Zur Buchreihe

Eine fantastische Jugendbuchreihe über Freundschaft, Geheimnisse und das Erbe einer verlorenen Welt

Alte Zeichen.
Verborgene Orte.
Geheimnisse tief unter den Bergen des Siegerlands.

Als Lina, Ben und Mia eine alte Spur aus der Vergangenheit entdecken, ahnen sie nicht, dass ihr Leben sich für immer verändern wird. Zwischen stillen Wäldern, vergessenen Stollen und uralten Anlagen stoßen die drei Freunde auf das Erbe einer längst verlorenen Welt.

Doch manche Geheimnisse schlafen nicht für immer.

Die Reihe „Wächter des Siegerlands“ verbindet Abenteuer, Mystery und Science-Fiction-Elemente mit der besonderen Atmosphäre des Siegerlands — erzählt für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren.

Band 1–3

Der Beginn der Entdeckung

  • Der Ruf aus der Tiefe

  • Die Sprache der Steine

  • Das Erbe der Wächter

Band 4–6

Die Geheimnisse erwachen

  • Der rote Alarm

  • Das vergessene Siegel

  • Rettet die Erde

Band 7–9

Das Erbe der Wächter

  • Die verborgene Halle

  • Die letzte Station

  • Der erste Flug

Vorwort

Manchmal beginnen die größten Abenteuer mit den kleinsten Dingen.

Mit einem alten Buch.
Mit einer geheimnisvollen Karte.
Oder mit einer Frage, die niemand beantworten kann.

Diese Geschichte erzählt von drei Kindern, die neugierig genug waren, genauer hinzusehen. Lina, Ben und Mia entdecken nicht nur ein uraltes Geheimnis tief unter den Bergen des Siegerlandes – sie entdecken auch, wie wichtig Mut, Freundschaft und Wissen sein können.

Denn wahre Stärke bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Wahre Stärke bedeutet, trotzdem weiterzugehen.

Vielleicht erinnert uns diese Geschichte daran, dass Lernen niemals langweilig ist. Dass Fragenstellen etwas Wunderbares ist. Und dass hinter manchen Türen Dinge verborgen liegen, die größer sind, als wir es uns vorstellen können.

Wer aufmerksam bleibt, neugierig denkt und seinen Freunden vertraut, kann manchmal Dinge entdecken, die andere längst vergessen haben.

Und vielleicht wartet irgendwo da draußen noch immer ein Geheimnis darauf, gefunden zu werden.

Viel Freude beim Lesen

Die drei Freunde

Lina (11)

Neugierig, klug und begeistert von Büchern. Lina liebt Geheimnisse und gibt nie auf, wenn sie etwas verstehen will.

Ben (10)

Witzig, mutig und ständig hungrig. Ben macht oft Späße, selbst wenn es gefährlich wird — aber auf ihn kann man sich verlassen.

Mia (9)

Ruhig, aufmerksam und sehr schlau. Mia bemerkt Dinge, die andere übersehen, und denkt oft einen Schritt weiter.

Gemeinsam

So unterschiedlich Lina, Ben und Mia auch sind — erst zusammen werden sie wirklich stark.

Lina schenkt den anderen Mut.
Ben bringt Hoffnung und bringt selbst in schweren Momenten alle zum Lachen.
Und Mia erkennt oft den richtigen Weg, wenn andere längst aufgegeben hätten.

Denn wahre Stärke entsteht nicht durch Kraft allein.
Sondern durch Freundschaft, Vertrauen, Zusammenhalt und den Mut, füreinander da zu sein — selbst dann, wenn Angst den Weg verdunkelt.

Kapitel 1 – Das Buch in der Schulbibliothek

Lina liebte Bücher.

Während die meisten Kinder in der Pause draußen Fußball spielten oder laut über den Schulhof rannten, saß sie lieber in der kleinen Schulbibliothek. Dort war es ruhig. Es roch nach alten Seiten, Holz und ein bisschen nach Staub. Genau das mochte Lina.

An diesem Nachmittag regnete es seit Stunden. Dicke Tropfen liefen an den Fensterscheiben herunter, und draußen drückten graue Wolken den Himmel fast bis auf die Dächer der Schule hinunter. Die Bibliothek war deshalb fast leer.

Lina schlenderte zwischen den Regalen hindurch und las die Buchtitel. Abenteuerromane. Tiergeschichten. Sagen. Dann entdeckte sie ganz oben in einem Regal ein besonders großes Buch. Es war dunkelbraun, dick und völlig eingestaubt.

„Das habe ich hier noch nie gesehen“, murmelte Lina.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und zog daran. Zuerst bewegte sich das Buch keinen Millimeter. Dann rutschte es plötzlich heraus. Eine Staubwolke wirbelte durch die Luft.

Lina hustete. „Okay … das Buch lebt.“

Auf dem Einband standen verblasste goldene Buchstaben: „Sagen und Geheimnisse des Siegerlandes“.

Das klang sofort spannend. Lina setzte sich an den Tisch am Fenster und schlug das Buch vorsichtig auf. Die Seiten waren vergilbt und rochen nach altem Papier.

Gerade begann sie zu lesen, als die Tür der Bibliothek aufging. Ben kam herein. Seine Jacke war komplett durchnässt.

„Draußen schwimmt inzwischen wahrscheinlich der Parkplatz weg“, sagte er und schüttelte sich wie ein Hund.

„Ben!“, rief die Bibliothekarin streng.

„Tut mir leid“, sagte er grinsend.

Kurz darauf kam auch Mia herein. Sie bemerkte sofort das riesige Buch auf dem Tisch.

„Was hast du denn da gefunden?“

Lina lächelte geheimnisvoll. „Kommt mal her.“

Die beiden setzten sich neben sie. Gemeinsam blätterten sie durch die alten Seiten. Darin standen Geschichten über verschwundene Burgen, alte Bergwerke und geheimnisvolle Stollen tief unter den Bergen des Siegerlandes.

Das Siegerland war berühmt für seine Erze. Besonders eines war selten und begehrt: Kobalt. Ein bläulich schimmerndes Metall, das Menschen aus fernen Ländern anzog – schon vor Tausenden von Jahren.

„Das klingt irgendwie gruselig“, sagte Mia.

„Das klingt irgendwie cool“, sagte Ben gleichzeitig.

Mia verdrehte die Augen. „Du findest auch Monster cool.“

„Nur solange sie nicht mich fressen.“

Lina musste lachen und blätterte weiter. Dann blieb sie plötzlich stehen. Auf einer Seite war ein alter Schmied abgebildet. Darunter stand:

„Wieland der Schmied fertigte Schwerter, die härter und schärfer waren als alle anderen Waffen seiner Zeit.“

Ben hob beeindruckt die Augenbrauen. „Nicht schlecht.“

Doch darunter stand noch mehr. Lina las laut vor:

„Wieland fand tief im Berg geheime Aufzeichnungen aus uralter Zeit. Erst dadurch lernte er, Metalle zu formen, die kein Mensch zuvor bearbeiten konnte.“

Für einen Moment wurde es still. Draußen donnerte es.

Mia runzelte die Stirn. „Das klingt nicht wie eine normale Sage.“

„Vielleicht hat er einen Schatz gefunden“, sagte Ben.

„Du denkst immer sofort an Schätze“, sagte Mia.

„Natürlich. Niemand findet jemals zufällig langweilige Dinge.“

Lina las weiter. In dem Buch war von geheimen Stollen, verborgenen Eingängen und seltsamen Zeichen an Felswänden die Rede. Dann bemerkte sie etwas zwischen zwei Seiten.

Zwischen zwei vergilbten Seiten entdeckte Lina plötzlich eine seltsame Zeichnung.

Sie zeigte ein großes Land mitten im Meer. Hohe Türme ragten daraus hervor, während gewaltige Wellen gegen die Küsten schlugen.

Über der Zeichnung stand nur ein einziges Wort:

Atlantis.

Ben verzog das Gesicht.

„Sieht eher aus wie ein Fantasyroman.“

Doch Lina bemerkte etwas anderes.

Mitten auf der Zeichnung befand sich ein seltsamer Kreis mit mehreren Linien.

„Moment mal.“

Vorsichtig zog sie ein zusammengefaltetes Papier heraus. Es war eine alte Karte. Die Ecken waren eingerissen, und manche Linien waren kaum noch zu erkennen. Die drei breiteten sie vorsichtig auf dem Tisch aus.

Darauf waren mehrere Berge eingezeichnet. Mitten durch einen davon verlief eine dünne schwarze Linie. Daneben stand: HOHENSEELBACHSKOPF.

„Den Namen kenne ich“, sagte Ben sofort. „Da waren wir mal wandern.“

Mia betrachtete die Karte genauer. Mitten im Berg war ein seltsames Zeichen eingezeichnet. Ein Kreis mit mehreren Linien — genau dasselbe Symbol wie auf der Atlantis-Zeichnung. Es tauchte auch auf anderen Seiten des Buches auf.

„Was bedeutet das?“, fragte Mia.

Lina zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Ben grinste breit. „Bestimmt ein Geheimgang zu einem Schatz.“

„Oder zu Spinnen so groß wie Hunde“, sagte Mia.

Ben wurde etwas blasser. „Okay. Vielleicht doch lieber ein Schatz.“

Dann entdeckte Lina am unteren Rand der Karte eine kleine verblasste Notiz. Sie beugte sich näher heran.

„Hier steht etwas.“

„Was denn?“, fragte Mia.

Lina las langsam vor: „Der Eingang zeigt sich erst nach starkem Regen.“

Die drei sahen gleichzeitig zum Fenster. Draußen prasselte der Regen weiter gegen die Scheiben.

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Ben war der Erste. „Also … das ist jetzt schon ziemlich unheimlich.“

„Und ziemlich spannend“, sagte Lina.

Mia betrachtete die Karte nachdenklich. „Glaubt ihr wirklich, dass es diesen Eingang gibt?“

Ben grinste wieder. „Das finden wir heraus.“

Lina klappte das Buch langsam zu. Der dumpfe Klang hallte leise durch die stille Bibliothek.

Irgendwie hatte sie plötzlich das Gefühl, dass genau in diesem Moment etwas begonnen hatte. Etwas Großes.

Die Bibliothekarin blickte zu ihnen herüber. „Die Schule schließt gleich.“

Die drei nickten. Lina packte das schwere Buch vorsichtig in ihren Rucksack.

„Du leihst das wirklich aus?“, fragte Ben.

„Natürlich“, sagte Lina. „Das hier ist viel zu spannend.“

Gemeinsam gingen sie zur Tür. Draußen rauschte der Regen über den Schulhof. Und irgendwo tief unter den Bergen des Siegerlandes wartete etwas, das sehr lange verborgen gewesen war.

Kapitel 2 – Zelten auf der Malscheid

Am nächsten Samstag war der Regen endlich vorbei.

Zumindest fast.

Über dem Siegerland hingen noch graue Wolken, doch zwischen ihnen zeigte sich bereits die Abendsonne. Die Luft roch nach nassem Wald und frischer Erde. Für Lina, Ben und Mia war das perfektes Zeltwetter.

Linas Vater hatte sie am Nachmittag bis zum Waldrand gefahren. Dort hatte er ihnen noch mindestens zehnmal erklärt, dass sie in der Nähe der Lichtung bleiben, abends anrufen und keine gefährlichen Abenteuer anfangen sollten.

Bei dem Wort Abenteuer hatten die drei sich auffällig schnell angesehen.

„Warum guckt ihr so komisch?“, hatte er gefragt.

„Gar nicht“, sagte Ben sofort. „Das ist mein verantwortungsbewusstes Gesicht.“

Mia musste sich das Lachen verkneifen.

Kurz darauf fuhr das Auto davon, und die drei standen allein am Waldrand. Vor ihnen führte ein schmaler Weg zwischen hohen Fichten hindurch.

Ben zog an seinem viel zu schweren Rucksack. „Warum fühlt sich das an, als hätte ich einen Kühlschrank eingepackt?“

„Was hast du denn alles dabei?“, fragte Mia.

„Schlafsack, Taschenlampe, Kekse, Ersatzkekse, Notfallkekse …“

Lina sah ihn an. „Was bitte sind Notfallkekse?“

Ben wirkte beleidigt. „Man weiß nie, wann ein Keksnotfall passiert.“

Kopfschüttelnd ging Lina voran. Der Wald wurde dichter, je höher sie kamen. Wasser tropfte noch von den Ästen, und zwischen den Felsen wuchs dickes Moos.

Lina dachte die ganze Zeit an das alte Buch aus der Bibliothek. An die Karte. Und an den Satz: Der Eingang zeigt sich erst nach starkem Regen.

Natürlich waren sie nur zum Zelten hier. Jedenfalls offiziell.

Nach etwa zwanzig Minuten erreichten sie eine kleine Lichtung. „Perfekt“, sagte Lina.

Ben ließ seinen Rucksack fallen. „Meine Schultern bedanken sich.“

Das Zelt aufzubauen dauerte deutlich länger als geplant. Vor allem, weil Ben überzeugt war, dass die Zeltstangen falsch gebaut worden waren.

„Die Stange ist krumm“, behauptete er.

„Du hältst sie falsch herum“, sagte Mia.

„Nein. Sie arbeitet gegen mich.“

Nach mehreren Diskussionen stand das Zelt schließlich doch. Es war leicht schief. Aber es stand.

„Sieht professionell aus“, sagte Ben.

„Es sieht müde aus“, sagte Mia.

Lina lachte.

Während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwand, richteten sie ihr kleines Lager ein. Sie rollten die Schlafsäcke aus und sammelten Holz für ein kleines Lagerfeuer.

Der Wald wirkte jetzt anders als am Nachmittag. Dunkler. Ruhiger. Fast so, als würde er lauschen.

Mia bemerkte es ebenfalls. „Findet ihr nicht auch, dass es hier oben seltsam still ist?“

Lina nickte. Man hörte nur den Wind in den Baumwipfeln und das gelegentliche Knacken kleiner Äste.

Ben kaute auf einem Müsliriegel. „Ich finde, es klingt nach Abendessen.“

„Du hast gerade gegessen“, sagte Mia.

„Das war Vorbereitung.“

Später saßen sie vor dem Zelt und aßen Brote und Bens berühmte Notfallkekse. Lina schaute auf ihr Handy. Ein Balken Empfang. Dann keiner mehr.

„Wir müssen morgen früh rechtzeitig zurück sein“, sagte sie. „Sonst ruft mein Vater garantiert die halbe Feuerwehr.“

„Dann sollten wir ihm lieber nicht erzählen, dass unser Zelt aussieht, als hätte es schon aufgegeben“, sagte Mia.

Ben nickte ernst. „Das Zelt hat Charakter.“

Als es dunkler wurde, beschlossen sie, noch mehr trockenes Holz zu suchen.

„Trockenes Holz nach drei Tagen Regen“, murmelte Ben. „Einfache Aufgabe.“

Die drei teilten sich auf, blieben aber nahe der Lichtung. Ben lief ein Stück weiter zwischen die Felsen. Dort war der Boden vom Regen ausgespült worden.

Zwischen zwei großen Steinen bemerkte er plötzlich etwas Dunkles. Er trat näher.

Ein schmaler Spalt verlief zwischen den Felsen. Und dahinter lag keine normale Felsspalte. Dahinter führte ein Gang in den Berg.

Ben schluckte. Kühle Luft strömte ihm entgegen. Der Gang wirkte glatt. Fast bearbeitet.

Sofort musste Ben an das Buch denken. Und an die Karte.

„Okay“, murmelte er. „Das ist definitiv kein normales Loch.“

Vorsichtig schob er einige Zweige zur Seite. Der Spalt wurde größer. Dahinter verschwand der Gang in der Dunkelheit.

Ben starrte hinein. Dann drehte er sich abrupt um und rannte zurück zur Lichtung.

„Lina! Mia!“

Die beiden sahen sofort auf.

„Was ist passiert?“, fragte Lina.

Ben blieb keuchend stehen. „Ich habe etwas gefunden.“

„Bitte sag mir, dass es trockenes Holz ist“, sagte Mia.

„Viel besser. Da hinten ist ein Eingang im Felsen. Ein richtiger Gang.“

Lina stand sofort auf. „Bist du sicher?“

„Ich glaube nicht, dass Felsen normalerweise Geheimgänge haben.“

Wenige Minuten später standen die drei vor dem schmalen Spalt. Ben leuchtete mit seiner Taschenlampe hinein. Der Lichtkegel glitt über glatte Steinwände. Der Gang führte schräg nach unten.

Lina kniete sich hin und strich mit den Fingern über den Stein. „Das ist nicht natürlich.“

Mia zog die alte Karte hervor. „Die Linie auf der Karte verlief ungefähr in diese Richtung.“

Ben verschränkte unsicher die Arme. „Eigentlich würden Erwachsene jetzt sagen: Geht da nicht rein.“

„Und sie hätten wahrscheinlich recht“, meinte Mia.

Trotzdem wich keiner zurück. Der dunkle Gang zog sie förmlich an.

Dann hörten sie ein Geräusch. Ganz tief aus dem Berg. Ein leises rhythmisches Summen. Nicht laut. Aber deutlich.

Ben hob langsam die Taschenlampe. „Bitte sagt mir, dass das nur mein Magen war.“

„Das war nicht dein Magen“, flüsterte Mia.

Lina wusste genau, dass sie umdrehen sollten. Zurück zum Zelt. Einen Erwachsenen holen. Aber gleichzeitig wusste sie auch, dass sie gerade etwas entdeckt hatten, das seit sehr langer Zeit verborgen gewesen war.

„Wir gehen nur kurz rein“, sagte Mia.

Ben sah sie an. „Und genau so beginnt immer Ärger.“

„Dann eben wirklich nur kurz“, sagte Lina. „Wir bleiben zusammen.“

Ben seufzte. „Gut. Aber wenn da drin irgendwas wohnt, renne ich zuerst.“

„Sehr mutig“, sagte Mia trocken.

Dann duckte sich Lina als Erste in den schmalen Gang. Hinter ihr folgte Mia. Ben blieb noch einen Moment draußen stehen und blickte zurück zur Lichtung.

„Wenn das Zelt umfällt, war es nicht meine Schuld“, murmelte er.

Dann folgte auch er den anderen.

Der Gang verschluckte das Licht ihrer Taschenlampen.

Kapitel 3 – Der verborgene Eingang

Kühle Luft strömte ihnen entgegen, während ihre Schritte dumpf durch den engen Gang hallten.

Hinter Lina lief Mia. Ben kam als Letzter.

„Ich möchte nur festhalten“, murmelte er, „dass das hier offiziell die gruseligste Zeltnacht meines Lebens ist.“

„Du zeltest zum ersten Mal“, sagte Mia.

„Eben. Schlechter Start.“

Trotzdem ging keiner zurück.

Der Gang führte leicht bergab. Die Luft roch nach nassem Stein. Manchmal tropfte irgendwo Wasser von der Decke. Und tief vor ihnen erklang weiterhin dieses seltsame Summen. Leise. Regelmäßig. Fast wie eine Maschine.

Lina leuchtete die Wände an. Der Stein war ungewöhnlich glatt.

„Das sieht nicht wie eine normale Höhle aus“, sagte sie.

Mia nickte. „Fast wie ein Tunnel.“

Ben sah sich nervös um. „Bitte sagt mir, dass hier unten nicht plötzlich jemand wohnt.“

„Vielleicht nur ein paar freundliche Fledermäuse“, meinte Mia.

Ben blieb sofort stehen. „Warum sagst du sowas?“

Mia grinste. „Weil du jedes Mal dieselbe Reaktion hast.“

Die Schritte der Kinder hallten dumpf durch den Gang. Je weiter sie gingen, desto stiller wurde alles hinter ihnen. Der Wald war verschwunden. Jetzt gab es nur noch Dunkelheit, Stein und das tiefe Summen.

Dann blieb Lina plötzlich stehen. „Seht euch das an.“

An der rechten Wand verliefen seltsame Linien im Stein. Zuerst sahen sie wie Kratzer aus. Doch als Mia näher leuchtete, erkannte sie Formen: Kreise, Linien und kleine Zeichen.

Ben trat vorsichtig näher. „Das sieht aus wie Geheimschrift.“

„Oder wie dein Matheheft“, sagte Mia.

„Mein Matheheft beleidigt wenigstens keine Menschen.“

Lina strich vorsichtig über die Zeichen. Die Oberfläche fühlte sich glatt an. Fast poliert.

„Die sind absichtlich gemacht worden.“

Mia zog die alte Karte hervor. „Das Symbol hier!“

Sie zeigte auf den Kreis mit den Linien. Dasselbe Zeichen war auch auf der Karte eingezeichnet.

Ben bekam wieder dieses komische Gefühl im Bauch. „Das gefällt mir nicht.“

„Du hast vor zehn Minuten noch Notfallkekse gegessen“, sagte Mia.

„Ja. Die helfen aber nicht gegen Geheimtunnel.“

Plötzlich erklang das Summen erneut. Diesmal deutlich lauter. Die Kinder wurden sofort still. Es kam direkt aus der Tiefe des Berges.

Lina spürte eine Gänsehaut. „Vielleicht sollten wir langsam zurückgehen“, sagte Mia vorsichtig.

Doch genau in diesem Moment geschah etwas.

Eines der Zeichen an der Wand begann schwach blau zu leuchten. Das Licht wanderte langsam durch die Linien. Fast wie flüssige Energie.

„Okay“, flüsterte Ben. „Das ist definitiv nicht normal.“

Das blaue Leuchten wurde stärker. Dann erklang ein tiefes Geräusch.

RUMM.

Vor ihnen bewegte sich die Felswand. Ganz langsam schob sich ein Teil des Steins zur Seite. Dahinter erschien ein weiterer Gang.

Die Kinder starrten sprachlos darauf.

„Das war eben noch nicht da“, sagte Ben.

„Danke für die wichtige Information“, meinte Mia.

Lina leuchtete vorsichtig hinein. Der neue Gang wirkte anders als der alte. Glatter. Die Wände sahen fast aus wie dunkles Metall. Und tief darin pulsierte schwaches blaues Licht.

Ben verschränkte unsicher die Arme. „Eigentlich wäre jetzt ein guter Zeitpunkt zum Weglaufen.“

„Und trotzdem bleibst du hier“, sagte Lina.

Ben seufzte. „Weil ich später sonst nicht glauben würde, was ihr erlebt habt.“

Mia betrachtete den geöffneten Gang nachdenklich. „Vielleicht hat sich die Tür durch die Zeichen geöffnet.“

„Eine Tür im Berg“, murmelte Ben. „Ganz normal.“

Kühle Luft strömte aus dem neuen Gang. Sie fühlte sich trockener an als zuvor. Fast künstlich.

Dann ging plötzlich Bens Taschenlampe aus.

KLICK.

„Nicht jetzt!“, rief er erschrocken.

Er schüttelte die Lampe. Nichts.

Lina hielt ihre eigene Lampe hoch. Für einen Moment standen sie im schwachen blauen Licht des Ganges. Es war still. Zu still.

Dann hörten sie etwas hinter sich. Ein leises Rascheln.

Ben erstarrte. „War das eine freundliche Fledermaus?“

Mia leuchtete zurück. Ein kleiner Stein rollte den Gang hinab und blieb direkt vor ihren Füßen liegen. Von der Decke rieselte Staub.

Das Lachen verging ihnen.

„Der Eingang könnte sich wieder schließen“, sagte Lina leise.

In diesem Moment funktionierte Bens Lampe wieder.

„Ha“, sagte er mit dünner Stimme. „Ich bin technisch begabt.“

„Du hast sie geschlagen“, sagte Mia.

„Und es hat funktioniert.“

Sie gingen weiter. Der neue Gang war vollkommen eben. Der Boden fühlte sich glatt an. Fast nicht mehr wie Stein. Nirgendwo waren Lampen zu sehen, trotzdem leuchteten die Wände in warmem Blau.

„Wie kann das funktionieren?“, fragte Mia.

Mia leuchtete die Wände an. Überall verliefen dieselben bläulichen Adern im Stein. Plötzlich fiel ihr etwas ein.

„Kobalt“, flüsterte sie. „Das ist Kobalt. Deshalb leuchtet hier alles blau.“

Niemand wusste eine Antwort.

Das Summen wurde immer lauter. Dann machte der Gang eine letzte Kurve.

Vor ihnen öffnete sich ein riesiger Raum.

Die Kinder hielten gleichzeitig den Atem an.

Überall standen seltsame Maschinen. Manche blinkten schwach blau. Andere bewegten sich langsam und lautlos. Die Wände bestanden aus dunklem Metall, das in warmem Blau schimmerte.

Und mitten in der gewaltigen Halle stand etwas Riesiges: eine schwarze Röhre, mindestens so groß wie ein Haus. Ihre Oberfläche glänzte gleichzeitig wie Glas und Metall. Das tiefe Summen kam direkt von ihr.

Ben schluckte. „Okay“, sagte er langsam. „Das ist offiziell viel schlimmer als Fledermäuse.“

Kapitel 4 – Die alten Zeichen

Die riesige Halle lag still vor ihnen.

Nur das tiefe Summen der gewaltigen schwarzen Röhre erfüllte den Raum. Lina, Ben und Mia standen am Eingang und starrten sprachlos hinein. Das warme blaue Licht an den Wänden ließ alles gleichzeitig freundlich und unheimlich wirken.

Überall standen Maschinen. Manche blinkten langsam. Andere bewegten sich lautlos. Nirgendwo waren Lampen zu sehen. Trotzdem war die gesamte Halle in sanftes blaues Licht getaucht.

Ben schluckte. „Also … entweder sind wir in einem Geheimlabor gelandet oder in einem sehr seltsamen Traum.“

„Wenn das ein Traum ist“, murmelte Mia, „dann ist er ziemlich gruselig.“

Lina trat vorsichtig einen Schritt vor. Ihre Schuhe hallten dumpf auf dem glatten Boden. Er fühlte sich nicht wie Stein an. Eher wie Metall. Kühl. Glatt. Fast perfekt.

„Das hier ist unmöglich“, flüsterte sie.

Ben leuchtete mit seiner Taschenlampe durch die Halle. Der Lichtkegel wanderte über hohe Wände voller seltsamer Zeichen und blieb an der riesigen schwarzen Röhre hängen. Ihre Oberfläche glänzte gleichzeitig wie Glas und Metall. Tief darin pulsierte schwaches blaues Licht.

Ben machte sofort einen Schritt rückwärts. „Die gefällt mir überhaupt nicht.“

„Du magst hier unten sowieso nichts“, sagte Mia.

„Doch. Das Nicht-Gefressen-Werden gefällt mir sehr gut.“

Trotz der Angst mussten Lina und Mia kurz lachen. Dann entdeckte Mia etwas an der Wand.

„Seht mal da.“

Zwischen mehreren Maschinen verliefen dieselben Zeichen wie draußen im Tunnel: Kreise, Linien und leuchtende Symbole.

Lina trat näher. „Das sind dieselben Zeichen wie auf der Karte.“

Mia nickte. Das blaue Licht floss langsam durch die Linien. Fast wie Energie.

Ben betrachtete die Wand skeptisch. „Ich weiß nicht, was das alles bedeutet … aber ich glaube nicht, dass normale Menschen das gebaut haben.“

Für einen Moment wurde es still. Dieser Gedanke hing plötzlich schwer in der Luft.

Nicht normale Menschen. Was dann?

Plötzlich begann irgendwo rechts von ihnen eine Maschine zu klicken.

KLICK. KLICK. KLICK.

Alle drei fuhren herum. Eine Reihe kleiner Lichter blinkte auf.

„Hat jemand irgendwas angefasst?“, fragte Ben sofort.

„Nein“, sagte Mia. „Warum fragst du immer zuerst uns?“

„Weil solche Sachen in Filmen immer passieren, nachdem jemand aus Versehen irgendwo draufdrückt.“

Die Maschine summte plötzlich lauter. Dann bewegte sich ein schmaler Metallarm. Ben wich hinter Lina zurück.

Doch der Metallarm stoppte einfach mitten in der Luft. Danach geschah nichts mehr.

Lina atmete langsam aus. „Vielleicht funktioniert hier unten noch alles.“

Mia betrachtete die Halle. „Oder nur ein Teil davon.“

An manchen Stellen sah die Anlage uralt aus. Staub lag auf mehreren Maschinen. Einige Metallflächen waren zerkratzt. Andere Geräte blieben dunkel. Und trotzdem funktionierten noch immer Dinge. Das ergab überhaupt keinen Sinn.

Die Kinder gingen weiter in die Halle hinein. Je näher sie der schwarzen Röhre kamen, desto stärker vibrierte der Boden. Nicht gefährlich. Eher wie das tiefe Brummen eines riesigen Motors.

Mia blickte nach oben. Die Decke der Halle verschwand fast im Dunkeln. Zwischen dicken Metallstreben verliefen weitere leuchtende Linien.

„Das sieht aus wie ein Raumschiff“, flüsterte sie.

Ben sah sie sofort an. „Bitte sag sowas nicht.“

„Warum?“

„Weil ich dann noch nervöser werde.“

Plötzlich blieb Lina abrupt stehen. Vor ihnen öffnete sich ein weiterer Raum. Er war kleiner als die große Halle und viel heller. Die Wände bestanden aus demselben blau schimmernden Metall.

In der Mitte des Raumes schwebte eine große Kugel frei in der Luft.

Die Kinder hielten den Atem an.

Die Kugel drehte sich langsam. Ihre Oberfläche glänzte silbern wie flüssiges Metall. Dann erschienen plötzlich Bilder darauf: Wälder, Berge und tiefe Tunnel unter der Erde.

„Was ist das?“, flüsterte Ben.

Die Kugel zeigte den Wald oberhalb der Anlage. Genau die Stelle, an der ihr Zelt stand.

Ben wurde blass. „Okay. Jetzt wird’s wirklich seltsam.“

Mia trat langsam näher. „Das ist wie ein riesiges Auge.“

Langsam bewegte sich die Kugel weiter. Nun erschienen andere Bereiche des Berges. Alte Stollen. Dunkle Gänge. Und schließlich wieder die große Halle.

Lina bekam eine Gänsehaut. „Die beobachten die ganze Umgebung von hier aus.“

Ben verschränkte nervös die Arme. „Super. Dann weiß dieses Ding jetzt auch, dass ich Angst habe.“

„Das wusste ich schon vorher“, sagte Mia trocken.

Ben wollte gerade antworten, als plötzlich das Licht der Kugel heller wurde. Die Bilder verschwanden. Stattdessen erschienen seltsame Zeichen auf der Oberfläche. Dieselben Symbole wie an den Wänden.

Dann begann die Kugel schneller zu leuchten.

Blau. Heller. Noch heller.

Das tiefe Summen in der Halle wurde lauter. Die Kinder wichen erschrocken zurück.

„Vielleicht mag sie uns nicht“, sagte Ben hektisch.

„Oder sie hat uns gerade erst bemerkt“, flüsterte Mia.

Plötzlich erklang ein neues Geräusch.

Piep. Piep. Piep.

Es kam aus einem Raum hinter der Kugel. Regelmäßig. Immer wieder.

Lina blickte vorsichtig zur Türöffnung. Dort blinkte schwaches blaues Licht.

Ben sah die beiden anderen an. „Bitte sagt mir, dass wir da jetzt nicht reingehen.“

Lina antwortete nicht sofort. Dann sagte sie: „Wir müssen wissen, was das ist. Aber wir behalten die Zeit im Blick. Wenn wir vor Sonnenaufgang nicht draußen sind, sucht uns mein Vater.“

Mia nickte. Ben seufzte schwer.

„Irgendwann werde ich lernen, Nein zu sagen.“

„Heute aber noch nicht“, sagte Mia.

Langsam gingen die drei weiter. Hinter ihnen drehte sich die große Kugel lautlos weiter. Und tief in der gewaltigen Anlage begann etwas langsam zu erwachen.

Kapitel 5 – Die Halle unter dem Berg

Das Piepen führte sie in einen kleineren Raum am Rand der Halle.

Doch bevor sie den blinkenden Durchgang erreichten, blieb Ben stehen und deutete auf einen anderen Raum. Warmes Licht fiel daraus hervor. In der Mitte standen lange silberne Tische.

„Ähm … sieht das nur für mich aus wie eine Kantine?“

Mia musste lachen. Tatsächlich erinnerte der Raum an einen Speisesaal. An einer Wand erschienen Bilder: Schüsseln, Brot, Früchte und Gerichte, die keiner von ihnen kannte.

„Warum zeigt die Wand Essen?“, fragte Ben.

Lina trat näher. Unter den Bildern befanden sich mehrere leuchtende Symbole. „Vielleicht ist das eine Art Menü.“

Ben grinste sofort. „Dann gefällt mir dieser Ort plötzlich viel besser.“

„Ben …“, begann Mia warnend.

Zu spät. Ben drückte auf eines der Symbole.

Sofort begann irgendwo im Raum eine Maschine zu summen. Die Kinder zuckten zusammen. Blaue Lichtlinien leuchteten auf, hinter einer Metallwand bewegte sich etwas. Dann öffnete sich ein kleines Fach. Dampf stieg auf. Darin stand ein Teller mit Kartoffelsuppe.

Die drei starrten sprachlos darauf.

„Okay“, sagte Ben. „Damit habe ich nicht gerechnet.“

Vorsichtig trat Lina näher. Die Suppe roch tatsächlich gut. Frisch. Warm. Fast wie gerade gekocht.

„Das ist unmöglich“, flüsterte Mia. „Hier unten war seit Jahrhunderten niemand.“

„Aber die Maschine kocht hervorragend“, sagte Ben.

Mia sah ihn streng an. „Du denkst schon wieder ans Essen?“

„Natürlich. Das ist magische Berg-Suppe.“

Lina musste lachen. Dann wurde sie wieder ernst. „Vielleicht wollten die Erbauer, dass Menschen hier überleben können.“

Der Gedanke veränderte die Stimmung. Die langen Tische, die Essensbilder, die Maschine – das alles wirkte plötzlich nicht mehr lächerlich. Es wirkte vorbereitet. Als hätte dieser Ort einmal Besucher gehabt. Oder Bewohner.

Ben schnupperte vorsichtig an der Suppe. „Falls ich nachher leuchte, ist das eure Schuld.“

„Dann wärst du wenigstens leichter im Wald zu finden“, sagte Mia trocken.

Sie probierten vorsichtig. Die Suppe schmeckte überraschend gut. Warm, kräftig, fast wie selbst gekocht.

Ben sah begeistert auf den Teller. „Das ist offiziell die beste Suppe meines Lebens.“

„Du sagst das bei jedem Essen“, meinte Mia.

„Nein. Nur bei besonders gefährlichem Essen.“

Plötzlich flackerte das Licht. Die Kinder wurden still. Das tiefe Summen der Halle vibrierte erneut durch den Boden. Dann erschien eine neue Reihe leuchtender Zeichen an der Wand.

Lina trat näher. „Die reagieren auf irgendwas.“

Mia betrachtete die Zeichen aufmerksam. „Vielleicht auf uns.“

Ben hörte sofort auf zu essen. „Das klingt überhaupt nicht beruhigend.“

Das Piepen aus dem hinteren Raum wurde lauter. Regelmäßig. Fast wie ein Ruf.

Lina spürte dieses Kribbeln im Bauch. „Wir sollten dem Signal folgen.“

„Natürlich sollten wir das“, murmelte Ben. „Warum auch nicht? Wir sind ja nur in einer uralten Anlage unter einem Berg.“

Sie verließen den Speiseraum. Ben sah noch einmal zur Suppe zurück.

„Nur damit wir das festhalten: Wenn wir überleben, komme ich wieder.“

Mia zog ihn am Ärmel weiter.

Im nächsten Raum standen mehrere Maschinen dicht nebeneinander. Einige waren dunkel, andere blinkten schwach. Mitten im Raum befand sich eine silberne Säule, ungefähr so groß wie ein Kühlschrank. Auf ihrer Oberfläche liefen blaue Linien zusammen.

Piep. Piep. Piep.

Die Säule war die Quelle des Signals.

Lina trat vorsichtig näher. Auf einer glatten Fläche erschienen Zeichen, dann Zahlen, dann wieder Zeichen. Nichts davon konnten sie lesen. Doch die Reihenfolge wiederholte sich immer wieder.

„Das ist kein Zufall“, sagte Lina.

Mia nickte. „Vielleicht eine Nachricht.“

Ben blieb lieber neben der Tür. „Falls die Nachricht ‚Lauft weg‘ bedeutet, bin ich dafür, sie ernst zu nehmen.“

Das Piepen wurde schneller. Für einen Moment flackerte der ganze Raum.

Dann zeigte die Maschine etwas Neues: Punkte auf dunklem Hintergrund. Sterne. Eine Karte des Himmels.

Mia zog scharf die Luft ein. „Das ist keine normale Karte.“

Lina nickte langsam. „Das ist eine Sternenkarte.“

Ben wurde blass. „Jetzt sagt bitte nicht, dass das Ding ins Weltall piept.“

Niemand antwortete.

Und genau das war Antwort genug.

Kapitel 6 – Das Signal

Seit dem Untergang von Atlantis war die Verbindung zur zentralen Steuerung abgebrochen. Tief unter dem Berg hatten die Systeme automatisch auf Notbetrieb umgeschaltet. Viele Bereiche der gewaltigen Anlage waren abgeschaltet worden, um Energie zu sparen. Nur die wichtigsten Funktionen liefen weiter: Tarnung, Lebenserhaltung und das uralte Notsignal.

Die Station hatte gewartet.

Jahrtausende lang.

Doch niemals war jemand zurückgekehrt.

Erst jetzt – durch das Eindringen der Kinder – wurden wieder Bereiche der Anlage aktiviert. Türen öffneten sich. Maschinen erwachten. Sensoren registrierten zum ersten Mal seit unvorstellbar langer Zeit wieder menschliche Bewegungen.

Und plötzlich verstand die Anlage:

Es gab noch intelligentes Leben auf der Erde.

Tief unter dem Hohenseelbachskopf öffneten sich uralte Energieleitungen. Gewaltige Systeme begannen zu arbeiten. Energie floss durch die leuchtenden Linien in den Wänden. Das Summen der Station wurde immer stärker.

Die Anlage bündelte ihre letzten Reserven.

* * *

Die silberne Maschine piepte weiter.

Piep. Piep. Piep.

Lina, Ben und Mia standen davor, als hätten sie Angst, durch eine falsche Bewegung alles schlimmer zu machen. Auf der Anzeige erschienen immer wieder dieselben Zeichen. Dann Sternbilder. Dann Zahlen.

„Das wiederholt sich“, sagte Lina. „Immer dieselbe Folge.“

Mia beugte sich vor. „Wie ein Notsignal.“

Ben schluckte. „Moment mal. Wenn das ein Notruf ist, wer hat ihn geschickt?“

Die Frage blieb im Raum hängen.

Plötzlich vibrierte der Boden. Das tiefe Summen in der großen Halle wurde stärker. Ben hob sofort seine Taschenlampe.

„Okay. Das war definitiv kein gutes Geräusch.“

Doch die Maschine blinkte einfach weiter. Fast traurig. Fast einsam.

Mia betrachtete die silberne Oberfläche. „Stellt euch vor, sie wartet schon seit sehr langer Zeit auf eine Antwort.“

Lina bekam eine Gänsehaut. Der Gedanke war seltsam traurig. Tief unter dem Berg lief ein Signal, und niemand hatte es gehört.

Ben wurde ungewöhnlich still. „Dann dürfen wir es vielleicht nicht einfach ignorieren.“

Mia sah überrascht zu ihm. „Das war gerade ziemlich mutig.“

Ben zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hat die Suppe mich verändert.“

Lina musste kurz lachen. Dann trat sie näher zur Anzeige. „Vielleicht können wir herausfinden, wohin der Notruf geschickt wird.“

Mia zeigte auf die Sternbilder. „Oder woher er kommt.“

Plötzlich wechselte die Anzeige erneut. Mehrere Zahlenreihen liefen über die Oberfläche. Dann stoppte alles. Nur ein einziges Symbol blieb leuchtend zurück: der Kreis mit den Linien.

„Das Zeichen von der Karte“, flüsterte Lina.

„Und von den Wänden“, sagte Mia.

Ben verschränkte die Arme. „Ich glaube langsam wirklich, dass hier alles zusammengehört.“

Dann erschien eine durchsichtige Fläche in der Mitte des Raumes. Lichtpunkte glühten darauf auf. Einer blinkte rot. Immer wieder. Piep. Piep. Piep.

„Das rote Licht ist der Notruf“, sagte Mia.

Lina nickte. „Und die anderen Punkte sind Sterne.“

Ben starrte darauf. „Und irgendjemand dort draußen empfängt ihn vielleicht?“

Für einen Moment wurde es vollkommen still. Tief unter dem Berg standen drei Kinder vor einer uralten Maschine, und plötzlich fühlte sich alles viel größer an als ein verborgenes Geheimnis im Siegerland.

Dann flackerte die Sternenkarte.

Ein neues Licht erschien. Weit entfernt vom roten Punkt. Klein. Blau. Blinkend.

Die Kinder hielten den Atem an.

Das blaue Licht bewegte sich langsam näher.

Mia flüsterte kaum hörbar: „Hat da gerade jemand geantwortet?“

Ben machte einen Schritt zurück. „Ich mag Fragen nicht, bei denen die Antwort wahrscheinlich ‚Außerirdische‘ ist.“

„Vielleicht ist es keine Gefahr“, sagte Lina.

„Vielleicht aber schon“, sagte Mia.

Dieser Satz ließ sie alle schweigen. Zum ersten Mal klang Mia wirklich besorgt.

Ben sah zum Ausgang. „Wir könnten jetzt gehen. Einfach zurück zum Zelt. Morgen tun wir so, als hätten wir nur schlecht geschlafen.“

Lina blickte auf die Sternenkarte. Das blaue Licht bewegte sich weiter. Nicht hektisch. Nicht bedrohlich. Aber bestimmt.

„Und wenn da jemand wirklich Hilfe braucht?“

Ben antwortete nicht.

Mia sah auf ihr Handy. Kein Empfang. „Wir können auch niemanden holen. Nicht von hier unten.“

Das Piepen wurde lauter. Die silberne Maschine zeigte wieder die Zahlenreihen. Lina betrachtete sie lange. Dann wurde sie blass.

„Was ist?“, fragte Ben sofort.

„Ich glaube … diese Zahlen zeigen, wie lange das Signal schon läuft.“

Mia trat näher. Auf der Anzeige liefen Zahlen — zum Glück in einer Form, die sich mit denen aus ihren Schulbüchern deckte. Gemeinsam verglichen sie die Reihen. Lina rechnete im Kopf, dann noch einmal, dann ein drittes Mal.

„Das kann nicht stimmen“, sagte sie.

Ben verzog das Gesicht. „Sätze wie dieser enden nie gut.“

Lina sah ihre Freunde an. „Der Notruf läuft seit über zwölftausend Jahren.“

Niemand sagte etwas.

Zwölftausend Jahre.

Die Zahl war so groß, dass sie kaum echt wirken konnte.

Mia flüsterte: „Dann ist diese Anlage älter als fast alles, was wir kennen.“

Ben blickte sich um. Plötzlich wirkten die Wände, Maschinen und Zeichen nicht nur fremd, sondern unglaublich alt.

„Und sie funktioniert immer noch“, sagte er leise.

Genau das machte alles so unheimlich.

Plötzlich wechselte die Anzeige. Zwischen den Symbolen erschien ein Wort. Erst verschwommen, dann klarer:

EMPFANGEN

Die Kinder starrten darauf.

Dann erschien eine zweite Zeile.

SIGNAL EMPFANGEN

Im selben Moment verstummte das Piepen.

Die Halle wurde dunkel.

Nur die Taschenlampen der Kinder leuchteten noch.

Ben flüsterte: „Das gefällt mir überhaupt nicht.“

Dann begann tief unter ihren Füßen etwas zu erwachen.

Kapitel 7 – Das Metall des Schmieds

Blaues Licht flutete die große Halle.

Die Maschinen erwachten gleichzeitig. Es klickte, summte und brummte. Die schwarzen Metallringe um die riesige Röhre begannen sich langsam zu drehen. Lina, Ben und Mia standen mitten im Raum und versuchten zu begreifen, was gerade geschah.

„Die Anlage wacht auf“, sagte Mia atemlos.

Ben wich einen Schritt zurück. „Das ist exakt der Satz, den ich heute am wenigsten hören wollte.“

Lina sah zur Röhre. Über ihre Oberfläche liefen blaue Lichtlinien. Der Kreis mit den Linien erschien wieder. Dasselbe Symbol wie auf der Karte.

„Vielleicht ist das der Name dieser Station“, sagte sie.

„Oder ein Warnschild“, murmelte Ben.

Dann flackerte die Anzeige im Kontrollraum. Ein neues Wort erschien: ANTWORT.

Mia schluckte. „Jemand hat den Notruf beantwortet.“

Das Summen wurde wieder ruhiger, aber die Anlage blieb aktiv. An der Wand leuchtete plötzlich ein neuer Gang auf. Die Tür öffnete sich lautlos.

„Da hinten geht’s weiter“, sagte Mia.

Ben seufzte. „Natürlich geht’s weiter.“

Der Gang war schmal. Die Wände bestanden aus dunklem Metall, an manchen Stellen mit Kratzern. Hier unten wirkte alles älter. Staub lag auf dem Boden. Einige Lichtlinien flackerten nur schwach.

Dann erreichten sie einen Nebenraum. In Regalen lagen dunkle Metallplatten. Manche waren so groß wie Bücher, andere wie dünne Bretter.

Lina trat näher. „Das sieht aus wie Metall.“

Ben hob eine Augenbraue. „Mutige Erkenntnis.“

Mia musste lachen.

Lina nahm eine kleinere Platte in die Hand. Sofort wurde ihr Arm nach unten gezogen. „Wow! Die ist unglaublich schwer.“

Ben probierte es ebenfalls und verzog das Gesicht. „Die wiegt mehr als mein Rucksack. Und da sind Notfallkekse drin.“

Die Oberfläche des Metalls war vollkommen glatt. Kein Rost. Keine Kratzer. Fast perfekt.

Ben hob einen kleinen Stein vom Boden auf. „Mal sehen.“

KLACK.

Er schlug vorsichtig gegen die Platte. Nichts passierte. Nicht einmal ein Kratzer.

„Das Zeug ist härter als Stahl“, sagte er verblüfft.

Lina dachte sofort an das Buch. An Wielands Schwerter. „Deshalb waren seine Waffen so besonders.“

Mia nickte. „Weil er dieses Metall gefunden hat.“

An der hinteren Wand entdeckte Mia weitere Zeichen. Neben ihnen waren dünne Zeichnungen zu sehen: Werkzeuge, Lichtstrahlen, Metallformen.

„Das sieht aus wie Anleitungen“, sagte Lina.

„Vielleicht erklären sie, wie man das Metall bearbeitet“, sagte Mia.

Ben verschränkte die Arme. „Gut, dass wir alle zufällig uralte Geheimschriften lesen können.“

Plötzlich begann eines der Symbole blau zu leuchten. Das Licht wanderte über die Wand. Dann erschien ein Bild: ein Schwert.

Mia starrte darauf. „Das sieht aus wie eines aus dem Buch.“

Lina bekam eine Gänsehaut. „Dann hat Wieland diese Aufzeichnungen wirklich gesehen.“

Die alte Sage war plötzlich keine Sage mehr. Sie war eine Erinnerung.

Auf einer weiteren Fläche erschienen undeutliche Bilder: ein Mann in einfacher Kleidung, der vor einer leuchtenden Wand stand. Dann Hände, die Metall mit Licht formten. Dann eine Klinge.

Ben wurde still. „Wieland war wirklich hier.“

„Und er hat gelernt“, sagte Mia.

„Vielleicht genau wie wir jetzt“, sagte Lina.

Plötzlich flackerte das Licht im Raum. Das tiefe Summen aus der Halle wurde lauter. Mehrere Zeichen blinkten hektisch auf.

KRRRKK.

Ein dumpfes Geräusch hallte draußen.

Ben hob den Kopf. „Das gefällt mir überhaupt nicht.“

Als sie in die Halle zurückkehrten, hatte sich die schwarze Röhre verändert. Blaue Linien liefen über ihre Oberfläche. Darüber erschien erneut das Symbol.

Die silberne Maschine begann schneller zu piepen.

Piep. Piep. Piep.

Lina blickte Richtung Kontrollraum. „Das Signal hat sich verändert.“

Mia nickte. „Vielleicht ist gerade etwas passiert.“

Dann erschien auf der Wand eine neue Anzeige:

ENERGIE INSTABIL

Ben las langsam. „Das klingt nicht nach Suppe.“

Lina spürte, wie die Spannung in ihr wuchs. Die Anlage war nicht einfach erwacht. Sie war beschädigt.

Und wenn sie zusammenbrach, bevor die Antwort ankam, war der Notruf vielleicht umsonst gewesen.

Kapitel 8 – Seit unvorstellbar langer Zeit

Die Anzeige blieb rot.

ENERGIE INSTABIL.

Das Wort blinkte über der Wandkarte. Viele Bereiche der Anlage waren dunkel. Nur der Kontrollraum, die Halle und ein tiefer Abschnitt unter ihnen leuchteten auf.

Mia zeigte auf den unteren Bereich. „Das sieht wie ein Energiekern aus.“

„Bitte sag nicht Energiekern“, murmelte Ben. „Das klingt nach etwas, das explodiert.“

Lina betrachtete die Karte. „Wenn die Energie ausfällt, kann die Anlage die Antwort vielleicht nicht empfangen.“

Die silberne Kugel zeigte plötzlich den Himmel über dem Wald. Zwischen Wolken bewegte sich ein schwaches blaues Licht.

Mia flüsterte: „Es kommt wirklich.“

Ben wurde blass. „Das ist kein Flugzeug.“

Die metallische Stimme der Anlage erklang: „Rettungseinheit nähert sich. Energieversorgung instabil.“

Ben hob beide Hände. „Natürlich. Warum sollte auch mal etwas einfach funktionieren?“

Lina sah auf ihr Handy. Kein Empfang. Die Uhr zeigte spät in der Nacht. „Wir müssen bis morgen früh draußen sein. Wenn mein Vater uns nicht erreicht, sucht er uns.“

„Dann sollten wir nicht in einer kaputten Atlantis-Maschine festsitzen“, sagte Mia.

Ben nickte ernst. „Endlich sagt mal jemand etwas Vernünftiges.“

Doch die Anzeige blinkte weiter. Wenn sie jetzt gingen, konnte die Rettung scheitern. Niemand sagte es laut, aber alle wussten es.

Mia zeigte auf die Karte. „Da ist ein Weg nach unten.“

In der Wand öffnete sich eine schmale Tür. Dahinter blinkte rotes Licht.

„Zugang zum Energiekern geöffnet“, sagte die Stimme.

Ben zeigte auf den Gang. „Das ist hundertprozentig eine Falle.“

„Oder der Weg zur Reparatur“, sagte Mia.

„Oder eine Reparatur-Falle.“

Lina trat zur Tür. Kühle Luft strömte ihnen entgegen. Tief unten hörte man ein dumpfes Dröhnen.

„Wir bleiben zusammen“, sagte sie. „Und wenn es zu gefährlich wird, gehen wir zurück. Sofort.“

Ben nickte, diesmal ohne Witz. Mia ebenfalls.

Der Gang führte steil hinunter. Die warmen blauen Lichter verschwanden hinter ihnen. Hier blinkte nur noch rotes Warnlicht. An den Wänden verliefen dicke Kabel und Lichtlinien. Manche flackerten, andere waren dunkel.

Plötzlich sprühten Funken aus einer Wandöffnung.

ZZZTT.

Ben sprang zur Seite. „Okay! Das war wirklich gefährlich.“

Diesmal lachte niemand.

Das Dröhnen wurde lauter. Schließlich erreichten sie eine riesige Metalltür. Darüber blinkten rote Zeichen:

ENERGIEVERLUST
KERNSTABILITÄT KRITISCH

Die Tür stand einen Spalt offen. Kalter Dampf strömte heraus.

Lina schluckte. „Das muss der Energiekern sein.“

Sie schoben die Tür auf.

Der Raum dahinter war gewaltig. In der Mitte schwebte eine riesige Energiekugel frei in der Luft. Blaue Blitze liefen über ihre Oberfläche. Doch dazwischen zuckten rote Entladungen. Mehrere Metallringe drehten sich unruhig darum.

Bei jeder roten Entladung bebte der Boden.

Mia starrte nach oben. „Das ist viel schlimmer, als ich dachte.“

Eine Plattform führte um den Kern herum. Teile davon waren beschädigt. Am anderen Ende blinkte eine Steuerkonsole.

Lina sah die Zeichen. „Wir müssen dort hin. Die Konsole zeigt wahrscheinlich, welches System ausfällt.“

Ben blickte auf die Plattform. Unter ihr gähnte ein tiefer Schacht voller Licht und Dampf.

„Ich hasse diesen Satz jetzt schon“, sagte er leise.

Doch er folgte den anderen.

Kapitel 9 – Der Energiekern

Die Plattform zitterte unter ihren Füßen.

Bei jeder roten Entladung zuckte blaues Licht durch den Raum. Die Kinder gingen langsam, dicht nebeneinander. Lina vorne, Mia in der Mitte, Ben hinten. Diesmal machte Ben keinen Witz.

Plötzlich krachte es über ihnen. Ein Metallstück löste sich von der Decke und schlug wenige Schritte vor Lina auf die Plattform.

KLONG.

Lina blieb wie erstarrt stehen.

Ben packte sie am Ärmel und zog sie zurück. „Weiter weg!“

Einen Moment lang sagte niemand etwas. Das war kein harmloses Zischen gewesen. Das hätte sie treffen können.

Mia atmete flach. „Jetzt ist es wirklich gefährlich.“

Lina nickte. „Dann beeilen wir uns.“

Sie erreichten die Konsole. Auf ihr blinkten Zeichen und Linien. Lina erkannte einzelne Symbole wieder: Energie, Verbindung, Stabilität. Zumindest glaubte sie das.

„Hier sind drei Leitungen“, sagte sie. „Zwei funktionieren. Eine ist unterbrochen.“

Mia sah sich um. „Wo?“

Die Konsole zeigte ein Bild des Raumes. Eine Leitung verlief hinter einem halb geöffneten Wartungsschacht nahe am Kern.

Ben starrte auf die Stelle. „Natürlich genau da, wo die Blitze sind.“

Eine rote Entladung schlug in der Nähe ein. Die Plattform bebte.

„Wir brauchen einen Plan“, sagte Mia. Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Hände zitterten.

Lina deutete auf die Konsole. „Wenn ich diese Zeichen richtig verstehe, muss die Leitung zuerst entlastet werden. Sonst gibt es wieder Funken.“

„Wie entlastet man eine Leitung in einer zwölftausend Jahre alten Atlantis-Anlage?“, fragte Ben.

Mia zeigte auf drei leuchtende Felder. „Vielleicht damit. Die Symbole sehen aus wie die Schalter im Kontrollraum.“

Lina nickte. „Mia, du sagst mir, wann die roten Entladungen schwächer werden. Ben, du musst die Verbindung einsetzen, wenn ich die Leitung kurz abschalte.“

Ben wurde blass. „Ich muss was?“

Lina sah ihn ernst an. „Du kannst am besten mit solchen Sachen umgehen. Du hast die ruhigsten Hände.“

„Ich habe gerade gar nichts Ruhiges.“

Mia legte ihm eine Hand auf den Arm. „Du musst keine Angst wegzaubern. Nur trotzdem helfen.“

Ben schluckte. Dann nickte er.

Im Wartungsschacht fehlte eine Verbindungsklammer. Mia entdeckte sie unter einem verbogenen Metallteil. Sie war schwer und warm. Ben nahm sie mit beiden Händen.

„Bereit?“, fragte Lina.

„Nein“, sagte Ben. „Aber mach.“

Lina berührte das erste Feld. Mia beobachtete den Kern.

„Noch rot“, sagte sie.

Zweites Feld.

„Schwächer.“

Drittes Feld.

Das Dröhnen wurde dumpfer. Die roten Entladungen hielten für wenige Sekunden inne.

„Jetzt!“, rief Mia.

Ben rannte zum Wartungsschacht, kniete sich hin und setzte die Klammer an. Seine Finger rutschten auf dem glatten Metall ab.

„Es passt nicht!“

„Drehen!“, rief Lina. „Das Symbol muss nach oben!“

Ben drehte die Klammer. In diesem Moment flackerte der Kern wieder rot auf.

„Ben!“, rief Mia.

Eine Entladung schoss durch den Raum. Ben warf sich zur Seite. Der Blitz traf die Plattform neben ihm. Funken sprühten. Ein Stück Geländer riss los und fiel in den Schacht.

Für einen Augenblick lag Ben reglos am Boden.

„Ben!“ Lina und Mia rannten zu ihm.

Ben hob langsam den Kopf. „Ich … glaube, mein Mut hat gerade gekündigt.“

Mia atmete erleichtert aus, aber ihre Augen waren feucht.

„Dann stell ihn wieder ein“, sagte sie. „Wir brauchen dich.“

Ben sah zur Klammer. Sie hing halb im Anschluss.

Das Dröhnen wurde stärker.

Lina hielt die Konsole im Blick. „Wir haben nur noch einen Versuch.“

Diesmal kroch Ben näher heran, statt zu rennen. Lina schaltete die Leitung erneut kurz ab. Mia zählte die Sekunden.

„Drei … zwei … eins … jetzt!“

Ben drückte die Klammer mit beiden Händen hinein.

KLICK.

Blaue Lichtlinien schossen durch die Leitung. Die roten Warnzeichen erloschen nacheinander. Das Dröhnen wurde ruhiger. Die Energiekugel stabilisierte sich und leuchtete wieder gleichmäßig blau.

Die Stimme der Anlage erklang:

„Energieversorgung stabilisiert. Signal verstärkt.“

Ben ließ sich auf den Boden fallen. „Ich lebe noch. Und ich möchte schriftlich festhalten, dass ich nie wieder einen Toaster repariere.“

Diesmal lachten Lina und Mia erst nach ein paar Sekunden. Weil sie vorher zu erleichtert waren.

Kapitel 10 – Hilfe ist unterwegs

Als die Kinder in den Kontrollraum zurückkehrten, wirkten die Maschinen verändert. Ruhiger. Stabiler. Die blauen Lichtlinien liefen gleichmäßig durch die Wände. Die schwarze Röhre summte tief, aber nicht mehr bedrohlich.

Die silberne Kugel zeigte wieder den Himmel über dem Wald. Zwischen den Wolken bewegte sich ein helles blaues Licht.

„Es ist näher“, flüsterte Mia.

Ben rieb sich den Arm. „Nach der Energiekern-Sache darf es auch gern freundlich sein.“

Die Stimme der Anlage erklang:

„Rettungseinheit im Anflug. Landezone wird geöffnet.“

„Landezone?“, fragte Ben.

In der großen Halle begannen riesige Metallteile hoch oben auseinanderzugleiten. Kühle Nachtluft strömte herein. Zum ersten Mal sahen die Kinder über sich den echten Himmel. Wolken zogen über die Öffnung, und dazwischen leuchtete das blaue Objekt.

Es war kein Flugzeug. Keine Drohne. Kein Hubschrauber.

Es war oval, glatt und metallisch. Blaues Licht lief über seine Oberfläche wie Wasser. Es glitt lautlos durch die Wolken und blieb über der Öffnung stehen.

Lina konnte kaum atmen. „Es gehört hierher.“

Die schwarzen Metallringe um die Röhre drehten sich schneller. Ein Lichtstrahl schoss nach oben in den Himmel. Das fremde Schiff senkte sich langsam in den Strahl.

Ben machte einen Schritt zurück. „Falls da gleich jemand aussteigt, möchte ich vorher wissen, ob wir höflich winken oder weglaufen.“

Mia antwortete nicht. Sie konnte den Blick nicht abwenden.

Das Licht wurde heller. Die Röhre öffnete sich langsam. Tief darin bewegte sich etwas.

Die Stimme der Anlage klang plötzlich anders. Weicher. Fast erleichtert.

„Überlebender erkannt.“

„Überlebender?“, flüsterte Lina.

In der Röhre erschien eine Gestalt. Blaues Licht umgab sie wie Nebel. Sie war ungefähr so groß wie ein Mensch, vielleicht etwas größer. Sie trug eine glatte silberne Kleidung, die schwach leuchtete. Ihr Gesicht war menschlich, helle Haut, große dunkelblaue Augen, dunkles Haar mit feinen Lichtlinien.

Die Gestalt machte einen Schritt nach vorn. Dann schwankte sie.

Lina reagierte sofort. „Vorsicht!“

Sie und Mia liefen hin und stützten die fremde Person. Ben blieb nur einen Herzschlag lang stehen, dann half auch er.

„Okay“, sagte er leise. „Das ist offiziell das Verrückteste, was mir je passiert ist. Und ich habe heute eine Weltraum-Suppe gegessen.“

Die Gestalt sah die Kinder an. Überraschung lag in ihrem Blick.

Dann sprach sie. Ihre Stimme war ruhig und müde.

„Ihr … habt die Anlage gerettet.“

Die Kinder sahen sich an.

„Ein bisschen“, sagte Ben vorsichtig.

Die fremde Person blickte durch die Halle: auf die leuchtenden Maschinen, die stabile Röhre, die rotierenden Ringe.

Dann schloss sie kurz die Augen. Fast erleichtert.

„Zwölftausend Jahre“, sagte sie. „Das Signal lief die ganze Zeit.“

Mia bekam eine Gänsehaut.

Die Gestalt sank langsam auf eine Metallbank. Sie wirkte erschöpft, aber nicht gefährlich.

„Wer bist du?“, fragte Lina.

Die fremde Person hob den Blick.

„Mein Name ist Thalor. Ich war der letzte Wächter dieser Station.“

Über ihnen schwebte das fremde Schiff lautlos im Lichtstrahl. Die Rettung war angekommen. Doch in diesem Moment zählte nur Thalor, der nach unvorstellbar langer Zeit nicht mehr allein war.

Kapitel 11 – Der letzte Wächter

Die Kinder standen vor Thalor und wussten nicht, was sie sagen sollten.

Ben setzte sich vorsichtig auf eine Kiste. „Also … nur damit ich das richtig verstehe: Wir haben gerade jemanden aus einer zwölftausend Jahre alten Geheimanlage gerettet?“

„Korrekt“, sagte Thalor.

Ben nickte langsam. „Gut. Dann wollte ich nur sicher sein.“

Sogar Thalor lächelte leicht. Dadurch wirkte er weniger fremd. Fast freundlich.

Lina trat näher. „Diese Station … was ist sie?“

Thalor deutete auf die Halle. „Sie war Teil eines großen Netzwerks. Beobachtungsstationen. Forschungsorte. Schutzräume. Vor sehr langer Zeit gehörten diese Stationen zu einem Reich, das eure Menschen später Atlantis nannten.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

„Atlantis war echt?“, fragte Mia leise.

Thalor nickte. „Unsere Städte lagen einst weit draußen im großen Meer. Eine große Katastrophe brachte viele ihrer Städte zum Einsturz. Die Außenposten verloren den Kontakt. Diese Station arbeitete danach nur noch im Notbetrieb. Viele Systeme versagten mit den Jahrhunderten.“

„Diesen Ort wählten wir nicht zufällig“, sagte er leise. „Tief unter diesen Bergen liegt Kobalt – ein Metall, das Energie auf eine Weise speichern kann, die kaum ein anderer Stoff auf der Erde vermag. Das blaue Leuchten, das ihr in den Wänden und Gängen gesehen habt: Das ist diese gespeicherte Energie, die seit Jahrtausenden im Kobalt der Felsen schlummert. Sie hat diese Station am Leben erhalten, lange nachdem alle anderen Energiequellen erschöpft waren. Das Kobalt war das Fundament des Außenpostens. Deshalb haben wir ihn genau hier gebaut.“

„Die Wächter nutzten das Kobalt jedoch nicht nur als Energiequelle“, sagte Thalor ruhig.

„Gemeinsam mit anderen Metallen entwickelten sie daraus eine besondere Legierung. Sie war außergewöhnlich stabil, konnte Energie leiten und selbst nach sehr langer Zeit ihre Struktur bewahren.“

Ben runzelte die Stirn.

„Also eine Art Supermetall?“

Zum ersten Mal wirkte Thalor beinahe amüsiert.

„Eine sehr vereinfachte Beschreibung. Aber nicht völlig falsch.“

Mia betrachtete erneut das blaue Schimmern in den Wänden.

„Deshalb funktionieren die Anlagen noch immer“, sagte sie leise.

Thalor nickte langsam.

„Normale Materialien hätten diese Zeit nicht überdauert.“

„Das habe ich mir gedacht“, flüsterte Mia. „Als ich das blaue Leuchten in den Wänden sah.“

Jetzt verstand Lina vieles: die beschädigten Maschinen, das lange Signal, die roten Warnungen.

Thalor schwieg einen Moment. Dann hob er langsam den Blick zur gewaltigen Halle.

„Nach dem Untergang von Atlantis brach der Kontakt zu allen anderen Stationen ab“, sagte er leise.

Die schwebende Kugel begann langsam heller zu leuchten. Nebelartige Bilder erschienen darin.

Die Kinder sahen gewaltige Städte mit leuchtenden Türmen. Menschen arbeiteten zwischen riesigen Maschinen aus blau schimmerndem Metall. Dann veränderte sich die Szene.

Stürme. Gewaltige Wellen. Dunkelheit.

Ben schluckte.

„Atlantis …“, flüsterte Lina.

Thalor nickte langsam.

„Viele Außenposten wurden zerstört. Nur die wichtigsten Systeme blieben aktiv: Tarnung, Lebenserhaltung und das Notsignal.“

Die Bilder wechselten erneut.

Nun sahen die Kinder denselben Raum. Doch damals wirkte alles hell und lebendig. Menschen gingen durch die Hallen. Maschinen arbeiteten lautlos.

Dann wurde alles leer.

Nur ein einzelner Mann blieb zurück.

Thalor.

„Die Anlage wartete“, sagte er ruhig. „Jahrtausende lang.“

Die Bilder zeigten, wie er immer wieder in die Tiefschlafröhre stieg, während die Anlage im Notbetrieb weiterlief.

Jahr für Jahr. Jahrhundert für Jahrhundert.

Immer wartend.

Immer hoffend.

Mia spürte plötzlich einen Kloß im Hals.

„Du warst all die Zeit allein?“

Thalor sah die Kinder ruhig an.

„Sehr lange.“

„Deshalb lief der Notruf so lange?“, fragte sie.

„Ja. Die Anlage wartete auf Rettung. Sehr viel länger als vorgesehen.“

Ben blickte sich um. Plötzlich wirkte die Halle nicht nur fremd, sondern traurig. Wie der letzte Rest einer untergegangenen Welt.

Thalor sah sie lange an. „Nicht wach. Nicht wie ihr. Die Kältekammer hielt mich die meiste Zeit in einem sehr tiefen Schlaf, damit ich überleben konnte. Nur selten wurde ich geweckt. Aber selbst im Schlaf hörte ich die Anlage. Das Signal. Die Störungen. Das Warten.“

Mia wurde still.

Ben sagte leise: „Das klingt furchtbar.“

„Es war lang“, antwortete Thalor. „Aber heute hat das Warten geendet.“

Lina dachte an das Buch. „Wieland der Schmied war hier unten, oder?“

Thalor blickte überrascht auf. Dann nickte er. „Vor vielen Jahrhunderten fand ein Mensch den Eingang. Er war neugierig, mutig und bereit zu lernen. Ich zeigte ihm Teile unseres Wissens, besonders die Bearbeitung des Metalls.“

„Deshalb waren seine Schwerter so besonders“, sagte Mia.

„Ja. Er nutzte das Wissen weise.“

Thalor sah nun die Kinder nacheinander an. „Auch ihr habt gelernt. Ihr habt beobachtet. Ihr habt Zeichen verglichen, Zusammenhänge erkannt und nicht aufgegeben.“

Ben hob überrascht die Augenbrauen. „Sogar ich?“

„Besonders du“, sagte Thalor. „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, trotz Angst zu handeln.“

Ben wurde rot und sah schnell auf seine Schuhe.

„Das erzähle ich meinem Mathelehrer“, murmelte er. „Vielleicht gibt er mir dann eine bessere Note.“

Mia lächelte.

Thalor wandte sich an Lina. „Deine Neugier hat euch hierhergeführt.“

Dann an Mia. „Deine Aufmerksamkeit hat euch geschützt.“

Dann an Ben. „Und deine Ausdauer hat den Kern stabilisiert.“

Die Kinder wurden still. Zum ersten Mal fühlte sich ihr Abenteuer nicht nur aufregend an, sondern wichtig.

Über ihnen wurde das Licht des fremden Schiffes heller. Die Stimme der Anlage sagte:

„Rettungseinheit bereit.“

Thalor sah nach oben. In seinem Blick lag Erleichterung, aber auch Abschied.

„Meine Zeit hier endet nun.“

„Wirst du zurück nach Atlantis gehen?“, fragte Mia.

Thalor lächelte traurig. „Atlantis gibt es nicht mehr. Aber einige von uns überlebten an anderen Orten. Ich werde sie wiedersehen.“

Ben sah zur Kugel, die den Himmel zeigte. „Und was passiert mit der Station?“

„Sie wird schlafen. Vielleicht für immer. Vielleicht bis jemand sie eines Tages wirklich verstehen kann.“

Lina wollte noch so viele Fragen stellen. Doch oben wartete das Schiff. Und irgendwo draußen wurde die Nacht heller.

Sie mussten zurück, bevor Linas Vater nach ihnen suchte.

Thalor stand langsam auf. Er war noch schwach, aber sein Blick war klar.

„Danke“, sagte er.

Nur dieses eine Wort. Aber die Kinder verstanden, wie viel darin lag.

Kapitel 12 – Abschied unter dem Berg

Das warme blaue Licht erfüllte die Halle.

Thalor ging langsam zur schwarzen Röhre. Die Kinder begleiteten ihn bis zum Rand des Lichtstrahls. Über ihnen schwebte das fremde Schiff lautlos in der geöffneten Decke.

Vor der Röhre blieb Thalor stehen. In seiner Hand lagen drei kleine Metallstücke. Dunkelgrau, glatt und warm. In jedes war der Kreis mit den Linien eingraviert.

„Für euch“, sagte er.

Lina, Mia und Ben nahmen die Zeichen entgegen.

„Damit ihr euch erinnert“, sagte Thalor. „Nicht nur an mich. An das, was euch hierhergebracht hat: Neugier, Wissen, Freundschaft und der Wille, nicht aufzugeben.“

Ben betrachtete sein Metallstück. „Wenn ich das jemandem zeige, hält man mich wahrscheinlich endgültig für verrückt.“

„Das passiert bei dir sowieso öfter“, sagte Mia.

„Stimmt leider.“

Thalor lächelte. Dann wurde sein Blick ernst.

„Eure Welt ist jung in ihrem Wissen, aber nicht arm daran. Passt gut auf sie auf. Nicht jede große Kultur verschwindet, weil ihr Wissen fehlt. Manchmal passiert es, weil Menschen zwar mächtige Dinge besitzen, aber vergessen, wann man sie besser nicht benutzt – wie jemand mit einem Schwert, der nie lernt, es wieder wegzustecken.“

Lina spürte, dass dieser Satz wichtig war. Vielleicht wichtiger als alles andere.

„Werden wir dich wiedersehen?“, fragte Mia.

Thalor sah zur Sternenöffnung. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber die Verbindung ist nicht verloren. Nicht mehr.“

Ben hob sein Metallzeichen. „Heißt das, das Ding ist ein Telefon?“

„Nein“, sagte Thalor.

Ben nickte. „Schade.“

„Aber manchmal“, ergänzte Thalor, „leuchten Erinnerungen, wenn man sie braucht.“

Die Plattform aus Licht wurde heller. Thalor trat darauf. Doch bevor sie sich hob, drehte er sich noch einmal zu ihnen um.

„Ihr habt mich gerettet. Nicht durch Stärke. Sondern durch Mut, Ausdauer und das Wissen, das ihr gelernt habt. Vergesst das nie.“

Dann hob sich die Plattform langsam nach oben. Blaues Licht umhüllte Thalor. Für einen Moment sagte niemand etwas.

Aus dem Schiff erklang eine ruhige, klare Stimme. Maschinell. Präzise.

„Willkommen zurück, Oberbefehlshaber Thalor. Sektion B der Sternenflotte bestätigt Ihre Rückkehr.“

Die drei Kinder erstarrten.

Ben öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Öffnete ihn erneut.

„Oberbefehlshaber?“, flüsterte er.

Aber die Plattform war bereits verschwunden — Thalor mit ihr.

Das fremde Objekt stieg lautlos höher. Die Metallteile der Decke begannen sich zu schließen. Durch die schmaler werdende Öffnung sahen die Kinder noch einmal das blaue Licht zwischen den Wolken.

Dann war es fort.

Die Halle wurde still.

Nach und nach verblassten die Lichtlinien an den Wänden. Maschinen schalteten sich ab. Die silberne Kugel zeigte ein letztes Bild des Sternenhimmels. Dann wurde sie dunkel.

Mia sah sich um. „Die Station schläft.“

Lina nickte. „Vielleicht ist das gut so.“

Ben sah auf die Uhr. „Ähm … Leute? Bald wird es hell.“

Lina erschrak. „Mein Vater.“

Plötzlich war die Welt draußen wieder da. Das Zelt. Der Wald. Die Eltern. Die Schule. Alles, was sie für ein paar Stunden vergessen hatten.

„Wir müssen raus“, sagte Mia.

Gemeinsam liefen sie durch die Gänge zurück. Die Anlage war jetzt ruhiger. Kein Piepen mehr. Kein rotes Licht. Nur ein schwaches blaues Schimmern führte sie den Weg entlang, als würde die Station ihnen ein letztes Mal helfen.

Als sie den engen Eingang erreichten, strömte kühle Morgenluft herein.

Der Wald wartete still vor ihnen.

Kapitel 13 – Zurück im Wald

Draußen war es noch dunkel, aber am Himmel zeigte sich bereits ein heller Rand.

Die drei Kinder krochen aus dem Felsspalt und blieben einen Moment zwischen den nassen Felsen stehen. Der Wald roch nach Moos, Erde und Morgen. Alles wirkte vollkommen normal.

Fast beleidigend normal.

Ben sah zurück zum Eingang. „Ist das gerade wirklich alles passiert?“

Mia hielt ihr kleines Metallzeichen hoch. Es schimmerte schwach. „Ja.“

„Gut“, sagte Ben. „Ich wollte nur sicher sein, dass ich nicht von Suppe geträumt habe.“

Sie liefen zurück zur Lichtung. Das Zelt stand noch immer schief zwischen den Bäumen. Genau wie vorher. Nur kam es ihnen plötzlich vor, als wären sie wochenlang weg gewesen.

Lina griff nach ihrem Handy. Ein Balken Empfang erschien. Dann vibrierte es sofort. Eine Nachricht von ihrem Vater.

Alles okay bei euch? Meldet euch morgens direkt.

Lina atmete erleichtert aus. „Noch sucht uns niemand.“

„Dann sollten wir sehr normal wirken“, sagte Mia.

Ben sah an sich hinunter. Seine Hose war staubig, sein Pullover hatte einen Brandfleck, und in seinen Haaren klebte etwas, das aussah wie Metallstaub.

„Ich sehe aus wie jemand, der sehr normal gezeltet hat.“

Mia lachte. Diesmal war es ein richtiges Lachen. Das erste seit Stunden, das nicht aus Nervosität kam.

Sie setzten sich vor das Zelt. Keiner wollte sofort schlafen. Zu viel war passiert. Über den Baumwipfeln wurde der Himmel heller.

Lina betrachtete den Berg. Tief darunter lag die Station. Atlantis. Thalor. Die Maschinen. Alles verborgen, als hätte es nie existiert.

„Er hat gesagt, die Station schläft“, sagte sie leise.

Mia nickte. „Vielleicht ist das besser. Manche Geheimnisse müssen warten, bis die Welt bereit ist.“

Ben zog einen Keks aus seinem Rucksack. Er war zerbrochen, aber noch essbar.

„Notfallkeks“, sagte er und teilte ihn in drei Stücke.

Mia nahm ihres. „Ich gebe zu, diesmal ist es wirklich ein Notfall.“

Ben grinste stolz.

Sie aßen schweigend, während die Sonne langsam aufging.

Als Lina später ihrem Vater schrieb, klang ihre Nachricht sehr harmlos:

Alles gut. Wir sind wach. Zelt steht noch.

Ben sah über ihre Schulter. „Das ist technisch gesehen wahr.“

„Mehr muss er nicht wissen“, sagte Lina.

Mia blickte auf ihr Metallzeichen. Für einen winzigen Moment leuchtete der Kreis mit den Linien hellblau auf. Dann wurde er wieder dunkel.

Die drei sahen sich an.

Ben schluckte. „Das habt ihr auch gesehen, oder?“

Lina nickte.

Mia lächelte leicht. „Vielleicht war das nur ein Abschied.“

„Oder ein ‚Bis bald'“, sagte Ben.

Keiner widersprach.

Als sie später das Zelt abbauten, taten sie so, als wäre es ein ganz normales Wochenende gewesen. Ben beschwerte sich über seinen Rucksack. Mia faltete die Karte sorgfältig zusammen. Lina achtete darauf, dass niemand etwas am Felsspalt veränderte.

Bevor sie gingen, blickten sie noch einmal zurück.

Der Eingang war kaum noch zu erkennen. Ein paar nasse Zweige lagen davor. Moos hing über den Steinen. Für jeden anderen wäre es nur ein dunkler Spalt im Felsen gewesen.

Für Lina, Ben und Mia war es der Ort, an dem die Welt größer geworden war.

Kapitel 14 – Das Geheimnis des Hohenseelbachskopfes

In den nächsten Tagen war alles wieder normal.

Zumindest von außen.

Die Schule begann wie immer. Der Unterricht war wie immer. Die Pausen waren laut wie immer. Doch für Lina, Ben und Mia fühlte sich nichts mehr ganz wie früher an.

Im Matheunterricht starrte Ben auf eine Aufgabe und murmelte: „Wenn ich einen Energiekern retten kann, müsste ich eigentlich auch Brüche schaffen.“

Mia flüsterte: „Der Energiekern hatte wahrscheinlich weniger gemeine Nenner.“

Lina musste so sehr lachen, dass die Lehrerin sie ermahnte.

In der Bibliothek brachte Lina das alte Buch zurück. Sie legte es vorsichtig auf den Tisch der Bibliothekarin. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als wäre das Buch schwerer geworden.

„War es spannend?“, fragte die Bibliothekarin.

Lina sah Ben und Mia an. Dann nickte sie. „Sehr.“

Ben murmelte: „Sie haben keine Ahnung.“

Mia stieß ihn mit dem Ellenbogen an.

Später schlugen sie das Buch noch einmal auf. Die Karte lag wieder zwischen den Seiten. Doch etwas hatte sich verändert. Neben dem Symbol des Kreises stand nun ein winziger blauer Punkt, der vorher nicht dort gewesen war.

Mia bemerkte ihn zuerst. Natürlich.

„Da“, sagte sie.

Lina beugte sich näher. Ben ebenfalls.

Der Punkt leuchtete nur schwach. Fast gar nicht. Aber er war da.

„Vielleicht zeigt er, dass der Notruf beendet ist“, sagte Lina.

„Oder dass die Station schläft“, sagte Mia.

Ben sah misstrauisch auf die Karte. „Oder dass sie weiß, wo wir wohnen.“

„Ben.“

„Was denn? Nach dieser Woche ist alles möglich.“

Sie beschlossen, niemandem davon zu erzählen. Nicht den Eltern. Nicht den Lehrern. Nicht einmal den Kindern aus ihrer Klasse. Wer hätte ihnen geglaubt?

Drei Kinder finden einen Atlantis-Außenposten unter einem Berg, reparieren einen Energiekern, retten Thalor, einen uralten Wächter und essen dabei Kartoffelsuppe.

Ben sagte, das klinge selbst für ihn unglaubwürdig. Und er war immerhin dabei gewesen.

Doch manchmal, wenn sie allein waren, sprachen sie darüber. Über die Halle. Über die große Röhre. Über Thalor. Über Atlantis. Und darüber, dass Wissen nicht nur etwas war, das man für Tests lernte.

Wissen konnte Türen öffnen.

Manchmal sogar Türen im Berg.

Eines Abends trafen sie sich noch einmal am Waldrand. Nicht um hineinzugehen. Nur um zu sehen, ob alles noch da war.

Der Wald war ruhig. Der Felsspalt war fast verschwunden. Erde und Moos hatten ihn wieder bedeckt.

Lina legte kurz die Hand auf den Stein.

Er war warm.

Nur ein bisschen.

Mia bemerkte es auch. Ben tat so, als würde er es nicht bemerken. Dann zog er langsam sein Metallzeichen aus der Tasche.

Es leuchtete schwach blau.

Nicht hell. Nicht bedrohlich. Nur wie ein kleines, stilles Zeichen.

„Vielleicht sagt er Danke“, sagte Mia.

Lina lächelte.

Ben steckte das Zeichen wieder ein. „Dann sage ich: Bitte. Und außerdem schuldet er mir eine neue Taschenlampe.“

Die drei lachten.

Über den Baumwipfeln erschien der erste Stern.

Und tief unter dem Hohenseelbachskopf blieb eine uralte Station verborgen, still und ruhig. Doch sie war nicht mehr vergessen.

Kapitel 15 – Der Ruf aus der Tiefe

Sechs Wochen später erinnerte kaum noch etwas an jenes Wochenende.

Der Regen war vorbei. Die Wälder leuchteten grün. Auf der Malscheid roch es nach warmem Harz und Sommer. Wanderer kamen und gingen, ohne zu ahnen, dass tief unter ihren Füßen eine uralte Anlage schlief.

Für Lina, Ben und Mia blieb der Ort etwas Besonderes.

Manchmal gingen sie zur Lichtung. Sie setzten sich auf die Felsen, aßen Kekse und sprachen über ganz normale Dinge: Schule, Fahrräder, Hausaufgaben, Ferien. Doch immer wieder wanderten ihre Blicke zum Berg.

„Glaubt ihr, Atlantis war wirklich so groß, wie er gesagt hat?“, fragte Mia eines Tages.

Lina nickte langsam. „Vielleicht größer.“

Ben kaute auf einem Keks. „Solange sie gute Suppenmaschinen hatten, waren sie mir sympathisch.“

Mia schüttelte lachend den Kopf. „Du hast von einer untergegangenen Hochkultur vor allem die Suppe behalten?“

„Auch den Energiekern. Aber die Suppe war weniger gefährlich.“

Lina zog ihr Metallzeichen aus der Tasche. Der Kreis mit den Linien war dunkel. Ganz normal. Und doch fühlte sich das kleine Stück Metall warm an.

„Er hat gesagt, wir sollen weiter Fragen stellen“, sagte sie.

„Dann sollten wir das tun“, sagte Mia.

Ben seufzte. „Heißt das mehr Lernen?“

„Ja“, sagte Lina.

„Dachte ich mir.“

Doch er klang nicht unglücklich dabei.

In der Schule hörte Ben im Sachunterricht plötzlich besser zu, wenn es um Gesteine, Metalle oder alte Kulturen ging. Mia achtete noch genauer auf kleine Zeichen und Muster. Lina las noch mehr als früher, wenn das überhaupt möglich war.

Keiner von ihnen wurde dadurch weniger Kind. Sie lachten, stritten, machten Unsinn und vergaßen manchmal Hausaufgaben. Aber tief in ihnen hatte sich etwas verändert.

Sie wussten jetzt, dass die Welt größer war, als sie aussah.

Und dass Mut nicht bedeutete, niemals Angst zu haben.

Eines Abends, als der Himmel besonders klar war, trafen sie sich wieder an der alten Lichtung. Über ihnen funkelten unzählige Sterne.

Ben legte sich auf den Rücken und sah hinauf. „Meint ihr, er ist gut angekommen?“

Mia blickte zum Himmel. „Ich glaube schon.“

Lina hielt ihr Metallzeichen in der Hand.

Plötzlich wurde es warm.

Ein feiner blauer Lichtschein lief über die Linien. Erst auf Linas Zeichen. Dann auf Mias. Dann auf Bens.

Die drei richteten sich gleichzeitig auf.

Hoch oben zwischen den Sternen glitt ein winziger blauer Punkt über den Himmel.

Nur für einen Augenblick.

Dann verschwand er.

Ben flüsterte: „Das war kein Flugzeug.“

Mia lächelte. „Nein.“

Lina schloss die Finger um das Zeichen. Ihr Herz klopfte schneller, aber diesmal nicht vor Angst.

Vielleicht war es ein Gruß.

Vielleicht ein Versprechen.

Oder vielleicht nur die Erinnerung daran, dass tief unter den Bergen des Siegerlandes ein Geheimnis geschlafen hatte, bis drei Kinder mutig genug waren, seinem Ruf zu folgen.

Der Wald rauschte leise im Wind.

Über den Baumwipfeln funkelten die Sterne.

Und irgendwo, weit draußen in der Dunkelheit, wusste jemand, dass die Nachricht angekommen war.

Schlusswort

Jede Reise endet irgendwann.

Auch die von Lina, Ben und Mia.

Doch manche Abenteuer verschwinden nicht einfach, wenn man das letzte Kapitel schließt. Sie bleiben in unseren Gedanken. Wie ein leises Licht in der Dunkelheit. Wie eine Erinnerung daran, dass die Welt voller Geheimnisse steckt.

Vielleicht werdet ihr nicht morgen einen verborgenen Atlantis-Außenposten unter einem Berg entdecken.

Aber vielleicht entdeckt ihr etwas anderes.

Eine neue Idee.
Eine spannende Frage.
Einen Ort, den noch nie jemand genau angesehen hat.
Oder den Mut, etwas zu tun, das ihr euch vorher nicht zugetraut habt.

Denn genau darum geht es in dieser Geschichte:

Neugierig zu bleiben.
Fragen zu stellen.
Freunden zu vertrauen.
Und niemals aufzugeben, auch wenn etwas schwierig oder unheimlich erscheint.

Lina, Ben und Mia haben gelernt, dass Wissen wertvoll ist. Dass Freundschaft stärker macht. Und dass selbst ganz normale Kinder Dinge verändern können.

Vielleicht steckt auch in euch ein kleiner Entdecker.

Vielleicht hört auch ihr irgendwann einen Ruf aus der Tiefe.

Und wenn es passiert, hoffe ich, dass ihr mutig genug seid, ihm zu folgen.

Fortsetzung in Band 2:

Wächter des Siegerlands – Band 2 – Die Sprache der Steine

Impressum

Titel des Buches: Wächter des Siegerlands – Band 1 – Der Ruf aus der Tiefe

Autor: Lothar Reuter

Anschrift: Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland

E-Mail: LotharReuter@web.de

1. Auflage 2026

© 2026 Lothar Reuter. Alle Rechte vorbehalten.

Verantwortlich für den Inhalt:

Lothar Reuter, Rothebornsweg 9, 57290 Neunkirchen, Deutschland

Druck und Vertrieb:

Vertrieb der E-Book-Ausgabe: Amazon Kindle Direct Publishing

Die Inhalte dieses Buches, einschließlich Texte, Layout und Struktur, unterliegen dem Urheberrecht.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Haftungsausschluss

Dieses Buch ist eine fantastische Jugendgeschichte über Freundschaft, Geheimnisse und eine verlorene Welt — geschrieben für Leserinnen und Leser ab 12 Jahren.

Die Inhalte wurden mit größter Sorgfalt erstellt, enthalten jedoch fiktive sowie frei interpretierte historische und regionale Elemente.

Hinweis zu den verwendeten Abbildungen

Die im Buch enthaltenen Illustrationen, die keinen gesonderten Quellvermerk tragen, wurden mithilfe von ChatGPT (OpenAI) nach inhaltlichen und gestalterischen Vorgaben des Autors KI-basiert erstellt.

Die Bilder entstanden auf Grundlage eigener Ideen zu Motiv, Farbe und Stil mithilfe der Bildgenerierungsfunktion von ChatGPT (Stand 2026).

Verwendetes Tool: ChatGPT (OpenAI)
https://chat.openai.com

Über den Autor

Ein Weg, geprägt von Begegnungen

Lothar Reuter, geboren 1956 in Kreuztal, blickt auf ein vielseitiges Berufsleben zurück. Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann war er viele Jahre im IT-Bereich eines Energienetzbetreibers tätig. Dabei begegnete er Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen und Verantwortungsbereichen — Erfahrungen, die seine Sicht auf Zusammenarbeit, Vertrauen und Kommunikation nachhaltig geprägt haben.

Seit seinem Ruhestand engagiert er sich aktiv in seiner Heimatregion, unter anderem im Heimatverein. Bereits zuvor war er in verschiedenen Vorstandsämtern örtlicher Vereine tätig.

Als Vater dreier erwachsener Kinder und stolzer Großvater von drei Enkelkindern schöpft er aus einem reichen Schatz persönlicher und beruflicher Erfahrungen.

Lothar Reuter lebt mit seiner Frau in Struthütten im Siegerland.

Danksagung

Ein persönliches Wort vorab

Mein herzlicher Dank gilt meiner Frau Anke Reuter.

Anke hat dieses Buch mit großer Sorgfalt mehrfach Korrektur gelesen und mir wertvolle Impulse zum Inhalt gegeben. Ihre Geduld, ihr kritischer Blick und ihre liebevolle Unterstützung haben maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Geschichte ihre heutige Form gefunden hat.

Viele Gedanken, Ideen und kleine Details dieses Buches wären ohne ihre Unterstützung nicht entstanden.