Diese Geschichte beginnt nicht im Siegerland, sondern viel weiter im Süden, dort, wo die Berge hoch und die Täler eng sind.
Lina, Ben und Mia kennen sich aus Struthütten. Sie kennen ihre Wälder, ihre Bäche und ihre alten Geschichten. Doch in diesem Sommer geht es zum ersten Mal weit weg von zu Hause – nach Saalbach, mitten in die Berge von Salzburg.
Was als ganz normaler Familienurlaub beginnt, wird zu einem Abenteuer, das keiner der drei je vergessen wird. Schon die Anreise hält mehr Überraschungen bereit, als geplant. Und was die Berge über Saalbach am Ende noch bereithalten, ahnt zu Beginn niemand.
Manchmal muss man einfach losfahren, um zu erfahren, was einen erwartet.
Lina (11 Jahre)
Lina sieht genau hin. Mit ihrer Kamera hält sie fest, was andere übersehen: das Licht über den Bergen, eine alte Karte im Hotel, ein verwittertes Steinkreuz am Weg oder eine Veränderung am Himmel. Sie ist neugierig und mutig, aber nicht unfehlbar. Manchmal muss sie erst lernen, dass ein Foto allein noch keine Antwort ist – und dass man anderen vertrauen muss, um eine Spur richtig zu deuten.
Ben (10 Jahre)
Ben hat oft einen Spruch auf den Lippen und freut sich auf Freibad, Bergbahn und gutes Essen. Doch er ist mehr als der Spaßmacher der Gruppe: Wenn es ernst wird, denkt er praktisch, packt an und bemerkt manchmal genau die einfachen Dinge, die alle anderen übersehen. Sein Mut zeigt sich nicht laut, sondern dann, wenn jemand Hilfe braucht.
Mia (9 Jahre)
Mia ist ruhig, aufmerksam und sehr genau. Sie stellt die richtigen Fragen, vergleicht Karten und merkt sich Wege. Gleichzeitig muss auch sie lernen, dass nicht alles in ein Notizbuch passt. In den Bergen zählen nicht nur Fakten, sondern auch Bauchgefühl, Vorsicht und die Bereitschaft, einen Plan zu ändern.
Gemeinsam
Lina, Ben und Mia sind sehr verschieden. Genau deshalb sind sie zusammen so stark.
Lina entdeckt und bewahrt die Spuren.
Mia ordnet sie und findet Zusammenhänge.
Ben bringt Mut, Wärme, Humor und praktische Ideen in jedes Abenteuer.
Und eine neue Freundin vor Ort kennt die Berge wie ihre Westentasche – sieht ihre Heimat durch die drei aber bald mit ganz neuen Augen.
Gemeinsam lernen sie, dass ein Urlaub nicht immer so verläuft, wie man ihn geplant hat. Manchmal zeigt sich gerade dann, worauf es wirklich ankommt: Freundschaft, Zusammenhalt und der Mut, das Richtige zu tun, auch wenn es nicht der leichteste Weg ist.
Kapitel 1 – Pläne für die Ferien
Es roch nach Kaffee und nach frisch gemähtem Gras, als sich die drei Familien an diesem Samstagnachmittag auf der Terrasse bei Lina zu Hause versammelten. Der Tisch war voller Broschüren, Landkarten und aufgeklappter Handys, auf denen Wetterberichte und Wanderrouten leuchteten.
Es war einer dieser warmen Sommertage, an denen man am liebsten den ganzen Nachmittag draußen verbringt. In den Gärten ringsum hörte man Rasenmäher brummen, und irgendwo in der Nachbarschaft lachten Kinder beim Spielen. Struthütten lag ruhig da, so wie es das immer tat, eingebettet zwischen den sanften, bewaldeten Hügeln des Siegerlandes.
Lina saß mit angezogenen Beinen auf einem der Gartenstühle und beobachtete, wie ihre Eltern gemeinsam mit Bens und Mias Eltern die Broschüren durchblätterten. Es war schon zur kleinen Familientradition geworden, den Sommerurlaub gemeinsam zu planen, seit die drei Familien vor einigen Jahren Nachbarn geworden waren.
„Berge“, sagte Linas Vater und tippte mit dem Finger auf eine Karte, „dieses Jahr geht es in die Berge. Nach Saalbach, im Salzburger Land. Da gibt es Wanderwege für jedes Alter, eine Sommerrodelbahn in der Nähe und, wie ich gehört habe, auch ein Freibad.“
Ben, der bis dahin eher gelangweilt auf seinem Stuhl gehangen hatte, richtete sich sofort auf.
„Freibad?“, fragte er. „Das hätte man auch früher sagen können.“
Mia hatte längst ihr kleines Notizbuch gezückt. „Saalbach liegt im Glemmtal“, sagte sie, „mitten zwischen Bergen und Almen. Auf manchen Karten stehen Namen, die man heute kaum noch hört.“
Lina griff nach der Broschüre und blätterte darin. Auf den Bildern sah man grüne Almwiesen, steile Felswände und kleine Holzhütten, aus denen Rauch stieg. Sofort dachte sie an ihre Kamera zu Hause im Regal. Solche Bilder wollte sie unbedingt selbst machen.
Auf einer der Seiten war sogar eine Sommerrodelbahn abgebildet, die sich in weiten Schlangenlinien einen Hang hinunterschlängelte. „Schaut mal, das hier!“, rief Lina und hielt die Broschüre hoch. „Eine Rodelbahn, mitten im Sommer!“
Mias Mutter, die die Broschüre kurz zur Hand nahm, entdeckte noch eine weitere Attraktion. „Hier gibt es sogar einen Hochseilgarten“, las sie vor. „Und einen Themenweg über die Geschichte der Region.“
„Ein Themenweg?“, fragte Mia sofort interessiert und streckte die Hand nach der Broschüre aus, um selbst nachzulesen.
Sie las sich die kurze Beschreibung genau durch. „Hier steht, dass der Weg an mehreren alten Bergwerksstollen vorbeiführt und die Geschichte des Bergbaus in der Region erklärt“, berichtete sie den anderen. „Das würde mich schon interessieren.“
Lina, die sich für die Fotomotive interessierte, fragte, ob es Bilder von den Stollen in der Broschüre gebe. Tatsächlich fand sich eine kleine Abbildung eines dunklen Stolleneingangs, umrahmt von altem Gestein. „Das sieht spannend aus“, sagte sie. „Fast ein bisschen unheimlich, aber auf die gute Art.“
Auf einem kleinen Randbild in der Broschüre entdeckte Lina außerdem ein verwittertes Kreuz neben einer Quelle. Darunter stand nur ein kurzer Hinweis auf den Talschluss. Der Rest der Bildunterschrift war so klein gedruckt, dass selbst Mia ihn nicht sicher entziffern konnte. Ben beugte sich darüber, sagte aber nichts. Für einen Moment war nur das Rascheln der Broschüre zu hören.
„Sieht jedenfalls nach einem Ort aus, an dem man genau hinschauen muss“, sagte Ben und schob die Broschüre wieder in die Mitte des Tisches.
Ben beugte sich sofort über den Tisch, um besser sehen zu können. „Das will ich sofort ausprobieren“, sagte er. „Sobald wir angekommen sind, direkt am ersten Tag.“
„Erst mal müssen wir überhaupt ankommen“, gab Mia zu bedenken, ohne von ihrem Notizbuch aufzusehen. „Und laut meiner Berechnung dauert das schon einen ganzen Tag.“
„Ein ganzer Tag im Zug“, stöhnte Ben und ließ sich theatralisch nach hinten in seinen Stuhl fallen. „Das überlebe ich nicht.“
„Du überlebst schlimmere Dinge“, sagte Lina trocken und grinste ihn an. „Zum Beispiel, wenn dir die letzte Portion Nachtisch entgeht.“
Alle am Tisch lachten, sogar Ben selbst, der zugeben musste, dass sie damit nicht ganz unrecht hatte.
„Wie fahren wir denn dahin?“, wollte Ben wissen. „Ist das nicht ziemlich weit?“
Linas Vater lehnte sich zurück und seufzte ein wenig. „Das ist tatsächlich eine gute Frage. Es sind über 600 Kilometer, und dazu noch viele Kurven in den Bergen. Ich habe mir das gut überlegt: Ich möchte diesmal nicht selbst die ganze Strecke fahren. Das ist mir einfach zu anstrengend geworden.“
Lina sah ihren Vater nachdenklich an. Sie konnte sich gut erinnern, wie er nach der letzten langen Autofahrt tagelang über Rückenschmerzen geklagt hatte. „Das verstehe ich total“, sagte sie. „Dann fahren wir eben mit dem Zug, das wird bestimmt auch schön.“
Auch zu Hause war schnell alles geregelt: Bens Oma kümmerte sich um Mauzi, Linas Nachbarin goss die Blumen, und Mias Großeltern warfen ein Auge auf das Haus.
Für einen Moment war es still auf der Terrasse. Dann sagte Bens Mutter: „Dann fahren wir eben mit dem Zug. Das haben wir früher auch schon gemacht, als ihr noch klein wart.“
„Mit dem Zug?“, rief Ben. „Den ganzen Weg bis nach Österreich?“
„Genau“, sagte Mias Vater und lächelte. „Umsteigen, Aussicht genießen, vielleicht sogar ein Buch lesen. Klingt doch gar nicht so schlecht.“
Ben verzog das Gesicht. Zugfahren fand er langweilig. Stundenlang sitzen, während draußen immer dieselbe Landschaft vorbeizog – das war für ihn keine große Sache. Aber laut widersprechen wollte er auch nicht, denn das Freibad-Argument hatte ihn schon fast überzeugt.
„Ich habe die Verbindung schon herausgesucht“, sagte Mia stolz und drehte ihr Handy so, dass alle den Bildschirm sehen konnten. „Abfahrt in Herdorf um 5 Uhr morgens. Mit zwei Umstiegen. Ankunft in Zell am See um 15 Uhr 45. Von dort geht es dann mit dem Bus weiter nach Saalbach.“
„5 Uhr?“, stöhnte Ben. „Das ist ja noch Nacht!“
„Dafür sind wir am Nachmittag schon da und haben den ganzen restlichen Tag für uns“, sagte Lina. Sie fand den Plan eigentlich ziemlich aufregend. Eine so lange Zugfahrt hatte sie noch nie gemacht.
Linas Vater klappte sein Handy zu, auf dem er gerade die Sitzplatzreservierungen kontrolliert hatte. „Ich habe für alle Plätze am Fenster reserviert“, verkündete er zufrieden. „Dann könnt ihr die ganze Fahrt über die Landschaft sehen.“
„Alle am Fenster?“, fragte Ben. „Das heißt, wir sitzen uns gegenüber?“
„Genau“, sagte Linas Vater. „So könnt ihr euch die Zeit vertreiben, ohne euch gegenseitig im Weg zu sitzen.“
Mia, die inzwischen eine Liste mit allem, was sie für die Fahrt brauchten, erstellt hatte, hakte einen Punkt nach dem anderen ab: Proviant, Getränke, ein Kartenspiel für den Fall, dass ihnen langweilig werden sollte, und natürlich genug Ladekabel für die Handys.
„Ich glaube, wir sind ziemlich gut vorbereitet“, stellte sie zufrieden fest, nachdem sie die Liste ein letztes Mal durchgegangen war.
Die Erwachsenen begannen, Einzelheiten zu besprechen: Wo sie übernachten würden, wie lange der Urlaub dauern sollte, was sie alles einpacken mussten. Das Hotel hieß Mitterer und lag mitten im Ort, ganz in der Nähe der Bergbahnen. Auf den Fotos in der Broschüre sah es gemütlich aus, mit Holzbalkonen voller roter Blumen.
„Und es gibt eine Jokercard“, las Bens Mutter vor. „Damit kann man die Bergbahnen benutzen, die Wanderbusse, das Freibad und noch einiges mehr. Alles im Preis inbegriffen.“
„Bergbahnen!“, rief Ben und vergaß für einen Moment seinen Ärger über die frühe Abfahrt. „Das klingt schon besser.“
Mia notierte die wichtigsten Wege, Lina dachte an ihre Kamera, und Ben beschloss, dass eine Bergbahn den frühen Zug vielleicht doch wert sein könnte.
Als die Erwachsenen schließlich alles besprochen hatten, stand fest: In zwei Wochen sollte es losgehen. Vierzehn Tage Sommerferien in den Bergen, mit Wandern, Baden und hoffentlich viel Sonnenschein.
„Und was packen wir ein?“, fragte Ben, während sie später gemeinsam nach Hause gingen. „Badehose, klar. Aber sonst?“
„Feste Schuhe“, sagte Mia sofort. „Für die Wanderwege. Und eine Regenjacke, falls das Wetter umschlägt. In den Bergen kann sich das Wetter sehr schnell ändern.“
„Meine Kamera kommt auf jeden Fall mit“, sagte Lina. „Ich will Fotos von den Bergen machen. Und vielleicht finden wir ja sogar wieder etwas Spannendes.“
„Wir sind doch nur im Urlaub“, sagte Ben. „Diesmal gibt es bestimmt kein Geheimnis zu lösen. Nur Berge, Freibad und ganz viel Nichtstun.“
Mia sah ihn über den Rand ihres Notizbuchs an. „Das hast du bei den letzten Malen auch gedacht.“
Ben wollte gerade antworten, aber ihm fiel nichts Passendes ein. Also grinste er nur und lief schneller, um als Erster an der nächsten Straßenecke zu sein.
Die nächsten zwei Wochen bis zur Abfahrt vergingen schnell. Am letzten Abend trafen sich die drei Kinder noch einmal bei Lina im Garten. Ben kontrollierte sein Proviantfach, Mia ihre Notizbücher und Lina ihre Kameratasche. Zwischen Sockenlisten und Ersatzakkus lag plötzlich wieder dieses kleine Gefühl von Aufbruch in der Luft.
Lina schwieg einen Moment. Sie dachte an das winzige Bild mit dem Steinkreuz zurück. Wahrscheinlich war es nur ein Foto für Wanderer. Trotzdem merkte sie sich die Stelle in der Broschüre.
Ben sah zu den dunkler werdenden Gärten hinüber. „Vielleicht ist ein normaler Urlaub ja auch mal ganz gut“, sagte er. Aber diesmal klang es nicht so überzeugt wie sonst.
Als sie später das Licht ausmachte, lagen Kamera, Ersatzakkus und feste Schuhe bereit. Der Plan für den nächsten Morgen klang einfach: früh aufstehen, zum Bahnhof laufen, nach Zell am See fahren. Wie schnell sich ein einfacher Plan verändern konnte, ahnte noch niemand.
Kapitel 2 – Die Zugfahrt, die keine werden sollte
Der Wecker klingelte um halb vier Uhr, und Ben war überzeugt, dass es sich dabei um einen Irrtum handeln musste. Draußen war es noch stockdunkel, als die drei Familien mit ihren Koffern zum Bahnhof in Herdorf liefen.
„Ich lebe noch“, murmelte Ben und gähnte so laut, dass Mia ihn erschrocken ansah.
„Das ist gut zu wissen“, sagte sie. „Sonst hätten wir ein Problem mit den Fahrkarten.“
Um Punkt 5 Uhr rollte der erste Zug in den Bahnhof ein. Koffer wurden verstaut, Jacken über die Sitze gelegt, und kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, war Ben schon eingeschlafen, den Kopf gegen die Fensterscheibe gelehnt.
Lina sah hinaus, wie die vertraute Landschaft des Siegerlandes im ersten Morgenlicht vorbeizog. Wälder, Wiesen und kleine Dörfer glitten an ihnen vorbei. Ein Reh stand am Waldrand, dann verschwand es zwischen den Bäumen. Ben wachte gerade rechtzeitig auf, um eine Gruppe Wildgänse über ein Feld ziehen zu sehen.
„Die wissen wenigstens genau, wo sie hinwollen“, sagte er und rieb sich die Augen.
Mia hatte ihr Notizbuch aufgeschlagen und schrieb die Verbindungen mit: Abfahrtszeiten, Gleise, Umstiege. „Nur zur Sicherheit“, erklärte sie. „Bei langen Reisen sollte man wissen, wo man steht.“
Der erste Umstieg klappte. Auch der zweite Zug fuhr pünktlich los. Für eine Weile sah es so aus, als würde der Plan tatsächlich funktionieren.
Dann kam die Durchsage: „Wegen einer Signalstörung kommt es zu Verzögerungen im Streckenabschnitt. Wir bitten um Ihr Verständnis.“
Der Zug hielt mitten auf freier Strecke. Zuerst fünf Minuten, dann zehn, dann zwanzig. Ben zählte nicht mehr laut mit, sondern sah aus dem Fenster auf die Kühe, die völlig unbeeindruckt weitergrasten.
„Die haben es gut“, sagte Lina. „Die müssen keinen Anschlusszug erwischen.“
Mia verglich den Fahrplan mit ihrer Liste und zog die Stirn kraus. „Wenn wir hier noch länger stehen, verpassen wir Frankfurt.“
Genau so kam es. Als sie endlich in Frankfurt ankamen, sahen sie durch die Bahnhofshalle nur noch die Rücklichter ihres Anschlusszuges verschwinden.
Am Servicepunkt fand ein Bahnmitarbeiter eine neue Verbindung. Sie mussten warten. Die Erwachsenen telefonierten mit dem Hotel, die Kinder setzten sich auf eine Bank, und Lina fotografierte das gläserne Dach, die Anzeigetafeln und eine Taube, die zwischen den Reisenden nach Krümeln suchte.
Neben ihnen saß eine ältere Frau mit einem großen Wanderrucksack. Sie zeigte den Kindern Fotos von schroffen Gipfeln, schmalen Graten und einem tiefblauen Bergsee.
„Warten Sie, bis Sie es mit eigenen Augen sehen“, sagte die Frau, als Lina die Bilder bewunderte. „Kein Foto kann das wirklich einfangen.“
„Gehen Sie ganz allein in die Berge?“, fragte Ben.
„Ja“, antwortete die Frau. „Aber nie leichtsinnig. Man muss die Berge respektieren und immer auf das Wetter achten. Dort oben kann sich alles schneller ändern, als man denkt.“
Lina merkte sich diesen Satz, ohne genau zu wissen, warum. Mia schrieb ihn nicht auf. Gerade deshalb blieb er ihr später im Kopf.
Kurz darauf kam ihr neuer Zug. Die Fahrt ging weiter, aber der Tag blieb anstrengend: Baustelle vor München, ein voller Ersatzbus, erneutes Warten, neue Gleise, neue Durchsagen. Mia gab irgendwann auf, jede Verspätungsminute sauber zu notieren, und schrieb nur noch: „Reise verläuft anders als geplant.“
„Das klingt viel wissenschaftlicher als: großes Durcheinander“, sagte Ben.
„Es ist beides richtig“, erwiderte Mia.
In München blieb nur eine kurze Pause. Die Familien holten Wasser und Obst am Kiosk und gingen rechtzeitig zurück zum Gleis. Diesmal widersprach niemand, als Mia auf Pünktlichkeit bestand.
„Nach diesem Tag“, seufzte Ben, „traue ich keinem Fahrplan mehr.“
Der letzte Zug Richtung Zell am See war endlich pünktlich. Draußen wurde es dunkler, und plötzlich standen die ersten Berge am Horizont: zuerst nur Schatten, dann immer deutlicher, je weiter der Zug in die Alpen hineinfuhr.
Lina drückte das Gesicht fast an die Scheibe. „Schaut mal“, flüsterte sie. „Die sind ja riesig.“
Auch Ben und Mia sahen gebannt hinaus. Für einen Moment war niemand mehr müde, und selbst die vielen Umwege des Tages wirkten kleiner.
Um kurz vor 19 Uhr kamen sie in Zell am See an, mehr als drei Stunden später als geplant. Die Anspannung verwandelte sich in Eile, denn der Bus nach Saalbach fuhr in wenigen Minuten.
Mit Koffern, Rucksäcken und letzten Kräften liefen sie aus dem Bahnhof hinaus. Der Busfahrer wartete geduldig, bis auch die letzten Fahrgäste eingestiegen waren.
Ben sank auf seinen Sitz und schloss die Augen. „Wenn dieser Bus jetzt auch noch stehen bleibt, schiebe ich ihn persönlich weiter.“
Mia sah ihn von der Seite an. „Das wäre zumindest ein praktischer Beitrag.“
Der Bus setzte sich in Bewegung. Hinter den Fenstern wurde Zell am See kleiner, und vor ihnen öffnete sich das dunkle Tal nach Saalbach.
Kapitel 3 – Ankunft in Saalbach
Der Bus war fast leer, als sie einstiegen, und alle sanken erschöpft auf ihre Plätze. Draußen war es inzwischen dunkel geworden, und die Straße schlängelte sich in vielen Kurven durch ein enges Tal.
Der Busfahrer, ein älterer Mann mit einem freundlichen Gesicht, hatte sie am Bahnhof mit einem herzlichen „Grüß euch“ begrüßt, als er ihre Koffer im Gepäckfach verstaute. Er schien es nicht eilig zu haben, obwohl es schon spät war, und fuhr die kurvenreiche Strecke mit ruhiger, sicherer Hand.
Durch die Busfenster konnte man hin und wieder die Umrisse einzelner Bauernhöfe erkennen, aus deren Fenstern warmes Licht schien. Einmal fuhren sie an einer kleinen, beleuchteten Kapelle vorbei, die einsam am Straßenrand stand, und Lina drückte für einen Moment ihr Gesicht an die kühle Scheibe, um sie besser zu sehen.
Ben hatte die Stirn gegen das kühle Fenster gelehnt und beobachtete, wie hin und wieder die Lichter eines Bauernhofs oder eines kleinen Gasthauses am Straßenrand vorbeizogen. „Wie weit ist es noch?“, murmelte er müde.
„Laut Fahrplan ungefähr zwanzig Minuten“, sagte Mia, ohne von ihrem Handy aufzusehen, auf dem sie noch immer die Route verfolgte.
Lina war zu müde, um noch Fotos zu machen. Sie lehnte sich an die Schulter ihrer Mutter und schaute in die Dunkelheit hinaus, wo sich hier und da die schwarzen Umrisse der Berge gegen den etwas helleren Nachthimmel abzeichneten.
Endlich hielt der Bus mitten im Ort. Ein Schild verkündete: Saalbach Zentrum.
Müde, aber erleichtert, stiegen sie aus und zogen ihre Koffer über das Pflaster. Der Ort lag ruhig da, nur wenige Fenster waren noch erleuchtet, und irgendwo in der Ferne rauschte ein Bach.
Das Hotel Mitterer war schnell gefunden, ein stattliches Haus mit Holzbalkonen, an denen auch bei Dunkelheit die roten Blumen zu erkennen waren, die sie schon auf den Fotos gesehen hatten. Über der Eingangstür brannte eine warme, gelbe Lampe.
Das Haus war größer, als es auf den Fotos gewirkt hatte, drei Stockwerke hoch, mit geschnitzten Holzverzierungen unter dem Dach und einem kleinen Vorgarten, in dem bunte Blumenbeete zu erkennen waren. Ein handgemaltes Schild neben der Tür zeigte einen lächelnden Bergsteiger und die Worte: „Willkommen im Hotel Mitterer – Ihr Zuhause in den Bergen.“
Ben blieb einen Moment vor dem Schild stehen. „Sieht gemütlich aus“, sagte er zufrieden. „Hauptsache, es gibt bald etwas zu essen.“
Kaum hatten sie die Tür geöffnet, kam ihnen eine Frau mit kurzen, dunklen Haaren entgegen. Sie trug eine Schürze und wirkte, als hätte sie den ganzen Abend auf sie gewartet.
Im Eingangsbereich roch es nach frisch poliertem Holz und ein wenig nach Vanille. An der Wand hingen gerahmte Fotografien von Bergen zu allen Jahreszeiten, und in einer Ecke stand ein alter, aber gut erhaltener Kachelofen, der zwar an diesem warmen Sommerabend nicht brannte, aber der ganzen Eingangshalle etwas Heimeliges verlieh.
Von irgendwoher aus dem Inneren des Hauses drang leise Musik, ein altes Volkslied, das jemand offenbar auf einem Radio in der Küche laufen ließ. Es passte gut zu der ruhigen, freundlichen Atmosphäre, die das ganze Haus auszustrahlen schien.
„Da seid ihr ja endlich!“, rief die Frau und breitete die Arme aus, als würde sie alte Bekannte begrüßen. „Ich bin Franziska, mir gehört das Hotel. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, als eure Nachricht kam, dass sich alles verspätet.“
Erst danach bemerkte sie, wie Lina neugierig zu dem kleinen Gästebuch auf der Rezeption hinübersah. Es lag aufgeschlagen da, und frühere Besucher hatten ihre Eindrücke in mehreren Sprachen hineingeschrieben, alle voller Lob für das Hotel und die herzliche Gastfreundschaft.
„Wollt ihr am Ende eures Aufenthalts auch etwas hineinschreiben?“, fragte Franziska freundlich.
„Auf jeden Fall“, sagte Lina sofort. „Aber erst, wenn wir wissen, was wir alles erlebt haben.“
Franziska lächelte über diese Antwort. „Eine kluge Einstellung. Die schönsten Einträge in diesem Buch sind sowieso immer die, die ganz am Ende einer Reise geschrieben werden, wenn man auf alles zurückblicken kann.“
„Es tut uns wirklich leid, dass wir so spät kommen“, sagte Linas Vater. „Die Bahn hatte heute einen besonders schlechten Tag.“
Franziska winkte ab. „Das ist doch kein Problem. Hauptsache, ihr seid gut angekommen. Kommt herein, ihr müsst hungrig sein.“
Sie half ihnen sogar dabei, die schweren Koffer die wenigen Stufen zur Eingangstür hinaufzutragen, obwohl sie eigentlich selbst schon einen langen Arbeitstag hinter sich hatte. „So spät sind hier selten Gäste unterwegs“, sagte sie mit einem Lächeln, „aber das macht überhaupt nichts. Hauptsache, ihr seid heil angekommen.“
Während sie ins Haus gingen, erklärte Franziska noch schnell, dass die Zimmer bereits vorbereitet seien und dass es warmes Wasser für eine Dusche gebe, falls sich jemand nach der langen Reise noch frisch machen wolle, bevor er zu Bett ging.
„Eine warme Dusche wäre jetzt wirklich perfekt“, gestand Bens Mutter erschöpft, und Franziska nickte verständnisvoll, als hätte sie diesen Satz schon von vielen müden Reisenden gehört.
Sie führte sie in einen gemütlichen Gastraum mit dunklen Holztischen, an dessen Wänden alte Fotografien von den Bergen hingen. Auf einem der Tische stand bereits gedeckt: Brot, Käse, Wurst und eine große Kanne Tee.
„Ich habe euch etwas beiseitegelegt, falls ihr noch Hunger habt“, sagte Franziska. „Um diese Zeit ist die Küche zwar schon geschlossen, aber ein bisschen was findet sich immer.“
Ben strahlte, als er das Essen sah. „Das ist das Beste, was ich seit dem Mittagessen gesehen habe“, sagte er und griff sofort nach einem Stück Brot.
Der Käse schmeckte kräftig und würzig, ganz anders als der, den sie von zu Hause kannten, und die Wurst hatte einen rauchigen Geschmack. Lina probierte von allem ein kleines Stück, während Mia genau nachfragte, welche Sorten das eigentlich waren und wo sie herkamen.
„Der Käse ist von einem Bauern hier aus dem Tal“, erklärte Franziska, die sich zu ihnen an den Tisch gesetzt hatte, um ihnen beim Essen Gesellschaft zu leisten. „Und das Brot backen wir jeden Morgen selbst, noch vor dem Frühstück.“
„Das erklärt, warum es so gut riecht“, sagte Ben mit vollem Mund, was ihm einen strengen Blick von seiner Mutter einbrachte, den er mit einem entschuldigenden Grinsen quittierte.
Während sie aßen, kam ein Mädchen die Treppe herunter, das zwölf Jahre alt war und damit nur ein wenig älter als Lina. Sie hatte einen langen Zopf und trug eine Küchenschürze, ähnlich wie ihre Mutter.
„Das ist Julia, meine Tochter“, sagte Franziska. „Sie hilft mir hier im Hotel, so gut es eben geht, wenn sie nicht gerade in der Schule ist.“
Julia lächelte schüchtern. „Willkommen in Saalbach“, sagte sie. „Ihr müsst ganz schön müde sein nach so einer langen Fahrt.“
Sie trug ihre blonden Haare zu einem ordentlichen Zopf geflochten und war sauber gekleidet. Ihre Augen wirkten müde, aber freundlich, und sie strahlte eine Ruhe aus, die zu ihrer Mutter passte.
„Habt ihr wirklich den ganzen Tag im Zug verbracht?“, fragte sie ungläubig, als Franziska ihr kurz die Geschichte der Verspätungen erzählte.
„Gefühlt eine ganze Woche“, sagte Ben und sackte mit einem übertrieben schweren Seufzer auf einen der Stühle am Tisch. „Aber jetzt, wo ich hier sitze und esse, fühlt es sich schon viel besser an.“
Julia lachte, ein helles, ansteckendes Lachen. „Das kann ich verstehen. Wenn ich mal mit dem Zug in die Stadt fahre, komme ich mir manchmal auch vor wie eine Weltreisende, dabei sind das nur zwanzig Minuten.“
„Zwanzig Minuten sind gar nichts“, sagte Mia ungerührt. „Wir hatten heute mindestens vier verschiedene Züge und drei Busse, wenn man alles zusammenzählt.“
„Respekt“, sagte Julia beeindruckt und setzte sich für einen Moment mit an den Tisch, um den drei bei ihrem verspäteten Abendessen Gesellschaft zu leisten, während ihre Mutter in der Küche noch letzte Vorbereitungen für den nächsten Tag traf.
„Das kannst du laut sagen“, antwortete Lina und lächelte zurück. Irgendetwas an Julias ruhiger, freundlicher Art gefiel ihr sofort.
„Wie lange wohnst du schon hier?“, fragte Lina neugierig.
„Mein ganzes Leben“, sagte Julia. „Ich bin hier im Hotel groß geworden. Manchmal, wenn ich abends nicht schlafen kann, höre ich unten noch die letzten Gäste im Gastraum reden. Das kenne ich gar nicht anders.“
„Muss lustig sein, in einem Hotel zu wohnen“, meinte Ben. „So, als würde man immer irgendwo im Urlaub sein.“
Julia lachte leise. „So fühlt es sich eigentlich nicht an. Aber schön ist es trotzdem. Man lernt viele Leute aus der ganzen Welt kennen.“
Mia, die inzwischen fast fertig gegessen hatte, sah sich neugierig im Gastraum um. An einer Wand hing eine große, alte Landkarte der Umgebung, mit eingezeichneten Wanderwegen und Bergnamen. Sie stand auf und betrachtete sie genauer.
Die Karte war offensichtlich schon viele Jahre alt, das Papier vergilbt und an manchen Stellen leicht eingerissen. Mit dem Finger fuhr Mia die eingezeichneten Wege nach, viele davon mit handschriftlichen Notizen versehen, die kaum noch zu entziffern waren. Namen von Almen, kleine Kreuze an bestimmten Stellen, ein paar Zahlen, die vermutlich Höhenangaben waren.
Am unteren Rand verlief ein dünner, rötlicher Strich, der nicht zu den anderen Wegen passte. Er begann irgendwo hinter dem Hotel, verschwand zwischen braunen Flecken im Papier und tauchte erst weit hinten im Tal wieder auf. Daneben stand in krakeliger Schrift ein Wort, das Mia nur halb lesen konnte: „…weg“.
„Da stehen so viele Namen drauf“, murmelte sie fasziniert. „Almen, Gipfel, sogar kleine Quellen sind eingezeichnet.“
Auch Lina und Ben gesellten sich zu ihr und betrachteten die Karte. Ben suchte sofort nach dem Schattberg und der Schmittenhöhe, den beiden Bergen, von denen sie schon in der Broschüre zu Hause gelesen hatten.
„Hier ist er“, sagte er stolz und tippte auf eine Stelle. „Und da hinten, das muss die Forsthofalm sein, von der Julia vorhin erzählt hat.“
„Das ist eine alte Karte von meinem Großvater“, erklärte Franziska, die es bemerkt hatte. „Er kannte jeden Weg und jeden Steig in diesen Bergen. Manche davon gibt es heute gar nicht mehr. Andere sind einfach von den neuen Karten verschwunden.“
„Wieso gibt es sie nicht mehr?“, fragte Mia sofort interessiert.
Franziska lächelte müde. „Das ist eine lange Geschichte, die ich euch ein andermal erzähle. Jetzt solltet ihr erst einmal schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag, und ihr habt eine ganze Menge davon vor euch.“
Julia zeigte ihnen die Zimmer im ersten Stock, alle mit Holzbalken an der Decke und kleinen Balkonen, von denen aus man tagsüber sicher einen wunderbaren Blick auf die Berge hatte. In der Dunkelheit konnte man nur die schwarzen Umrisse erahnen.
Die Zimmer waren mit hellem Holz eingerichtet, die Betten mit karierten Decken bezogen, und auf jedem Nachttisch stand ein kleiner Krug mit frischen Alpenblumen. Es roch nach Holz und ein wenig nach Lavendel.
„Das ist wirklich schön hier“, sagte Lina, während sie ihren Koffer neben das Bett stellte und sich neugierig umsah.
„Meine Mutter legt viel Wert darauf, dass sich die Gäste wohlfühlen“, sagte Julia stolz. „Sie sagt immer, ein Hotel ist wie ein zweites Zuhause, nur für ein paar Tage.“
„Schlaft gut“, sagte Julia, bevor sie die Tür leise schloss. „Morgen zeige ich euch, wo das Freibad ist, wenn ihr wollt.“
„Das wollen wir“, sagte Ben sofort, bevor er sich überhaupt die Schuhe ausgezogen hatte.
Kaum lagen sie in ihren Betten, fielen den dreien schon fast die Augen zu. Der lange Tag mit all den Verspätungen, dem Warten und der aufregenden letzten Busfahrt durch die dunklen Berge steckte ihnen in den Knochen.
Ben, der eigentlich noch etwas über die Sommerrodelbahn nachlesen wollte, schlief mit dem Handy noch in der Hand ein, kaum dass er sich hingelegt hatte. Auch Mia, die sich vorgenommen hatte, ihre Notizen des Tages ordentlich fertigzustellen, kam nur bis zur Hälfte der Seite, bevor ihr die Augen zufielen.
Lina lag noch einen Moment wach und lauschte den ungewohnten Geräuschen: irgendwo klapperte eine Kuhglocke, der Bach rauschte leise, und ganz in der Ferne bellte ein Hund. Ganz anders als zu Hause, und doch auf seltsame Weise beruhigend.
Bevor sie einschlief, dachte sie noch kurz an den Wecker, der diesmal viel später klingeln würde als am Morgen zuvor. Kein Zug, keine Verspätung, keine Hetze – nur ein neuer Tag voller Berge, die darauf warteten, entdeckt zu werden.
„Wir sind endlich da“, murmelte sie leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Dann schlief auch sie ein, während draußen die Berge von Saalbach im Dunkeln über dem kleinen Ort wachten.
Kapitel 4 – Die Jokercard und der Schattberg
Am nächsten Morgen weckte sie strahlender Sonnenschein, der durch die Vorhänge fiel. Ben war der Erste, der aufsprang und den Balkon aufriss.
Er streckte sich ausgiebig in der frischen Morgenluft und atmete tief ein, ganz so, als wollte er die gute Laune des sonnigen Tages gleich in sich aufsaugen. „Heute wird ein guter Tag“, verkündete er zufrieden, noch bevor er überhaupt richtig wach war.
Draußen zwitscherten die Vögel, und aus der Küche im Erdgeschoss stieg bereits der Duft von frischem Kaffee und gebackenem Brot bis in die Zimmer hinauf. Irgendwo läutete eine einzelne Kuhglocke, gedämpft und fern, als würde sie den Tag begrüßen.
„Kommt her, das müsst ihr sehen!“, rief er.
Lina und Mia stürzten ans Fenster, und was sie sahen, ließ sie für einen Moment ganz still werden. Rings um den Ort erhoben sich grüne Berghänge, die weiter oben in schroffe, graue Felsen übergingen. Über allem spannte sich ein makellos blauer Himmel.
„Das sieht aus wie auf den Fotos“, flüsterte Lina, „aber noch viel schöner.“
Sie hatte ihre Kamera schon in der Hand und machte gleich vom Balkon aus die ersten Bilder, bevor sie überhaupt richtig angezogen war.
Beim Frühstück gab es ein großes Buffet mit frischen Brötchen, Marmelade aus der Region und sogar selbstgemachtem Kuchen. Ben belud seinen Teller so hoch, dass Mia ihm vorrechnete, wie viele Kalorien das wohl sein müssten, was Ben mit einem Schulterzucken quittierte.
Es gab außerdem verschiedene Sorten Honig, die alle aus der Umgebung stammten, und eine große Auswahl an frischem Obst. Lina probierte von jeder Marmeladensorte ein kleines bisschen, bis sie sich schließlich für die Aprikosenmarmelade entschied, die ihr am besten schmeckte.
Ben dagegen konnte sich nicht entscheiden und nahm sicherheitshalber von allem etwas, sodass sein Teller am Ende aussah wie ein kleines Farbenmeer aus verschiedenen Marmeladensorten. „Man muss ja alles mal probiert haben“, verteidigte er sich, als Mia ihn dafür aufzog.
Franziska, die gerade mit einem Tablett voller frischer Brötchen vorbeikam, blieb kurz stehen und lachte über Bens bunten Teller. „So sehen die Teller meiner eigenen Kinder auch immer aus, wenn sie zu Besuch sind“, sagte sie augenzwinkernd.
„Wie viele Kinder haben Sie denn?“, fragte Lina neugierig.
„Zwei“, sagte Franziska. „Julia und ihren älteren Bruder, der inzwischen in Salzburg studiert und nur noch in den Ferien nach Hause kommt.“
Am Nachbartisch saß eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die aufgeregt von ihrer geplanten Wanderung erzählten, und ein älteres Paar unterhielt sich leise auf Niederländisch. Überall roch es nach frischem Kaffee und warmem Gebäck.
Lina fiel auf, wie freundlich alle miteinander umgingen, obwohl sich die Gäste offensichtlich erst seit Kurzem kannten. „Das liegt bestimmt an den Bergen“, überlegte sie. „Irgendwie macht das alle ein bisschen gelassener.“
Mia hob skeptisch eine Augenbraue. „Oder daran, dass alle noch nicht richtig wach sind.“
Nach dem Frühstück kam Franziska an ihren Tisch und legte jedem eine kleine Plastikkarte hin. „Das ist eure Jokercard“, erklärte sie. „Damit könnt ihr während der ganzen zwei Wochen alle Bergbahnen benutzen, die Wanderbusse, das Freibad, und es gibt sogar ein paar Veranstaltungen, die extra für Feriengäste gemacht werden.“
Ben drehte die Karte in seinen Händen um und um. „Das heißt, wir könnten heute schon mit einer Bergbahn fahren?“
„Genau das heißt es“, sagte Franziska und lächelte. „Julia hat heute frei von der Schule, sie zeigt euch gern den Weg zur Talstation des Schattberg X-Press, wenn ihr mögt.“
Julia, die gerade mit einem Tablett vorbeikam, nickte sofort. „Wir könnten auf den Schattberg fahren. Von dort oben hat man einen der schönsten Ausblicke im ganzen Tal.“
Eine halbe Stunde später standen die drei Kinder gemeinsam mit Julia an der Talstation des Schattberg X-Press. Die große Kabine schwebte gerade oberhalb der Wiesen den Berg hinauf, und Ben konnte kaum stillhalten vor Aufregung.
Hier herrschte reges Treiben: Wanderer mit großen Rucksäcken standen Schlange, Mountainbiker schoben ihre Räder zu den Gondeln, und Kinder drängten sich aufgeregt neben ihren Eltern, während über ihnen bereits die Kabinen den Berg hinaufglitten.
Julia zeigte ihnen die Jokercard-Scanner an den Drehkreuzen. „Einfach über den Scanner halten, und schon geht das Tor auf“, erklärte sie. Ben wollte unbedingt als Erster ausprobieren, ob es wirklich so einfach funktionierte, und war sichtlich stolz, als das Drehkreuz nach einem kurzen Piepton tatsächlich aufging.
„Hat geklappt!“, rief er triumphierend, als hätte er gerade eine schwierige Prüfung bestanden.
„Das ist ja wie eine Seilbahn im Freizeitpark“, sagte er, als sie einstiegen und sich die Kabine langsam in Bewegung setzte.
„Nur dass hier die Aussicht echt ist“, sagte Mia trocken, während sie durch das große Fenster nach unten auf die immer kleiner werdenden Häuser blickte.
Die Gondel schaukelte sanft, als sie über eine Stütze glitt, was Ben kurz aufjuchzen ließ, bevor er merkte, dass es völlig ungefährlich war und eigentlich sogar Spaß machte.
Lina hatte ihre Kamera bereits vor das Gesicht gehoben und fotografierte die Landschaft, die unter ihnen vorbeizog: grüne Almwiesen, vereinzelte Kühe, die wie kleine bunte Punkte aussahen, und weiter hinten die schroffen Felswände anderer Berge.
Julia zeigte auf einen fernen Gipfel. „Das dort drüben liegt in Richtung Schmittenhöhe“, sagte sie. „Man kommt nicht mit einer Bahn direkt von Saalbach hinauf. Aber es gibt den Pinzgauer Spaziergang: Man startet hier oben am Schattberg, wandert über die Höhen bis zur Schmittenhöhe und fährt dort mit der Seilbahn nach Zell am See hinunter.“
Lina folgte Julias ausgestrecktem Arm mit den Augen und versuchte, sich den langen Höhenweg schon jetzt vorzustellen. „Das würde ich wirklich gerne machen“, sagte sie. „Aber nur, wenn jemand dabei ist, der den Weg wirklich kennt.“
„Dann frage ich Hans“, sagte Julia. „Er ist Wanderführer und begleitet Gäste oft auf dem Pinzgauer Spaziergang. Ohne ihn würde meine Mutter uns diese Tour bestimmt nicht erlauben.“
„Und dahinten?“, fragte Mia und zeigte auf eine andere Richtung, wo das Tal sich in der Ferne zu verengen schien.
„Das ist der Talschluss, ganz hinten bei der Forsthofalm“, erklärte Julia. „Da ist es besonders ruhig. Meine Mutter sagt immer, dort hinten hört man nur noch die Kühe und den Wind.“
Julia schwieg einen Moment. „Mein Großvater hat früher manchmal von Wegen erzählt, die heute niemand mehr benutzt“, sagte sie dann. „Als Kind habe ich die alten Striche auf der Karte immer für Abkürzungen gehalten. Meine Mutter sagt, man soll ihnen nicht zu viel Bedeutung geben, solange man nicht genau weiß, wo sie wirklich verliefen.“
Oben angekommen, stiegen sie aus der Kabine und traten hinaus auf eine große Terrasse. Der Wind wehte ihnen sofort kühl ins Gesicht, ganz anders als die warme Luft unten im Tal.
„Wow“, sagte Ben leise, was für ihn ungewöhnlich war. Normalerweise fielen ihm sofort Sprüche ein, aber der Ausblick verschlug ihm für einen Moment tatsächlich die Sprache.
Von hier oben konnte man das ganze Tal überblicken: den Ort Saalbach mit seinen Holzhäusern, die grünen Wiesen, die sich den Berg hinaufzogen, und ringsum eine Kette aus Gipfeln, die sich bis zum Horizont erstreckte.
Lina machte Foto um Foto. Sie konnte sich gar nicht sattsehen an der Landschaft. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Mia hatte inzwischen eine Informationstafel entdeckt, auf der die umliegenden Gipfel mit Namen und Höhenangaben verzeichnet waren, und begann, sich Notizen zu machen. „Der Schattberg liegt bei gut zweitausend Metern“, verkündete sie. „Die Schmittenhöhe ist mit knapp zweitausend Metern etwas niedriger, aber wegen des Blicks zum Zeller See trotzdem berühmt.“
Sie wanderten ein kleines Stück auf einem breiten, gut ausgebauten Weg, der um den Gipfel herumführte. Kühe mit großen Glocken um den Hals grasten friedlich am Wegesrand, und einmal blieb Ben stehen, um eine ganz besonders neugierige Kuh zu fotografieren, die ihn ausgiebig beschnupperte.
Am Wegrand entdeckte Mia mehrere kleine, gelbe Blumen, die sie nicht kannte, und zückte sofort ihr Notizbuch, um eine kleine Skizze davon anzufertigen. „Das sieht aus wie Arnika“, murmelte sie. „Die verwendet man manchmal für Salben.“
„Woher weißt du das denn schon wieder?“, fragte Ben kopfschüttelnd.
„Das habe ich mal in einem Buch über Alpenpflanzen gelesen“, sagte Mia schlicht, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Lina blieb derweil immer wieder stehen, um Fotos zu machen: die Blumen, die Kühe, den Blick über das Tal, und einmal sogar einen kleinen, pelzigen Schmetterling, der sich geduldig auf einem Grashalm niederließ, bis sie das perfekte Foto hatte.
An einer kleinen Almhütte machten sie Rast. Es gab Kaspressknödel in einer klaren Suppe, die Julia den anderen wärmstens empfahl. Ben war sofort überzeugt, kaum dass der Teller vor ihm stand.
Die Almhütte selbst war klein und urig, mit wenigen Holztischen auf einer Terrasse, von der aus man einen herrlichen Blick über die umliegenden Wiesen hatte. Ein freundlicher älterer Wirt begrüßte sie und erzählte stolz, dass die Suppe nach dem Rezept seiner Großmutter gekocht werde.
„Das schmeckt man“, sagte Lina, nachdem sie den ersten Löffel probiert hatte. „Das ist viel besser als alles, was ich sonst kenne.“
Neben ihrem Tisch lag ein freundlicher Hund, der geduldig darauf wartete, dass vielleicht ein Krümel für ihn abfiel. Ben konnte nicht widerstehen und schob ihm heimlich ein kleines Stück Knödel zu, was ihm einen strengen, aber liebevollen Blick von Julia einbrachte.
„Der bekommt sonst nie genug“, verteidigte sich Ben grinsend, während der Hund dankbar mit dem Schwanz wedelte.
„Das ist das beste Essen seit Beginn dieses Urlaubs“, erklärte er mit vollem Mund, und Lina musste lachen.
„Du sagst das bei jedem Essen“, bemerkte Mia.
„Weil es bisher auch bei jedem Essen stimmt“, entgegnete Ben ungerührt und schob sich den letzten Knödel in den Mund.
Julia erzählte den dreien, während sie aßen, ein wenig über das Leben im Hotel. Dass sie im Sommer oft mithalf, weil in der Ferienzeit besonders viel zu tun war. Dass ihre Mutter das Hotel schon von ihrer eigenen Großmutter übernommen hatte. Und dass sie manchmal davon träumte, es später einmal selbst weiterzuführen, auch wenn das noch weit in der Zukunft lag.
„Hilft dir sonst noch jemand im Hotel, außer deiner Mutter?“, fragte Lina.
„Der Onkel Rudi“, erklärte Julia. „Das ist eigentlich mein Patenonkel, aber er gehört für uns einfach dazu. Er arbeitet unten im Tal, bei der Gemeinde, und kümmert sich dort um die Straßen und Wege. Abends ist er aber oft auch bei uns im Hotel.“
„Das klingt nach einem wichtigen Job“, sagte Mia. „Gerade hier in den Bergen, wo es sicher öfter mal etwas zu reparieren gibt.“
Julia nickte. „Stimmt. Besonders nach starkem Regen oder im Winter, wenn es schneit. Dann ist er oft tagelang unterwegs.“
„Das klingt nach ziemlich viel Arbeit“, sagte Lina.
„Ist es auch“, gab Julia zu. „Aber es macht auch Spaß. Vor allem, wenn nette Gäste da sind.“ Sie lächelte die drei an, und Lina spürte, dass sie es ehrlich meinte.
Am Nachmittag fuhren sie mit der Bahn wieder hinunter ins Tal. Die Beine waren müde vom Wandern, aber es war eine gute Müdigkeit, wie Lina fand – die Art von Müdigkeit, die nach einem schönen Tag kommt.
In der Gondel auf dem Weg nach unten ließ Lina die Bilder des Tages noch einmal auf dem kleinen Display ihrer Kamera durchlaufen: die Kuh, die sie beschnuppert hatte, der Bussard, das Panorama vom Gipfel, Ben mit dem freundlichen Hund an der Almhütte. „Das waren richtig gute Fotos heute“, sagte sie zufrieden.
„Zeig mal“, sagte Ben und beugte sich neugierig über ihre Schulter, um die Bilder zu betrachten. Als er das Foto von sich und dem Hund sah, musste er selbst grinsen. „Das kommt definitiv ins Fotoalbum.“
Mia dagegen nutzte die Fahrt, um ihre Notizen des Tages zu vervollständigen: die Höhe des Schattbergs, die Namen der Blumen, die sie entdeckt hatten, und eine kleine Liste der Tiere, die ihnen begegnet waren. „Ein richtig produktiver Tag“, stellte sie zufrieden fest.
Zurück im Hotel ließen sie sich zunächst erschöpft auf die Terrasse fallen, wo bereits ein paar andere Gäste bei einem kühlen Getränk saßen.
„Ich glaube, jetzt hätte ich wirklich Lust auf ein Eis“, sagte Ben und rieb sich die müden Beine.
Kaum hatten sie sich gesetzt, kam auch schon Manuel, der Kellner des Hotels, mit einem breiten Lächeln an ihren Tisch. Er kannte inzwischen fast jeden Stammgast beim Namen und hatte für jeden ein freundliches Wort übrig.
„Na, die drei Bergsteiger“, sagte er augenzwinkernd. „Ich hätte da genau das Richtige für euch: unseren Hausbecher, mit ganz viel frischem Obst obendrauf. Der schmeckt nach so einem Tag am besten.“
Ben war sofort begeistert, und auch Lina und Mia ließen sich nicht zweimal bitten. Kurz darauf brachte Manuel drei große Becher, randvoll mit Vanilleeis, frischen Erdbeeren, Himbeeren und Kiwistücken, garniert mit einer Portion Sahne.
„Wenn noch etwas fehlt, sagt einfach Bescheid“, meinte er, bevor er sich um den nächsten Tisch kümmerte. „Ich bin gleich wieder da.“
„Der ist echt nett“, sagte Lina, während sie den ersten Löffel probierte.
„Und das Eis ist wirklich richtig gut“, erklärte Ben mit vollem Mund, was ihm einen kurzen, aber liebevollen Seufzer von Mia einbrachte.
Beim Abendessen erzählten sie Franziska begeistert von ihrem Ausflug. Franziska hörte lächelnd zu, während sie den Tisch abräumte.
„Es freut mich, dass es euch gefällt“, sagte sie. „Genießt die Tage. Man weiß nie, wie lange das schöne Wetter hier oben anhält.“
Diesen Satz dachte sich in diesem Moment niemand weiter etwas dabei. Draußen leuchtete der Himmel in sanftem Abendrot über den Bergen, und nichts deutete darauf hin, dass sich daran in den nächsten Tagen etwas ändern könnte.
Erschöpft, aber rundum zufrieden mit dem ersten richtigen Wandertag, zogen sich die drei Kinder bald darauf in ihre Zimmer zurück. Draußen zirpten die ersten Grillen der Nacht, und irgendwo in der Ferne läutete noch einmal eine einzelne Kuhglocke, bevor auch sie in der einbrechenden Dunkelheit verstummte.
Kapitel 5 – Der Pinzgauer Spaziergang
Ein paar Tage später stand der große Höhenweg an, von dem Julia am Schattberg erzählt hatte: der Pinzgauer Spaziergang. Franziska hatte nur zugestimmt, weil Wanderführer Hans die Gruppe begleiten würde und weil die Kinder in den vergangenen Tagen gezeigt hatten, dass sie auf Bergwegen aufmerksam, trittsicher und ausdauernd genug waren. Hans kannte den Weg seit vielen Jahren, prüfte morgens zuerst den Wetterbericht und entschied dann, ob die Tour überhaupt möglich war.
„Kein Spaziergang im Sinne von: gemütlich mit Eis in der Hand“, erklärte er beim Frühstück, als er mit wetterfester Jacke und einem kleinen Erste-Hilfe-Päckchen im Hotel erschien. „Es ist ein langer Höhenweg. Wir bleiben zusammen, wir gehen nur bei stabilem Wetter, und wenn ich sage, dass wir umdrehen, drehen wir um. Außerdem nimmt jeder genug Wasser und Proviant mit. Unterwegs kann man nicht einfach an jeder Ecke einkehren.“
Ben sah auf sein eingepacktes Proviantpaket und nickte ernst. „Solange wir überhaupt Pausen machen, bin ich einverstanden.“
Mia hatte ihr Notizbuch bereits geöffnet. „Start am Schattberg, dann über den Pinzgauer Spaziergang bis zur Schmittenhöhe, danach mit der Seilbahn hinunter nach Zell am See und am späten Nachmittag mit dem Bus zurück nach Saalbach“, fasste sie zusammen. „Das ist eine richtige Tagesroute.“
„Genau“, sagte Hans. „Und deshalb gehen wir früh los.“
Kurz darauf standen sie an der Talstation des Schattberg X-Press. Diesmal waren nicht nur Julia und Bens Vater dabei, sondern auch Hans, der jeden Rucksack kurz kontrollierte: Regenjacken, volle Wasserflaschen, genug zu essen, feste Schuhe. Erst als alles passte, nickte er zufrieden.
„Das ist ja fast wie eine Kontrolle vor einer Expedition“, flüsterte Ben Lina zu.
„Ist es auch“, sagte Hans, der es trotzdem gehört hatte. „Eine kleine eben.“
Die Gondel brachte sie hinauf zum Schattberg. Je höher sie schwebten, desto kleiner wurden die Dächer von Saalbach unter ihnen. Lina fotografierte die Wiesen, die Wege und die dunklen Waldstreifen, die sich wie Linien über die Berghänge zogen. Mia beobachtete auf der Karte, wie weit der Weg bis zur Schmittenhöhe wirklich war.
Oben am Schattberg blieb Hans mit ihnen zuerst an einer Übersichtstafel stehen. „Von hier führt der Pinzgauer Spaziergang über die Höhen Richtung Zell am See“, erklärte er. „Der Name klingt leicht, aber man muss die Strecke ernst nehmen. Der Weg ist lang, es gibt unterwegs längere Abschnitte ohne Einkehrmöglichkeit, das Wetter kann wechseln, und wer müde wird, muss früh genug etwas sagen.“
„Ich sage Bescheid, sobald mein Proviant zu Ende geht“, versprach Ben.
Julia lachte, doch Hans zeigte nur schmunzelnd auf den Grat. „Dann hoffen wir, dass dein Proviant länger hält als deine Sprüche.“
Sie brachen auf. Zuerst führte der Weg breit und gut sichtbar über grüne Almflächen, später wurde er schmaler und zog sich in langen Bögen über die Hänge. Links und rechts öffneten sich immer wieder weite Blicke: zurück ins Glemmtal, hinüber zu fernen Gipfeln und voraus in Richtung Zell am See.
Lina kam kaum hinterher, weil sie ständig stehen bleiben wollte. Einmal fotografierte sie eine Reihe von Wolken, die wie helle Federn über einem Grat hingen. Ein anderes Mal blieb sie an einer Stelle stehen, an der das Licht die Wiesen fast golden färbte.
„Nicht zu weit zurückfallen“, erinnerte Hans freundlich. „Auf so einer Tour bleibt niemand allein stehen.“
Lina steckte die Kamera wieder ein und schloss zu den anderen auf. „Verstanden.“
Mia war begeistert von den Namen auf den Wegweisern und verglich sie mit ihrer Karte. „Der Weg verbindet wirklich den Schattberg mit der Schmittenhöhe“, sagte sie. „Man merkt richtig, dass das keine kurze Runde ist, sondern eine Verbindung zwischen zwei Gebieten.“
„Früher waren solche Übergänge wichtig“, erklärte Hans. „Nicht jeder Weg wurde aus Spaß angelegt. Viele entstanden, weil Menschen von einem Tal ins andere mussten: zur Arbeit, zu Almen, zu Märkten oder zu Verwandten.“
Diese Bemerkung ließ Mia aufhorchen. Sie schrieb sie sofort auf. Lina fotografierte in diesem Moment einen alten Wegweiser, dessen Holz von Sonne und Regen dunkel geworden war. Noch war es nur ein schöner Ausflug, aber der Gedanke, dass Wege Geschichten tragen konnten, blieb bei allen hängen.
Ben, der gerade den Rucksack wieder schulterte, blieb vor dem alten Wegweiser stehen. „Da ist etwas eingeritzt“, sagte er. Zwischen zwei modernen Richtungspfeilen war ein kaum sichtbares Kreuz zu erkennen, daneben ein Pfeil, der nicht zum markierten Wanderweg passte. Mia winkte zuerst ab. „Das ist bestimmt nur ein Kratzer.“ Doch Ben blieb stehen. Erst als Hans nähertrat und die Stirn runzelte, wurde Mia still. „So etwas findet man manchmal noch von früher“, sagte Hans. „Merkt es euch, aber folgt keinen alten Zeichen ohne Führer.“
Gegen Mittag machten sie an einer geschützten Stelle Pause. Unterhalb des Weges lagen Almwiesen, weiter hinten schimmerte in der Ferne bereits der Zeller See. Ben packte seine Brote aus, als hätte er seit Tagen nichts gegessen.
„Das ist die beste Pause mit der besten Aussicht“, sagte er zufrieden.
„Das klingt ausnahmsweise ziemlich genau“, erwiderte Mia.
„Dann habe ich heute eben mal recht.“
Während die anderen aßen, zeigte Hans auf den Himmel. „Seht ihr die hohen, dünnen Wolken dort drüben? Noch ist alles ruhig. Aber genau solche Veränderungen beobachtet man auf langen Höhenwegen. Man schaut nicht nur auf die Füße, sondern immer auch nach oben.“
Lina hob die Kamera, machte ein Foto und betrachtete das Bild auf dem Display. „Sie sehen harmlos aus.“
„Sind sie auch“, sagte Hans. „Heute. Aber wer die Berge kennt, merkt sich solche Zeichen.“
Nach der Pause wurde der Weg aussichtsreicher. An manchen Stellen konnten sie weit ins Salzachtal blicken, dann wieder verschwand der Blick hinter runden Graskuppen. Hans ging vorneweg, Julia blieb oft in der Mitte, und Bens Vater bildete den Schluss. So fühlte sich die lange Wanderung sicher an, obwohl sie hoch über den Tälern unterwegs waren.
Ben wurde nach einer Weile stiller. Nicht, weil ihm nichts mehr einfiel, sondern weil der Weg länger war, als er erwartet hatte. Als Hans eine Trinkpause vorschlug, war Ben der Erste, der nicht nur seine Flasche hervorholte, sondern auch merkte, dass Julias Wasser fast leer war. Wortlos reichte er ihr seine zweite Flasche. Julia lächelte dankbar, und Mia schrieb ausnahmsweise nichts dazu.
„Ich nehme alles zurück, was ich über Spaziergänge gesagt habe“, keuchte er. „Dieser Spaziergang hat Muskeln.“
„Dann passt der Name doch“, sagte Lina lachend. „Pinzgauer Spaziergang mit Muskelkater.“
Am Nachmittag erreichten sie schließlich die Schmittenhöhe. Der Zeller See lag tief unter ihnen wie eine glänzende Schale aus blauem Glas. Nach der langen Wanderung wirkte der Blick noch beeindruckender, weil sie ihn sich Schritt für Schritt erarbeitet hatten.
Lina stand eine Weile ganz still. „Wenn wir einfach mit dem Bus nach Zell am See gefahren und direkt hier hochgefahren wären, wäre es bestimmt auch schön gewesen“, sagte sie. „Aber so fühlt es sich anders an.“
Hans nickte. „Weil ihr den Weg dazwischen kennt.“
Mia schrieb diesen Satz in ihr Notizbuch. Ben sagte nichts, sondern hob nur den Daumen. „Ich kenne den Weg auch. Vor allem in meinen Beinen.“
Sie blieben nicht zu lange auf dem Gipfel. Hans achtete auf die Uhr und führte sie rechtzeitig zur Seilbahn. Die Kabine schwebte von der Schmittenhöhe hinunter nach Zell am See, und diesmal sahen sie den See nicht nur von oben, sondern kamen ihm mit jeder Minute näher.
Unten in Zell am See war es wärmer als oben auf den Höhen. Sie hatten noch ein wenig Zeit bis zum Bus und gingen langsam zur Haltestelle. Lina fotografierte die Berge, die sich im Wasser spiegelten, während Mia die Route des Tages sauber in ihr Heft übertrug: Schattberg, Pinzgauer Spaziergang, Schmittenhöhe, Seilbahn, Zell am See, Bus zurück nach Saalbach.
„Das klingt, als hätten wir halb Österreich durchquert“, sagte Ben, als er über Mias Schulter las.
„Nur einen sehr schönen Teil davon“, sagte Julia.
Am späten Nachmittag fuhr der Bus zurück nach Saalbach. Die Kinder waren müde, aber zufrieden. Durch die Fenster sahen sie die Berge vorbeiziehen, auf denen sie Stunden zuvor noch selbst unterwegs gewesen waren.
Kurz vor Saalbach färbte sich der Himmel über einigen Gipfeln in kräftiges Orange. Hans, der mit ihnen im Bus saß, betrachtete das Licht aufmerksam. „Ein schöner Abendhimmel“, sagte er. „Aber merkt euch: Nach langen warmen Tagen kann so etwas auch ein Hinweis sein, dass sich das Wetter bald ändert.“
Lina machte noch ein Foto durch die Busscheibe. Auf dem Bild spiegelte sich ein Teil ihres Gesichts im Glas, dahinter glühten die Berge. „Dann schauen wir heute Abend besser noch einmal auf den Wetterbericht“, sagte sie.
Mia nickte sofort. Ben seufzte zwar, aber diesmal widersprach er nicht.
Zurück im Hotel erzählten sie Franziska beim Abendessen von der langen Tour. Ben beschrieb den Pinzgauer Spaziergang als „Spaziergang, der nur so tut, als wäre er harmlos“, was sogar Hans zum Lachen brachte. Franziska hörte aufmerksam zu, doch als Lina ihr das Foto vom orangefarbenen Himmel zeigte, wurde ihr Blick für einen Moment nachdenklich.
„Dann behalten wir das Wetter im Auge“, sagte sie ruhig.
Niemand von ihnen ahnte, wie wichtig dieser Satz schon bald werden würde.
Am nächsten Tag stand eine Wanderung zum Talschluss auf dem Plan, ganz hinten im Tal, wo es laut Julia „besonders ruhig“ zuging. Mit dem Wanderbus, der ebenfalls in der Jokercard enthalten war, fuhren sie bis zur letzten Haltestelle und liefen von dort ein Stück zu Fuß weiter.
Der kleine Bus war fast voll, hauptsächlich mit anderen Wanderern in festen Schuhen und mit Rucksäcken. Ben hatte sich einen Platz am Fenster gesichert und beobachtete, wie sich die Landschaft draußen langsam veränderte, während der Bus sich immer weiter ins Tal hineinschlängelte.
„Warum heißt das eigentlich Talschluss?“, fragte Ben, als er das Wort auf einem Schild an der Bushaltestelle las.
„Weil das Tal dort endet“, erklärte Mia. „Dahinter geht es nur noch steil bergauf, weiter kann man mit dem Auto oder Bus nicht fahren.“
„Aha“, sagte Ben nachdenklich. „Klingt logisch, wenn man mal drüber nachdenkt.“
Die Landschaft veränderte sich, je weiter sie kamen. Die Häuser wurden weniger, die Wiesen breiter, und die Berge rückten von beiden Seiten näher zusammen, als würden sie das Tal sanft umarmen.
Der Weg führte an einem plätschernden Bach entlang, über den kleine Holzstege führten. Mia blieb mehrmals stehen, um Steine am Ufer zu untersuchen, während Ben versuchte, flache Kieselsteine über die ruhigeren Stellen des Wassers springen zu lassen.
„Fünf Mal!“, rief er triumphierend, als es ihm endlich gelang, einen Stein mehrfach über die Wasseroberfläche hüpfen zu lassen.
„Beeindruckend“, sagte Lina lakonisch, ohne den Blick von ihrer Kamera zu nehmen, mit der sie gerade eine besonders schöne Blumenwiese am Wegrand fotografierte.
Je weiter sie kamen, desto stiller wurde es um sie herum. Der Verkehrslärm des Ortes war längst verklungen, übrig blieben nur das Rauschen des Bachs, das Zirpen der Grillen und, immer wieder, das ferne Läuten von Kuhglocken.
„Das ist die Forsthofalm“, sagte Julia schließlich und zeigte auf eine Gruppe alter Holzhütten, die sich an einen Hang schmiegten. Rauch stieg aus einem Schornstein, und irgendwo läutete eine Kuhglocke.
Die Hütten wirkten, als stünden sie schon seit Ewigkeiten an diesem Ort, ihre Holzbalken dunkel und wettergegerbt von unzähligen Sommern und Wintern. Ringsum erstreckten sich saftig grüne Weiden, auf denen mehrere Kühe gemächlich grasten, während in der Ferne ein Wasserfall über die Felsen rauschte.
„Hier ist es wirklich so ruhig, wie du gesagt hast“, staunte Lina, während sie tief die klare Bergluft einatmete, die nach Heu und frischem Gras roch.
„Das gefällt mir hier fast am besten von allen Orten, die wir bisher gesehen haben“, sagte Mia leise, während sie sich langsam umsah, als wollte sie sich jedes Detail dieser abgeschiedenen Idylle einprägen.
Am Rand der Weide, ein Stück abseits des Hauptwegs, entdeckte Lina ein altes Steinkreuz, das halb im Gras stand. Es war schief, von Moos überwachsen und so unauffällig, dass man leicht daran vorbeigelaufen wäre.
„Nicht anfassen“, sagte Julia sofort, als sie Bens neugierigen Blick bemerkte. „Solche alten Sachen lässt man besser in Ruhe. Wir können es uns von hier aus ansehen.“
Lina hob ihre Kamera und fotografierte das Kreuz mit dem Zoom. Auf der Vorderseite waren noch ein paar verwitterte Buchstaben zu erkennen: ein Wort, das wie „Weg“ oder vielleicht wie die alte Schreibweise „Weeg“ aussah, dazu eine Jahreszahl, die mit achtzehnhundert begann.
Mia zeichnete die Form des Kreuzes und die lesbaren Zeichen in ihr Notizbuch. „Unglück“, las sie nach einer Weile leise. „Mehr kann ich nicht sicher erkennen.“
Etwas oberhalb des Kreuzes sprudelte eine kleine, gefasste Quelle aus dem Hang. Ein schmaler Wasserfaden lief über flache Steine ins Gras, als hätte jemand diese Stelle einmal bewusst angelegt. Lina fotografierte auch die Quelle und die niedrige Felswand dahinter.
Ben machte ausnahmsweise keinen Witz. „Irgendwie fühlt sich das an, als würde hier eine Geschichte stehen, die keiner mehr richtig lesen kann“, sagte er.
Vor einer der Hütten saß ein alter Mann auf einer Holzbank, eine Pfeife im Mundwinkel, die er allerdings nicht angezündet hatte. Er trug einen grauen Filzhut und beobachtete mit ruhigem Blick, wie die Kinder näherkamen.
„Servus, Sepp!“, rief Julia und winkte.
Der Mann hob die Hand zum Gruß. „Die Julia mit Besuch. Das sieht man nicht alle Tage.“
„Das sind Lina, Ben und Mia“, stellte Julia die drei vor. „Sie machen mit ihren Eltern Urlaub bei uns im Hotel.“
Sepp musterte die Kinder freundlich. „Aus Deutschland?“
„Aus dem Siegerland“, sagte Mia bestimmt. „Das liegt in Nordrhein-Westfalen.“
„Weit weg“, sagte Sepp und nickte anerkennend. „Setzt euch doch. Ich hab gerade frische, abgekochte Milch vom Hof, und meine Frau hat heute früh Brot gebacken.“
Er stand auf und humpelte leicht, vermutlich wegen eines alten Knieleidens, mit dem er sich schon seit Jahren arrangiert hatte. Dann ging er hinüber zu einem kleinen Verschlag neben der Hütte, aus dem er einen Krug mit warmer Milch holte. Die Kühe auf der nahen Weide schienen ihn zu kennen, denn mehrere von ihnen hoben neugierig die Köpfe, als er vorbeiging.
„Die kennen mich schon so lange, die grüßen mich fast wie einen alten Freund“, sagte Sepp und lachte, als er die Reaktion der Tiere bemerkte.
Mia betrachtete die Kühe interessiert und fragte, ob jede von ihnen einen eigenen Namen habe. „Natürlich“, sagte Sepp stolz. „Die dort drüben mit dem braunen Fleck heißt Resi, die daneben Wally. Jede hat ihren eigenen Charakter, das lernt man mit der Zeit.“
„Genau wie bei Menschen“, sagte Lina lächelnd, während sie die grasenden Tiere beobachtete, die tatsächlich alle ein bisschen unterschiedlich wirkten, sobald man genauer hinsah.
Ben, der sich inzwischen doch näher an die Kühe herangewagt hatte, streckte vorsichtig die Hand aus, um eine von ihnen zu streicheln. „Die ist ja richtig zutraulich“, staunte er, als die Kuh ruhig stehen blieb und sich sogar genüsslich den Kopf kraulen ließ.
Bei den anderen Kühen blieb Ben zwar weiterhin vorsichtig, aber sein anfängliches Misstrauen war spürbar kleiner geworden. Lina zückte sofort ihre Kamera, um die neugierigen Tiere zu fotografieren.
Sie setzten sich auf die Bank und auf umgedrehte Holzkisten, während Sepp aus der Hütte Becher mit warmer, abgekochter Milch und Brot mit selbstgemachter Butter brachte. Ben war sofort begeistert.
„Die schmeckt ganz anders als zu Hause“, sagte Ben und sah erstaunt in seinen Becher.
„Kommt eben direkt vom Hof“, sagte Sepp und lachte, ein tiefes, warmes Lachen, das aus dem Bauch zu kommen schien.
Während sie aßen, erzählte Sepp von seinem Leben auf der Alm. Dass er hier schon als Bub mit seinem Vater die Kühe gehütet hatte, und dass sein Vater es wiederum von seinem eigenen Vater gelernt hatte. „Diese Alm ist schon lange in unserer Familie“, sagte er stolz.
„Und Ihre Frau?“, fragte Lina, die sich an das frisch gebackene Brot erinnerte. „Ist die auch von hier?“
„Meine Berta kommt aus dem nächsten Tal“, sagte Sepp und lächelte, als er von ihr sprach. „Wir sind schon seit über vierzig Jahren verheiratet. Sie kümmert sich um die Hühner und den Käse, ich um die Kühe. So teilen wir uns die Arbeit.“
In diesem Moment kam tatsächlich eine ältere Frau mit einer Schürze aus der Hütte, die Berta sein musste. Sie brachte einen Teller mit dünnen Käsescheiben und stellte ihn wortlos, aber freundlich lächelnd, auf den Tisch.
„Der Käse ist von unseren eigenen Kühen“, erklärte Sepp stolz. „Probiert ruhig.“
Ben probierte ein Stück und nickte anerkennend. „Der schmeckt nach Arbeit“, sagte er nach kurzem Nachdenken. Berta lächelte, als hätte ihr dieses Lob besser gefallen als jedes übertriebene Kompliment, und verschwand wieder in der Hütte.
Sepp beobachtete die Kinder eine Weile schweigend, während sie aßen, dann fuhr er fort: „Meine Kinder wollten nicht auf der Alm bleiben. Die sind unten im Tal, haben andere Berufe. Das ist auch gut so, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber manchmal wird es hier oben schon einsam.“
Mia, die schon wieder ihr Notizbuch gezückt hatte, konnte sich eine Frage nicht verkneifen. „Wir haben eben am Rand der Alm ein altes Steinkreuz gesehen“, sagte sie. „Bei der kleinen Quelle. Wissen Sie vielleicht, was dort passiert ist?“
Sepp wurde für einen Moment still und sah nachdenklich zu den Bergen hinüber, die den Talschluss umgaben. „Das Kreuz bei der alten Quelle?“, fragte er schließlich. „Das kenn ich gut.“
„Erzählen Sie uns davon?“, fragte Lina, die sofort aufmerksam geworden war.
Sepp nickte langsam und setzte sich etwas aufrechter hin. „Das war vor meiner Zeit, aber mein Großvater hat mir davon erzählt, als ich noch ein Bub war. Vor vielen, vielen Jahrzehnten gab es hier ein großes Unwetter. Tagelanger Regen, so stark, dass die Bäche über die Ufer traten.“
„Und dann?“, fragte Ben, der jetzt auch gebannt zuhörte, das Brot vergessen in der Hand.
„Dann kam es zu einem großen Erdrutsch“, sagte Sepp ruhig. „Ein alter Weg, der von hier aus über den Berg ins nächste Tal führte, wurde komplett verschüttet. Mein Großvater war damals mit einer Gruppe Wanderer genau auf diesem Weg unterwegs. Er sagte später immer: Der Weg wurde nicht gebaut, um schneller zu sein, sondern damit niemand allein bleiben musste, wenn das Tal abgeschnitten war.“
„Was ist mit ihnen passiert?“, fragte Lina mit großen Augen.
„Sie hatten Glück“, sagte Sepp. „Sie hörten das Grollen rechtzeitig und konnten sich noch in eine Felsnische retten. Aber der Weg selbst war danach komplett verschwunden. Man hat ihn nie wieder freigelegt.“
„Hatte Ihr Großvater denn danach noch Angst vor den Bergen?“, wollte Lina wissen, die sich das kaum vorstellen konnte.
Sepp schüttelte den Kopf. „Nein, im Gegenteil. Er hat gesagt, dass man aus so etwas nur lernen kann, aber dass man deshalb nicht aufhören darf, die Berge zu lieben. Er ist sein ganzes Leben lang Senner geblieben, bis er ein alter Mann war.“
„Das klingt nach einem mutigen Mann“, sagte Ben beeindruckt.
„Das war er“, bestätigte Sepp mit einem stolzen Lächeln. „Und vorsichtig dazu. Beides zusammen macht in den Bergen den Unterschied.“
„Und das Kreuz?“, fragte Mia, die alles mitschrieb.
„Das haben die Dorfbewohner später dort aufgestellt, an der Stelle, wo der alte Weg begann. Zur Erinnerung. Nicht weil jemand gestorben ist – Gott sei Dank ist das nicht passiert – sondern damit man nie vergisst, wie schnell sich die Berge verändern können.“
Für einen Moment war es still am Tisch. Nur die Kuhglocken in der Ferne waren zu hören.
Selbst Ben, der sonst kaum eine Pause ohne einen Kommentar ließ, sagte nichts. Er starrte auf die Berge, die den Talschluss umgaben, als würde er versuchen, sich vorzustellen, wie es gewesen sein musste, als der Erdrutsch damals über den Hang gedonnert war.
„Das ist eine ziemlich spannende Geschichte“, sagte Ben schließlich leise, ganz ohne seinen üblichen Humor.
„Die Berge hier sehen friedlich aus“, sagte Sepp und blickte in die Runde, „aber sie sind auch mächtig. Man muss sie respektieren. Das lernt man hier von klein auf.“
Julia, die die Geschichte offenbar zum ersten Mal so ausführlich hörte, sah nachdenklich zu den steilen Hängen hinüber. „Mein Großvater hat auch von so einem Weg erzählt“, sagte sie leise. „Ich dachte immer, das seien nur alte Hotelgeschichten für Gäste.“ Sepp schüttelte den Kopf. „Manche Geschichten bleiben, weil sie gebraucht werden.“
Mia betrachtete ihre Notizen. „Wo genau war der alte Weg?“, fragte sie. „Ist davon noch etwas zu sehen?“
Sepp deutete mit der Hand einen weiten Bogen an, der von der Forsthofalm hinauf zu einem entfernten Grat führte. „Ungefähr dort drüben. Aber so genau weiß das heute keiner mehr. Der Berg hat sich seitdem verändert. Teile davon sind zugewachsen, andere wurden verschüttet, und unten beim Ort hat später kaum noch jemand gewusst, wo der Einstieg einmal gelegen haben könnte.“
„Schade“, sagte Lina. „Es wäre bestimmt spannend, so einen alten Weg noch einmal zu finden.“
Sepp lachte leise. „Vielleicht ist es besser, manche Dinge bleiben, wo sie sind. Der Berg hat seine eigenen Gesetze, und die sollte man nicht leichtfertig herausfordern.“
Bevor sie sich verabschiedeten, packte Berta ihnen noch ein kleines Päckchen mit selbstgemachtem Käse und Brot für den Rückweg ein. „Für unterwegs“, sagte sie schlicht, als die Kinder sich überschwänglich bedanken wollten.
„Kommt gerne wieder vorbei, wenn ihr Zeit habt“, sagte Sepp zum Abschied. „Besuch von jungen Leuten tut hier oben immer gut.“
Als sie sich später auf den Rückweg machten, war die Stimmung nachdenklicher als sonst. Ben, der normalerweise über jede Gelegenheit zu einem Scherz froh war, blieb ungewöhnlich still.
Der Weg zurück zur Bushaltestelle führte noch einmal an dem plätschernden Bach entlang, an dem Ben zuvor mit den Kieselsteinen geübt hatte. Diesmal blieb er stehen, hob einen flachen Stein auf, betrachtete ihn eine Weile, ließ ihn dann aber einfach wieder zu Boden fallen, ohne ihn zu werfen.
„Keine Lust mehr auf Steine hüpfen lassen?“, fragte Lina überrascht.
„Ich denke gerade an was anderes“, sagte Ben leise.
„Woran denkst du?“, fragte Lina ihn schließlich.
„An das, was Sepp gesagt hat“, antwortete Ben. „Dass die Berge friedlich aussehen, aber trotzdem mächtig sind.“
Mia nickte zustimmend und blätterte noch einmal durch ihre Notizen: das Steinkreuz, die Jahreszahl, die Geschichte vom verschütteten Weg. „Ich glaube, das sollten wir uns gut merken“, sagte sie leise.
Keiner von ihnen konnte an diesem Nachmittag ahnen, wie bald diese Geschichte wieder eine Rolle spielen würde.
Als der Wanderbus sie schließlich zurück nach Saalbach brachte, war die Sonne bereits deutlich tiefer gewandert, und die Schatten der Berge zogen sich lang über das Tal. Ben, sonst selten um Worte verlegen, blieb den größten Teil der Fahrt ungewöhnlich still, offenbar noch immer in Gedanken bei Sepps Erzählung von dem verschütteten Weg.
Kapitel 7 – Dunkle Wolken über Saalbach
In den nächsten Tagen genossen sie den Urlaub weiter wie geplant: Ein Vormittag im Freibad, bei dem Ben mit Julia einen Wettkampf im Wasserspringen veranstaltete, den er nach eigener Zählung mit „ungefähr unentschieden“ beendete. Ein ruhiger Nachmittag am Bach, bei dem Lina unzählige Fotos von Libellen machte, während Mia die verschiedenen Steine am Ufer nach Farbe und Form sortierte.
Die nächsten Tage waren schön, aber nicht ganz so sorglos, wie sie anfangs wirkten. Beim Freibad, auf der Sommerrodelbahn und auf dem Wochenmarkt tauchte immer wieder derselbe Gedanke auf: alte Wege, alte Namen, alte Zeichen. Lina verglich abends ihre Fotos. Mia blätterte in den Notizen. Und Ben, der sonst über solche Dinge lachte, fragte plötzlich: „Warum zeichnet jemand einen Weg auf eine Karte, wenn ihn später keiner mehr benutzt?“
Doch am fünften Tag ihres Aufenthalts änderte sich etwas in der Luft. Schon am Morgen war es ungewöhnlich schwül, und die sonst so klare Sicht auf die Berge wirkte leicht verhangen.
Lina bemerkte es sofort, als sie die Vorhänge aufzog. Statt des klaren, scharf gezeichneten Bergpanoramas der vergangenen Tage lag ein dünner, milchiger Dunst über den Gipfeln, der ihnen die gewohnte Schärfe nahm. Die Luft, die durchs geöffnete Fenster hereinströmte, fühlte sich schwer und feucht an, ganz anders als die frische Bergluft, an die sie sich inzwischen gewöhnt hatte.
„Heute ist irgendwie komisches Wetter“, sagte sie beim Frühstück zu Ben und Mia. „Fast so, als würde die Luft nicht richtig atmen wollen.“
„Sehr poetisch“, kommentierte Mia, aber auch sie hatte bemerkt, dass sich etwas verändert hatte. Ihr Handy-Wetterbericht, den sie sich noch im Bett angeschaut hatte, zeigte für den Nachmittag bereits erste Gewitterwarnungen an.
Ben, der bisher hauptsächlich mit seinem Frühstücksteller beschäftigt gewesen war, schaute nun ebenfalls etwas besorgt zum Fenster hinaus. „Hoffentlich zieht das Gewitter einfach vorbei, ohne dass groß was passiert“, sagte er, was für seine Verhältnisse ungewöhnlich ernst klang.
Beim Frühstück saß Franziska mit ernster Miene über ihrem Handy und scrollte durch eine Wetter-App. „Für die nächsten Tage ist eine Unwetterzelle angekündigt“, sagte sie zu den Eltern der Kinder. „Kräftige Regenfälle, vielleicht sogar Gewitter mit Hagel.“
„Das kann in den Bergen schon mal vorkommen, oder?“, fragte Bens Mutter.
„Normalerweise schon“, sagte Franziska, „aber diesmal soll es länger anhalten als sonst. Zwei, vielleicht drei Tage Dauerregen, hat der Wetterdienst gesagt.“
Ben, der am Nebentisch mithörte, sah enttäuscht auf. „Kein Freibad mehr?“
„Vielleicht ein paar Tage nicht“, sagte Franziska mit einem kleinen Lächeln, das die Sorge in ihrem Gesicht nicht ganz verbergen konnte. „Aber macht euch keine Gedanken. Wir haben das hier schon oft erlebt. Man richtet sich einfach darauf ein.“
Die Kinder verbrachten den Vormittag noch einmal draußen, diesmal mit einem letzten kurzen Ausflug in die nähere Umgebung des Ortes, da die längeren Touren wegen des angekündigten Wetters nicht mehr ratsam schienen.
Sie liefen ein Stück am Ortsrand entlang, vorbei an kleinen Gärten und einer alten Kapelle, deren Glocke gerade zur vollen Stunde läutete. Die Luft fühlte sich schwer und drückend an, ganz anders als die klare Bergluft der vergangenen Tage.
„Es ist irgendwie komisch still“, bemerkte Lina, während sie stehen blieb und in den Himmel sah, wo sich hohe, grauweiße Wolkentürme langsam aufbauten.
„Sogar die Vögel sind leiser als sonst“, fügte Mia hinzu, die aufmerksam registrierte, dass tatsächlich kaum Vogelgezwitscher zu hören war.
Ben, der von der ungewohnten Stimmung nichts hielt, versuchte wie üblich, die Lage aufzuheitern. „Vielleicht haben die Vögel einfach auch schon Angst vor meinem Gesang“, sagte er und stimmte übertrieben laut ein völlig falsches Lied an, bis die Mädchen lachen mussten und die drückende Stimmung für einen Moment vergessen war.
Julia begleitete sie, wirkte aber nachdenklicher als sonst. „Meine Mutter hat schon angefangen, die Fensterläden zu kontrollieren“, erzählte sie. „Und den Notstromgenerator im Keller getestet.“
„Braucht ihr den oft?“, fragte Mia.
„Ab und zu, wenn der Strom ausfällt“, sagte Julia. „Das passiert hier manchmal bei starkem Unwetter. Aber meistens ist es nach ein paar Stunden wieder vorbei.“
Um sicherzugehen, füllte Julia gemeinsam mit Ben und Lina schon einmal ein paar Kerzen und Taschenlampen in eine Kiste an der Rezeption, „nur für den Fall“, wie sie sagte. Ben fand das Ganze aufregend wie eine kleine Mission und packte gewissenhaft jede Taschenlampe einzeln ein, nachdem er kurz getestet hatte, ob sie auch wirklich funktionierte.
„Man weiß ja nie“, sagte er wichtigtuerisch, als Mia ihn dabei beobachtete.
„Das hast du von mir aufgeschnappt“, bemerkte Mia nüchtern, aber mit einem Lächeln.
Am Nachmittag nutzten sie die letzten Sonnenstunden noch einmal für einen Besuch im gepflegten Freibad im Ort. Das Edelstahlbecken glänzte im letzten Licht, nebenan standen drei Rutschen, und auf den schönen Liegewiesen lagen nur noch wenige Handtücher. Der Himmel über den Bergen hatte sich inzwischen mit hohen, grauen Wolkenbändern überzogen, die langsam näherkamen.
Das Freibad war ungewöhnlich leer für einen Ferientag. Viele Gäste schienen die Wetterwarnung bereits ernst zu nehmen und waren gar nicht erst gekommen. Der Bademeister ging aufmerksam am Beckenrand entlang und behielt den Himmel im Auge.
„Ich glaube, wir sollten nicht mehr allzu lange schwimmen“, sagte Julia schließlich, als ein erster, ferner Donner über die Berge grollte, kaum hörbar, aber deutlich genug, dass alle kurz innehielten.
Ben, der gerade zu einem weiteren Sprung ansetzen wollte, verharrte auf der Kante des Sprungbretts. „War das gerade Donner?“
„Klingt so“, sagte Lina und blickte besorgt zum Himmel, wo sich die Wolken tatsächlich zusehends dunkler färbten.
Sie beschlossen, nicht mehr lange im Wasser zu bleiben und hielten ihre Sachen schon bereit, damit sie sofort aufbrechen konnten, falls das Gewitter näherkam.
Ben warf noch einen sehnsüchtigen Blick zum Sprungbrett, und Lina machte noch schnell ein paar Fotos von der ungewöhnlichen Wolkenstimmung über den Gipfeln – dunkelgrau am Horizont, aber noch mit Sonnenlicht durchflutet, was einen fast unheimlich schönen Anblick ergab.
„Das sieht aus wie in einem Fantasiefilm“, sagte sie, während sie das Display ihrer Kamera betrachtete.
Ben, der neben ihr stand und ebenfalls zum Himmel blickte, konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Sieht aus, als würde gleich ein Drache aus den Wolken fliegen“, sagte er grinsend, obwohl auch ihm die Wolkenstimmung ein wenig unheimlich vorkam.
Mia, die die beiden anderen eingeholt hatte, betrachtete den Himmel mit nüchternem Blick. „Das nennt man wohl eine Gewitterfront“, sagte sie sachlich. „Sieht schon beeindruckend aus, aber auch ein bisschen bedrohlich, wenn ich ehrlich bin.“
Sie machten sich auf den Rückweg zum Hotel, schneller als geplant, während der Wind bereits merklich zunahm und erste einzelne Blätter von den Bäumen wirbelte.
„Hoffentlich bleibt es dabei, dass es nur schön aussieht“, murmelte Mia, die immer wieder auf ihr Handy schaute, auf dem die Regenradar-App eine große, dunkelrote Fläche zeigte, die sich langsam über die Berge schob.
„Zeig mal“, sagte Ben und beugte sich über ihre Schulter. Auf dem kleinen Display sah man eine bunte Karte, auf der sich ein riesiger roter und violetter Fleck genau über ihrer Gegend zusammenzog.
„Das sieht nicht gerade harmlos aus“, stellte er fest, und zum ersten Mal an diesem Tag klang seine Stimme nicht mehr nach Scherzen.
„Laut der App soll es heute Nacht richtig losgehen“, sagte Mia und scrollte durch die Vorhersage. „Mehr als hundert Liter Regen pro Quadratmeter, verteilt über die nächsten zwei Tage.“
„Ist das viel?“, fragte Ben.
„Das ist sehr viel“, sagte Mia ernst. „Zum Vergleich: Bei uns zu Hause wäre das für einen einzelnen Regenzeitraum schon außergewöhnlich viel.“
Am Abend, beim gemeinsamen Essen im Hotel, war die Stimmung gedämpfter als an den Tagen zuvor. Franziska ging von Tisch zu Tisch und informierte die Gäste über die Wetterlage, ruhig und sachlich, aber mit spürbarem Ernst.
Sie hatte eine Liste mit wichtigen Hinweisen vorbereitet, die sie jedem Tisch vorlas: Fenster und Balkontüren gut verschließen, Autos wenn möglich in die überdachte Garage stellen, und im Falle eines Stromausfalls seien Kerzen und Taschenlampen an der Rezeption erhältlich.
Manuel half ihr dabei auf seine ruhige Art. Der junge Kellner stellte Krüge mit heißem Tee auf die Tische, brachte den Kindern noch eine Runde Apfelschorle und achtete ganz nebenbei darauf, dass niemand mit zu sorgenvoller Miene in seinen Teller sah. „Heute gibt es extra große Portionen“, sagte er zu Ben und zwinkerte. „Wer gegen ein Gewitter antritt, braucht schließlich Vorräte.“ Ben grinste, und selbst Mia musste lächeln. Für einen Moment fühlte sich der Gastraum wieder warm und sicher an, als könnte das freundliche Licht des Hotels die dunklen Wolken draußen noch eine Weile fernhalten.
„Das klingt ja fast wie eine Katastrophenübung“, flüsterte Ben Lina zu, während Franziska am Nachbartisch die gleichen Hinweise wiederholte.
„Besser vorbereitet als überrascht“, sagte Mia, die die Ernsthaftigkeit der Lage offenbar bereits vollständig erfasst hatte.
„Ab morgen früh wird es ungemütlich“, erklärte sie auch der Familie. „Ich würde vorschlagen, ihr bleibt morgen lieber im Ort oder im Hotel. Die Erwachsenen können später vielleicht in den Saunabereich, und ihr macht es euch im Gastraum gemütlich. Das Wanderwetter ist erst einmal vorbei.“
„Wie lange, denkst du, dauert das?“, fragte Linas Vater.
Franziska zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Ein, zwei Tage, hoffe ich. Vielleicht auch etwas länger. Die Berge hier machen manchmal, was sie wollen.“
Diese Worte blieben bei Lina hängen, während sie später mit Ben und Mia auf dem Balkon standen und in die einbrechende Dunkelheit sahen. In der Ferne zuckte bereits ein erster, ferner Blitz zwischen den Wolken.
Der Wind hatte spürbar aufgefrischt und trug den Geruch von nassem Gras und Erde mit sich, der typisch für ein aufziehendes Gewitter war. Irgendwo unten im Ort klapperte ein loser Fensterladen im Wind, bis jemand ihn offenbar bemerkte und schloss.
Julia gesellte sich für einen Moment zu ihnen, ein Handtuch in der Hand, mit dem sie noch schnell die letzten Gartenstühle auf der Terrasse ins Trockene brachte. „Meine Mutter sagt, so ein Wetter kündigt sich meistens Stunden vorher an“, sagte sie. „Man muss nur genau hinschauen und -hören.“
„Erinnert euch noch jemand an das, was Sepp erzählt hat?“, fragte Lina leise. „Von dem Unwetter damals, das den Weg verschüttet hat?“
Mia nickte langsam. „Ich habe die ganze Zeit daran gedacht, seit Franziska von dem Regen gesprochen hat.“
Ben, der versuchte, die Stimmung wie üblich etwas aufzulockern, sagte: „Das war doch vor hundert Jahren oder so. Sowas passiert doch nicht einfach nochmal.“
„Vielleicht“, sagte Mia. „Aber Sepp hat auch gesagt, man muss die Berge respektieren.“
Ein weiterer, etwas näherer Blitz erhellte für einen Moment die Umrisse der umliegenden Gipfel. Kurz darauf folgte ein fernes Grollen, dumpf und lang anhaltend.
„Kommt, wir gehen lieber rein“, sagte Lina schließlich, und die drei zogen sich vom Balkon zurück, gerade als die ersten schweren Regentropfen auf das Blech des Nachbardachs zu klatschen begannen.
Im warmen Licht ihres Zimmers wünschten sie sich gegenseitig eine gute Nacht, auch wenn keiner von ihnen so recht wusste, was der nächste Tag bringen würde. Draußen nahm der Wind spürbar zu, und irgendwo in der Ferne war schon das erste dumpfe Donnergrollen zu hören, das die kommende Nacht ankündigte.
Kapitel 8 – Die Nacht des Unwetters
In dieser Nacht schlief kaum jemand im Hotel Mitterer richtig durch. Der Regen prasselte so laut gegen die Fenster, dass es sich anhörte, als würde jemand mit tausend kleinen Steinchen gegen die Scheiben werfen.
Schon kurz nach dem Abendessen war der Himmel vollständig zugezogen, und mit dem ersten kräftigen Windstoß hatten Franziska und Julia gemeinsam noch einmal alle Fensterläden im Erdgeschoss überprüft. Die Gäste hatten sich früher als sonst in ihre Zimmer zurückgezogen, manche mit einem mulmigen Gefühl, andere gelassen, weil sie ähnliche Unwetter schon öfter erlebt hatten.
Lina hatte sich vorgenommen, noch ein paar Fotos vom heraufziehenden Gewitter zu machen, aber schon der erste grelle Blitz, der den ganzen Himmel für einen Sekundenbruchteil erhellte, ließ sie hastig den Vorhang wieder zuziehen und sich lieber ins Bett zurückziehen.
Lina lag wach in ihrem Bett und lauschte den Geräuschen der Nacht: dem Trommeln des Regens, dem gelegentlichen Grollen des Donners, das immer näher zu kommen schien, und dazwischen ein dumpfes Rauschen, das sie sich nicht ganz erklären konnte.
Ab und zu erhellte ein greller Blitz für einen Sekundenbruchteil den ganzen Raum, gefolgt von einem Donnerschlag, der so laut war, dass die Fensterscheiben leicht zu vibrieren schienen. Lina zog sich die Decke etwas höher und versuchte, sich auf die Atemgeräusche zu konzentrieren, die vom Zimmer nebenan durch die dünne Wand drangen.
„Bist du wach?“, flüsterte sie in Richtung des Nachbarzimmers, in dem Mia schlief. Die dünne Wand ließ Stimmen erstaunlich gut durch.
„Ja“, kam die gedämpfte Antwort. „Ich kann bei dem Lärm nicht schlafen.“
Auch Ben, dessen Zimmer auf der anderen Seite des Flurs lag, klopfte irgendwann leise an Linas Tür. „Könnt ihr das auch hören?“, fragte er, als sie öffnete. „Das klingt nicht nur nach Regen.“
Tatsächlich war da noch ein anderes Geräusch, tief und dumpf, das sich vom gewöhnlichen Donnergrollen unterschied. Es klang, als würde irgendwo in der Ferne etwas Schweres rutschen oder rollen.
„Vielleicht ist das nur der Bach, der über die Ufer tritt“, sagte Lina, obwohl sie sich selbst nicht ganz sicher war.
Sie saßen eine Weile gemeinsam auf Linas Bett und lauschten. Dann flackerte das Licht, erst einmal, dann noch einmal. Aus dem Flur kam ein gedämpfter Ruf, irgendwo schlug ein Fensterladen hart gegen die Wand, und für einen kurzen Moment war Ben so still, dass Lina erschrak. „Das war kein Donner“, sagte er. Da spürten sie alle drei, dass diese Nacht mehr war als ein gewöhnliches Gewitter.
Erst viel später schliefen sie ein, nicht tief, sondern in kurzen, unruhigen Stücken. Draußen riss der Regen an den Hängen, und das dumpfe Rollen kam immer wieder zurück, als würde der Berg im Schlaf die Zähne zusammenbeißen.
Mia hatte sich, bevor sie einschlief, noch kurz ihr Notizbuch geschnappt und in wackeliger Schrift notiert: „Nacht des Unwetters – lautes Grollen, das kein Donner ist.“ Es war, als wollte sie festhalten, was gerade geschah, bevor der Schlaf sie übermannte.
Am nächsten Morgen weckte sie nicht wie sonst der Sonnenschein, sondern ein seltsam gedämpftes Grau. Als Lina aufstand und die Vorhänge öffnete, sah sie nur tief hängende Wolken und Regen, der in dichten Schleiern über die Wiesen zog.
Der Blick, der sonst bis zu den Gipfeln reichte, endete jetzt schon nach wenigen hundert Metern in einer grauen Wand aus Regen und Nebel. Selbst die nahegelegenen Häuser wirkten verschwommen und ungewohnt fremd, als hätte sich über Nacht eine völlig andere Landschaft an die Stelle der vertrauten Berge geschoben.
Lina fröstelte, obwohl es im Zimmer nicht kalt war, und zog sich schnell etwas Warmes an, bevor sie zu Mias Zimmer hinüberging, um zu klopfen. Auch Mia war schon wach und stand ebenfalls am Fenster, den Blick nach draußen gerichtet.
„Sieht nicht gut aus, oder?“, fragte Lina leise.
„Nein“, sagte Mia knapp. „Lass uns runtergehen und schauen, was los ist.“
Die beiden zogen sich schnell an und gingen hinunter in den Frühstücksraum, wo sie Ben bereits vorfanden, mit besorgtem Gesicht über seinem Frühstücksteller gebeugt.
„Hast du das schon gehört?“, fragte Ben sofort, als sie sich setzte. „Franziska hat gerade mit den anderen Gästen geredet. Die Zufahrtsstraße aus dem Tal ist blockiert.“
Auch die anderen Gäste im Frühstücksraum wirkten angespannt. An den Nachbartischen wurde leise, aber aufgeregt getuschelt, und mehrmals hörte Lina das Wort „Erdrutsch“ durch den Raum wandern, begleitet von besorgten Blicken zum Fenster hinaus, hinter dem der Regen unaufhörlich weiterfiel.
„Blockiert wodurch?“, fragte Lina erschrocken.
In diesem Moment kam Franziska selbst an ihren Tisch, das Gesicht blass, aber gefasst. Julia stand direkt hinter ihr, ebenfalls sichtlich beunruhigt.
„Es tut mir leid, euch das gleich am Morgen sagen zu müssen“, begann Franziska ruhig. „In der Nacht ist es zu einem Erdrutsch gekommen, etwas außerhalb des Ortes. Die Straße Richtung Zell am See ist auf einer Länge von mehreren hundert Metern mit Geröll und Schlamm bedeckt.“
Sie hielt kurz inne, bevor sie weitersprach, als würde sie selbst noch versuchen, die Nachricht zu verarbeiten. „Rudi war schon draußen und hat sich das mit eigenen Augen angesehen, gemeinsam mit ein paar Nachbarn. Es sieht ernst aus, aber zum Glück ist niemandem etwas passiert.“
„Der Onkel Rudi?“, fragte Lina, die sich an Julias Erzählung erinnerte. „Der bei der Gemeinde arbeitet?“
Franziska nickte. „Genau der. Er kennt jeden Winkel dieser Straßen, und wenn er sagt, es sieht ernst aus, dann kann man sich darauf verlassen.“
Julia, die neben ihrer Mutter stand, wirkte blass, aber gefasst. „Onkel Rudi ist schon seit den frühen Morgenstunden unterwegs“, sagte sie leise. „Er hat kurz angerufen, um zu sagen, dass es ihm gut geht, aber viel mehr wusste er auch noch nicht.“
„Das muss ganz schön beängstigend sein“, sagte Lina mitfühlend und legte Julia kurz die Hand auf den Arm.
„Er macht das schon lange“, sagte Julia und versuchte, tapfer zu lächeln. „Aber ganz ruhig bin ich trotzdem nicht, bis er wieder gut zurück ist.“
„Können wir denn gar nicht mehr raus?“, fragte Mia mit großen Augen.
„Im Moment nicht mit dem Auto oder Bus“, sagte Franziska. „Die Feuerwehr und die Bergrettung sind schon informiert, aber bei diesem Regen ist es noch zu gefährlich, die Straße zu räumen. Man muss erst abwarten, bis der Hang sich beruhigt hat.“
Linas Vater, der gerade dazugekommen war, runzelte die Stirn. „Das heißt, wir sitzen hier fest?“
„Für den Moment, ja“, sagte Franziska. „Aber macht euch keine allzu großen Sorgen. Wir haben genug Vorräte im Haus, und Strom und Wasser funktionieren noch. Es ist unangenehm, aber wir werden das gut überstehen.“
„Wie viele Tage würden die Vorräte denn reichen, wenn es länger dauert?“, fragte Mia sachlich, die schon wieder ihr Notizbuch gezückt hatte.
Franziska überlegte kurz. „Mit allem, was wir im Keller und in der Küche haben, würde es locker eine Woche reichen, vielleicht sogar länger, wenn wir sparsam damit umgehen. Das ist wirklich kein Grund zur Sorge.“
Diese klare Antwort schien auch die anderen Gäste zu beruhigen, die sich inzwischen um den Tisch versammelt hatten und aufmerksam zuhörten. Ein leises Raunen der Erleichterung ging durch den Raum.
Julia, die bisher still geblieben war, fügte leise hinzu: „So etwas ist hier schon einmal passiert, als ich noch klein war. Damals hat es auch ein paar Tage gedauert, bis die Straße wieder frei war.“
Lina dachte sofort an die Geschichte, die Sepp ihnen von der Forsthofalm erzählt hatte – von dem alten Weg, der vor Jahrzehnten bei einem ähnlichen Unwetter verschüttet worden war. Sie sah zu Mia hinüber, die offensichtlich denselben Gedanken hatte, denn sie nickte ihr kaum merklich zu.
Ben, der versuchte, in der angespannten Situation für etwas Erleichterung zu sorgen, sagte: „Na immerhin müssen wir jetzt nicht wandern gehen bei dem Wetter.“
Trotz des Ernstes der Lage musste Franziska bei diesen Worten kurz lächeln. „Da hast du auch wieder recht, junger Mann.“
Nach und nach versammelten sich auch die anderen Hotelgäste im Frühstücksraum, viele noch im Schlafanzug unter der Regenjacke, alle mit ähnlich besorgten Gesichtern. Ein junges Paar aus Wien fragte aufgeregt nach dem Handyempfang, eine Familie mit einem Kleinkind machte sich Sorgen um die Windeln, die langsam ausgingen.
Franziska ging ruhig von Gast zu Gast, hörte sich jede Sorge an und fand für jeden ein beruhigendes Wort. „Wir kriegen das hin“, wiederholte sie immer wieder, so ruhig, dass sich die Anspannung im Raum langsam ein wenig löste.
Julia stand derweil an der Rezeption und versuchte, mit dem örtlichen Notdienst in Kontakt zu treten, was durch die schlechte Handyverbindung nur mühsam gelang. Immer wieder wählte sie erneut, bis sie endlich für einen kurzen Moment durchkam und ein paar knappe Informationen erhielt. „Die Feuerwehr ist bereits an der gesperrten Stelle“, berichtete sie anschließend ihrer Mutter. „Sie sagen, es kann noch dauern, weil weiterer Regen angekündigt ist.“
Ben beobachtete sie dabei und bewunderte insgeheim, wie ruhig sie trotz der Sorge um Rudi blieb. „Du machst das echt gut“, sagte er, als sie das Telefon schließlich wieder auflegte.
Julia lächelte kurz, aber ehrlich. „Danke. Man lernt das wohl, wenn man in einem Hotel aufwächst, in dem immer irgendwas zu organisieren ist.“
Lina, die die beiden beobachtet hatte, dachte bei sich, dass Julia trotz ihrer Sorge um Rudi bemerkenswert stark wirkte. Sie nahm sich vor, ihr in den kommenden Tagen so gut wie möglich zur Seite zu stehen, so wie Julia es ihnen seit ihrer Ankunft gegenüber getan hatte.
Im Inneren des Hotels, mitten unter den Gästen und den geschäftigen Vorbereitungen, verbreitete sich langsam ein Gefühl von Zusammenhalt, das die bedrückende Stimmung der frühen Morgenstunden allmählich vertrieb.
Draußen verschwanden die Berge, die noch vor wenigen Tagen so einladend und friedlich ausgesehen hatten, fast vollständig hinter dichten, grauen Wolken.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Lina in die Runde.
„Zuerst einmal“, sagte Franziska und straffte die Schultern, „sorgen wir dafür, dass es allen im Haus gut geht. Wir haben Gäste hier, die vielleicht Hilfe brauchen. Und wir müssen schauen, wie es mit den Vorräten aussieht.“
„Wir helfen mit“, sagte Mia sofort, und Lina und Ben nickten zustimmend.
Franziska sah die drei Kinder einen Moment lang dankbar an. „Das würde mir wirklich helfen. Julia, zeig ihnen doch, wo sie anpacken können.“
Julia führte sie zunächst in die Küche, wo bereits mehrere Kisten mit haltbaren Lebensmitteln bereitstanden. „Wir sortieren gerade alles, damit wir genau wissen, was wir haben“, erklärte sie. „Am besten zählt ihr die Konservendosen, und ich schreibe alles auf.“
Mia übernahm diese Aufgabe sofort mit sichtlicher Begeisterung, ordnete die Dosen nach Sorten und zählte sie laut vor, während Julia mitschrieb. Ben half beim Tragen der schwereren Kisten, und Lina kümmerte sich darum, dass in jedem Zimmer der Gäste genügend Kerzen und Streichhölzer bereitlagen, falls der Strom doch noch ausfallen sollte.
Und so begann für Lina, Ben und Mia ein Tag, der ganz anders war als alle Urlaubstage zuvor – ein Tag, an dem aus drei neugierigen Feriengästen ganz nebenbei drei kleine Helfer wurden, mitten in einem Hotel, das plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten war.
Als der Abend schließlich kam und die ersten Kerzen in der Rezeption angezündet wurden, weil die Stromversorgung tatsächlich für kurze Zeit ausfiel, saßen die drei Kinder erschöpft, aber zufrieden mit ihrem ersten Tag als Hotelhelfer auf der Treppe und beobachteten das flackernde Licht, das lange Schatten an die Wände warf.
Am nächsten Vormittag war klar: Sie waren nicht einfach nur wegen schlechten Wetters im Hotel geblieben. Die Hauptstraße war verschüttet, der Busverkehr eingestellt, das Handynetz fiel immer wieder aus, und niemand konnte sicher sagen, wann Hilfe bis zum Hotel durchkommen würde. Draußen trommelte noch immer Regen gegen die Fenster, drinnen mischten sich Anspannung und geschäftige Ruhe.
In einem der Zimmer im zweiten Stock wohnte eine ältere Dame namens Frau Huber, die allein angereist war und sich sichtlich Sorgen machte. „Ich bin es einfach nicht gewohnt, so eingeschlossen zu sein“, gestand sie Lina, als diese vorbeikam, um nach frischen Kerzen zu fragen.
Lina setzte sich für ein paar Minuten zu ihr und zeigte ihr die Fotos, die sie in den letzten Tagen gemacht hatte: die Aussicht vom Schattberg, die Kühe auf der Alm, den bunten Himmel über der Schmittenhöhe. Frau Hubers Gesicht hellte sich merklich auf, während sie sich die Bilder ansah.
„Das sind wirklich wunderschöne Aufnahmen“, sagte sie. „Du hast ein gutes Auge, mein Kind.“
„Danke“, sagte Lina und spürte, wie gut es tat, jemandem in dieser angespannten Zeit ein bisschen Freude zu bereiten. Sie nahm sich vor, öfter bei Frau Huber vorbeizuschauen, solange sie alle im Hotel festsaßen.
Auch Herr Wagner, ein älterer Gast aus Salzburg mit weißem Schnurrbart, wurde an diesem Tag zu einer vertrauten Gestalt im Gastraum. Er saß oft am Fenster, hielt eine kleine Tablettendose in der Hand und fragte Franziska leise, ob die Straße vielleicht bald wieder frei werde. „Nur zur Sicherheit“, sagte er, als Lina seinen besorgten Blick bemerkte. „Ich muss bestimmte Herztabletten regelmäßig nehmen. Für heute Abend und morgen früh reicht es noch, aber danach wird es schwierig.“
Franziska versprach ihm, die Lage im Auge zu behalten und sofort nach einer Möglichkeit zu suchen, falls die Sperrung länger dauern sollte. Für Lina war es das erste Mal, dass sie wirklich verstand, dass die blockierte Straße nicht nur unbequem war, sondern für manche Menschen ernst werden konnte.
Unten in der Küche hatte sich derweil eine kleine Gruppe von Gästen versammelt, die Franziska und Julia beim Kochen halfen. Es gab Kartoffelsuppe mit Speck, ein einfaches, aber sättigendes Gericht, das aus den Vorräten im Keller gezaubert worden war.
Ben entdeckte, dass die Gäste ständig nach denselben Dingen fragten: Wasser, Tee, Decken, Nachrichten. Also stellte er mit Julia einen kleinen Tisch im Gastraum auf, beschriftete Zettel und ordnete alles so, dass Franziska nicht jede Frage einzeln beantworten musste. „Informationszentrale“, sagte er, diesmal ohne Grinsen. Mia ergänzte die Uhrzeiten der letzten Meldungen, und Lina hängte ein beruhigendes Foto vom sonnigen Schattberg daneben.
Die Küche war eng geworden mit so vielen zusätzlichen Händen, aber niemand schien sich daran zu stören. Ein junger Vater aus dem Nachbarzimmer schnitt Zwiebeln, während seine kleine Tochter auf einem Hocker saß und mit großen Augen zuschaute, wie der große Suppentopf auf dem Herd langsam zu blubbern begann.
„Das riecht schon jetzt gut“, sagte Lina, die gerade mit einem Stapel sauberer Teller aus der Speisekammer kam. Franziska nickte ihr dankbar zu und wischte sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Wisst ihr“, sagte Franziska, während sie in der Suppe rührte, „normalerweise habe ich für so etwas extra Personal. Aber die können wegen der Sperrung nicht herkommen. Ohne euch alle – und ohne eure kleine Informationszentrale – wüsste ich heute wirklich nicht, wie ich das schaffen sollte.“
„Dafür sind wir doch da“, sagte Ben und setzte seine geschälten Kartoffeln stolz auf den Tisch, so als hätte er gerade ein Kunstwerk vollbracht.
Ben, der sich als überraschend geschickter Kartoffelschäler entpuppte, unterhielt die anderen Helfer mit Geschichten von der langen Zugfahrt hierher, die inzwischen schon fast wie eine Legende in seinem Kopf gewachsen war. „Sieben Verspätungen“, behauptete er stolz, obwohl es in Wahrheit nur vier gewesen waren.
Ein junger Mann aus einem der anderen Zimmer, der bei seiner Kartoffel offenbar deutlich mehr Mühe hatte als Ben, lachte über die übertriebene Geschichte. „Bei uns hat es letztes Jahr auch mal drei Stunden Verspätung gegeben, wegen einem umgestürzten Baum auf den Gleisen. Da fühlt man sich schon ziemlich hilflos.“
„Genau so war das bei uns auch“, sagte Ben eifrig, „nur eben noch schlimmer.“ Er machte eine dramatische Pause, bevor er mit noch mehr Übertreibung fortfuhr, was die kleine Küchenrunde zum Lachen brachte.
„Es waren vier“, korrigierte Mia sachlich, die gerade mit einem Klemmbrett durch die Küche ging und die verbleibenden Vorräte kontrollierte.
„Vier ist auch schon eine ganze Menge“, verteidigte sich Ben, während er weiter Kartoffeln schälte, nur um im nächsten Moment mit einer besonders knorrigen Kartoffel zu kämpfen, die partout nicht glatt werden wollte, was ihm ein Lachen der anderen Küchenhelfer einbrachte.
Am frühen Nachmittag kam Julia mit blassem Gesicht aus dem Büro ihrer Mutter, das Telefon noch in der Hand. „Ich hatte gerade Onkel Rudi dran“, verkündete sie den dreien, die sich sofort um sie versammelten. „Ihm geht es gut, aber er kommt heute nicht mehr durch. Er ist auf der anderen Seite der gesperrten Straße beim Einsatzstab, und die Bergrettung lässt niemanden zurück durch den Hang, bis sich die Lage beruhigt hat.“
„Das heißt, er muss die Nacht dort draußen verbringen?“, fragte Lina besorgt.
„Zum Glück nicht irgendwo im Freien“, sagte Julia. „Er kann bei einer Familie in Viehhofen übernachten. Aber er kann eben nicht zu uns durch, genauso wenig wie jemand von draußen zu uns durchkommt.“
Mia, die aufmerksam zugehört hatte, überlegte laut: „Dann trennt diese eine gesperrte Stelle also nicht nur uns vom Tal, sondern auch den Onkel Rudi vom Hotel.“
Julia nickte. „Genau. Das macht es so komisch. Er ist ganz in der Nähe und trotzdem unerreichbar.“
Franziska, die dazugekommen war, legte ihrer Tochter tröstend eine Hand auf die Schulter. „Er ist ein erfahrener Mann, der Rudi. Er weiß genau, was er tut, und die Familie in Viehhofen wird sich gut um ihn kümmern. Mach dir nicht zu viele Sorgen.“
„Ich weiß“, sagte Julia leise. Sie strich mit dem Daumen über den Rand des Telefons, als könnte sie die Verbindung dadurch festhalten. „Aber er gehört hierher. Wenn im Hotel etwas schiefgeht, ist er sonst immer der Erste, der unten an der Tür steht.“
Lina schob ihr die Kamera hin. „Vielleicht erkennst du auf den Fotos etwas, das wir übersehen haben.“ Julia nickte, aber sie blätterte langsamer als sonst. Bei jedem Bild vom Tal blieb ihr Blick einen Moment zu lange an der Straße hängen, die jetzt irgendwo hinter Regen und Schlamm blockiert war.
Die Nachricht machte die Lage für einen Moment bedrückender, als sie ohnehin schon war. Ben legte Julia kurz die Hand auf die Schulter. „Wenigstens weißt du jetzt, dass es ihm gut geht. Das ist doch schon mal was.“
Julia atmete tief durch. „Da hast du recht. Das ist tatsächlich das Wichtigste.“ Danach setzten sich die vier für eine Weile an einen ruhigen Tisch am Rand des Gastraums, wo Lina ihr die schönsten Aufnahmen der letzten Tage zeigte. Es half tatsächlich ein wenig, die Anspannung aus Julias Gesicht zu vertreiben.
Der Nachmittag verging mit weiteren kleinen Aufgaben: Wäsche musste getrocknet werden, was bei diesem Wetter eine Herausforderung darstellte, und mehrere Gäste baten um zusätzliche Decken, weil die Zimmer durch die andauernde Feuchtigkeit kühler geworden waren als sonst.
Ben übernahm die Aufgabe, die feuchte Wäsche so gut es ging über provisorisch gespannten Leinen im Heizungskeller aufzuhängen, wo es dank der alten, aber zuverlässigen Ölheizung angenehm warm war. „Hier unten könnte ich glatt übernachten“, scherzte er, als er die letzten Handtücher aufhängte.
Mia, die inzwischen ein regelrechtes System entwickelt hatte, um den Überblick über alle Aufgaben im Hotel zu behalten, hatte eine Liste angefertigt, wer sich um was kümmerte, und hakte gewissenhaft jeden erledigten Punkt ab. Franziska war sichtlich beeindruckt von der Organisation, die die junge Mia an den Tag legte.
„Du solltest später mal Hotelmanagerin werden“, sagte sie schmunzelnd, als sie einen Blick auf Mias ordentliche Liste warf.
„Vielleicht“, sagte Mia ernsthaft. „Aber ich glaube, ich würde lieber etwas mit Naturwissenschaften machen. Organisieren macht trotzdem Spaß, wenn es gerade gebraucht wird.“
Lina entdeckte bei ihrem Rundgang durchs Haus ein kleines, cleveres Detail: Franziska hatte im Gastraum ein großes Blatt Papier aufgehängt, auf dem alle wichtigen Informationen für die Gäste gesammelt wurden – der aktuelle Wetterbericht, die letzten Neuigkeiten zur Straße, und eine Liste mit Aktivitäten, die man trotz des Regens im Haus unternehmen konnte.
„Das ist eine gute Idee“, sagte Lina anerkennend, als sie Franziska dabei half, die Liste zu aktualisieren.
„Man muss die Leute bei Laune halten“, sagte Franziska und lächelte müde, aber zufrieden. „Panik hilft niemandem, aber eine gute Beschäftigung schon.“
Am Abend versammelten sich fast alle Gäste im großen Gastraum, wo Julia kurzerhand ein kleines Kartenspiel-Turnier organisierte, um die Stimmung zu heben. Sogar Frau Huber ließ sich überreden, mitzuspielen, und schon bald füllte fröhliches Gelächter den Raum, das den trommelnden Regen draußen fast vergessen ließ.
Manuel war an diesem Abend ebenfalls überall zugleich. Er füllte Teekannen nach, brachte Saft für die Kinder und stellte eine große Schüssel mit Salzstangen auf den Tisch, „damit Ben beim Verlieren wenigstens etwas zum Festhalten hat“, wie er lachend sagte. Ben protestierte sofort, aber genau dieser kleine Scherz löste am ganzen Tisch Gelächter aus. Sogar Julia, die wegen Onkel Rudi immer wieder zum Telefon hinübersah, entspannte sich für einen Augenblick. Manuel merkte es und stellte ihr wortlos eine Tasse Kakao hin. „Für die Nerven“, sagte er leise. Julia nickte dankbar.
Es gab mehrere Tische, an denen unterschiedliche Kartenspiele gespielt wurden: Die Erwachsenen vertieften sich in ein kompliziertes Spiel mit vielen Regeln, während an Bens Tisch ein einfacheres, aber umso lauteres Spiel im Gange war, bei dem es hauptsächlich darum ging, möglichst schnell eine Karte auf den Tisch zu klatschen.
„Ich gewinne!“, rief Ben zum wiederholten Mal, woraufhin die kleine Tochter des Nachbarpaares, die mit am Tisch saß, energisch widersprach und behauptete, sie sei viel schneller gewesen.
Franziska, die zwischen den Tischen umherging, um sicherzustellen, dass jeder etwas zu trinken hatte, blieb kurz bei Lina stehen, die gerade eine Pause vom Spielen machte. „Wie geht es dir mit alldem?“, fragte sie leise.
„Eigentlich ganz gut“, sagte Lina nachdenklich. „Es ist komisch, aber irgendwie fühlt es sich fast an wie eine große Familie hier, obwohl sich die meisten erst seit ein paar Tagen kennen.“
Franziska lächelte. „Das ist das Schöne an solchen Situationen, so schwierig sie auch sein mögen. Man merkt, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein.“
Mia, die zwischen zwei Kartenrunden kurz Zeit fand, blätterte in ihrem Notizbuch die Seiten mit den Informationen über den alten Weg und das Steinkreuz durch, die sie in den letzten Tagen gesammelt hatte. Ein Gedanke nagte an ihr, den sie noch nicht ganz greifen konnte.
„Was ist los?“, fragte Lina, die es bemerkt hatte.
„Ich weiß nicht genau“, sagte Mia langsam. „Aber irgendwie kommt mir das alles bekannt vor. Der Erdrutsch, das Steinkreuz, die Geschichte von Sepp. Als würden diese Dinge irgendwie zusammenpassen.“
Ben, der mit halbem Ohr zugehört hatte, grinste. „Da ist es wieder, dieses Gefühl. Ich hab doch gesagt, kein Urlaub ohne Geheimnis.“
Mia verdrehte die Augen, aber ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Vielleicht hast du ja wirklich recht. Aber ich weiß noch nicht, was es zu bedeuten hat.“
Sie zog ihr Notizbuch näher heran und begann, noch einmal systematisch alles aufzulisten, was sie über den alten Weg wussten: die Inschrift auf dem Steinkreuz, Sepps Erzählung von seinem Großvater, die ungefähre Richtung, in die der Weg verlaufen war. Lina und Ben beugten sich neugierig über ihre Schulter, um mitzulesen.
„Wenn man das alles zusammennimmt“, murmelte Mia, „müsste der alte Weg vom Talschluss aus talwärts geführt haben. Nicht unbedingt bis direkt zum Hotel, aber vielleicht bis zu einem alten Einstieg oberhalb des Ortes, der heute unter Gras und Erde verborgen liegt.“
„Das würde bedeuten, dass sein unteres Ende irgendwo ganz in unserer Nähe liegen könnte“, sagte Lina aufgeregt, wenn auch leise, um die anderen Gäste im Raum nicht zu stören.
„Genau das denke ich auch“, sagte Mia. „Aber ohne genauere Anhaltspunkte ist das nur eine Vermutung. Wir bräuchten irgendein Zeichen, das uns zeigt, wo genau man suchen müsste.“
Später, als sich die Gäste allmählich in ihre Zimmer zurückzogen, blieben die drei Kinder noch eine Weile am Fenster stehen und beobachteten den unaufhörlichen Regen. Der Wetterbericht auf Julias Handy versprach für die kommende Nacht eine leichte Besserung, auch wenn die Wolken draußen noch immer bedrohlich tief hingen.
„Morgen wird es bestimmt besser“, sagte Lina, mehr um sich selbst zu beruhigen als aus wirklicher Überzeugung.
„Das hoffe ich auch“, sagte Julia leise, den Blick immer noch auf das dunkle, regennasse Tal gerichtet, hinter dem irgendwo, auf der anderen Seite der Rutschung, Onkel Rudi in einer fremden Familie übernachtete.
Mia klappte schließlich ihr Notizbuch zu und steckte es ein. „Wir sollten schlafen gehen. Morgen sehen wir weiter, und vielleicht“, fügte sie mit einem kleinen, geheimnisvollen Lächeln hinzu, „vielleicht fällt mir bis dahin auch ein, worauf ich die ganze Zeit nicht komme.“
Sie stiegen gemeinsam die Treppe hinauf, jeder in Gedanken versunken, während unten im Gastraum die letzten Kerzen langsam heruntergebrannt waren. Draußen hatte der Regen etwas nachgelassen, ein zaghaftes Zeichen dafür, dass sich das Wetter womöglich schon bald bessern könnte.
Kapitel 10 – Was der Berg freigelegt hat
Am nächsten Morgen hatte der Regen tatsächlich nachgelassen, auch wenn der Himmel noch immer grau und schwer über den Bergen hing. Franziska verkündete beim Frühstück vorsichtig optimistische Neuigkeiten: Die Feuerwehr arbeite mit Hochdruck an der Räumung der Straße, auch wenn es wohl noch mindestens einen weiteren Tag dauern würde.
„Ihr könnt euch heute ein paar Minuten die Beine vertreten“, erlaubte sie den Kindern, nachdem sie mehrfach betont hatte, dass sie ausschließlich auf dem befestigten Weg hinter dem Hotel bleiben und auf keinen Fall zur eigentlichen Rutschung gehen sollten. „Julia begleitet euch. Vom Bach haltet ihr Abstand, und wenn ihr irgendetwas Ungewöhnliches seht, fasst ihr nichts an, sondern kommt sofort zurück.“
Lina, Ben und Mia zogen sich ihre Regenjacken über und machten sich gemeinsam mit Julia auf den Weg, froh, endlich wieder ein bisschen frische Luft zu bekommen, nachdem sie mehr als einen Tag im Haus verbracht hatten. Der Garten hinter dem Hotel war regelrecht durchweicht, kleine Bäche aus Regenwasser hatten sich ihren Weg zwischen den Blumenbeeten gebahnt.
Die Luft roch frisch und erdig, ganz anders als die abgestandene Zimmerluft, an die sie sich in den letzten eineinhalb Tagen fast schon gewöhnt hatten. Über ihnen zogen noch immer graue Wolken vorbei, aber hin und wieder blitzte ein Streifen hellerer Himmel dazwischen auf, was Hoffnung auf baldige Besserung machte.
„Endlich wieder draußen“, seufzte Ben zufrieden und streckte die Arme aus, als könnte er die frische Luft dadurch noch besser einatmen. „Ich hatte schon fast vergessen, wie das ist.“
„Es war ja auch erst ein Tag“, bemerkte Mia gelassen, aber auch sie wirkte sichtlich erleichtert, endlich wieder draußen zu sein.
„Vorsichtig“, warnte Mia, als Ben beinahe in einer besonders tiefen Pfütze ausrutschte. „Der Boden ist überall aufgeweicht.“
Sie folgten dem befestigten Weg hinter dem Hotel, der in sicherem Abstand zum nahen Bach verlief. Der Bach war durch den vielen Regen angeschwollen und schäumte über die sonst so ruhigen Steine. Kleine Äste trieben vorbei, und an einer flacheren Stelle hatte das Wasser Erde aus dem Gras gespült.
„Sieht schon anders aus als sonst“, bemerkte Ben und blieb von selbst auf Abstand. Dann kniff er die Augen zusammen. „Wartet mal. Schaut nicht nur auf die einzelnen Steine. Schaut auf die Linie.“
Er deutete nicht nach unten zur Böschung, sondern schräg den Hang entlang. Erst da sah Lina, was er meinte: Unter dem weggespülten Gras lagen graue, behauene Steine, nicht wie Geröll, sondern wie Reste einer schmalen Treppe.
„Nicht näher ran“, sagte Julia sofort. „Der Boden kann weiter nachgeben.“
Mia nickte ernst, zog ihr Notizbuch heraus und skizzierte die sichtbare Form der Steine aus sicherer Entfernung. „Das ist trotzdem kein Zufall der Natur“, sagte sie nach einer Weile. „So ordentlich liegen Steine nicht einfach nebeneinander.“
Lina, die inzwischen ihre Kamera gezückt hatte, fotografierte die freigelegte Struktur mit Zoom aus mehreren Winkeln. Auf dem Display sah zuerst alles enttäuschend aus: graues Wasser, nasses Gras, verwackelte Linien. „Das ist viel zu unscharf“, murmelte sie.
„Dann mach es noch einmal“, sagte Ben. „Aber von hier. Nicht näher ran.“
Julia nickte sofort. „Keiner geht an die Kante.“ Sie stellte sich instinktiv ein Stück vor die drei, als könnte sie den weichen Hang allein mit ihrem Körper zurückhalten.
Lina atmete aus, stützte die Kamera gegen einen Zaunpfosten und fotografierte erneut. Diesmal erkannte man auf dem Bild die Ordnung der Steine: keine zufälligen Brocken, sondern flache Kanten, die sich unter dem Gras fortsetzten.
Mia blätterte fieberhaft in ihrem Notizbuch. „Das Steinkreuz“, sagte sie. „Die Quelle. Sepps Geschichte. Das passt.“ Dann hielt sie inne und biss sich auf die Lippe. „Oder nein. Wenn ich die Karte richtig im Kopf habe, müsste der alte Weg eigentlich weiter links verlaufen.“
Ben sah nicht auf die Karte, sondern auf den Hang. „Vielleicht ist die Karte falsch. Oder der Weg macht hier einen Knick.“
Mia wollte widersprechen, doch sie sah noch einmal hin. Die freigespülten Steine bildeten tatsächlich keine gerade Linie. Sie bogen unterhalb der nassen Grasnarbe leicht ab. „Vielleicht“, gab sie zu. „Aber dann müssen wir das sehr genau zeigen.“
Lina suchte die Fotos vom Steinkreuz heraus. Auch dort war zuerst kaum etwas zu erkennen. Erst als sie die Helligkeit am Kameradisplay veränderte und das Bild vergrößerte, tauchte zwischen Moos und Schatten ein Wort auf, das wie „Weeg“ aussah.
„Das reicht nicht als Beweis“, sagte Mia leise.
„Aber als Hinweis“, sagte Ben. „Und Hinweise zeigt man Leuten, die sich auskennen.“
„Und wir bleiben auf Abstand“, mahnte Julia. Ihre Stimme klang fester, als ihr Gesicht aussah. „Der Boden kann noch weiter nachgeben. Die Fotos reichen, jetzt müssen Erwachsene entscheiden.“
Lina machte noch zwei Aufnahmen aus sicherer Entfernung. Dann senkte sie die Kamera, sah zu Mia, Ben und Julia und nickte. Diesmal würden nicht die Kinder entscheiden, was der Fund bedeutete. Sie würden ihn weitergeben.
„Franziska!“, rief Ben schon von Weitem, als sie das Hotel erreichten, außer Atem vom schnellen Laufen durch den aufgeweichten Garten.
Franziska kam mit besorgter Miene aus der Küche geeilt. „Was ist los? Ist jemandem etwas zugestoßen?“
„Nein“, sagte Lina schnell. „Aber wir haben etwas gefunden. Etwas, das wichtig sein könnte.“
Sie legten Franziska die Fotos vor. Mia erklärte den Zusammenhang, stockte aber bei ihrer ersten Skizze. „Ich habe den Verlauf zuerst falsch eingezeichnet“, gab sie zu. „Auf der Karte müsste er weiter links liegen. Aber die Steine draußen zeigen einen Bogen.“
Franziska sah lange auf die Bilder. „Ich glaube euch, dass ihr etwas gefunden habt“, sagte sie schließlich. „Aber ich glaube nicht einfach, dass daraus ein sicherer Weg wird. Dafür holen wir jemanden, der das beurteilen kann.“
„Sepp?“, fragte Julia.
Franziska nickte und griff zum alten Telefon an der Rezeption. Die Leitung knackte, dann rauschte es, dann war für einen Moment eine Stimme zu hören. „Forsthof… Sepp… wer ist…?“
„Sepp, hier ist Franziska vom Hotel Mitterer“, rief sie in den Hörer. „Wir brauchen deine Erinnerung an den alten Weg.“
Die Verbindung brach ab.
Ben schlug mit der flachen Hand auf die Tischkante, fing sich aber sofort wieder. „Entschuldigung.“
Franziska wählte erneut. Diesmal dauerte es länger. Julia stand neben ihr und hielt den Atem an, als hinge daran nicht nur der alte Weg, sondern auch ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte.
Beim dritten Versuch kam Sepps Stimme klarer durch. Er hörte sich die Beschreibung an, stellte Fragen zur Quelle, zur Felswand und zu dem Bogen der Steine. Dann sagte er langsam: „Wenn der Weg dort einen Knick macht, dann wegen des Felsriegels. Mein Großvater hat immer gesagt, man geht unten herum, nicht oben drüber.“
Mia sah auf ihre Skizze. „Dann war meine erste Linie wirklich falsch.“
„Gut, dass du es gemerkt hast“, sagte Lina.
Franziska legte auf und sah die Kinder ernst an. „Jetzt rufen wir die Bergrettung. Und bis jemand von denen hier ist, fasst niemand diesen Hang an.“
Draußen hatte sich der Regen weiter beruhigt. Trotzdem sah der Garten nicht freundlich aus, sondern verletzt: Pfützen, Schlamm und helle Rinnen im Gras zeigten, wie viel Wasser sich einen Weg gesucht hatte.
Kapitel 11 – Der vergessene Weg
Jetzt ging es nicht mehr um die Frage, ob die Kinder etwas Ungewöhnliches gefunden hatten. Es ging darum, ob aus einem alten Hinweis wirklich Hilfe werden konnte.
Franziska erklärte Herrn Wagner vorsichtig, was sie herausgefunden hatten. Er saß im Gastraum, die kleine Tablettendose in beiden Händen. „Ich will niemandem zur Last fallen“, sagte er leise, „aber ohne diese Tabletten wird es für mich nicht erst in ein paar Tagen schwierig.“
Lina sah nicht weg. Die Dose klapperte kaum hörbar, als Herr Wagner sie wieder schloss.
„Dann müssen wir den Weg finden!“, rief Ben entschlossen.
„Langsam“, bremste Franziska ihn. „Das ist nichts für Kinder allein. Aber ihr könnt helfen, indem ihr genau zeigt, was ihr gesehen habt. Heute geht es nicht darum, mutig in den Hang zu laufen, sondern klug genug zu sein, die richtigen Hinweise weiterzugeben.“
Julia stand neben ihrer Mutter und blickte zur alten Karte im Gastraum. Der rötliche Strich, den sie als Kind so oft angesehen hatte, wirkte plötzlich nicht mehr wie eine Spielerei ihres Großvaters. „Vielleicht wollte er wirklich, dass sich irgendwann jemand daran erinnert“, sagte sie leise.
Kurze Zeit später traf sich eine kleine Gruppe im Garten des Hotels: Franziska, Linas Vater, Herr Steiner von der örtlichen Bergrettung und die drei Kinder. Herr Steiner war auf dieser Seite der Rutschung stationiert gewesen und kam mit Helm, Seil und einem Blick, der jeden lockeren Stein zu prüfen schien.
Der Regen hatte fast aufgehört, doch der Boden war aufgeweicht. Herr Steiner blieb mehrere Meter vor der freigelegten Stelle stehen. „Das ist interessant“, sagte er. „Aber interessant ist nicht dasselbe wie sicher.“
Ben wollte etwas erwidern, doch Julia berührte kurz seinen Ärmel. Er schwieg. Diesmal war es wichtiger zuzuhören als schnell recht zu haben.
Herr Steiner betrachtete die Steine aus sicherer Entfernung und verglich sie mit den Fotos. „Das könnte ein alter Saumpfad sein“, sagte er schließlich. „Solche Wege wurden früher genutzt, um Vieh und Güter zwischen den Tälern zu bringen. Aber selbst wenn es einer ist, kann er heute an vielen Stellen weggebrochen sein.“
Mia legte ihre korrigierte Skizze auf eine trockene Holzplatte. „Ich habe zuerst gedacht, der Weg müsste gerade verlaufen“, sagte sie. „Aber Sepp hat den Felsriegel erwähnt. Deshalb macht er wahrscheinlich diesen Bogen.“
Herr Steiner nickte langsam. „Das ist der erste hilfreiche Gedanke heute.“
Lina zeigte die Aufnahmen vom Steinkreuz, der Quelle und der niedrigen Felswand. Ein Foto war unscharf, ein anderes zu dunkel. Erst das dritte zeigte die Felswand deutlich. „Hier müsste die Wasserader sein“, sagte sie. „Wenn Sepp recht hat, darf man oberhalb davon nicht weitergehen.“
„Gut“, sagte Herr Steiner. „Dann prüfen wir nicht den kürzesten Weg, sondern den wahrscheinlich sichereren.“
Die Kinder blieben im Gastraum, während Herr Steiner mit einem zweiten Bergretter aufbrach. Franziska machte ihnen klar, dass Warten diesmal keine Nebensache war: Sie sollten Fotos sortieren, die Skizze sauber nachzeichnen und jede Funkmeldung mit ihren Notizen vergleichen.
Mia arbeitete konzentriert, aber nicht mehr so sicher wie sonst. Zweimal radierte sie ihre Linie aus. Ben klebte farbige Zettel auf die Stellen, an die er sich erinnerte. Lina legte ihre Fotos in der Reihenfolge aus, in der der Weg vermutlich verlief.
Die erste Meldung über Funk klang ernüchternd. „Keine Fortsetzung gefunden. Zu viel Geröll.“
Im Gastraum wurde es still. Herr Wagner saß am Fenster und drehte die Tablettendose zwischen den Fingern. Julia presste die Lippen zusammen.
Ben beugte sich über die Skizze. „Wenn sie dort nichts finden, sind sie vielleicht zu hoch.“ Er tippte auf Linas Foto mit der Wasserader. „Sepp hat gesagt: unten herum, nicht oben drüber.“
Franziska gab den Hinweis weiter. Eine Weile rauschte es nur. Dann kam Herr Steiners Stimme zurück: „Wir gehen zurück zur Felswand und prüfen den unteren Absatz.“
Die nächsten Minuten zogen sich endlos. Lina starrte auf die Fotos, bis die Kanten der Steine vor ihren Augen verschwammen. Mia hielt den Stift so fest, dass ihre Fingerknöchel hell wurden.
Dann knackte das Funkgerät. „Absatz gefunden. Alte Randsteine sichtbar. Der Verlauf passt zu eurer Skizze.“
Ben stieß einen leisen Jubel aus, aber niemand traute sich, richtig zu feiern. Noch war der Weg nicht frei, nur wahrscheinlicher geworden.
Kurz darauf kam die nächste Schwierigkeit: Ein umgestürzter Baum versperrte den alten Pfad. Für Wanderer wäre das Ende gewesen. Für die Bergretter bedeutete es zusätzliche Sicherung, einen Umweg von wenigen Metern und noch mehr Zeit.
„Der Onkel Rudi würde sagen, dass ein Weg nicht dadurch verschwindet, dass er schwierig wird“, sagte Julia leise. Ihre Stimme zitterte kaum noch. „Man muss nur entscheiden, ob man ihn verantworten kann.“
Franziska sah ihre Tochter an. In ihrem Blick lag Müdigkeit, Sorge und Stolz zugleich.
Schließlich meldete Herr Steiner sich wieder: „Wir haben eine Verbindung zu einem alten Forstweg. Schmal, rutschig, nicht für Gäste, aber für zwei gesicherte Bergretter machbar.“
Erst kurz vor der Dämmerung wagte Franziska, die Nachricht laut zu wiederholen: Es gab eine schmale, schwierige Verbindung zur anderen Seite der Sperre.
Diesmal brach der Jubel nicht sofort los. Erst als Herr Steiner bestätigte, dass die beiden Bergretter sicher auf dem Rückweg waren, atmeten alle hörbar aus. Julia umarmte Lina so fest, dass diese fast das Gleichgewicht verlor, und Frau Huber klatschte erleichtert in die Hände.
„Sie sind noch nicht ganz zurück“, dämpfte Franziska die Freude ein wenig, „aber sie sind auf dem Rückweg, und der Weg scheint zu funktionieren. Das ist schon mal eine wirklich gute Nachricht.“
„Es ist kein einfacher Weg“, berichtete Herr Steiner, als er später erschöpft, aber zufrieden zurückkehrte. „Und er wird kein Wanderweg. Aber für erfahrene Bergretter mit leichtem Gepäck und Sicherung ist er machbar. Das reicht, um dringende Medikamente und wichtige Nachrichten auszutauschen, bis die Straße wieder frei ist.“
Franziska strahlte vor Erleichterung. „Das bedeutet, wir können Herrn Wagner noch vor der nächsten fehlenden Dosis mit seinen Medikamenten versorgen?“
„Genau das“, bestätigte Herr Steiner. „Zwei erfahrene Bergretter gehen noch vor der vollständigen Dunkelheit mit Stirnlampen und leichtem Rucksack los. Wenn alles klappt, sind die Medikamente vor dem Frühstück hier.“
Die Erleichterung im Hotel war förmlich greifbar. Sogar Herr Wagner, der bisher tapfer versucht hatte, seine Sorge zu verbergen, konnte ein dankbares Lächeln nicht unterdrücken, als ihm die guten Nachrichten überbracht wurden.
„Das haben wir euch zu verdanken“, sagte Franziska später zu Lina, Ben, Mia und Julia, als sie gemeinsam am Abendbrottisch saßen. „Ihr habt nicht den Berg bezwungen. Ihr habt genau hingesehen, gezweifelt, korrigiert und die richtigen Menschen gefragt. Das war heute wichtiger als jedes Draufloslaufen.“
Ben strahlte über das ganze Gesicht. „Ich hab’s doch gesagt. Kein Urlaub ohne Geheimnis.“
Mia verdrehte zwar die Augen, aber diesmal ohne jeden Widerspruch, und sogar Lina musste über Bens triumphierenden Tonfall lachen. Ben kippelte nicht mehr unruhig mit dem Stuhl. Mia legte den Stift aus der Hand, und Lina merkte, dass sie seit Minuten nicht mehr auf den Regen gehört hatte.
Später am Abend, als die meisten Gäste sich bereits zur Ruhe begeben hatten, saßen Lina, Ben, Mia und Julia noch einmal zusammen auf der kleinen Bank vor dem Hotel. An ihrem ersten Abend in Saalbach hatten sie nicht geahnt, dass hinter diesem Haus ein alter Weg unter Erde und Gras verborgen lag – und Julia hatte nicht geahnt, dass die Geschichten ihres Großvaters einmal so wichtig werden würden.
„Erinnert ihr euch noch, wie wir am Anfang gedacht haben, das wird nur ein ganz normaler Urlaub?“, fragte Lina nachdenklich, während sie in den langsam aufklarenden Nachthimmel blickte, an dem sich zum ersten Mal seit Tagen wieder einzelne Sterne zeigten.
„Ich hab von Anfang an gesagt, dass da mehr dahintersteckt“, erinnerte Ben sie mit einem breiten Grinsen.
„Das hast du wirklich“, gab Mia zu, was für sie ein seltenes Zugeständnis war. „Auch wenn ich zugeben muss, dass ich nicht erwartet hätte, dass es diesmal um einen echten, wortwörtlich vergrabenen Weg geht.“
Sie saßen noch eine Weile schweigend beieinander, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, während im Hintergrund das leise Rauschen des angeschwollenen Baches und, zum ersten Mal seit Tagen, das ferne Zirpen einzelner Grillen zu hören war, die sich offenbar ebenfalls über das nachlassende Unwetter freuten.
Am nächsten Morgen erwachte Lina von einem Geräusch, das sie in den letzten Tagen kaum gehört hatte: Stille. Kein trommelnder Regen, kein fernes Donnergrollen. Sie sprang aus dem Bett und riss die Vorhänge auf, und tatsächlich zeigte sich zwischen den Wolken zaghaft ein Streifen blauen Himmels.
„Ben! Mia! Kommt her!“, rief sie aufgeregt, und wenige Augenblicke später standen die drei gemeinsam auf dem Balkon und betrachteten das erste echte Sonnenlicht seit Tagen, das sich langsam seinen Weg durch die auseinanderbrechenden Wolken bahnte.
Beim Frühstück gab es weitere gute Nachrichten. Franziska, die mit ihrem Handy in der Hand am Kopfende des Frühstücksraums stand, hatte kaum Signal gehabt, bevor plötzlich mehrere Nachrichten gleichzeitig eintrafen. „Die Bergrettung meldet, dass die Straße bis heute Nachmittag geräumt sein könnte!“, verkündete sie den versammelten Gästen, die daraufhin in spontanen Applaus ausbrachen.
Der Frühstücksraum, der die letzten Tage über eher gedrückt und still gewesen war, füllte sich plötzlich mit aufgeregtem Gemurmel und erleichtertem Lachen. Frau Huber, die sich seit dem Beginn des Unwetters kaum von ihrem Zimmer wegbewegt hatte, kam sogar extra herunter, um sich die guten Nachrichten selbst anzuhören.
„Das ist wirklich wunderbar“, sagte sie strahlend zu Lina, als diese ihr beim Frühstück Gesellschaft leistete. „Ich glaube, ich werde heute sogar mal wieder einen kleinen Spaziergang wagen.“
Ben, der sich einen besonders großen Teller mit Rührei und Speck geladen hatte, verkündete zwischen zwei Bissen: „Das nennt man wohl Feierfrühstück.“
Julia, die neben ihrer Mutter stand, wirkte erleichtert wie schon lange nicht mehr. „Das bedeutet, der Onkel Rudi kann bald zurückkommen“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte dabei leicht vor Freude.
Lina nahm Julias Hand und drückte sie kurz. „Das ist wirklich die beste Nachricht seit Tagen“, sagte sie warm, und Julia nickte, unfähig, im Moment noch viel mehr zu sagen.
Tatsächlich rollte am frühen Nachmittag der erste Bagger auf der wieder befahrbaren Straße durch den Ort, gefolgt von mehreren Fahrzeugen der Bergrettung. Und nicht lange danach hielt ein vertrautes Auto direkt vor dem Hotel Mitterer.
„Onkel Rudi!“, rief Julia und rannte los, kaum dass die Autotür aufging. Rudi, ein hochgewachsener Mann mit müdem, aber glücklichem Gesicht, fing sie in seinen Armen auf und drückte sie fest an sich.
Auch Franziska eilte hinzu, und für einen Moment stand die ganze Familie eng umschlungen vor dem Hoteleingang, während die anderen Gäste diskret, aber sichtlich gerührt, das Wiedersehen beobachteten.
„Das war knapp“, sagte Rudi schließlich, als er sich von Julia und Franziska löste und die drei Kinder bemerkte, die etwas abseits standen. „Und ich habe gehört, dass ihr drei einiges dazu beigetragen habt, dass es allen hier gut ergangen ist.“
Er sah müde aus, mit dunklen Ringen unter den Augen und schlammverschmierter Arbeitskleidung, aber sein Lächeln wirkte echt und warm, als er sich vor die drei Kinder stellte. „Herr Steiner hat mir am Funk schon alles erzählt. Ihr habt wirklich gute Arbeit geleistet.“
„War doch selbstverständlich“, sagte Ben und versuchte, cool zu wirken, was ihm nur mäßig gelang, da sein Grinsen viel zu breit für seinen betont lässigen Tonfall war.
„Wir haben nur ein bisschen geholfen“, sagte Lina bescheiden, obwohl sie innerlich vor Stolz strahlte.
„Ein bisschen geholfen, das nenne ich bescheiden“, sagte er und schüttelte jedem von ihnen herzlich die Hand. „Ich habe von Herrn Steiner gehört, was ihr mit dem alten Weg herausgefunden habt. Das war wirklich außergewöhnlich.“
Am Abend gab es ein großes gemeinsames Essen im Hotel, zu dem Franziska sogar Sepp und seine Frau Berta eingeladen hatte, die es inzwischen ebenfalls über die Straße bis ins Tal geschafft hatten. Der große Gastraum war voller fröhlicher Stimmen, klapperndem Geschirr und dem Duft von frisch gebackenem Brot.
Sepp setzte sich zu den Kindern und hob sein Glas. „Auf die drei jungen Detektive“, sagte er lächelnd, „die einer alten Geschichte zu einem neuen Kapitel verholfen haben.“
Berta, die neben ihm saß, nickte zustimmend und reichte den Kindern noch einmal von dem Käse, den sie extra für diesen Abend mitgebracht hatte. „Mein Sepp hat mir kaum von etwas anderem erzählt in den letzten Tagen“, sagte sie schmunzelnd. „Die drei Kinder aus Deutschland und der alte Weg, das war sein einziges Thema.“
„Das stimmt doch gar nicht“, protestierte Sepp, wurde aber rot dabei, was seine Frau nur noch mehr zum Lachen brachte.
Linas Vater, der am Nebentisch saß, beugte sich zu Franziska hinüber. „Es ist schon erstaunlich, wie sich die ganze Geschichte zusammengefügt hat. Wenn die Kinder das Steinkreuz nicht fotografiert hätten, oder wenn Sepp uns nicht von seinem Großvater erzählt hätte, wäre das alles wahrscheinlich nie ans Licht gekommen.“
Mias Vater, der das Gespräch mitverfolgte, stimmte zu. „Es zeigt auch, wie wichtig es ist, den Geschichten der älteren Generation zuzuhören. Ohne Sepps Erinnerung an die Erzählung seines Großvaters hätten wir nie gewusst, wonach wir überhaupt suchen sollten.“
Sepp nickte zufrieden bei diesen Worten. „Genau deshalb erzähle ich solche Geschichten auch immer weiter. Man weiß nie, wann sie noch einmal wichtig werden.“
„Manchmal braucht es einfach die richtigen Zufälle zur richtigen Zeit“, sagte Franziska nachdenklich. „Und offene Augen, die diese Zufälle auch erkennen.“
„Was meinen Sie damit?“, fragte Mia neugierig.
„Die Gemeinde überlegt schon, den freigelegten Teil des Weges genauer zu untersuchen und vielleicht sogar als offiziellen Wanderweg auszubauen“, erklärte Sepp. „Mit einer Infotafel über seine Geschichte. Wer weiß, vielleicht steht euer Name irgendwann sogar mit drauf.“
Ben grinste breit. „Das wäre schon cool. ‚Entdeckt von Lina, Ben und Mia‘ – das klingt gut.“
„Erst mal abwarten, was die Untersuchung ergibt“, dämpfte Mia sachlich seine Begeisterung, aber auch sie konnte ein zufriedenes Lächeln nicht ganz unterdrücken.
Herr Steiner, der ebenfalls zum Essen eingeladen worden war, erklärte den Kindern noch genauer, wie es mit dem Weg weitergehen könnte. „Solche Entdeckungen müssen erst offiziell dokumentiert und geprüft werden“, sagte er. „Aber das Amt für Denkmalschutz wird sich das sicher genauer ansehen. So etwas findet man nicht alle Tage.“
„Vielleicht kommen ja sogar richtige Archäologen“, überlegte Mia begeistert. „Das würde mich schon sehr interessieren, wie so etwas genau untersucht wird.“
„Wer weiß“, sagte Herr Steiner lächelnd. „Vielleicht müsst ihr ja noch mal herkommen, um das mitzuerleben.“
Auch Herr Wagner, dessen Medikamente rechtzeitig über den provisorischen Pfad geliefert worden waren, gesellte sich für einen Moment zu ihnen und bedankte sich noch einmal herzlich bei den Kindern. „Ich werde euch drei nie vergessen“, sagte er ernst. „Ihr habt vielleicht mehr getan, als euch selbst bewusst ist.“
Die letzten Tage ihres Urlaubs verliefen deutlich ruhiger, aber nicht weniger schön. Das Wetter besserte sich zusehends, sodass sie noch einmal zur Sommerrodelbahn konnten, dieses Mal ohne Ben dabei schwindlig werden zu lassen, da er inzwischen genau wusste, wie viel Tempo er vertrug.
Sie besuchten auch noch einmal das Freibad, wo Julia sich diesmal Zeit nahm, ganz ohne Sorgen mit ihnen zu schwimmen und zu lachen, und am letzten Abend saßen alle gemeinsam mit Franziska, Julia und Onkel Rudi auf der Terrasse und ließen den Urlaub Revue passieren.
Der Himmel über den Bergen war inzwischen wieder makellos blau, als hätte es das Unwetter nie gegeben, nur die frisch geräumte Straße und ein paar noch sichtbare Spuren am Hang erinnerten daran, was in den letzten Tagen wirklich passiert war.
Rudi erzählte noch einmal ausführlich von seinen Erlebnissen auf der anderen Seite der Rutschung, von der freundlichen Familie, bei der er untergekommen war, und wie erleichtert er gewesen sei, als die Nachricht über den provisorischen Pfad ihn erreicht hatte.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht“, gestand er, „aber zu wissen, dass ihr alle hier gut versorgt wart, hat mir wirklich geholfen, die Tage durchzustehen.“
Franziska legte ihm liebevoll die Hand auf den Arm. „Wir haben es gemeinsam geschafft. Das ist doch das Wichtigste.“
Ben, der bereits seinen dritten Nachschlag vom Nachtisch verputzt hatte, seufzte zufrieden. „Ich glaube, das war der beste und aufregendste Urlaub, den ich je hatte. Auch wenn ich das am Anfang bestimmt nicht gedacht hätte.“
„Bei der Zugfahrt hättest du bestimmt das Gegenteil behauptet“, erinnerte Lina ihn lachend.
„Stimmt“, gab Ben zu. „Aber im Nachhinein war sogar die lustig. Fast.“
„Ich werde diesen Urlaub nie vergessen“, sagte Lina, während sie den Sonnenuntergang über den Bergen fotografierte, die jetzt wieder in ihrem gewohnten, friedlichen Grün dalagen, als wäre nichts geschehen.
Später, als Lina die Fotos sortierte, blieb sie besonders lange bei einem Bild hängen: dem nassen Steinabschnitt hinter dem Hotel, halb verborgen im Gras. Es sah unscheinbar aus, und doch wusste sie jetzt, dass manche Wege nur darauf warteten, wiederentdeckt zu werden.
„Ich auch nicht“, stimmte Ben zu. „Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir den Urlaub am Anfang etwas entspannter vorgestellt hatte.“
„Dafür war es aber viel spannender“, sagte Mia. „Und wir haben etwas gefunden, das vielleicht noch lange Bestand haben wird.“
Am Morgen der Abreise stand die Familie noch einmal am Empfang, wo das kleine Gästebuch aufgeschlagen dalag, das Lina bei ihrer Ankunft entdeckt hatte. „Jetzt wissen wir, was wir erlebt haben“, sagte sie zu Franziska und griff nach dem Stift.
Gemeinsam schrieben die drei Kinder einen langen Eintrag über ihren Urlaub: die chaotische Zugfahrt, die wunderschönen Wanderungen, Sepp und seine Geschichten, das Unwetter und schließlich die Entdeckung des alten Weges. Franziska las den Eintrag mit feuchten Augen.
Julia, die über ihre Schulter mitgelesen hatte, wischte sich ebenfalls kurz über die Augen. „Ihr müsst mir versprechen, dass ihr mir schreibt, wenn ihr wieder zu Hause seid“, sagte sie. „Ich will wissen, wie es euch geht, und ob der Weg wirklich zu einem richtigen Wanderweg wird.“
„Versprochen“, sagten Lina, Ben und Mia wie aus einem Mund, und Julia lächelte gerührt über diese spontane Einigkeit.
„Ihr müsst unbedingt wiederkommen“, sagte sie, als sie sich am Ende herzlich von der ganzen Familie verabschiedete. „Am besten schon nächstes Jahr.“
„Das werden wir“, versprach Lina, und dieses Mal war sie sich ganz sicher, dass sie dieses Versprechen auch halten würden.
Die Heimreise verlief, zur allgemeinen Erleichterung, völlig reibungslos. Kein einziger Zug hatte Verspätung, alle Anschlüsse klappten wie am Schnürchen, und Ben verkündete gegen Ende der Fahrt mit gespieltem Bedauern, dass er die ganze Aufregung der Hinfahrt fast ein bisschen vermisse.
„Fast“, betonte Mia ungerührt, und alle drei mussten lachen, während der Zug sie zurück in Richtung Siegerland brachte, mit unzähligen neuen Erinnerungen im Gepäck und der leisen Vorfreude auf einen weiteren Besuch in den Bergen von Saalbach.
Als die vertrauten Hügel des Siegerlandes schließlich am Horizont auftauchten, lehnte sich Lina zufrieden zurück und betrachtete noch einmal die vielen Fotos, die sie in den letzten zwei Wochen gemacht hatte. Jedes einzelne erzählte einen Teil dieser besonderen Geschichte: die chaotische Anreise, die ersten sonnigen Wandertage, das Steinkreuz, Sepp und seine Erzählungen, das Unwetter, und schließlich der vergessene Weg, der wiederentdeckt worden war.
„Weißt du was“, sagte sie zu Mia, während der Zug gemächlich durch die letzten Kilometer rollte, „ich glaube, das war unser bisher aufregendster Urlaub. Und das, obwohl wir eigentlich nur ausspannen wollten.“
„Vielleicht sind es ja gerade die Urlaube, die man am wenigsten plant, die am Ende am meisten bleiben“, antwortete Mia nachdenklich, ihr Notizbuch fest in beiden Händen, vollgeschrieben mit den Erlebnissen der letzten zwei Wochen.
Ein Abenteuer muss nicht immer mit einer geheimnisvollen Karte oder einem rätselhaften Fund beginnen. Bei Lina, Ben und Mia beginnt es mit einer verspäteten Zugfahrt, müden Gesichtern am Bahnhof und einem Urlaub, der eigentlich nur Erholung bringen sollte.
Weit weg von ihrer vertrauten Heimat im Siegerland entdecken die drei Freunde in Saalbach nicht nur Berge, Almen und neue Wege, sondern auch eine alte Geschichte, die fast vergessen war. Sichtbar wird sie erst, weil Lina genau hinsieht, Mia die richtigen Fragen stellt und Ben merkt, dass auch kleine Beobachtungen wichtig sein können.
Der Sommer in Saalbach zeigt ihnen, wie schön und zugleich kraftvoll die Berge sind. Sie schenken weite Ausblicke, stille Momente und unvergessliche Tage – doch sie verdienen auch Respekt, besonders wenn das Wetter umschlägt und aus einem Urlaub plötzlich eine Herausforderung wird.
Als der Regen kommt und das Hotel für eine Weile von der Außenwelt abgeschnitten ist, rücken Gäste, Gastgeber und Freunde näher zusammen. Aus Fremden wird eine kleine Gemeinschaft, und aus einem alten Hinweis entsteht die Erinnerung an einen Weg, den kaum noch jemand kennt.
Ob dieser vergessene Weg eines Tages wieder auf einer Wanderkarte stehen wird, bleibt offen. Sicher ist nur: Lina, Ben und Mia werden weiter mit offenen Augen durch die Welt gehen.
Und vielleicht wartet hinter dem nächsten Berg schon ein neues kleines Geheimnis.
Titel des Buches: Sommerurlaub in Saalbach – eingeschlossen im Hotel
Autor: Lothar Reuter
Anschrift: Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland
E-Mail: LotharReuter@web.de
1. Auflage 2026
© 2026 Lothar Reuter. Alle Rechte vorbehalten.
Verantwortlich für den Inhalt:
Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland
Druck und Vertrieb:
Vertrieb der E-Book-Ausgabe: Amazon Kindle Direct Publishing
Die Inhalte dieses Buches, einschließlich Texte, Layout und Struktur, unterliegen dem Urheberrecht.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors.
Haftungsausschluss
Dieses Buch ist ein spannendes Kinderabenteuer über Freundschaft, Neugier und den Mut, auch dann genau hinzusehen, wenn plötzlich alles anders kommt als geplant – geschrieben für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren.
Die Geschichte rund um Lina, Ben und Mia beginnt im Siegerland und führt die drei Freunde in den Sommerurlaub nach Saalbach im Salzburger Land. Zwischen Bergen, Bergbahnen, alten Wegen, einem gemütlichen Hotel und unerwarteten Ereignissen entdecken sie, dass Abenteuer manchmal dort beginnen, wo man eigentlich nur Ferien machen wollte.
Regionale Bezüge, Orte, Wege und geschichtliche Hinweise wurden mit Sorgfalt behandelt, sind jedoch erzählerisch frei gestaltet. Namen, Ereignisse, Fundstücke und einzelne Orte können fiktiv sein oder dichterisch verändert worden sein.
Dieses Buch möchte keine Reisebeschreibung oder historische Dokumentation ersetzen, sondern Lust darauf machen, Fragen zu stellen, Spuren zu entdecken und die Geschichten hinter scheinbar stillen Orten wahrzunehmen.
Hinweis zu den verwendeten Abbildungen
Die im Buch enthaltenen Illustrationen, die keinen gesonderten Quellvermerk tragen, wurden mithilfe von ChatGPT (OpenAI) nach inhaltlichen und gestalterischen Vorgaben des Autors KI-basiert erstellt.
Die Bilder entstanden auf Grundlage eigener Ideen zu Motiv, Farbe und Stil mithilfe der Bildgenerierungsfunktion von ChatGPT (Stand 2026).
Verwendetes Tool: ChatGPT (OpenAI)
https://chat.openai.com
Ein Weg, geprägt von Begegnungen
Lothar Reuter, geboren 1956 in Kreuztal, blickt auf ein vielseitiges Berufsleben zurück. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann war er viele Jahre im IT-Bereich eines Energienetzbetreibers tätig. Dabei begegnete er Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen und Verantwortungsbereichen – Erfahrungen, die seine Sicht auf Zusammenarbeit, Vertrauen und Kommunikation nachhaltig geprägt haben.
Seit seinem Ruhestand engagiert er sich aktiv in seiner Heimatregion, unter anderem im Heimatverein. Bereits zuvor war er in verschiedenen Vorstandsämtern örtlicher Vereine tätig.
Als Vater dreier erwachsener Kinder und stolzer Großvater von vier Enkelkindern schöpft er aus einem reichen Schatz persönlicher und beruflicher Erfahrungen.
Lothar Reuter lebt mit seiner Frau in Struthütten im Siegerland.
Mein herzlicher Dank gilt meiner Frau Anke Reuter.
Anke hat dieses Buch mit großer Sorgfalt mehrfach Korrektur gelesen und mir wertvolle Impulse zum Inhalt gegeben. Ihre Geduld, ihr kritischer Blick und ihre liebevolle Unterstützung haben maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Geschichte ihre heutige Form gefunden hat.
Viele Gedanken, Ideen und kleine Details dieses Buches wären ohne ihre Unterstützung nicht entstanden.