen Rest Humor fand: „Also nicht ‚kommt nächstes Jahr vorbei‘.“

„Nein“, sagte Thalor leise. „Eher ‚steht heute Abend vor der Tür‘.“

Niemand lachte.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Lina, und in ihrer Stimme lag diesmal keine Spur von Zweifel mehr – nur die klare, ruhige Entschlossenheit, die die anderen beiden an ihr kannten und auf die sie sich verlassen konnten, wenn es darauf ankam.

„Zuerst“, sagte Thalor, „beobachten wir. Wir wissen nicht, ob es sich überhaupt um einen Vertreter der Weitgereisten handelt. Es könnte auch etwas völlig anderes sein.“

„Das war jetzt nicht besonders beruhigend gemeint, oder?“, fragte Ben.

„Nein“, gab Thalor zu.

KERUS ergänzte: „Ich werde die Region weiter überwachen und euch informieren, sobald sich neue Erkenntnisse ergeben. Bis dahin schlage ich vor, dass ihr euch wie gewohnt verhaltet.“

„Wie gewohnt“, wiederholte Mia. „Klar. Kein Problem. Mathearbeit morgen, Weltraumdiplomatie heute, alles ganz normal.“

„Genau das“, sagte KERUS, ohne jede Ironie, was die Bemerkung nur noch komischer machte.

Trotz der Anspannung musste Lina kurz lachen, und für einen Augenblick sah sie Ben an, als wollte sie sich bei ihm dafür bedanken, dass es überhaupt noch etwas zu lachen gab.

Als sie die Station verließen, war es bereits dunkel geworden.

Über den Baumkronen hing derselbe Nebel wie am Morgen, dichter jetzt, fast greifbar.

Keiner von ihnen sagte auf dem Rückweg viel. Aber zum ersten Mal, seit sie klein waren, ging Ben nicht als Letzter, sondern hielt sich dicht bei Lina und Mia – so, als hätte auch er begriffen, dass ab jetzt niemand von ihnen mehr allein unterwegs sein sollte.

Kapitel 4 – Der Kundschafter

KERUS hatte das Objekt keine zwei Minuten nach der Landung wieder verloren.

„Es hat sich abgeschirmt“, erklärte die KI am nächsten Morgen, als die drei sich vor der Schule kurz in der Nähe des Bushäuschens trafen, außer Hörweite der anderen. „Ich kann euch nur sagen, dass es sich irgendwo im Umkreis von wenigen Kilometern befindet. Mehr nicht.“

„Also könnte es direkt neben mir im Kleiderschrank stehen“, sagte Ben.

„Statistisch eher unwahrscheinlich“, sagte KERUS.

„Das war ein Witz, KERUS.“

„Das war mir bewusst.“

Mia, die bereits auf ihrem Tablet die lokale Wetterkarte und ein paar Nachrichtenseiten durchsah, schüttelte den Kopf. „Nichts Ungewöhnliches gemeldet. Kein Feuer, kein Meteorsichtung, keine kaputten Stromleitungen. Wer auch immer das ist – er landet ordentlicher als wir.“

„Vielleicht hat er einfach mehr Übung“, sagte Lina.

Der Schultag zog sich an diesem Tag besonders lang hin. Ben ertappte sich mehrfach dabei, aus dem Fenster zu starren, in Richtung der bewaldeten Hügel, als könnte er von dort aus irgendetwas erkennen.

Nichts war zu sehen. Nur Bäume, Nebel, das gewohnte Grün des Siegerlands.

Sie trennten sich an der Bushaltestelle, jeder mit demselben unguten Gefühl im Magen, das keiner von ihnen laut aussprach.

In der großen Pause fragte Timo ihn, ob mit ihm alles in Ordnung sei.

„Bestens“, sagte Ben. „Ich überlege nur gerade, ob unsichtbare Außerirdische wohl blinzeln.“

Timo lachte, weil er es für einen weiteren Ben-Witz hielt. Ben lachte mit, obwohl ihm gerade gar nicht danach war.

Mia verbrachte die Freistunde damit, alte Kataster- und Bergbaukarten der Region durchzusehen, auf der Suche nach jedem Stollen, jeder Höhle, jedem Ort, an dem sich jemand unbemerkt verstecken könnte. Es waren, wie sie feststellte, erschreckend viele.

Lina saß währenddessen im Unterricht und hörte kein Wort davon, was die Lehrerin sagte. Stattdessen dachte sie an Thalors Gesicht am Vortag, an das eine Wort – ja –, und daran, wie schnell sich die Bedrohung von etwas Fernem in etwas verwandelt hatte, das durch ihr eigenes Dorf spazierte.

In der Mittagspause trafen sich die drei kurz auf dem Schulhof, offiziell, um über die Hausaufgaben zu reden.

„Irgendwas Neues von KERUS?“, fragte Lina leise, während sie so taten, als würden sie gemeinsam ein Matheheft durchgehen.

„Nichts“, sagte Mia. „Was mich fast mehr beunruhigt als eine schlechte Nachricht.“

„Wieso das denn?“, fragte Ben.

„Weil Stille meistens bedeutet, dass jemand sehr vorsichtig ist. Und vorsichtige Gegner sind schwerer einzuschätzen als hastige.“

„Toller Gedanke. Danke dafür. Genau, was ich vor der Englischarbeit hören wollte.“

„Gern geschehen.“

Am Nachmittag, als die drei durchs Dorf Richtung Wald liefen, blieb Mia plötzlich stehen.

„Was ist?“, fragte Lina.

„Da.“ Mia deutete unauffällig zum Marktplatz.

Ein Mann stand vor der Kirche und studierte eine alte Infotafel über die Bergbaugeschichte der Region, als wäre sie das Interessanteste, was er je gesehen hatte.

Nichts an ihm hätte auffallen müssen. Ordentliche Kleidung, unauffällige Jacke, ruhige Haltung.

Und doch stimmte etwas nicht.

„Er blinzelt nicht“, sagte Mia leise.

„Vielleicht hat er trockene Augen“, sagte Ben.

„Seit drei Minuten nicht.“

Das ließ selbst Ben verstummen.

Sie beobachteten aus sicherer Entfernung, wie der Fremde eine ältere Frau ansprach, die gerade aus der Bäckerei kam. Seine Stimme war zu weit weg, um Worte zu verstehen, aber seine Gesten wirkten übertrieben höflich, fast einstudiert.

Die Frau zeigte in Richtung der alten Stollen am Waldrand. Der Fremde bedankte sich mit einer Verbeugung, die im Siegerland niemand mehr machte, seit es keine Könige mehr gab.

„Vielleicht ist er einfach nur höflich erzogen“, sagte Ben, ohne selbst daran zu glauben.

Die Dorfglocke schlug in diesem Moment die volle Stunde, ein Geräusch, das Lina schon ihr ganzes Leben lang kannte und das sich heute seltsam fremd anfühlte, als würde die Zeit selbst mahnen, dass etwas Großes seinen Lauf nahm.

„Niemand ist so höflich erzogen“, sagte Mia.

Der Fremde bedankte sich noch einmal, diesmal bei einem älteren Herrn, der gerade seinen Hund ausführte, und bekam dieselbe Richtung gezeigt wie zuvor.

„Er fragt mehrere Leute dasselbe“, stellte Lina fest. „Er sucht nicht irgendeinen Stollen. Er sucht einen bestimmten.“

„Okay“, sagte Ben. „Das war jetzt offiziell gruselig.“

„Er fragt nach den Stollen“, sagte Lina. „Genau wie wir vor Monaten.“

„Nur dass wir dabei nicht so unheimlich gewirkt haben, oder?“, fragte Ben.

„Doch“, sagte Mia. „Wahrscheinlich schon. Wir waren nur zu jung, um es zu merken.“

Der Fremde bewegte sich weiter durchs Dorf, sprach noch mit zwei weiteren Passanten, bevor er schließlich in Richtung Waldrand abbog – genau dorthin, wo der Pfad zu den alten Stollen begann.

„Sollen wir KERUS jetzt schon Bescheid geben?“, fragte Lina.

„Erst, wenn wir wissen, wohin er wirklich geht“, sagte Mia. „Sonst haben wir nur eine vage Beschreibung und keine echte Information.“

Sie folgten in respektvollem Abstand, hielten sich an Büsche und Baumstämme, sprachen nur noch im Flüsterton.

„Weißt du, was das Verrückte ist?“, flüsterte Ben, während sie über einen umgestürzten Ast kletterten. „Vor zwei Wochen war mein größtes Problem, ob ich für die Mathearbeit lerne oder Fußball schaue. Und jetzt schleiche ich hinter einem vermutlichen Außerirdischen durch den Wald.“

„Prioritäten verschieben sich“, sagte Mia.

„Das nennt man wohl so, ja.“

Lina, die vorausging, hob plötzlich die Hand, ein stummes Zeichen zum Anhalten, das sie sich irgendwann bei Thalor abgeschaut hatte, ohne es zu merken.

Vor ihnen, durch die Bäume hindurch, war der Stolleneingang bereits zu erkennen.

Sie duckten sich hinter einer Gruppe junger Fichten, nah genug, um jede Bewegung des Fremden zu sehen, weit genug, um selbst ungesehen zu bleiben – zumindest hofften sie das.

„Was, wenn er uns bemerkt?“, flüsterte Ben.

„Dann rennen wir“, sagte Lina schlicht. „Schnell und in verschiedene Richtungen. Falls jemand von uns erwischt wird, rufen die anderen sofort KERUS.“

„Du hast dir das schon vorher überlegt“, stellte Mia fest, nicht ohne Anerkennung.

„Ich überlege mir sowas inzwischen immer“, sagte Lina, mit einem Unterton, der mehr über die letzten Wochen verriet, als sie vielleicht beabsichtigt hatte.

Mia hatte ihr Tablet bereits weggesteckt und beobachtete stattdessen mit bloßem Auge, was, wie sie später zugab, ungewohnt roh, aber effektiv war.

„Wir müssen KERUS Bescheid geben“, sagte sie.

„Und dann?“, fragte Ben. „Einfach zusehen, wie er durchs Dorf spaziert und Rentnerinnen nach Stollen fragt?“

„Fürs Erste, ja“, sagte Lina. „Wir wissen nicht, ob er gefährlich ist. Wir wissen nicht mal, ob er überhaupt derjenige ist, den wir suchen.“

„Er blinzelt nicht, Lina.“

„Das weiß ich.“

Sie folgten ihm in sicherem Abstand, so unauffällig, wie es drei Kinder eben schafften, die sich bemühten, nicht wie drei Kinder auszusehen, die jemandem folgten.

Der Fremde ging zielstrebig, ohne sich einmal umzudrehen, direkt auf den alten Stolleneingang am Rand des Kunstertals zu – jene verwitterte Öffnung im Fels, die die Kinder selbst nur zu gut kannten.

Dort blieb er stehen.

Er sah sich kurz um. Die drei duckten sich rechtzeitig hinter einem umgestürzten Baumstamm.

Dann holte er etwas aus seiner Jackentasche – klein, flach, in der Handfläche fast verborgen – und hielt es gegen den Fels neben dem Eingang.

Ein feines, bläuliches Licht lief über die Felsoberfläche, folgte unsichtbaren Linien, die dort offenbar schon immer gewesen waren, nur nie zuvor sichtbar.

Ben vergaß für einen Moment sogar, etwas Kluges zu sagen.

„Das“, flüsterte Mia, „ist keine Taschenlampe.“

„Nein“, flüsterte Lina zurück. „Ist es nicht.“

Mias Herz schlug spürbar schneller, auch wenn sie mit ruhiger Stimme weitersprach, wie um sich selbst zu beweisen, dass sie die Kontrolle behielt.

„Das ist eine Art Scanner“, flüsterte sie. „Er sucht nach etwas Bestimmtem im Fels. Nach einem Muster.“

„Woher weißt du das?“, flüsterte Ben zurück.

„Ich weiß es nicht. Ich vermute es. Aber die Art, wie sich das Licht bewegt – das ist kein Zufall, das ist eine Suche.“

Lina beobachtete den Fremden weiter, bemerkte, wie konzentriert, fast zärtlich er mit dem Gerät umging, als hätte er es schon unzählige Male benutzt.

„Er kennt sich damit aus“, flüsterte sie. „Das ist nicht sein erstes Mal.“

Ben beobachtete das Geschehen mit einer Mischung aus Faszination und wachsendem Unbehagen. „Weißt du, was das Verrückte ist? Vor einer Woche hätte ich gedacht, sowas gibt es nur in Filmen. Jetzt beobachte ich es live, versteckt hinter einem Baumstamm.“

„Willkommen in unserem neuen Alltag“, sagte Mia trocken.

Ben schluckte. „Und wenn er findet, wonach er sucht?“

Niemand hatte darauf eine Antwort.

Der Fremde betrachtete das Leuchten mit einer Konzentration, die nichts Menschliches an sich hatte, steckte das Gerät dann wieder ein und verschwand lautlos zwischen den Bäumen – in eine Richtung, die tiefer in den Wald führte, fort von jedem markierten Weg.

Die drei blieben noch eine ganze Weile hinter ihrem Baumstamm sitzen, bevor einer von ihnen etwas sagte.

„KERUS“, sagte Lina schließlich in ihre Uhr, „wir glauben, wir haben ihn gefunden.“

„Das vermute ich auch“, antwortete KERUS. „Ich habe soeben eine Energiesignatur registriert, die exakt dem Muster entspricht, das wir gesucht haben. Ursprungsort: der alte Stolleneingang im Kunstertal.“

„Willkommen im Club“, murmelte Ben, „möchte hier auch mal irgendwer fragen, ob wir das eigentlich gut finden?“

Niemand antwortete ihm. Aber keiner von ihnen widersprach auch.

Lina sah noch einmal zurück zum Stolleneingang, der jetzt wieder vollkommen gewöhnlich aussah, als hätte er sein Geheimnis nie preisgegeben.

„Ich hab das Gefühl, das war heute erst der Anfang“, sagte sie leise.

„Was jetzt?“, fragte Mia, als sie sich endlich zurück auf den Weg nach Hause machten.

„Jetzt“, sagte Lina, „erzählen wir Thalor alles. Und dann finden wir heraus, wonach dieser Mann in unserem Stollen eigentlich sucht.“

Ben sah zurück in Richtung des Waldes, in dem der Fremde verschwunden war.

„Ich hab so ein Gefühl“, sagte er, „dass die Antwort uns nicht gefallen wird.“

Diesmal widersprach ihm wirklich niemand.

Kapitel 5 – Ein fremdes Zeichen

Thalor hörte sich den Bericht an, ohne ein einziges Mal zu unterbrechen.

Das allein machte Lina nervöser, als es jede Zwischenfrage getan hätte.

„Ihr seid ihm gefolgt“, sagte er schließlich. Keine Frage. Eine Feststellung.

„Nur ein bisschen“, sagte Ben.

„Bis zum Stolleneingang“, ergänzte Mia ehrlich, weil Halbwahrheiten bei Thalor ohnehin selten funktionierten.

Thalor rieb sich die Stirn – eine sehr menschliche Geste, die er sich, wie Lina manchmal vermutete, irgendwann bei ihnen abgeschaut hatte.

„Das war leichtsinnig.“

„Das war informativ“, sagte Mia. „Wir wissen jetzt, wonach er sucht.“

„Wir wissen, wo er sucht“, korrigierte Thalor. „Das ist nicht dasselbe.“

„Wie hat er das Dorf eigentlich so schnell gefunden?“, fragte Lina. „Er ist doch erst gestern gelandet.“

„Die Weitgereisten waren nie schlecht darin, Spuren zu lesen“, sagte Thalor. „Wenn er dieselbe Signatur verfolgt hat wie wir, hatte er vermutlich sogar einen Vorteil: Er wusste nicht, wonach er suchte – aber er wusste, dass es hier irgendwo sein musste.“

„Das klingt fast schon wieder beeindruckend“, sagte Ben.

„Das ist es auch“, sagte Thalor, ohne eine Spur von Ironie. „Unterschätzt ihn nicht deswegen weniger.“

KERUS schaltete sich ein, bevor die Diskussion weitergehen konnte. „Ich habe die Koordinaten des Stolleneingangs mit unseren eigenen Archiven abgeglichen. Es gibt eine Übereinstimmung, die ich zuvor übersehen hatte.“

Die Projektion in der Mitte des Raumes veränderte sich: eine grobe Karte des Kunstertals, und darauf, tief unter dem markierten Stolleneingang, ein zweites Symbol, das dem ersten glich und doch älter wirkte.

„Das ist nicht unsere Station“, sagte Thalor leise.

„Was denn dann?“, fragte Lina.

„Eine andere. Älter als diese hier. Eine, von der ich dachte, dass sie seit der Katastrophe nie wieder gefunden werden würde.“

Ben hob die Hand. „Kurze Frage, bevor wir weitermachen: Wie viele geheime Alien-Stationen gibt es eigentlich im Siegerland? Weil ich langsam das Gefühl habe, wir laufen hier über ein Schweizer-Käse-artiges Höhlensystem, von dem die Hälfte Außerirdischen gehört.“

„Mehr, als mir lieb ist“, sagte Thalor, was die Frage nicht wirklich beantwortete, aber auch keinen Widerspruch zuließ.

Mia betrachtete das neue Symbol genau. „Kannst du es entschlüsseln?“

„Teilweise“, sagte KERUS. „Es handelt sich um eine Archivstation. Deutlich älter als diese Anlage – möglicherweise noch aus der Zeit vor dem Untergang von Atlantis selbst.“

„Vor dem Untergang“, wiederholte Lina. „Das heißt, dort könnte etwas über die Weitgereisten liegen. Über das, was damals wirklich passiert ist.“

Thalor schwieg.

„Thalor“, sagte Lina eindringlich. „Wenn der Kundschafter dieselbe Station sucht wie wir –“

„Dann ist es ein Wettlauf“, beendete er den Satz für sie. „Ja. Das ist mir bewusst.“

„Na toll“, sagte Ben. „Und ich dachte, die Mathearbeit wäre diese Woche mein größtes Problem.“

„Wird sie wahrscheinlich immer noch sein“, sagte Mia, „nur eben zusätzlich.“

Ben stöhnte theatralisch auf, was die Anspannung im Raum für einen Moment löste, ohne sie wirklich verschwinden zu lassen.

„Wo genau liegt der Zugang?“, fragte Lina.

KERUS ließ die Karte näher heranzoomen. Die Markierung lag tief im Kunstertal, an einer Stelle, die selbst den Kindern, die die Gegend so gut kannten wie ihr eigenes Zimmer, unbekannt war – abseits jedes markierten Wanderwegs, dort, wo der Wald am dichtesten stand.

„Das ist Neuland, selbst für uns“, sagte Mia.

„Perfekt“, sagte Ben. „Genau da wollte ich diese Woche sowieso mal hinwandern. Zwischen Mathearbeit und intergalaktischem Wettrennen musste ja noch Platz für ein Hobby sein.“

„Du wanderst nie freiwillig“, sagte Mia.

„Details.“

Lina betrachtete die Karte noch einen Moment länger, bevor sie sich an Thalor wandte. „Was, wenn wir zu spät kommen? Wenn der Kundschafter die Station vor uns findet?“

„Dann“, sagte Thalor, „müssen wir hoffen, dass seine Absichten weniger feindselig sind, als wir befürchten. Aber ich würde es vorziehen, das nicht dem Zufall zu überlassen.“

„Reden wir hier gerade davon, ihm zuvorzukommen, oder ihm zu begegnen?“, fragte Mia.

„Ich weiß es noch nicht“, gab Thalor zu. „Das hängt davon ab, wie schnell er ist – und wie schnell wir bereit sind.“

Lina ignorierte ihn, den Blick noch immer auf die Karte gerichtet.

„Wann brechen wir auf?“

Thalor zögerte.

„Nicht heute“, sagte er. „Wenn der Kundschafter dort ebenfalls sucht, sollten wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, bevor wir ihm ein zweites Mal begegnen. Und dafür brauche ich Zeit.“

„Wie viel Zeit?“, fragte Mia.

„So wenig wie möglich“, sagte Thalor. „Aber genug, um nicht unvorbereitet in etwas hineinzulaufen, das älter ist als wir alle zusammen.“

„Und wenn der Kundschafter schneller ist als du?“, fragte Mia.

„Dann“, sagte Thalor, „werden wir improvisieren müssen. Aber ich würde es vorziehen, das zu vermeiden.“

„Improvisieren ist Bens Spezialgebiet“, sagte Lina, halb im Scherz.

„Stimmt“, sagte Ben. „Ich improvisiere ständig. Meistens Ausreden für Hausaufgaben. Aber im Prinzip ist es dasselbe.“

Thalor sah ihn an, und für einen kurzen Moment schien er tatsächlich zu überlegen, ob das eine ernstzunehmende Fähigkeit war oder nicht.

„Ich hoffe, wir müssen es nicht herausfinden“, sagte er schließlich.

Niemand widersprach ihm, auch wenn Lina das ungute Gefühl nicht loswurde, dass jede verlorene Stunde eine Stunde war, die der Fremde für sich nutzen konnte.

Als sie an diesem Abend nach Hause gingen, blieb Ben noch einmal stehen und sah zurück zum Wald, der im letzten Licht bereits fast schwarz wirkte.

„Was ist?“, fragte Lina.

„Nichts“, sagte Ben. „Nur … ich hab das Gefühl, dass wir gerade angefangen haben, an etwas zu ziehen, das größer ist, als wir dachten.“

„Das hast du schon in Kapitel eins gesagt“, bemerkte Mia trocken.

„Und ich hatte recht. Ich sage es wahrscheinlich nochmal.“

Zu Hause konnte Lina an diesem Abend lange nicht einschlafen.

Sie lag im Dunkeln und dachte an die Karte, an das zweite Symbol, an Thalors Zögern, das ihr mehr Sorgen bereitete als jede offene Warnung.

Irgendwann stand sie auf, holte ihr altes Notizheft aus der Schublade – dasselbe, in dem sie seit Jahren jede Beobachtung über Thalor und die Station festhielt – und schrieb einen einzigen Satz hinein: Er hat Angst vor etwas, das er selbst mitverursacht hat.

Dann klappte sie das Heft zu und schlief tatsächlich ein.

Mia verbrachte den Abend anders: Sie saß am Computer und versuchte, aus alten Sagen und Flurnamen der Region herauszufiltern, ob es Hinweise auf die verborgene Stelle im Wald gab.

Sie fand tatsächlich etwas – eine alte, kaum bekannte Erzählung über einen „Ort, an dem die Bäume schweigen“, den angeblich niemand aus dem Dorf je betreten hatte, ohne sich zu verirren.

Sie speicherte den Fund, ohne recht zu wissen, ob er etwas bedeutete oder nur eine der vielen alten Geschichten war, die sich in einer Gegend wie dieser über Generationen hielten.

Kurz vor Mitternacht schrieb sie Lina eine Nachricht: Glaube, ich hab was gefunden. Zeig ich euch morgen.

Die Antwort kam fast augenblicklich: Kannst du nicht schlafen?

Nein, schrieb Mia. Du?

Auch nicht, kam die Antwort. Ben wahrscheinlich schon. Der schläft immer.

Das stimmte nicht ganz – aber es stimmte oft genug, dass beide darüber schmunzeln mussten, jede für sich, in ihrem eigenen dunklen Zimmer, durch nichts als ein paar Sätze auf einem Bildschirm miteinander verbunden.

Ben verbrachte den Abend mit dem, was er am besten konnte: so zu tun, als wäre alles normal.

Sein kleiner Bruder, der von alldem selbstverständlich nichts wusste, bestand darauf, das Brettspiel dreimal hintereinander zu spielen, und erklärte nach jeder Runde ausführlich, warum er diesmal ganz sicher gewinnen würde.

„Du bist heute komisch“, stellte sein Bruder beim dritten Mal fest, mit der schonungslosen Direktheit, die nur kleine Geschwister aufbringen können.

„Bin ich nicht“, sagte Ben.

„Doch. Du lächelst falsch.“

Ben wusste nicht genau, was ihn mehr überraschte – dass sein achtjähriger Bruder überhaupt zwischen echten und falschen Lächeln unterschied, oder dass er damit vollkommen richtig lag.

„Okay“, gab er zu. „Vielleicht ein bisschen komisch. Aber alles gut. Versprochen.“

Sein Bruder betrachtete ihn noch einen Moment mit der ernsten Sorge eines kleinen Kindes, das seinen großen Bruder für unfehlbar hält, und ließ es dann, zufrieden mit dem Versprechen, gut sein.

Ben wünschte, er könnte sich selbst so leicht beruhigen.

Er spielte mit seinem kleinen Bruder ein Brettspiel, verlor absichtlich zweimal, um den Abend nicht noch komplizierter zu machen, als er ohnehin schon war, und ging früh ins Bett – nicht, weil er müde war, sondern weil er keine Lust hatte, seinen Eltern gegenüberzusitzen und ein Gesicht zu machen, das nichts verriet.

Es gelang ihm nicht besonders gut.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte seine Mutter, als sie ihm gute Nacht wünschte.

„Bestens“, sagte Ben. „Nur ein bisschen viel Schule gerade.“

Das war, dachte er, während er im Dunkeln an die Decke starrte, nicht einmal wirklich gelogen.

Draußen, irgendwo zwischen den drei dunklen Kinderzimmern in Struthütten, lag eine Anspannung in der Luft, die keiner von ihnen laut aussprach, die aber jeder auf seine eigene Weise mit sich herumtrug – Mia in Zahlen und Mustern, Lina in Notizen und Fragen, Ben in Brettspielen und vorgetäuschter Normalität.

Drei verschiedene Arten, mit derselben Angst umzugehen. Und doch, dachte Lina kurz bevor sie einschlief, waren sie damit nicht allein. Das allein machte einen Unterschied, den sie kaum in Worte hätte fassen können.

Kapitel 6 – Der Fremde stellt sich

Die nächsten beiden Tage vergingen quälend langsam.

Thalor verbrachte die meiste Zeit mit KERUS an der Hauptkonsole, wertete alte Archive aus, verglich Symbole, murmelte Dinge in einer Sprache, die die Kinder nicht verstanden. Auf Fragen reagierte er knapp, aber nicht unfreundlich – eher wie jemand, der jede Minute für etwas Wichtigeres brauchte, als Erklärungen zu geben.

Ben nannte diese Phase intern „Thalors Prüfungsphase“, weil er sich genauso verhielt wie Mia kurz vor einer wichtigen Klassenarbeit: fahrig, einsilbig, und völlig humorlos, sobald man ihn ansprach.

„Ich hab ihm einen Witz über tarnfähige Kundschafter erzählt“, berichtete Ben am zweiten Abend enttäuscht. „Nicht mal ein Schmunzeln.“

„Vielleicht war der Witz einfach nicht gut“, sagte Mia.

„Der Witz war hervorragend.“

„Das entscheidest nicht du.“

„Doch, genau das entscheide ich. Ich bin der Komiker hier. Du machst die Tabellen, Lina macht die bedeutungsvollen Reden, ich mache die Witze. Klare Rollenverteilung.“

„Wer hat das entschieden?“, fragte Lina, halb amüsiert.

„Ich. Gerade eben. Einstimmig.“

Trotz der Anspannung der letzten Tage gelang es Ben immer wieder, die anderen beiden zumindest kurz zum Lachen zu bringen – eine Fähigkeit, die Lina in diesen Tagen mehr zu schätzen wusste als je zuvor.

Am dritten Abend, als die Kinder die Station betraten, wirkte Thalor anders.

Ruhiger. Entschlossener.

„Wir gehen morgen“, sagte er ohne Umschweife. „Ich habe genug über die alte Archivstation herausgefunden, um zu wissen, wie wir hineinkommen. Aber wir sind nicht die Einzigen, die dorthin unterwegs sind – das müsst ihr wissen, bevor wir aufbrechen.“

„Der Kundschafter“, sagte Mia.

„Ja.“

„Wisst ihr, wie er heißt?“, fragte Lina.

„Nein“, sagte Thalor. „Aber ihr werdet es vermutlich bald selbst herausfinden.“

Damit sollte er recht behalten – schneller, als irgendjemand erwartet hätte.

Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, trafen sich die drei heimlich am Waldrand. Ben hatte seinen Eltern erzählt, er gehe mit Lina und Mia früh joggen, eine Ausrede, die selbst er selbst für ziemlich schwach hielt, die aber erstaunlicherweise funktionierte.

„Joggen“, hatte seine Mutter wiederholt, sichtlich überrascht. „Du?“

„Neuerdings, ja. Gesundheitsbewusstsein. Man wird ja nicht jünger.“

„Du bist sechzehn.“

„Eben.“

Der Weg zur markierten Stelle im Wald war länger und beschwerlicher, als die Karte vermuten ließ. Wurzeln, dichtes Unterholz, ein Bach, den sie über einen umgestürzten Baumstamm überqueren mussten – Thalor führte sie sicher, aber schweigsam, als würde jeder Schritt ihn näher an etwas bringen, dem er lieber ausgewichen wäre.

Als sie die Stelle erreichten – eine unscheinbare Felswand, überwuchert von Moos und altem Efeu –, waren sie nicht allein.

Der Fremde stand bereits dort.

Er drehte sich um, kaum dass sie aus dem Unterholz traten, ohne jede Überraschung im Gesicht, als hätte er sie schon die ganze Zeit erwartet.

„Ihr seid früher hier, als ich dachte“, sagte er. Seine Stimme klang ruhig, fast höflich, mit einem Akzent, den keiner von ihnen zuordnen konnte.

Er stand vollkommen bewegungslos da, die Hände sichtbar leer, in einer Haltung, die weniger nach Bedrohung als nach vorsichtiger Zurückhaltung wirkte – wie jemand, der genau wusste, dass jede falsche Bewegung alles zunichtemachen konnte.

Ben trat instinktiv einen halben Schritt vor Lina und Mia. „Okay, das ist der Moment, in dem wir normalerweise schreien und weglaufen sollten, oder?“

„Was genau hattest du erwartet, bevor du hergekommen bist?“, fragte Lina, mit einer Ruhe, die selbst sie überraschte.

Kael sah sie an, als hätte er diese Frage nicht erwartet. „Ehrfurcht, vielleicht. Oder Angst. Nicht … Schlagfertigkeit.“

„Wir hatten keine Zeit für Ehrfurcht“, sagte Mia. „Zwischen Schule und Weltraumdiplomatie bleibt davon nicht viel übrig.“

„Das wäre unklug“, sagte der Fremde. „Ich bin nicht hier, um euch etwas anzutun.“

„Das sagen alle unheimlichen Fremden am Waldrand“, sagte Ben.

Ein Anflug von etwas, das fast wie ein Lächeln aussah, huschte über das Gesicht des Fremden.

„Mein Name ist Kael“, sagte er. „Und ich vermute, du bist derjenige, den man hier ‚Ben‘ nennt. Ich habe eure Gespräche der letzten Tage mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt.“

„Das ist nicht gruselig. Überhaupt nicht.“

Thalor trat vor, stellte sich zwischen die Kinder und Kael, jede Bewegung kontrolliert und wachsam.

„Kael“, sagte er langsam, als würde er den Namen prüfen. „Ein Name der Weitgereisten.“

„Ihr erinnert euch also noch an uns“, sagte Kael. In seiner Stimme lag etwas, das zwischen Bitterkeit und Erleichterung schwankte. „Das ist mehr, als ich erwartet hatte.“

„Was willst du hier?“, fragte Thalor.

„Dasselbe wie du, nehme ich an.“ Kael deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf die moosbewachsene Felswand hinter sich. „Antworten. Und vielleicht etwas, das uns beiden vor sehr langer Zeit genommen wurde.“

Mia, die die ganze Zeit über still geblieben war, trat nun ebenfalls einen Schritt vor. „Bist du allein hier?“

Kael sah sie an, als hätte er diese Frage erwartet und sich bereits eine Antwort zurechtgelegt.

„Für den Moment, ja“, sagte er. „Ob das so bleibt, hängt von einigem ab. Auch von euch.“

„Klingt nach einer Drohung“, sagte Ben.

„Es ist keine“, sagte Kael. „Es ist eine Tatsache. Manche Tatsachen klingen zufällig ähnlich.“

Lina, die bislang beobachtet hatte, ohne ein Wort zu sagen, trat nun neben Thalor.

„Wenn du keine Bedrohung bist“, sagte sie, „warum hast du dich dann versteckt? Warum bist du heimlich gelandet, hast das Dorf ausgehorcht, bist uns nicht einfach entgegengetreten?“

Kael sah sie lange an, und zum ersten Mal wirkte er weniger wie ein Kundschafter und mehr wie jemand, der einfach nur müde war.

„Weil ich nicht wusste, wie ihr reagieren würdet“, sagte er. „Und weil meine eigenen Leute nicht wissen, dass ich hier bin.“

Diese letzte Bemerkung ließ selbst Thalor für einen Moment die Fassung verlieren.

„Du bist allein hier? Ohne den Auftrag deiner Zivilisation?“

„Mit einem Auftrag“, korrigierte Kael. „Aber ohne ihre offizielle Erlaubnis, ihn auf diese Weise auszuführen.“

Für einen langen Moment sagte niemand etwas. Der Wald um sie herum war vollkommen still, als würde selbst er auf die nächste Antwort warten.

„Das“, sagte Ben schließlich, „ist deutlich komplizierter, als ich gehofft hatte.“

„Willkommen im Club“, sagte Mia trocken, und benutzte damit, wie Lina bemerkte, exakt Bens eigene Worte vom Vortag.

Kael sah zwischen ihnen hin und her, offensichtlich nicht ganz sicher, was er von dieser Mischung aus Anspannung und beiläufigem Humor halten sollte.

Thalor hatte sich in all der Zeit nicht von seiner Stelle zwischen Kael und den Kindern gerührt.

„Warum jetzt?“, fragte er. „Nach all den Jahrtausenden – warum kommt ihr ausgerechnet jetzt, ausgerechnet allein?“

Kael sah zu Boden, bevor er antwortete, was bei jemandem, der bislang so beherrscht gewirkt hatte, seltsam menschlich wirkte.

„Weil euer Notruf das Erste war, was wir seit über zweihundert Jahren von euch gehört haben“, sagte er. „Und weil ich derjenige war, der ihn zuerst empfangen hat. Ich hatte die Wahl, es zu melden – oder selbst nachzusehen, bevor der Rat der Weitgereisten entscheidet, was mit diesem Wissen geschieht.“

„Und du hast dich für Letzteres entschieden“, sagte Lina.

„Ich habe mich dafür entschieden, zuerst die Wahrheit zu suchen. Bevor sie von jemand anderem entschieden wird.“

Mia verschränkte die Arme. „Das erklärt immer noch nicht, warum du dich versteckt hast, statt einfach an unsere Tür zu klopfen. Im übertragenen Sinn.“

„Weil ich nicht wusste, was Thalor euch über uns erzählt hat“, sagte Kael. „Ob ihr uns als Freunde kennt. Oder als das, was der Rat der Weitgereisten seit Jahrtausenden aus uns gemacht hat – eine Fußnote in einer Geschichte, die niemand mehr zu Ende erzählen wollte.“

Thalor zuckte bei diesen Worten sichtbar zusammen, was selbst Ben nicht entging.

„Das ist nicht fair“, sagte Thalor leise.

„Vielleicht nicht“, sagte Kael. „Aber es ist, wie es sich für uns angefühlt hat. Ihr wart einfach fort. Kein Abschied, keine Erklärung. Nur Stille.“

Lina sah zwischen den beiden hin und her, zwischen dem Wächter, den sie seit Jahren kannten, und dem Fremden, der gerade erst in ihr Leben getreten war – und zum ersten Mal wurde ihr klar, dass diese Geschichte keine einfache Seite hatte, auf die man sich stellen konnte.

„Können wir das jetzt bitte klären, während wir gehen?“, fragte Ben schließlich, der die Stille nicht länger ertrug. „Weil ehrlich gesagt hab ich das Gefühl, dass wir gleich alle gemeinsam vor einer sehr alten Tür stehen, und ich würde lieber wissen, was dahinter ist, bevor die Erwachsenen – oder was auch immer ihr zwei jetzt genau seid – sich seit zehntausend Jahren aufgestauten Familienstreit ausdiskutiert haben.“

Kael sah ihn an, und diesmal war das Lächeln, das über sein Gesicht huschte, unverkennbar echt.

„Er hat nicht unrecht“, sagte er zu Thalor.

„Nein“, gab Thalor zu. „Das hat er nicht.“

Gemeinsam, wenn auch mit sichtbarem gegenseitigem Misstrauen, traten sie näher an die moosbewachsene Felswand heran.

Kael strich mit der flachen Hand über den Stein, dort, wo unter dem Efeu schwache, kaum sichtbare Linien verliefen – dieselbe Art von Zeichnung, die die Kinder bereits am ersten Stolleneingang gesehen hatten, nur komplexer, verschlungener.

„Das ist ein Doppelschloss“, sagte Kael leise, fast zu sich selbst. „Gebaut für zwei Hände zugleich. Eine von uns. Eine von euch.“

Thalor sah ihn an. „Du meinst –“

„Ich meine, dass wir hier ohne den anderen nicht hineinkommen“, sagte Kael. „Weder du allein. Noch ich allein.“

Mia gab einen leisen, frustrierten Laut von sich. „Natürlich. Natürlich ist es so gebaut, dass ausgerechnet die beiden, die sich vor Jahrtausenden zerstritten haben, zusammenarbeiten müssen, um es zu öffnen.“

„Das nennt man wohl dramatische Ironie“, sagte Ben. „Selbst ich hätte mir das nicht besser ausdenken können.“

„Das war sicher nicht als Ironie gedacht, als es gebaut wurde“, sagte Lina langsam. „Sondern als Versprechen. Dass keine Seite allein entscheidet, was hier drin liegt.“

Kael sah sie an, überrascht über diese Deutung, und für einen Moment schien selbst Thalor darüber nachzudenken.

„Vielleicht“, sagte er schließlich. „Aber ein Versprechen ist nur so viel wert wie das Vertrauen, das dahintersteht. Und das“, er sah zu Kael, „müssen wir uns beide erst wieder verdienen.“

„Dann fangen wir eben damit an“, sagte Kael und legte seine Hand flach auf die linke Hälfte der Zeichnung.

Lina, Ben und Mia standen einen Schritt zurück, beobachteten gebannt, wie zwei Wesen, die sich vor wenigen Tagen noch als Fremde gegenüberstanden, nun gemeinsam vor einer Jahrtausende alten Tür standen.

„Das ist historisch, oder?“, flüsterte Ben. „Wie, wirklich historisch. Sollten wir das nicht irgendwie festhalten?“

„Ich glaube, manche Momente sind wichtiger als jedes Foto“, flüsterte Lina zurück.

Er sah Thalor abwartend an.

Für einen langen Moment rührte sich Thalor nicht.

Dann, langsam, legte er seine eigene Hand auf die rechte Hälfte.

Unter ihren Handflächen begann der Stein zu vibrieren – leise zuerst, dann stärker, während die verschlungenen Linien in einem sanften, goldenen Licht aufleuchteten, das keiner von ihnen je zuvor gesehen hatte.

„Es funktioniert noch“, flüsterte Kael, und in seiner Stimme lag ein Staunen, das nichts Gespieltes hatte.

„Ja“, sagte Thalor. Seine Stimme klang belegt. „Das tut es.“

Ben stieß Mia leicht an. „Ich glaube“, flüsterte er, „das hier ist der Moment, in dem normalerweise die dramatische Musik einsetzen würde.“

„Wenn du jetzt anfängst zu summen, schubse ich dich in die Höhle“, flüsterte Mia zurück, aber selbst sie konnte ein kleines Lächeln nicht ganz unterdrücken.

Langsam, mit einem tiefen, erdigen Knirschen, das sich anfühlte, als hätte der Fels selbst jahrtausendelang den Atem angehalten, öffnete sich die Wand.

Dahinter lag nichts als Dunkelheit – und ein Luftzug, kühl und uralt, der nach etwas roch, das keiner von ihnen benennen konnte.

„Nach dir“, sagte Kael zu Thalor.

„Nach uns beiden“, korrigierte Thalor, und zum ersten Mal, seit sie den Wald betreten hatten, klang er nicht mehr angespannt, sondern beinahe entschlossen.

Die Kinder folgten ihnen ins Dunkel, und keiner von ihnen wusste in diesem Moment, dass das, was sie dort finden würden, alles verändern sollte, was sie über die Wächter, über Atlantis – und übereinander – zu wissen glaubten.

Kapitel 7 – Zwei Wahrheiten

Hinter der Felswand erstreckte sich ein Gang, schmaler als die Station unter Struthütten, aber mit demselben sanften, uralten Leuchten an den Wänden, das sich einschaltete, sobald sich jemand näherte.

Niemand sprach, während sie tiefer hineingingen. Selbst Ben, der normalerweise für jede Stille einen Kommentar parat hatte, blieb auffällig ruhig.

Der Gang mündete in eine runde Kammer, kleiner als die Haupthalle der eigenen Station, aber dichter – jede Wand bedeckt mit Symbolen, von denen manche Thalor zu kennen schien und andere selbst ihm fremd waren, wie sein Gesicht verriet.

In der Mitte der Kammer schwebte, ohne sichtbaren Halt, eine kleine, kristalline Kugel.

Kael blieb wie angewurzelt stehen. „Ein Archiv“, flüsterte er. „Ein echtes, ungeöffnetes Archiv. Ich dachte, es gäbe keine mehr.“

„Was ist da drin?“, fragte Lina.

„Erinnerungen“, sagte Thalor leise. „Aufzeichnungen. Alles, was zu wichtig war, um es dem Zufall zu überlassen – gespeichert, bevor der Komet einschlug.“

Mia trat näher an die Kugel heran, hielt sich aber bewusst außer Reichweite. „Kann man es einfach so öffnen?“

„Nein“, sagte Kael. „Das Archiv wird nur auf eine bestimmte Weise reagieren. Auf Wahrheit.“

„Auf Wahrheit?“, wiederholte Ben. „Wie soll das gehen? Lügendetektor für Aliens?“

„So ähnlich“, sagte Thalor. „Diese Archive wurden gebaut, um nur denen etwas zu offenbaren, die bereit sind, selbst etwas preiszugeben. Ein Austausch. Keine Einbahnstraße.“

Er sah Kael an, und zum ersten Mal, seit sie sich begegnet waren, wirkte er nicht abwehrend, sondern beinahe erleichtert.

„Dann ist es wohl an der Zeit“, sagte Thalor, „dass wir beide erzählen, was wirklich geschah.“

Kael nickte langsam.

Sie setzten sich, alle fünf, im Kreis um die schwebende Kugel, und für einen Moment fühlte sich die uralte Kammer beinahe gemütlich an, trotz allem, was in der Luft lag.

„Als der Komet einschlug“, begann Thalor, „waren mehrere eurer Gelehrten bei uns. Einer von ihnen hieß Vaelith. Er war so etwas wie mein Lehrer gewesen, in den Jahren davor.“

Kael straffte sich sichtbar bei dem Namen.

Auch Ben und Mia spürten die plötzliche Veränderung in der Atmosphäre der Kammer, auch wenn sie nicht sofort verstanden, was genau gerade geschehen war.

„Habt ihr euch gekannt?“, fragte Ben vorsichtig, unüblich zurückhaltend für seine Verhältnisse.

Für einen Moment schien er nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen, seine Hände lagen bewegungslos auf den Knien, als müsste er sich selbst festhalten.

„Erzähl mir von ihm“, sagte Kael schließlich, mit einer Stimme, die brüchiger klang, als er es vermutlich beabsichtigt hatte. „Ich kenne ihn nur aus den Geschichten meiner Eltern. Ein Held, hieß es immer. Ein Mann, der für seine Prinzipien starb.“

Thalor schloss kurz die Augen, als würde er in einer weit zurückliegenden Erinnerung suchen.

„Er war geduldig“, sagte er. „Geduldiger als jeder, den ich sonst kannte. Er konnte stundenlang zuhören, ohne ein einziges Wort zu sagen, und wenn er dann sprach, war es immer genau das, was gebraucht wurde. Ich habe viel von ihm gelernt, in der kurzen Zeit, die wir hatten.“

„Das klingt nach dir“, sagte Lina leise zu Kael.

Kael lächelte, zum ersten Mal seit Beginn der Erzählung, wenn auch nur schwach. „Das hoffe ich. Es wäre kein schlechtes Erbe.“

„Vaelith war mein Großvater“, sagte er leise.

Thalor schloss kurz die Augen. „Das wusste ich nicht.“

„Erzähl weiter“, sagte Kael, mit einer Stimme, die nur mit Mühe ruhig blieb.

Lina beobachtete die beiden dabei genau – Thalor, der auf einmal viel kleiner wirkte, als sie ihn kannten, und Kael, dessen Hände sich unbewusst zu Fäusten geballt hatten und wieder lösten, immer wieder, im Takt seiner Anspannung.

Sie überlegte kurz, ob sie etwas sagen sollte, um die Spannung zu lösen – entschied sich aber dagegen. Manche Momente, das hatte sie gelernt, brauchten Raum, keine Worte.

„Als die Katastrophe kam, hatten wir Minuten, keine Stunden“, sagte Thalor. „Ich war für die Evakuierung der Gelehrten verantwortlich – für Vaelith und zwei weitere. Es gab nur ein einziges Rettungsschiff, klein, mit Platz für drei.“

Lina spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, lange bevor Thalor den nächsten Satz aussprach.

„Wir waren zu viert“, sagte Thalor. „Vaelith, die zwei anderen Gelehrten – und ich selbst hatte den Befehl, das Schiff zu begleiten, um sicherzustellen, dass sie sicher zu ihrem eigenen Volk zurückkehrten.“

„Was hast du getan?“, fragte Kael, kaum hörbar.

„Ich bin nicht mitgeflogen“, sagte Thalor. „Ich habe meinen Platz Vaelith überlassen. Weil ich glaubte, meine Aufgabe sei es, bei den Menschen zu bleiben, die wir beschützen sollten – nicht, zu fliehen.“

Für einen langen Moment sagte niemand etwas.

„Dann ist mein Großvater also sicher entkommen?“, fragte Kael schließlich, und in seiner Stimme lag eine Mischung aus Hoffnung und Angst, die selbst Ben nicht zu kommentieren wagte.

„Ja“, sagte Thalor. „Aber das Schiff hatte keinen funktionsfähigen Kommunikator mehr, nicht nach dem, was der Einschlag mit unseren Systemen angerichtet hatte. Ich konnte nicht senden, dass ich zurückblieb – und niemand konnte mir bestätigen, dass sie angekommen waren.“

„Zweihundert Jahre“, flüsterte Kael. „Zweihundert Jahre Stille, und die ganze Zeit dachten wir, ihr hättet uns einfach vergessen. Verlassen.“

„Das haben wir nie“, sagte Thalor. „Aber ich verstehe, warum es sich so angefühlt haben muss.“

„Verstehen reicht nicht immer“, sagte Kael leise. „Mein ganzes Leben lang habe ich Geschichten über den Verrat von Atlantis gehört. In der Schule. Von meinen Eltern. Von jedem, der mir je etwas über die Weitgereisten und ihre Geschichte beigebracht hat.“

„Und du hast es geglaubt?“, fragte Lina vorsichtig.

„Ich hatte keinen Grund, es nicht zu glauben“, sagte Kael. „Bis ich euren Notruf empfing. Bis ich anfing, mich zu fragen, warum sich eine Geschichte über zweihundert Jahre so unverändert hält, ohne dass jemand sie je hinterfragt.“

Ben, der ungewöhnlich lange geschwiegen hatte, meldete sich vorsichtig zu Wort.

„Kann ich was sagen, ohne dass es respektlos rüberkommt?“

„Das wäre neu“, sagte Mia, aber ohne echten Spott in der Stimme.

Ben ignorierte den Seitenhieb. „Mir kommt das gerade vor wie die Geschichte, die man sich erzählt, wenn man wütend ist und niemanden hat, den man wirklich fragen kann. Nicht, weil sie stimmt. Sondern weil sie irgendwie… einfacher ist als die Wahrheit.“

Kael sah ihn lange an.

„Das“, sagte er schließlich, „ist erstaunlich klug für jemanden, der vorhin einen Witz über Kleiderschränke gemacht hat.“

„Beides kann wahr sein“, sagte Ben. „Ich bin ein Mann mit Tiefe. Versteckt unter mehreren Schichten Humor, aber vorhanden.“

Mia, die neben ihnen saß, betrachtete die beiden mit einer Mischung aus Belustigung und echtem Interesse. „Ihr zwei versteht euch erstaunlich gut, für zwei, die sich vor drei Tagen noch mit Verdacht begegnet sind.“

„Gemeinsame Fluchterfahrungen schweißen zusammen“, sagte Kael.

„Das sollten wir uns für die Werbung merken“, sagte Ben. „Wächter des Siegerlands: Wir schweißen zusammen, ein Beinahe-Einsturz nach dem anderen.“

„In mir steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermutet“, sagte Ben, mit einem kleinen, unsicheren Lächeln.

Am zweiten Tag, während Thalor und Kael erneut über Formulierungen stritten, zog sich Ben mit Mia in eine ruhigere Ecke der Station zurück.

„Kannst du mir helfen, was zu üben?“, fragte er, was Mia so überraschte, dass sie tatsächlich aufsah.

„Du willst üben? Freiwillig?“

„Nicht Mathe“, sagte Ben schnell. „Ich will üben, was ich sage, falls mich morgen jemand fragt, warum ich mich einmische. Ich will nicht wieder einfach drauflosreden und hoffen, dass es klappt.“

Mia sah ihn an, mit einem Ausdruck, der zwischen Überraschung und echtem Respekt schwankte.

„Das ist das Vernünftigste, was ich dich je habe sagen hören“, sagte sie. „Okay. Fang an.“

Sie verbrachten die nächste Stunde damit, gemeinsam Sätze zu formulieren, zu verwerfen, neu zu formulieren – nicht, weil Ben plötzlich seinen Humor verloren hätte, sondern weil er zum ersten Mal bewusst darüber nachdachte, wann er ihn einsetzen sollte und wann nicht.

„Du wirst noch richtig gut darin“, sagte Mia schließlich, mit echtem Erstaunen in der Stimme.

„Ich hatte eine gute Lehrerin“, sagte Ben.

Mia lief kurz rot an, verbarg es aber hinter einem Griff nach ihrem Tablet, das sie eigentlich gar nicht brauchte.

„Trotzdem“, sagte sie. „Verlier den Humor nicht ganz. Nur… zieh ihn gezielter ein.“

„Aufschreiben, gezielter humorvoll sein“, sagte Ben feierlich. „Steht ab sofort auf meiner Liste, gleich neben bequeme Schuhe für Alien-Archive.“

Mia, die die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, meldete sich zu Wort. „Aber das erklärt nicht, warum ihr komplett den Kontakt abgebrochen habt. Wenn dein Großvater sicher zurückkehrte, Kael – warum hat niemand von den Weitgereisten je wieder Kontakt gesucht?“

Kael sah zu Boden.

„Weil mein Großvater nie zurückkam“, sagte er. „Das Schiff wurde nie gefunden. Nicht die Trümmer, nicht die Insassen. Nichts. Und ohne Beweis, ohne Erklärung – hat der Rat der Weitgereisten entschieden, dass Atlantis uns verraten hatte. Dass ihr sie geopfert habt, um euch selbst zu retten.“

„Das ist nicht, was geschah“, sagte Thalor, mit einer Schärfe in der Stimme, die die Kinder selten von ihm gehört hatten.

„Ich weiß“, sagte Kael schnell. „Das meinte ich nicht so. Ich versuche nur zu verstehen, wie aus deiner Wahrheit unsere Geschichte werden konnte.“

„Vielleicht“, sagte Mia langsam, „hat niemand die Wahrheit erfunden. Vielleicht ist einfach die Stille dazwischen gewachsen, bis sie sich wie eine Antwort angefühlt hat.“

Thalor sah sie an, als hätte sie gerade etwas ausgesprochen, das er selbst seit Jahrtausenden nicht so klar hatte formulieren können.

„Das ist erschreckend genau“, sagte er.

„Ich bin gut in Mustern“, sagte Mia, ohne jede Angeberei in der Stimme, nur nüchterne Feststellung.

Kael betrachtete sie einen Moment lang mit unverhohlener Neugier. „Bei uns würde man dich vermutlich für die Archivarenausbildung vorschlagen. Nicht viele erkennen Muster in Stille so klar wie du gerade eben.“

„Ich bevorzuge Erdkunde“, sagte Mia trocken, aber ein kleines, geschmeicheltes Lächeln entging ihr nicht ganz.

„Ich weiß das jetzt“, sagte Kael. „Aber mein Volk weiß es nicht. Seit zweihundert Jahren erzählen wir uns eine Geschichte von Verrat, die, wie es scheint, nie ganz gestimmt hat.“

Lina beobachtete die kristalline Kugel in der Mitte des Raumes, die während des ganzen Gesprächs unmerklich heller geworden war, als würde sie mit jedem gesprochenen Wort ein Stück mehr erwachen.

„Ich glaube“, sagte sie leise, „das Archiv hört zu.“

Alle sahen auf.

Die Kugel schwebte nun deutlich höher, ihr Licht durchzog die gesamte Kammer in sanften, pulsierenden Wellen, und für einen Moment hatte Ben das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden – nicht bedrohlich, aber aufmerksam, wie von einem sehr alten, sehr geduldigen Zuhörer.

„Was passiert jetzt?“, fragte Ben, seine Stimme kleiner als sonst.

„Ich glaube“, sagte Thalor langsam, „es hat genug gehört, um zu vertrauen. Beobachtet die Wand hinter mir.“

Und tatsächlich: An der gegenüberliegenden Wand der Kammer begannen sich Symbole zu verschieben, neu anzuordnen, bis sie sich zu etwas formten, das aussah wie eine Karte – nicht des Kunstertals, nicht des Siegerlands, sondern eines Ortes, den keiner von ihnen kannte.

Kael stand auf, trat näher heran, seine Finger folgten den leuchtenden Linien mit einer Ehrfurcht, die nichts Gespieltes hatte.

„Das ist eine Sternenkarte“, sagte er. „Und das hier“ – er deutete auf einen einzelnen, hell markierten Punkt – „das ist mein Heimatsystem.“

„Warum zeigt das Archiv uns das?“, fragte Mia.

Thalor trat neben Kael, betrachtete die Karte lange, bevor er antwortete.

„Weil es uns sagen will, wohin wir als Nächstes müssen“, sagte er. „Wenn wir wirklich herausfinden wollen, was mit Vaelith geschah – und ob es noch einen Weg gibt, das Vertrauen zwischen unseren Völkern wiederherzustellen – dann reicht es nicht, hier zu bleiben.“

Ben hob langsam die Hand. „Nur damit ich das richtig verstehe: Reden wir hier gerade davon, tatsächlich ins All zu fliegen?“

Niemand antwortete sofort, was, wie Ben fand, eigentlich schon Antwort genug war.

Thalor betrachtete die leuchtende Sternenkarte noch einen langen Moment, bevor er sich schließlich abwandte.

„Zweihundert Jahre lang habe ich mir vorgestellt, wie ein Moment wie dieser aussehen würde, falls er je käme“, sagte er leise, fast zu sich selbst. „Ich hätte nie gedacht, dass er sich so anfühlen würde. Nicht wie ein Ende. Sondern wie ein Anfang.“

Kapitel 8 – Wettlauf ins Dunkel

Die Antwort auf Bens Frage kam schneller, als irgendjemand erwartet hatte – und nicht von Thalor.

Die kristalline Kugel in der Mitte der Kammer begann plötzlich schneller zu pulsieren, ihr Licht wechselte von sanftem Blau zu einem drängenden Orange, und ein feines Summen erfüllte den Raum, das binnen Sekunden lauter wurde.

„Das sieht nicht nach einem guten Zeichen aus“, sagte Ben.

„Ist es auch nicht“, sagte Kael. Er war bereits aufgesprungen. „Das Archiv hat seinen Zweck erfüllt. Es beginnt sich zu verschließen.“

„Verschließen wie – die Tür geht zu, oder verschließen wie – wir sollten jetzt wirklich rennen?“, fragte Ben.

„Zweiteres“, sagte Thalor knapp und war bereits auf den Beinen.

Die Wände der Kammer begannen sich zu bewegen, langsam zunächst, Stein, der sich wie von selbst neu ordnete, Symbole, die verblassten, sobald man an ihnen vorbeikam.

„KERUS?“, rief Lina, während sie schon auf den Ausgang zurannte.

„Ich registriere strukturelle Verschiebungen im gesamten unteren Bereich der Anlage“, meldete sich die KI sofort über die kleinen Kommunikatoren, die Thalor ihnen für den Ausflug gegeben hatte. „Ich empfehle dringend den sofortigen Rückzug.“

„Danke, das hatten wir uns schon gedacht“, keuchte Ben, der versuchte, gleichzeitig zu rennen und nicht über den unebenen Boden zu stolpern.

Mia war als Erste am Gang, den sie hereingekommen waren – und blieb abrupt stehen.

„Das ist nicht derselbe Weg“, sagte sie.

Sie hatte recht. Wo vorher ein gerader Gang gewesen war, verzweigte sich der Fels nun in zwei Richtungen, beide gleich dunkel, beide gleich einladend unheimlich.

„Toll“, sagte Ben. „Genau das, was wir jetzt brauchten. Ein Gebäude mit Trotzphase.“

Kael legte die Hand an die Wand, spürte einem feinen Vibrieren nach, das nur er zu bemerken schien. „Links“, sagte er. „Ich spüre den Luftzug von draußen.“

„Woher weißt du, dass das nicht einfach nur Zug ist, der uns tiefer reinlockt?“, fragte Mia, aber sie folgte ihm bereits.

„Das weiß ich nicht“, gab Kael zu. „Aber ich habe auch keine bessere Idee.“

Thalor stellte sich neben ihn, legte kurz die Hand an die Wand, als könnte er selbst durch bloße Berührung erfühlen, welcher Weg der richtige war.

„Ich vertraue dir“, sagte er schließlich, mit einer Entschlossenheit, die alle im Raum überraschte – auch ihn selbst, wie es schien.

„Ich hätte eine“, sagte Mia, bereits mit dem Blick auf ihr Tablet, das trotz der Erschütterungen erstaunlich stabil in ihrer Hand lag. „KERUS, kannst du unsere Position mit der Struktur des rechten Gangs abgleichen?“

Ihre Finger flogen über den Bildschirm, während um sie herum weiter Staub und kleine Steine von der Decke rieselten.

„Ich habe keine Sensordaten aus diesem Tiefenbereich“, antwortete KERUS. „Meine Empfehlung bleibt: dem Instinkt von jemandem folgen, der tatsächlich vor Ort ist.“

„Also Kael“, sagte Lina.

„Also Kael“, bestätigte KERUS, was, wie Ben fand, seltsam beruhigend klang – eine künstliche Intelligenz, die einem Außerirdischen vertraute, den sie erst vor einer Stunde kennengelernt hatte.

Sie rannten, während hinter ihnen mit einem tiefen, erdigen Grollen ganze Wandsegmente in sich zusammensackten – nicht chaotisch, bemerkte Lina zwischen zwei Atemzügen, sondern fast geordnet, als würde die Anlage sich bewusst und kontrolliert selbst versiegeln, nicht einstürzen.

„Sie zerstört sich nicht“, rief sie den anderen zu. „Sie schließt sich einfach!“

„Das ist nur ein kleines bisschen beruhigender!“, rief Ben zurück, während er über einen frisch entstandenen Felsvorsprung sprang.

Der linke Gang führte steil bergauf, enger als der Weg, den sie gekommen waren, und mehr als einmal musste sich Ben seitlich durch einen Spalt zwängen, der eigentlich für schmalere Gestalten gedacht schien.

„Wenn ich hier feststecke“, keuchte er, „erzählt bitte niemandem, dass es an zu vielen Pausenbroten lag. Es war Muskelmasse. Reine Muskelmasse.“

„Niemand denkt an Pausenbrote, Ben“, sagte Mia, aber sie musste bei aller Anspannung kurz lächeln.

Hinter ihnen krachte ein weiteres Wandsegment zusammen, diesmal so nah, dass eine Staubwolke sie fast einholte.

„Schneller wäre trotzdem gut!“, rief Thalor, der als Letzter lief, um sicherzugehen, dass niemand zurückblieb.

Lina spürte, wie ihre Beine brannten, aber sie zwang sich, das Tempo zu halten, den Blick fest auf Kaels Rücken vor ihr gerichtet. Es war ein seltsamer Gedanke, mitten in der Flucht: dass sie noch vor wenigen Tagen nicht gewusst hatte, dass dieser Mann überhaupt existierte – und jetzt ihr Leben ein Stück weit in seine Hände legte.

Endlich, nach einer Passage, die sich anfühlte wie eine kleine Ewigkeit, sahen sie vor sich einen schmalen Lichtstreifen – Tageslicht, gefiltert durch Blätter und Efeu.

Sie brachen fast gleichzeitig ins Freie, außer Atem, staubbedeckt, und hinter ihnen schloss sich die moosbewachsene Felswand mit einem letzten, dumpfen Grollen vollständig, als wäre sie nie offen gewesen.

Für einen langen Moment lag niemand von ihnen etwas anderes im Kopf als schlichtes, dankbares Atmen.

„Alle da?“, fragte Lina schließlich, zählte automatisch durch. Ben. Mia. Thalor. Kael.

„Alle da“, bestätigte Thalor, der sich mit einer Hand gegen einen Baumstamm stützte, deutlich erschütterter, als er zugeben wollte.

Mia klopfte sich den Staub von den Ärmeln, bemerkenswert gefasst für jemanden, der gerade einer einstürzenden uralten Anlage entkommen war. „Das zähle ich zu den ungewöhnlicheren Nachmittagen meines Lebens.“

„Ungewöhnlich ist mittlerweile unser Normalzustand“, sagte Lina.

Kael, der sich als Letzter vom Schock der Flucht erholte, betrachtete die verschlossene Felswand mit einer Mischung aus Trauer und Erleichterung.

„Es tut mir leid um das Archiv“, sagte er leise. „Auch wenn es nur seinen Zweck erfüllt hat.“

„Vielleicht ist das gar nicht so schlecht“, sagte Thalor. „Manche Dinge sollen nur einmal geöffnet werden. Der Rest liegt jetzt in uns, nicht mehr im Stein.“

Ben klopfte sich noch immer den Staub von der Kleidung, mit einer Gründlichkeit, die eher von Nervosität als von echtem Ordnungssinn zeugte.

„Kann ich einen Vorschlag machen?“, sagte er. „Beim nächsten Mal, wenn wir ein uraltes Alien-Archiv besuchen, das sich möglicherweise selbst zerstört – vorher Bescheid sagen. Dann zieh ich bequemere Schuhe an.“

„Notiert“, sagte Mia trocken. „Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es ein nächstes Mal gibt.“

„Bei unserem Glück“, sagte Ben, „gibt es garantiert ein nächstes Mal.“

Sie setzten sich für einen Moment gemeinsam an den Waldrand, alle fünf, um zu verschnaufen, bevor der Rückweg begann. Der Himmel über ihnen war inzwischen vollständig dunkel, übersät mit Sternen, die man von Struthütten aus selten so klar sah.

Mia legte den Kopf in den Nacken und betrachtete sie eine Weile schweigend.

„Irgendwo da oben“, sagte sie schließlich, „ist also dein Zuhause.“

„Irgendwo da oben“, bestätigte Kael. „Auch wenn es sich von hier aus nicht anders anfühlt als jeder andere Stern.“

„Vermisst du es?“, fragte Lina.

Kael dachte einen Moment nach. „Ich vermisse es weniger, als ich erwartet hätte. Vielleicht, weil ich hier etwas gefunden habe, das ich dort nie hatte: die Wahrheit.“

Niemand hatte darauf eine passende Antwort, und so saßen sie einfach eine Weile beieinander, unter einem Himmel, der plötzlich sehr viel größer wirkte als noch vor einer Woche.

Kael richtete sich als Erster wieder vollständig auf. Sein Blick war bereits nicht mehr auf die verschlossene Wand gerichtet, sondern auf seine eigene Hand, an der ein kleines, unauffälliges Armband aufleuchtete – ein sanftes, stetiges Pulsieren, das vorher nicht dagewesen war.

„Was ist das?“, fragte Lina, die es als Erste bemerkte.

Kael starrte auf sein Handgelenk, und zum ersten Mal, seit sie ihn kannten, wirkte er wirklich beunruhigt.

„Ein Ortungssignal“, sagte er leise. „Es hat sich aktiviert, als ich das Archiv berührt habe. Vermutlich als Sicherheitsmaßnahme – damit mein Volk weiß, wenn jemand von uns ein echtes, ungeöffnetes Archiv findet.“

„Das heißt“, sagte Mia langsam, „dein Volk weiß jetzt, wo du bist.“

„Das heißt“, korrigierte Kael, „mein Volk weiß jetzt ungefähr, wo ich bin. Und es wird nicht lange dauern, bis sie herausfinden, dass ich hier ohne Erlaubnis gehandelt habe.“

Thalor sah ihn ernst an. „Was passiert dann?“

„Dann“, sagte Kael, „schickt der Rat vermutlich eine offizielle Delegation. Und die wird nicht annähernd so geduldig sein wie ich.“

Ben, der sich gerade erst wieder erholt hatte, ließ sich mit einem Stöhnen gegen einen Baum sinken.

„Können wir bitte einmal, ein einziges Mal, ein Problem haben, das sich nicht sofort in ein größeres Problem verwandelt?“

„Willkommen im Club“, sagte Mia zum wiederholten Mal, und diesmal lachte sogar Kael leise, trotz allem.

„Wie viel Zeit haben wir?“, fragte Lina, bereits wieder ganz auf das Wesentliche konzentriert.

„Tage, vermutlich“, sagte Kael. „Vielleicht weniger. Der Rat handelt nicht schnell – aber wenn er handelt, dann gründlich.“

„Dann sollten wir diese Tage nutzen“, sagte Thalor. „Um vorbereitet zu sein, wenn sie kommen. Nicht überrascht.“

Mia hatte bereits begonnen, eine Liste zu erstellen, methodisch wie immer, jeder Punkt sauber nummeriert.

„Was steht drauf?“, fragte Lina.

„Alles, was wir wissen. Alles, was wir nicht wissen. Und alles, was wir wissen müssten, bevor die Delegation da ist.“

„Klingt nach einer langen Liste“, sagte Ben, der über ihre Schulter blickte.

„Ist sie auch“, sagte Mia. „Aber lieber eine lange Liste als eine böse Überraschung.“

„Was, wenn sie nicht reden wollen?“, fragte Ben. „Was, wenn die einfach… auftauchen und Ärger machen?“

„Dann“, sagte Kael, „werde ich derjenige sein, der mit ihnen redet. Bevor irgendjemand sonst etwas Unüberlegtes tut.“

„Allein?“, fragte Lina.

„Nicht allein“, sagte Thalor, bevor Kael antworten konnte. „Nicht mehr.“

Kael sah ihn an, und für einen Moment schien die Last der letzten zweihundert Jahre ein kleines Stück leichter zu werden – nicht verschwunden, aber geteilt.

Er sah in die Runde, von einem Gesicht zum nächsten, und für einen Moment lag in seinem Blick etwas, das beinahe wie Stolz aussah – auf sie alle, auf das, was sie in den letzten Tagen gemeinsam durchgestanden hatten.

„Wir gehen zurück zur Station“, sagte er. „Und dann überlegen wir gemeinsam, was als Nächstes zu tun ist. Alle fünf.“

„Alle fünf“, wiederholte Kael, als würde er das Wort auf der Zunge zergehen lassen, ungewohnt, aber nicht unwillkommen.

Sie machten sich auf den Rückweg, während die Sonne bereits tief über den Baumkronen des Kunstertals stand, und keiner von ihnen konnte in diesem Moment ahnen, wie wenig Zeit ihnen tatsächlich noch blieb.

Kapitel 9 – Drei Tage

Die nächsten drei Tage waren die seltsamsten, die Lina je erlebt hatte – und das, obwohl die Konkurrenz in letzter Zeit nicht gerade klein gewesen war.

Nach außen hin änderte sich nichts. Schule, Hausaufgaben, das übliche Kopfschütteln der Lehrer über Bens Konzentrationsspanne. Doch jeden Nachmittag trafen sich die drei mit Thalor und Kael in der Station, um sich auf etwas vorzubereiten, das keiner von ihnen wirklich greifen konnte.

„Wie bereitet man sich eigentlich auf den Besuch einer beleidigten außerirdischen Delegation vor?“, fragte Ben am ersten Abend, während KERUS Diagramme projizierte, die eher verwirrten als halfen.

„Mit Fakten“, sagte Mia. „Und einem Plan.“

„Mit Ehrlichkeit“, sagte Kael. „Alles andere hat uns zweihundert Jahre Ärger eingebracht.“

Thalor, der am Rand der Konsole stand, nickte langsam. „Beides. Wir brauchen die Wahrheit – aber auch die richtigen Worte dafür.“

Kael verbrachte einen Großteil der Abende damit, mit seinem eigenen kleinen Gerät zu arbeiten, tippte Nachrichten, verwarf sie wieder, tippte neu.

„Was schreibst du da eigentlich die ganze Zeit?“, fragte Lina am zweiten Abend.

„Einen Bericht an meine Schwester“, sagte Kael, ohne aufzusehen. „Sie sitzt im Rat. Nicht als Anführerin, aber mit Stimme. Wenn jemand die anderen davon überzeugen kann, zuzuhören, bevor sie urteilen, dann sie.“

„Du hast eine Schwester?“, fragte Ben, ehrlich überrascht.

„Ich habe eine Schwester“, bestätigte Kael, und zum ersten Mal huschte so etwas wie Wärme über sein Gesicht. „Sie würde euch vermutlich mögen. Sie hat auch immer die unpassenden Kommentare zur unpassendsten Zeit.“

„Klingt nach einer klugen Frau“, sagte Ben.

„Das ist sie“, sagte Kael. „Klüger als ich, jedenfalls. Sie hätte diese ganze Reise wahrscheinlich mit weniger Umwegen geplant.“

„Umwege gehören dazu“, sagte Lina. „Sonst hättest du uns nie kennengelernt.“

Kael sah sie an, und für einen Moment wirkte er nachdenklich, fast berührt. „Das stimmt. Vielleicht war der Umweg dann doch kein Fehler.“

Am zweiten Tag geriet die Vorbereitung kurz ins Stocken, als Kael und Thalor sich über die richtige Formulierung eines zentralen Satzes stritten – auf eine Weise, die Lina an ihre Eltern erinnerte, wenn sie über die Steuererklärung diskutierten: leidenschaftlich, aber im Kern verbunden, nicht getrennt.

„Wenn wir mit einer Entschuldigung beginnen, klingt es, als hätten wir etwas falsch gemacht“, sagte Thalor.

„Ihr habt aber etwas falsch gemacht“, sagte Kael. „Zumindest aus der Sicht meines Volkes.“

„Das ist ein Unterschied.“

„Für dich vielleicht. Für sie nicht.“

Mia hob die Hand, wie in der Schule, was beide Erwachsenen – wenn man Kael überhaupt so nennen konnte – kurz aus dem Streit riss.

„Könnt ihr nicht einfach mit dem anfangen, was ihr sicher wisst?“, schlug sie vor. „Keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung. Nur: Das ist, was tatsächlich geschah. Beweisbar, durch das Archiv bestätigt. Der Rest kommt danach.“

Kael und Thalor sahen sich an, dann wieder zu Mia.

„Das“, sagte Kael, „ist erstaunlich vernünftig für jemanden, der noch zur Schule geht.“

„Ich höre das öfter, als du denkst“, sagte Mia trocken.

Thalor und Kael verbrachten die nächste Stunde damit, gemeinsam an einer Formulierung zu feilen, die Mias Vorschlag folgte – nüchtern, faktenbasiert, ohne Schuldzuweisung. Es war mühsame Arbeit, unterbrochen von immer wieder neuen kleinen Streitpunkten: welches Wort zu weich klang, welches zu hart, welche Erinnerung zuerst genannt werden sollte.

Ben beobachtete das eine Weile, bevor er sich einmischte.

„Könnt ihr das nicht einfach wie eine Gruppenarbeit behandeln? Bei uns in der Schule einigt man sich doch auch irgendwann, auch wenn eine Hälfte der Gruppe eigentlich lieber Fußball spielen würde.“

„Das ist nicht dieselbe Art von Kompromiss“, sagte Thalor.

„Ist es doch“, sagte Ben. „Nur mit mehr Aliens und weniger Fußball.“

Kael lachte tatsächlich, kurz und überrascht, als hätte er es selbst nicht erwartet.

„Er hat nicht ganz unrecht“, sagte er zu Thalor.

„Das sagst du erstaunlich oft über ihn“, bemerkte Lina.

„Weil er erstaunlich oft nicht ganz unrecht hat“, sagte Kael. „Auch wenn er es in die unpassendsten Worte verpackt.“

„Das“, sagte Ben stolz, „ist mein Markenzeichen.“

Ben nutzte die Pause, um mit einem Anflug von Ernsthaftigkeit, der selbst ihn manchmal überraschte, eine eigene Frage zu stellen.

„Was passiert eigentlich mit dir, Kael? Wenn die Delegation kommt und rauskriegt, dass du das alles allein gemacht hast?“

Kael hielt kurz inne.

„Ich weiß es nicht genau“, sagte er ehrlich. „Bestenfalls eine Rüge. Schlimmstenfalls… nun. Es gibt Konsequenzen für eigenmächtiges Handeln, besonders wenn es um so etwas Bedeutendes geht wie ein ungeöffnetes Archiv.“

„Verlust deines Postens?“, fragte Mia direkt, wie es ihre Art war.

„Möglich.“

„Oder Schlimmeres?“, fragte Lina vorsichtiger.

„Auch möglich“, sagte Kael. „Der Rat der Weitgereisten ist nicht grausam. Aber er ist gründlich. Und Gründlichkeit kennt manchmal wenig Gnade.“

Ben verzog das Gesicht. „Das klingt nach jeder Schulordnung, die ich je gelesen habe. Nur mit größeren Konsequenzen als Nachsitzen.“

„Vermutlich eine treffende Beschreibung“, sagte Kael, mit einem kleinen, müden Lächeln.

Lina, die die ganze Zeit über zugehört hatte, stellte schließlich die Frage, die ihr am meisten unter den Nägeln brannte.

„Und wenn der Rat entscheidet, dich zu bestrafen – würdest du es bereuen? Alles hier getan zu haben?“

Kael brauchte keine Sekunde, um zu antworten.

„Nein“, sagte er. „Nicht eine einzige Sekunde davon.“

Thalor, der die ganze Unterhaltung mit sichtlicher Erleichterung verfolgt hatte, mischte sich schließlich ein. „Wie auch immer der Rat entscheidet, Kael – du wirst nicht allein vor ihm stehen. Ich werde an deiner Seite sein, wenn du es zulässt.“

Kael sah ihn überrascht an. „Das würdest du tun? Nach allem?“

„Gerade wegen allem“, sagte Thalor. „Wir tragen diese Geschichte jetzt gemeinsam. Das ist es, was ein echtes Bündnis ausmacht.“

Lina, die die ganze Unterhaltung mit wachsender Zuneigung verfolgt hatte, mischte sich schließlich ein. „Egal was passiert – du bist nicht allein hier. Das war die ganze Zeit über der Punkt, oder? Dass niemand von uns das allein durchstehen muss.“

Kael sah sie lange an, und für einen Moment schien er nach den richtigen Worten zu suchen.

„Ich glaube“, sagte er schließlich, „das ist genau der Punkt, den mein Volk seit zweihundert Jahren vergessen hat.“

„Und trotzdem hast du’s getan“, sagte Lina, nicht als Vorwurf, sondern als Feststellung.

„Trotzdem“, bestätigte Kael. „Manche Wahrheiten sind es wert.“

Thalor, der die ganze Zeit über schweigend zugehört hatte, nickte langsam. „Das ist mehr Weisheit, als ich in deinem Alter besaß, Kael. Vielleicht mehr, als ich sogar heute besitze.“

„Du unterschätzt dich selbst“, sagte Kael. „Wer seinen eigenen Fehler nach zweihundert Jahren immer noch offen zugibt, hat mehr Mut als die meisten, die ich kenne.“

Mia machte sich eine stille Notiz, mehr für sich selbst als für irgendjemand anderen: Manche Wahrheiten sind es wert. Sie würde diesen Satz, das spürte sie, so schnell nicht vergessen.

Am zweiten Abend, als die Vorbereitungen sich dem Ende zuneigten, setzte sich Lina eine Weile allein zu Kael an den Rand der Station.

„Hast du Angst?“, fragte sie ohne Umschweife.

Kael sah sie überrascht an, dann nickte er langsam. „Mehr, als ich zugeben möchte. Aber Angst hat mich noch nie davon abgehalten, das Richtige zu tun. Nur manchmal, es länger hinauszuzögern.“

„Das klingt nach einer ehrlichen Antwort.“

„Ich hab in letzter Zeit viel über Ehrlichkeit gelernt“, sagte Kael mit einem kleinen, müden Lächeln. „Von einem Archiv. Und von drei sehr unerwarteten Lehrern.“

Für einen Moment sagte niemand etwas, und in der Stille lag etwas, das sich anfühlte wie gegenseitiger Respekt, der noch keine Worte gefunden hatte.

Später an diesem Abend, als Kael sich zurückgezogen hatte, um an seinem Bericht weiterzuschreiben, blieben die drei Kinder mit Thalor allein in der Station.

„Vertraust du ihm?“, fragte Mia geradeheraus, wie es ihre Art war.

Thalor überlegte lange, bevor er antwortete.

„Ich glaube ihm“, sagte er schließlich. „Das ist nicht ganz dasselbe wie Vertrauen. Aber es ist ein Anfang.“

„Was ist der Unterschied?“, fragte Ben.

„Glauben bedeutet, dass ich seine Worte für wahr halte“, sagte Thalor. „Vertrauen bedeutet, dass ich mein Leben – oder eures – darauf verwetten würde. Dahin sind wir noch nicht.“

Lina nickte langsam. Es war eine ehrliche Antwort, auch wenn sie sich nicht ganz beruhigend anfühlte.

„Und die Delegation?“, fragte sie. „Vertraust du der?“

„Noch weniger“, gab Thalor zu. „Aber das ändert nichts daran, dass wir ihr begegnen müssen. Manche Dinge lassen sich nicht vermeiden, egal wie sehr man es sich wünscht.“

Kurz bevor sie an diesem dritten Abend die Station betraten, blieb Lina noch einmal draußen stehen und sah hinauf zum Himmel, an dem sich die ersten Sterne zeigten.

„Drei Tage“, murmelte sie zu sich selbst. „Fühlt sich an wie drei Jahre.“

Mia trat neben sie. „Zeit ist relativ. Das hat uns Kael heute auch erklärt, als er von den Reisezeiten der Weitgereisten erzählt hat.“

„Das war vermutlich nicht so gemeint“, sagte Lina mit einem kleinen Lächeln.

„Nein“, gab Mia zu. „Aber es passt trotzdem irgendwie.“

Am dritten Abend, als die Sonne bereits hinter den Hügeln verschwunden war, meldete sich KERUS mit einer Dringlichkeit in der Stimme, die die KI selten zeigte.

„Ich registriere eine neue Energiesignatur“, sagte sie. „Groß. Deutlich größer als Kaels Kundschaftergefährt. Sie tritt gerade in die äußere Atmosphäre ein.“

Alle Blicke richteten sich auf die Hauptanzeige.

„Ist das—“, begann Ben.

„Ja“, sagte Kael, und seine Stimme war auf einmal sehr ruhig, auf jene Art, die Lina inzwischen als sein Zeichen für echte Anspannung erkannte. „Das ist die Delegation.“

„Schon?“, fragte Mia. „Du hast gesagt, Tage.“

„Ich habe gesagt, vielleicht Tage“, korrigierte Kael. „Offensichtlich haben sie sich beeilt.“

Thalor straffte sich, mit der Haltung eines Mannes, der sich auf etwas vorbereitete, dem er seit zweihundert Jahren aus dem Weg gegangen war.

„Wo werden sie landen?“, fragte er.

KERUS projizierte eine Karte, auf der ein heller Punkt langsam näher rückte, direkt auf das Kunstertal zu.

„Nach aktueller Flugbahn“, sagte KERUS, „in etwa vierzig Minuten. Fast exakt über uns.“

Ben atmete tief durch. „Okay. Vierzig Minuten, um die wichtigste Präsentation unseres Lebens vorzubereiten. Kein Druck.“

„Kein Druck“, wiederholte Mia, während sie bereits begann, ihre Notizen zu sortieren.

Lina sah zu Kael, der auf die Karte starrte, als könnte er die Zukunft darin lesen.

„Bist du bereit?“, fragte sie leise.

Kael brauchte einen Moment, bevor er antwortete.

„Nein“, sagte er ehrlich. „Aber ich glaube nicht, dass Bereitschaft je eine Option war. Nur der richtige Zeitpunkt.“

„Dann ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt“, sagte Thalor und legte, zum ersten Mal seit sie sich kannten, kurz die Hand auf Kaels Schulter – eine Geste, die mehr sagte als jede der sorgfältig ausformulierten Reden der letzten drei Tage.

Kapitel 10 – Die Delegation

Vierzig Minuten fühlten sich an wie vier.

Die Station verwandelte sich in einen Ort hektischer, aber geordneter Vorbereitung: KERUS stellte die letzten Archivbelege zusammen, Mia ordnete ihre Notizen ein letztes Mal, Kael überprüfte immer wieder dasselbe kurze Datenpaket, als könnte es sich durch bloßes Anstarren verbessern.

„Wo werden sie landen?“, fragte Lina, zum wiederholten Mal, als könnte sich die Antwort inzwischen geändert haben.

„Auf der Lichtung oberhalb des Kunstertals“, sagte KERUS. „Ich habe das Gebiet auf mögliche Zeugen überprüft. Um diese Uhrzeit ist dort niemand unterwegs.“

„Gut“, sagte Thalor. „Das bleibt so. Was auch passiert – die Kinder bleiben ungesehen von jedem, der nicht bereits eingeweiht ist.“

„Das schließt die Delegation nicht mit ein, oder?“, fragte Ben leicht besorgt.

„Nein“, sagte Kael. „Sie werden euch sehen müssen. Aber niemand sonst.“

Mia steckte ihr Tablet ein letztes Mal ein, dann wieder aus, dann endgültig ein. „Ich hab das Gefühl, ich sollte mehr mitnehmen. Beweise, Diagramme, irgendwas.“

„Du hast alles, was wir brauchen, im Kopf“, sagte Lina. „Das reicht.“

„Das ist eine schöne Idee, aber mein Kopf fühlt sich gerade nicht besonders zuverlässig an.“

„Deiner ist zuverlässiger als die meisten Computer, die ich kenne“, sagte Ben. „Und ich kenne KERUS.“

„Ich habe das gehört“, meldete sich KERUS über den Kommunikator.

„War auch so gemeint“, sagte Ben.

Der Weg zur Lichtung verlief in angespanntem Schweigen. Selbst Ben, dessen Kommentare in den letzten Tagen kaum verstummt waren, fand nichts zu sagen, das die Stille aufgewogen hätte.

Als sie ankamen, war der Himmel bereits sternenklar, der Mond stand tief über den Baumwipfeln, und für einen kurzen, absurden Moment dachte Lina, wie friedlich der Ort aussah – als hätte er keine Ahnung, was gleich geschehen würde.

Dann veränderte sich die Luft.

Ein tiefes, kaum hörbares Summen erfüllte die Lichtung, und über den Bäumen erschien, lautlos und ohne jede Vorwarnung, ein schlankes, silbrig schimmerndes Schiff – deutlich größer als Kaels Kundschaftergefährt, aber immer noch klein im Vergleich zu der Flotte, die sie in Band 13 über den Metropolen der Welt gesehen hatten.

Es landete mit einer Präzision, die selbst Mia beeindruckte, ohne einen einzigen umgeknickten Grashalm zu hinterlassen.

Ben griff instinktiv nach Linas Ärmel, ließ aber sofort wieder los, als ihm bewusst wurde, was er tat.

„Sorry“, murmelte er. „Reflex.“

„Ist schon gut“, sagte Lina, ohne den Blick von dem Schiff zu nehmen.

Eine Rampe glitt lautlos herunter.

Drei Gestalten traten heraus.

Die erste war groß, in eine Art Uniform gekleidet, deren Schnitt unmissverständlich militärisch wirkte, auch wenn kein Muster den Kindern vertraut war. Die zweite trug etwas, das eher an eine Robe erinnerte, mit feinen, sich bewegenden Mustern, die im Mondlicht schimmerten. Die dritte –

„Kael“, sagte die dritte Gestalt, und ihre Stimme trug eine Mischung aus Erleichterung und Vorwurf, die selbst Ben sofort verstand, ohne ein einziges weiteres Wort.

„Selyn“, sagte Kael, mit einem Ausatmen, das mehr verriet, als er vermutlich beabsichtigt hatte.

„Deine Schwester“, flüsterte Lina.

„Meine Schwester“, bestätigte Kael.

Selyn trat einen Schritt vor die anderen beiden, ihr Blick wanderte von Kael zu Thalor zu den drei Kindern, ohne dass ihr Gesicht viel preisgab.

„Du hast den Rat nicht informiert, bevor du gehandelt hast“, sagte sie, direkt an Kael gerichtet. Keine Begrüßung, keine Umschweife.

„Nein“, sagte Kael. „Das habe ich nicht.“

„Weißt du, wie viel Ärger das gemacht hat?“

„Ich kann es mir vorstellen.“

Die militärisch gekleidete Gestalt neben Selyn trat ebenfalls vor, musterte Thalor mit einem Blick, der alles andere als freundlich war.

„Wächter Thalor“, sagte sie. Kein Titel, keine Höflichkeit – nur der Name, wie eine Anklage. „Es ist lange her.“

„Zu lange, Kommandant Reyth“, sagte Thalor ruhig, wenn auch mit sichtbarer Anspannung. „Ich hatte gehofft, wir würden uns unter besseren Umständen wiederbegegnen.“

„Umstände wählt man sich selten aus“, sagte Reyth knapp.

Er musterte Thalor von Kopf bis Fuß, mit einem Blick, der mehr über zweihundert Jahre aufgestauten Groll verriet, als Worte es je gekonnt hätten.

„Ich habe unter deinem Kommando gedient, damals“, sagte Reyth schließlich, unerwartet leise. „Bevor alles zerbrach. Ich hielt dich für einen der ehrenhaftesten Wächter, die ich je kennengelernt habe.“

„Und jetzt?“, fragte Thalor.

„Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich glauben soll. Deshalb bin ich hier.“

Selyn legte ihrem ehemaligen Kommandanten kurz die Hand auf die Schulter, eine kleine, aber deutliche Geste der Solidarität. „Dann lass uns gemeinsam herausfinden, was wahr ist, Reyth. Nicht mehr und nicht weniger.“

Reyth nickte knapp, sichtlich bemüht, seine Fassung zurückzugewinnen.

Phelis nutzte den Moment der Stille, um sich zu KERUS Übertragungseinheit vorzubeugen, die Thalor bei sich trug. „Darf ich die Archivaufzeichnung direkt einsehen? Nicht als Misstrauen – als Bestätigung für den Rat.“

„Selbstverständlich“, sagte Thalor und reichte ihr das kleine Gerät. „Es gibt nichts darin, das ich verbergen möchte.“

Phelis studierte die Daten mit geübtem Blick, nickte mehrmals leise vor sich hin, während die anderen abwartend schwiegen.

Ben, der die ganze Zeit über bemüht ruhig geblieben war, konnte sich schließlich nicht mehr zurückhalten.

„Bei allem Respekt“, sagte er, und alle drei Fremden sahen überrascht in seine Richtung, als hätten sie nicht erwartet, dass eines der Kinder überhaupt das Wort ergreifen würde, „aber wir haben Beweise. Echte, im Archiv bestätigte Beweise. Wäre es nicht sinnvoller, die sich erstmal anzusehen, bevor irgendjemand hier weiter mit Vorwürfen um sich wirft?“

Lina hielt kurz die Luft an, unsicher, ob Bens Direktheit die Situation retten oder endgültig zum Kippen bringen würde.

Mia hingegen nickte knapp, offensichtlich insgeheim froh, dass jemand endlich aussprach, was auch sie dachte.

Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen.

Dann, überraschend, lachte die dritte Gestalt – die in der Robe, die bislang nichts gesagt hatte.

„Der Junge hat recht“, sagte sie, mit einer Stimme, die deutlich weicher klang als die der anderen beiden. „Ich bin Archivarin Phelis. Ich bin hier, um genau das zu tun: mir die Beweise anzusehen. Nicht, um zu urteilen, bevor ich es getan habe.“

Sie trat einen Schritt näher an Ben heran und musterte ihn mit unverhohlenem Interesse. „Du hast einen bemerkenswerten Instinkt für den richtigen Moment, das Wichtigste zu sagen. Das ist selten, in jedem Volk.“

Ben wusste nicht recht, ob das ein Kompliment war, entschied sich aber, es als eines zu nehmen. „Danke. Glaub ich.“

Selyn beobachtete die kleine Szene mit einem Ausdruck, der Lina an ihre eigene Mutter erinnerte, wenn sie zusah, wie fremde Kinder miteinander umgingen – eine Mischung aus Neugier und stillem Wohlwollen.

„Ihr drei seid ungewöhnlich“, sagte sie schließlich. „Nicht, weil ihr klug seid. Kluge Kinder gibt es überall. Sondern, weil ihr einander so offensichtlich vertraut. Das ist seltener, als man denkt – in jedem Volk.“

„Wir kennen uns schon ewig“, sagte Lina. „Da bleibt gar nichts anderes übrig, als sich zu vertrauen.“

„Vielleicht“, sagte Selyn. „Oder vielleicht ist es einfach eine Entscheidung, die ihr jeden Tag aufs Neue trefft, ohne es zu merken.“

Mia nutzte den kurzen Moment der Auflockerung, um sich direkt an Reyth zu wenden, mit einer Direktheit, die selbst Lina überraschte. „Was würde Sie überzeugen? Ganz konkret. Welche Art von Beweis würden Sie akzeptieren?“

Reyth sah sie lange an, bevor er antwortete. „Konsistenz“, sagte er schließlich. „Eine Geschichte, die sich nicht verändert, egal wie oft man sie prüft. Das Archiv ist ein Anfang. Aber ich werde genau zuhören, ob alles zusammenpasst.“

„Dann sollten wir anfangen“, sagte Thalor.

Reyth warf ihr einen scharfen Blick zu, sagte aber nichts.

Phelis trat einen Schritt näher an die Kinder heran, musterte sie mit offener, unverhohlener Neugier, die nichts Bedrohliches an sich hatte.

„Ihr seid also die Wächter, von denen der Notruf sprach“, sagte sie. „Ich hatte erwartet, jemand Älteres zu treffen.“

„Die Enttäuschung teilen wir öfter, als Sie denken“, sagte Ben, was Phelis tatsächlich zu einem echten Lächeln brachte.

„Ich bin nicht enttäuscht“, sagte sie. „Nur überrascht. Das ist etwas anderes.“

„Guter Unterschied“, sagte Ben. „Den merk ich mir.“

Phelis musterte ihn noch einen Moment länger, bevor sie sich wieder an die Gruppe insgesamt wandte. „Ich habe in dreihundert Jahren als Archivarin viele Berichte gehört. Selten einen, bei dem die wichtigsten Zeugen so jung waren.“

„Wir wachsen schnell rein“, sagte Mia trocken. „Bei uns hilft die Umgebung.“

Reyth ließ sich von der aufgelockerten Stimmung nicht anstecken. „Wir sind nicht hier, um freundlich zu plaudern“, sagte er scharf. „Wir sind hier wegen eines eigenmächtigen Alleingangs, der die Sicherheitsprotokolle unseres gesamten Volkes verletzt hat.“

„Und wegen einer zweihundert Jahre alten offenen Frage“, sagte Selyn, ruhiger, aber nicht weniger bestimmt. „Vergiss das nicht, Reyth. Deshalb sind wir wirklich hier.“

Reyth presste die Lippen zusammen, widersprach aber nicht weiter.

Lina nutzte die kurze Pause, um selbst das Wort zu ergreifen, mit einer Ruhe, die selbst sie überraschte.

„Kann ich etwas fragen?“, sagte sie. „Was genau würde es bedeuten, wenn der Rat entscheidet, dass Thalor und Atlantis die Wahrheit gesagt haben? Was ändert sich dann konkret zwischen euren Völkern?“

Phelis übernahm die Antwort, bevor Reyth oder Selyn etwas sagen konnten. „Es würde bedeuten, dass wir nach zweihundert Jahren wieder offiziellen Kontakt aufnehmen könnten. Handel, Austausch, gemeinsame Forschung – alles, was einmal zwischen unseren Völkern selbstverständlich war.“

„Das klingt nach viel Verantwortung“, sagte Lina.

„Das ist es auch“, sagte Phelis. „Aber Verantwortung, die es wert ist, getragen zu werden.“

Selyn nickte langsam. „Dann lasst uns hören, was ihr zu sagen habt. Alle von euch.“

Thalor sah kurz zu Kael, dann zu den Kindern, und in seinem Blick lag etwas, das Lina nur als stille Dankbarkeit deuten konnte.

Mia trat vor, ihr Tablet fest in der Hand, obwohl sie es kaum brauchen würde – die Zahlen, die Daten, alles war längst in ihrem Kopf sortiert.

„Bevor Thalor anfängt“, sagte sie, an Phelis gerichtet, „sollten Sie wissen, dass alles, was er sagt, durch das Archiv selbst bestätigt wurde. Es hat auf Wahrheit reagiert, nicht auf Behauptungen. Das ist überprüfbar.“

Phelis sah sie mit unverhohlener Anerkennung an. „Ein Archiv reagiert nur, wenn es einen echten Austausch erkennt. Das ist… bemerkenswert.“

„Bemerkenswert wofür genau?“, fragte Reyth misstrauisch.

„Dafür, dass hier offenbar niemand gelogen hat“, sagte Phelis. „Was, mit Verlaub, eine erfrischende Abwechslung ist.“

Selyn wandte sich an ihren Bruder. „Du hättest mir davon erzählen können, Kael. Bevor du losgeflogen bist.“

„Hättest du mich fliegen lassen?“, fragte Kael.

Selyn schwieg einen Moment zu lang.

„Nein“, gab sie schließlich zu. „Wahrscheinlich nicht.“

„Eben deshalb“, sagte Kael leise.

„Es beginnt“, sagte er, „vor sehr langer Zeit. Mit einem Schiff, das Platz für drei hatte – und vier, die an Bord gehörten.“

Kapitel 11 – Das Urteil

Thalor erzählte die Geschichte diesmal anders als im Archiv.

Nicht zögernd und nicht bruchstückhaft, sondern klar und geordnet. Gemeinsam mit Kael hatte er in den vergangenen Tagen jedes Detail noch einmal rekonstruiert.

Er berichtete von den letzten Minuten vor der Katastrophe. Vom Rettungsschiff, das nur drei Plätze besaß, obwohl vier Personen an Bord gehört hätten: Vaelith, zwei Gelehrte der Weitgereisten und Thalor selbst.

„Ich musste in wenigen Sekunden entscheiden“, sagte Thalor ruhig. „Ich überließ Vaelith meinen Platz und blieb zurück. Das Schiff startete – doch es erreichte sein Ziel nie.“

Er erklärte, wie der Einschlag jede Kommunikation zerstört hatte. Keine Nachricht hatte die Weitgereisten erreicht. Niemand konnte ihnen sagen, warum er nicht an Bord gewesen war. Gleichzeitig blieb auch das Rettungsschiff verschollen. Weder seine Besatzung noch Trümmer wurden jemals gefunden.

„Für euch musste es so aussehen, als hätten wir eure Gelehrten im Stich gelassen“, sagte Thalor. „Für uns sah es so aus, als wären sie auf dem Heimweg verloren gegangen. Zwischen diesen beiden Wahrheiten lag jahrtausendelang nur Schweigen.“

Phelis hörte mit einer Konzentration zu, die keine einzige Frage unbeantwortet ließ, unterbrach an den richtigen Stellen mit präzisen, aber nie feindseligen Nachfragen.

Reyth hörte ebenfalls zu, mit verschränkten Armen und einer Miene, die sich kein einziges Mal veränderte.

Selyn stand die ganze Zeit über neben ihrem Bruder, und mehr als einmal sah Lina, wie ihre Hand kurz nach seiner griff, bevor sie sich wieder löste, als schäme sie sich für die Geste.

Als Thalor geendet hatte, herrschte lange Stille.

„Das ist eine bewegende Geschichte“, sagte Reyth schließlich, mit einer Stimme, die genau zwischen Anerkennung und Misstrauen balancierte. „Aber Geschichten sind nicht dasselbe wie Beweise.“

„Das Archiv hat auf Wahrheit reagiert“, sagte Mia, bevor irgendjemand sonst antworten konnte. „Nicht auf Behauptungen. Sie kennen die Mechanik dieser Archive besser als wir – Sie wissen, dass es nicht lügt.“

Reyth sah sie an, überrascht über die Direktheit, mit der ein Kind ihm widersprach.

„Ihr erzieht eure Wächter, mit Kommandanten zu streiten?“, fragte er, an Thalor gerichtet, halb tadelnd, halb – wie Lina zu erkennen glaubte – widerwillig beeindruckt.

„Ich erziehe sie, für das einzustehen, was richtig ist“, sagte Thalor. „Ob das nun einem Kommandanten gefällt oder nicht.“

„Das Kind hat nicht unrecht“, sagte Phelis. „Die Archive täuschen sich nicht. Wenn es reagiert hat, dann, weil echte Wahrheit ausgetauscht wurde. Das ist eine der ältesten und verlässlichsten Prüfungen, die wir besitzen.“

„Und dennoch“, sagte Reyth, „ändert das nichts an zweihundert Jahren, in denen wir Atlantis für Verräter gehalten haben. Ganze Generationen sind mit dieser Geschichte aufgewachsen.“

„Das ändert es tatsächlich nicht“, sagte Thalor ruhig. „Aber es ist ein Anfang, diese Geschichte zu berichtigen. Mehr kann ich nicht anbieten als die Wahrheit und die Bereitschaft, das zu tun, was nötig ist, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.“

Selyn trat einen Schritt vor, ihr Blick fest auf Reyth gerichtet.

„Und was ist mit meinem Bruder?“, fragte sie. „Er hat eigenmächtig gehandelt. Aber er hat auch die Wahrheit gefunden, die zweihundert Jahre lang niemand von uns gesucht hat, weil wir zu sehr davon überzeugt waren, sie bereits zu kennen.“

Reyth schwieg lange.

„Es gibt Stimmen im Rat, die seit Jahrzehnten nach jedem Vorwand suchen, den Kontakt zu Atlantis endgültig für beendet zu erklären“, sagte er schließlich, leiser als zuvor. „Diese Geschichte hier – so bewegend sie ist – wird ihnen nicht gefallen. Sie zerstört eine sehr bequeme Wahrheit.“

„Bequeme Wahrheiten sind trotzdem oft die falschen“, sagte Mia.

Reyth sah sie lange an. „Manchmal wünschte ich, es gäbe mehr Menschen – oder was auch immer ihr genau seid –, die das so unumwunden aussprechen.“

„Das Protokoll sieht Konsequenzen für eigenmächtiges Handeln vor“, sagte er schließlich. „Das lässt sich nicht einfach übergehen, nur weil das Ergebnis günstig ausgefallen ist.“

Kael, der bislang auffällig still geblieben war, trat nun selbst vor.

Selyn sah ihn an, mit einer Mischung aus Sorge und Stolz, die nur eine Schwester so genau ausbalancieren konnte.

Phelis beobachtete die Geschwister eine Weile, bevor sie sich leise an Lina wandte. „Es ist selten, dass Familie und Pflicht so offen aufeinandertreffen. Meistens versteckt man das eine hinter dem anderen.“

„Bei uns geht das nicht besonders gut“, sagte Lina. „Wir sind zu dritt zu schlecht im Verstecken.“

Phelis lächelte. „Vielleicht ist das eure größte Stärke.“

„Ich erwarte keine Ausnahme“, sagte er. „Ich wusste, was ich riskierte, als ich losflog. Wenn es Konsequenzen geben muss, dann trage ich sie. Aber ich würde es wieder tun.“

Ben, der die ganze Zeit über beeindruckend still gewesen war für seine Verhältnisse, konnte sich nun doch nicht mehr zurückhalten.

„Kann ich kurz was sagen? Als – ich weiß nicht – neutrale dritte Partei, die zufällig direkt daneben steht?“

Reyth sah ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Ungeduld an. „Sprich.“

„Wenn ihr Kael bestraft, weil er die Wahrheit gefunden hat, die euer eigenes Volk zweihundert Jahre lang nicht mal gesucht hat“, sagte Ben, „dann lernt doch niemand mehr was aus der ganzen Geschichte. Ihr bestraft genau die Sache, die euch geholfen hat. Das ergibt für mich keinen Sinn. Und ich hab in Mathe echt nicht viel Ahnung, aber Logik krieg ich meistens hin.“

Für einen Moment war es so still, dass man den Wind in den Baumkronen hören konnte.

Dann, überraschend, lachte Phelis leise. „Der Junge hat eine erfrischend direkte Art, das Offensichtliche auszusprechen.“

„Das“, sagte Selyn, „ist vielleicht genau das, was uns in den letzten zweihundert Jahren gefehlt hat.“

Reyth sah zwischen den Gesichtern hin und her – Kael, Selyn, Phelis, Thalor, den drei Kindern – und für den ersten Moment, seit er gelandet war, wirkte er weniger wie ein Kommandant und mehr wie jemand, der ehrlich abwägte.

„Ich werde dem Rat empfehlen, Kaels Handeln als außergewöhnlichen Umstand zu bewerten“, sagte er schließlich, langsam, als koste ihn jedes Wort etwas. „Nicht als Straftat. Aber das ist meine Empfehlung, keine Entscheidung. Der Rat wird das letzte Wort haben.“

Kael atmete sichtbar aus, zum ersten Mal seit Minuten.

„Das ist mehr, als ich erwartet hatte“, sagte er leise.

„Erwarte trotzdem nicht zu viel“, warnte Reyth. „Der Rat kann meine Empfehlung ebenso gut ablehnen wie annehmen. Ich verspreche nichts, außer dass ich ehrlich berichten werde, was ich hier gesehen habe.“

„Mehr kann niemand verlangen“, sagte Thalor.

„Untersteh dich, es zu einer Gewohnheit zu machen“, sagte Selyn, aber ihre Stimme war weich.

Phelis wandte sich an Thalor. „Was das Archiv betrifft – die Aufzeichnungen darin gehören beiden unseren Völkern gemeinsam. So war es immer gedacht, so sollte es bleiben. Ich schlage vor, dass wir gemeinsam entscheiden, was damit geschieht.“

„Eine gemeinsame Verwaltung“, wiederholte Thalor. „Nach zweihundert Jahren Stille wäre das mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte.“

„Dann fangen wir klein an“, sagte Phelis. „Große Dinge beginnen selten anders.“

Reyth, der die ganze Unterredung über ungewöhnlich still geworden war, räusperte sich schließlich.

„Für das Protokoll“, sagte er, an niemand Bestimmten gerichtet, „widerspreche ich dieser Einschätzung nicht.“

Von Reyth, das spürten alle im Raum, war das bereits eine bemerkenswerte Zustimmung.

„Das“, sagte Thalor, „ist ein Anfang, mit dem ich leben kann.“

Lina, die die ganze Zeit über aufmerksam beobachtet hatte, wagte es nun, selbst eine Frage zu stellen.

„Was passiert jetzt mit uns?“, fragte sie. „Mit dem Siegerland? Wird jemand erfahren, was hier passiert ist?“

Selyn sah sie an, überraschend sanft. „Nicht, wenn ihr es nicht wollt. Wir respektieren die Entscheidung der Wächter, verborgen zu bleiben. Das war immer Teil der Abmachung zwischen unseren Völkern.“

Lina spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste, das sie kaum als Anspannung erkannt hatte, bis es verschwand.

„Danke“, sagte sie einfach.

Selyn trat einen Schritt näher an die drei Kinder heran, musterte jedes von ihnen einzeln, mit einer Aufmerksamkeit, die nichts Beiläufiges an sich hatte.

„Ihr habt heute mehr für den Frieden zwischen unseren Völkern getan als so manche offizielle Verhandlung, an der ich in den letzten Jahren teilgenommen habe“, sagte sie. „Das vergesse ich nicht.“

Ben wusste nicht recht, wohin mit dem Kompliment, und rettete sich, wie so oft, in Humor. „Wir nehmen auch Bezahlung in Form von ewigem intergalaktischem Ruhm an, falls das eine Option ist.“

Selyn lachte, ein echtes, überraschtes Lachen. „Ich werde sehen, was sich einrichten lässt.“

Ben trat neben sie, seine Stimme diesmal ganz ohne den üblichen Scherz. „Bedeutet das, wir sind fertig? Also, mit der ganzen… intergalaktischen Diplomatie-Sache?“

„Fürs Erste“, sagte Kael. „Aber Fertig ist ein großes Wort. Es gibt noch viel wiederherzustellen zwischen unseren Völkern. Das hier war nur der Anfang.“

„Der Anfang reicht mir für heute Abend völlig“, sagte Ben, und diesmal lachten sogar Reyth und Selyn.

Reyth, der sich den ganzen Abend über keine einzige Regung erlaubt hatte, ließ sich sogar zu einem knappen Nicken in Bens Richtung hinreißen. „Für einen so jungen Vermittler hast du heute mehr bewegt als so manche Verhandlung, die ich in Jahrzehnten miterlebt habe.“

Ben, für einen der seltenen Momente in dieser Geschichte, wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.

Phelis wandte sich noch einmal an die Kinder, bevor sie zum Schiff zurückgingen. „Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Unter ruhigeren Umständen, vielleicht.“

„Das hoffen wir auch“, sagte Mia. „Auch wenn ich zugeben muss, dass ‚ruhige Umstände‘ in letzter Zeit nicht gerade unsere Stärke waren.“

Bevor sie zum Schiff zurückkehrten, drehte sich Selyn noch einmal zu Kael um, mit einer Sanftheit, die ihre offizielle Haltung von zuvor kaum vermuten ließ.

„Komm bald nach Hause“, sagte sie. „Mutter und Vater fragen ständig nach dir.“

„Sag ihnen, es geht mir gut“, sagte Kael. „Besser, als es mir seit Langem ging, tatsächlich.“

Selyn lächelte, ein kleines, ehrliches Lächeln, das für einen Moment jede diplomatische Fassung vergessen ließ. „Das werde ich.“

Über ihnen hing der Mond noch immer tief über den Bäumen, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich die Lichtung im Kunstertal nicht mehr wie ein Ort der Bedrohung an, sondern wie ein Ort, an dem etwas Wichtiges – wenn auch nicht Perfektes – wieder zusammengefügt worden war.

Kapitel 12 – Ein neues Gleichgewicht

In den Tagen nach der Landung kehrte das Siegerland äußerlich vollständig zur Normalität zurück.

Die Schule ging weiter, mit derselben Mathearbeit, die Ben trotz allem noch schreiben musste – und die, entgegen seiner düstersten Befürchtungen, nur mittelmäßig katastrophal ausfiel.

„Eine Drei minus“, verkündete er stolz, als er den anderen beiden den Zettel zeigte. „Für jemanden, der in derselben Woche eine intergalaktische Delegation überzeugt hat, ist das doch ein hervorragendes Ergebnis.“

„Die Delegation hast du nicht allein überzeugt“, sagte Mia.

„Ich hab einen entscheidenden Redebeitrag geleistet.“

„Das stimmt“, gab Lina zu. „Das hast du wirklich.“

Ben strahlte, als hätte ihm gerade jemand einen Orden verliehen.

Selbst Herr Brandt hatte, nachdem er die Arbeit zurückgegeben hatte, kurz angemerkt, Ben wirke „neuerdings konzentrierter“, was Ben mit einer Ernsthaftigkeit quittierte, die selbst Mia überraschte.

„Vielleicht hilft es ja wirklich, wenn man weiß, wie es sich anfühlt, wenn wirklich was auf dem Spiel steht“, sagte er später zu den anderen. „Da wirkt eine Kurvendiskussion plötzlich gar nicht mehr so beängstigend.“

„Das ist erstaunlich reif für dich“, sagte Mia.
„Ich überrasche sogar mich selbst“, sagte Ben zum zweiten Mal in dieser Geschichte, und diesmal ließ Mia es ihm sogar durchgehen, ohne zu widersprechen.

Lina wiederum bemerkte, dass sich etwas in ihrem Blick auf die Welt verschoben hatte. Der Wald am Ortsrand, durch den sie jeden Tag zur Schule ging, wirkte nicht mehr nur wie ein vertrauter Ort ihrer Kindheit, sondern wie ein Ort voller Geschichten, die erst noch erzählt werden mussten – manche davon vielleicht mit ihrer eigenen Beteiligung.

Kael blieb noch drei weitere Tage im Siegerland, bevor die Zeit kam, zurückzukehren – nicht als Kundschafter mehr, sondern offiziell, mit dem Segen seines Volkes, um die ersten Schritte einer neuen Zusammenarbeit zwischen Atlantis und den Weitgereisten einzuleiten.

Diese drei Tage verbrachte er größtenteils damit, mit Thalor durch die Station zu gehen, alte Aufzeichnungen zu vergleichen, Erinnerungen auszutauschen, die zweihundert Jahre lang niemand mehr geteilt hatte. Manchmal saßen die beiden stundenlang schweigend beieinander – nicht aus Verlegenheit, sondern aus einer Art Frieden, der keine Worte brauchte.

Die Kinder besuchten die beiden an jedem dieser Nachmittage, brachten mal Kekse aus der heimischen Küche mit, mal einfach nur Gesellschaft, und langsam, Stück für Stück, wurde aus der Station unter dem Wald ein Ort, an dem zwei uralte Wesen wieder lernten, wie man einander vertraute.

Am letzten Abend trafen sich alle noch einmal in der Station: Thalor, Kael, KERUS – und die drei, ohne die, wie Kael offen zugab, nichts von alldem möglich gewesen wäre.

„Ich werde regelmäßig senden“, versprach Kael. „Über KERUS. Damit ihr wisst, wie es meinem Volk – und mir – ergeht.“

„Und deiner Schwester“, sagte Lina. „Sag ihr, sie soll uns mal besuchen. Ohne Kommandant und Protokoll.“

Kael lachte. „Das werde ich ausrichten. Ich glaube, sie würde das mögen.“

Er wandte sich an Ben zuletzt, mit einem Ausdruck, der zwischen Respekt und Belustigung schwankte. „Und du – pass auf, dass dein Humor dich nicht eines Tages in noch größere Schwierigkeiten bringt, als er dich diesmal herausgeholt hat.“

Er wandte sich dann auch an Mia, mit einer Ernsthaftigkeit, die ihr sichtlich schmeichelte. „Und du – deine Klarheit hat mehr bewirkt, als dir bewusst sein dürfte. Der Rat wird lange über die Argumente eines Kindes staunen, die präziser waren als die mancher erfahrener Diplomaten.“

Mia errötete leicht, verbarg es aber hinter einem knappen Nicken. „Ich sammle einfach gern Fakten, bevor ich urteile. Das sollten mehr Leute tun.“

„Da stimme ich dir vollkommen zu“, sagte Kael.

Er wandte sich schließlich an Lina, zuletzt, mit einer Feierlichkeit, die selbst ihr ungewohnt war. „Und du, Lina – ohne dich hätte keiner von uns den Mut gehabt, überhaupt zusammenzukommen. Du hast diese ganze Geschichte zusammengehalten, von Anfang bis Ende.“

Er hielt kurz inne, bevor er weitersprach, als würde er nach den passendsten Worten suchen für etwas, das ihm wichtig war.

„Als ich dich zum ersten Mal traf, warst du noch ein Kind, das lernen musste, worauf es ankommt. Jetzt stehst du hier, und ich bin mir nicht mehr sicher, wer von uns beiden mehr gelernt hat in dieser Zeit.“

„Wahrscheinlich ich“, sagte Lina mit einem kleinen Lächeln, „aber danke, dass du es nicht so direkt sagst.“

Kael lachte leise, ein echtes, warmes Lachen, das den Abschied für einen Moment leichter machte, als er sich anfühlte.

Lina spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, ungewohnt an so viel direktes Lob. „Ich hab nur getan, was mir richtig erschien.“

„Das“, sagte Kael, „ist meistens alles, was gebraucht wird.“

KERUS, die die ganze Verabschiedung mitverfolgt hatte, meldete sich mit einer ungewohnt weichen Note in der Stimme zu Wort. „Falls es von Interesse ist – ich habe die letzten drei Wochen archiviert. Für den Fall, dass jemand sie eines Tages nachlesen möchte.“

„Wer sollte das schon wollen?“, fragte Ben.

„Zukünftige Wächter, vielleicht“, sagte KERUS. „Geschichten wie diese verdienen es, erinnert zu werden.“

Ben dachte einen Moment nach. „Okay, wenn das so ist – dann schreib rein, dass ich derjenige war, der alles gerettet hat. Rein der Vollständigkeit halber.“

„Das wäre eine sehr großzügige Interpretation der Ereignisse“, sagte KERUS.

„Ich nenn es künstlerische Freiheit“, sagte Ben.

„Ich nenne es Geschichtsfälschung“, sagte Mia, aber sie lachte dabei, zum ersten Mal seit dem Abschied wieder unbeschwert.

„Keine Garantien“, sagte Ben. „Aber ich geb mir Mühe.“

Als Kaels kleines Kundschaftergefährt schließlich lautlos in den Nachthimmel aufstieg und zwischen den Sternen verschwand, blieben die drei noch lange auf der Lichtung stehen und sahen ihm nach.

„Glaubt ihr, wir sehen ihn wieder?“, fragte Ben schließlich.

„Ich glaube schon“, sagte Lina. „Diese Geschichte fühlt sich nicht an, als wäre sie zu Ende.“

Ben warf noch einen letzten Blick in den Himmel, dorthin, wo längst nichts mehr zu sehen war außer gewöhnlichen Sternen. „Weißt du, vor ein paar Wochen hätte ich gesagt, das hier klingt nach dem Ende eines Films. Alle sind versöhnt, alle gehen nach Hause, Abspann.“

„Und jetzt?“, fragte Mia.

„Jetzt weiß ich, dass es eher wie der Trailer für den nächsten Film ist“, sagte Ben. „Und ich hab das Gefühl, wir kriegen alle drei die Hauptrollen.“

Mia, die die ganze Zeit über nachdenklich geschwiegen hatte, nickte langsam.

„Das ist sie auch nicht“, sagte sie. „Zweihundert Jahre Schweigen lassen sich nicht in einer Woche vollständig auflösen. Das hier war nur der erste Schritt.“

Thalor, der sich zu ihnen gesellt hatte, sah in den Himmel, dorthin, wo Kaels Schiff verschwunden war.

„Ihr habt mehr erreicht, als ich für möglich gehalten hätte“, sagte er leise. „Nicht nur, dass ihr eine alte Wunde geheilt habt, die ich selbst zweihundert Jahre lang nicht anzurühren wagte. Ihr habt gezeigt, dass Wahrheit noch immer stärker ist als jede Geschichte, die man sich stattdessen erzählt.“

„Das war eigentlich hauptsächlich Mias Idee“, sagte Ben großzügig. „Ich hab nur den komischen Teil übernommen.“

„Der komische Teil war wichtiger, als du denkst“, sagte Thalor. „Manchmal braucht es genau das, um Menschen – oder Weitgereiste – daran zu erinnern, dass hinter allen großen Worten immer noch echte Wesen stehen, mit echten Gefühlen. Du hast das niemanden vergessen lassen, die ganze Zeit über.“

Mia verschränkte die Arme, aber ohne jede Schärfe. „Und ich? Was war mein Beitrag, außer Tabellen und Fakten?“

„Du warst diejenige, die niemandem erlaubt hat, sich in Geschichten zu verlieren, wenn Wahrheit gebraucht wurde“, sagte Thalor. „Das ist seltener, als du denkst, und wichtiger, als es sich anfühlt.“

Mia sagte nichts darauf, aber Lina bemerkte, wie sie für einen Moment sehr fest auf den Boden sah, so, als müsse sie ein Lächeln unterdrücken, das ihr peinlich gewesen wäre.

„Und ich?“, fragte Lina schließlich, halb im Scherz, halb ehrlich neugierig.

„Du“, sagte Thalor, „warst diejenige, die uns alle zusammengehalten hat, wenn es am schwersten war. Das ist die seltenste Fähigkeit von allen.“

Ben wusste für einen Moment nicht, was er darauf erwidern sollte, was, wie Lina fand, eine der seltensten Situationen der letzten Wochen war.

Sie gingen gemeinsam den Weg zurück zum Dorf, durch den Wald, der im Mondlicht friedlich und vollkommen gewöhnlich wirkte – als hätte er keine Ahnung, was sich in seinen tiefsten Winkeln in den letzten Tagen abgespielt hatte.

Am Waldrand blieb Lina noch einmal stehen und sah zurück.

„Weißt du“, sagte sie zu den anderen beiden, „vor ein paar Wochen dachte ich, das Schlimmste wäre vorbei, nachdem die Flotte wieder verschwunden war. Aber ich glaube, das war nur der Anfang von etwas viel Größerem.“

„Größer wie – noch mehr Zivilisationen, die plötzlich vor unserer Haustür stehen?“, fragte Ben.

„Möglich“, sagte Lina mit einem kleinen Lachen. „Bei unserem Glück würde mich das nicht mal mehr überraschen.“

„Ich fang schon mal an, mir Sprüche für die nächste Begrüßung zu überlegen“, sagte Ben. „Man muss ja vorbereitet sein.“

„Bitte nicht wieder was mit Kleiderschränken“, sagte Mia.

„Das war einmalig gut und das weißt du.“

„Vielleicht“, sagte Lina. „Oder größer wie – wir verstehen langsam, dass die Wächter zu sein nicht bedeutet, Dinge zu bekämpfen. Sondern, Dinge zu verstehen. Zu vermitteln. Auch wenn es manchmal komplizierter ist als jeder Kampf.“

Mia betrachtete sie einen Moment lang. „Das ist überraschend weise für einen Donnerstagabend.“

„Ich hab meine Momente“, sagte Lina noch einmal, mit einem kleinen Lachen, das die Anspannung der letzten Wochen für einen Moment vollständig vertrieb.

Sie gingen die letzten Meter bis zum Ortsrand schweigend, aber es war ein anderes Schweigen als noch vor einer Woche – kein angespanntes Warten mehr, sondern das ruhige, vertraute Schweigen von drei Menschen, die genau wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten, komme, was wolle.

Als sie schließlich zu Hause ankamen, jeder in seinem eigenen Zimmer, jeder mit seiner eigenen Version von Erschöpfung und stillem Stolz, ahnte keiner von ihnen, dass KERUS in derselben Nacht, tief unter dem Kunstertal, eine letzte, beiläufige Meldung registrierte.

Eine dritte Energiesignatur. Schwach, weit entfernt, kaum mehr als ein Flüstern zwischen den Sternen.

Aber vorhanden.

Und wartend.

KERUS speicherte die Meldung, ohne die drei zu wecken. Es gab Zeit genug, dachte die KI – falls künstliche Intelligenzen so etwas wie Gedanken hatten –, um sich am nächsten Morgen darum zu kümmern.

Manche Geschichten, das hatte KERUS in all den Jahren mit den Wächtern gelernt, mussten erst zu Ende geträumt werden, bevor sie weitergehen konnten.

Und diese hier, das spürte selbst eine Maschine ohne Herzschlag, war noch lange nicht zu Ende.

Schlusswort

Wenn ihr diese Zeilen lest, habt ihr Lina, Ben und Mia auf einem weiteren Stück ihres Weges begleitet. Ich hoffe, ihr habt mit ihnen mitgefiebert, gerätselt, gelacht und vielleicht auch den einen oder anderen Moment erlebt, der euch noch ein wenig beschäftigt.

Die Welt verändert sich ständig. Neue Entdeckungen eröffnen ungeahnte Möglichkeiten, bringen aber auch Verantwortung mit sich. Genau davon erzählt dieses Buch. Nicht nur von Atlantis oder fernen Sternen, sondern auch von Vertrauen, Freundschaft und dem Mut, das Richtige zu tun – selbst dann, wenn der einfachere Weg verlockender erscheint.

Für mich ist das Schreiben dieser Reihe immer wieder eine besondere Reise. Aus einer Idee unter den Bergen des Siegerlands ist eine Geschichte entstanden, die mit jedem Band wächst. Dabei begegnen mir immer neue Figuren, neue Geheimnisse und neue Fragen. Manche davon finde ich selbst erst während des Schreibens.

Mein besonderer Dank gilt allen Leserinnen und Lesern, die die „Wächter des Siegerlands“ begleiten. Eure Rückmeldungen, eure Begeisterung und eure Unterstützung geben dieser Reihe Leben und motivieren mich, die Geschichte weiterzuerzählen.

Vielleicht erinnert euch dieses Buch daran, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Denn manchmal beginnen die größten Abenteuer nicht in fernen Galaxien, sondern direkt vor unserer eigenen Haustür.

Ich freue mich darauf, euch auch im nächsten Band wiederzusehen.

Bis dahin wünsche ich euch alles Gute – und vergesst nie, neugierig zu bleiben.

Noch nicht genug von Lina, Ben und Mia?

Die drei Freunde erleben noch viele weitere Abenteuer im Siegerland und darüber hinaus – von verborgenen Schätzen über vergessene Stollen bis hin zu Geheimnissen, die niemand mehr für möglich gehalten hätte.

Alle Bücher der Reihe findest du bei Amazon unter dem Suchbegriff „Lina Ben Mia“ oder unter dem Autorennamen Lothar Reuter.

Impressum

Titel des Buches: Wächter des Siegerlands – Band 14 – Die Erben von Atlantis
Autor: Lothar Reuter
Anschrift: Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland

E-Mail: LotharReuter@web.de
1. Auflage 2026
© 2026 Lothar Reuter. Alle Rechte vorbehalten.

Verantwortlich für den Inhalt:

Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland
Druck und Vertrieb:
Vertrieb der E-Book-Ausgabe: Amazon Kindle Direct Publishing

Die Inhalte dieses Buches unterliegen dem Urheberrecht. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Haftungsausschluss

Dieses Buch ist eine fantastische Jugendgeschichte — geschrieben für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren. Die Inhalte enthalten fiktive sowie frei interpretierte historische und regionale Elemente.

Hinweis zu den verwendeten Abbildungen

Die im Buch enthaltenen Illustrationen wurden mithilfe von ChatGPT (OpenAI) nach inhaltlichen und gestalterischen Vorgaben des Autors KI-basiert erstellt.

Verwendetes Tool: ChatGPT (OpenAI) — https://chat.openai.com

Über den Autor

Ein Weg, geprägt von Begegnungen

Lothar Reuter, geboren 1956 in Kreuztal, blickt auf ein vielseitiges Berufsleben zurück. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann war er viele Jahre im IT-Bereich eines Energienetzbetreibers tätig. Dabei begegnete er Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen und Verantwortungsbereichen — Erfahrungen, die seine Sicht auf Zusammenarbeit, Vertrauen und Kommunikation nachhaltig geprägt haben.

Seit seinem Ruhestand engagiert er sich aktiv in seiner Heimatregion, unter anderem im Heimatverein. Bereits zuvor war er in verschiedenen Vorstandsämtern örtlicher Vereine tätig.

Als Vater dreier erwachsener Kinder und stolzer Großvater von vier Enkelkindern schöpft er aus einem reichen Schatz persönlicher und beruflicher Erfahrungen.

Lothar Reuter lebt mit seiner Frau in Struthütten im Siegerland.

Danksagung

Ein persönliches Wort vorab

Mein herzlicher Dank gilt meiner Frau Anke Reuter.

Anke hat dieses Buch mit großer Sorgfalt mehrfach Korrektur gelesen und mir wertvolle Impulse zum Inhalt gegeben. Ihre Geduld, ihr kritischer Blick und ihre liebevolle Unterstützung haben maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Geschichte ihre heutige Form gefunden hat.

Viele Gedanken, Ideen und kleine Details dieses Buches wären ohne ihre Unterstützung nicht entstanden.